Mitteldeutsche Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (MDSZ)

Cover
Titel
Mitteldeutsche Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.


Hrsg. v.
Medick, Hans: Göttingen, DE; Winnige, Norbert: Göttingen, DE
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Kossert, Interdisziplinäres Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit, Universität Osnabrück

Mit der Veröffentlichung der digitalen Edition Mitteldeutscher Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (MDSZ) hat ein in den 1990er-Jahren begonnenes Projekt des Göttinger Max-Planck-Instituts für Geschichte und der Arbeitsstelle Historische Anthropologie in Erfurt einen (vorläufigen) Abschluss gefunden. Insgesamt vier Selbstzeugnisse aus Thüringen werden hier erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dabei werden Maßstäbe gesetzt, an denen sich künftige Editionen messen lassen müssen. Nicht weniger als 2.636 Textseiten wurden ediert und mit 1.982 Sach-, 2.603 Personen- und 985 Ortskommentierungen versehen, die von zwei Karten Mitteldeutschlands in den Jahren 1620 und 1640 ergänzt werden. Daneben finden sich 2.276 Übersetzungen lateinischer Textpassagen und 993 Einzelerläuterungen in Fußnoten. Diese an sich schon beeindruckende Datenmenge wird zudem durch Hyperlinks miteinander verknüpft, sodass die Seiten leicht benutz- und erschließbar sind. Dadurch haben Benutzer die Möglichkeit, die Quellenmasse schnell und effektiv zu bewegen. Neben der leicht modernisierten Transkription wird zudem immer ein Faksimile der Originalquelle abgebildet, das der Benutzer – erleichtert durch eine Zoomfunktion – zusätzlich zum Vergleich heranziehen kann. Eine ähnliche Benutzerfreundlichkeit und Detailliertheit wäre wohl bei einer konventionellen gedruckten Edition nur schwer zu realisieren, geschweige denn zu finanzieren gewesen. Bei all diesen Vorteilen einer digitalen Edition hat die Herausgebergruppe um den Göttinger Historiker Hans Medick und den Fachinformatiker Norbert Winnige dennoch auch an eine Druckversion gedacht, die per Mausklick jede gewünschte Textseite auch schwarz auf weiß liefert.

Alle in den MDSZ erstmals edierten und veröffentlichten Selbstzeugnisse, die nur zum Teil bekannt waren[1], wurden in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) oder unmittelbar danach verfasst. Sie stammen ausnahmslos aus den thüringischen Gebieten Mitteldeutschlands rund um das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Erfurt. Den Anfang macht die Chronik des Erfurter Blaufärbers Hans Krafft (1589-1665), die bereits seit 2004 in einer Testversion zur Verfügung gestanden hat. Krafft gehörte in jener Zeit zur lutherischen Bevölkerungsmehrheit in der territorial zum Kurfürstentum Mainz zählenden Stadt Erfurt. Er unterteilte seine Aufzeichnungen in eine Familien- und eine Lokalchronik, die den Berichtszeitraum von 1604-1662 umfassen. Neben seiner Ausbildung beschreibt er familiäre Ereignisse wie seine (vier!) Eheschließungen, Geburten seiner Kinder, Krankheiten und Todesfälle. Bemerkenswert ist dabei vor allem die Schilderung der Pest im Jahr 1626, in deren Folge Krafft seine ganze Familie verloren hatte. Im zweiten Teil berichtet er ebenso über Verbrechen, Selbstmorde und Kriegsereignisse wie über Unwetter oder Feuersbrünste in Erfurt und Umgebung.

Das zweite Selbstzeugnis ist das „Chronicon Thuringiae“ des in Diensten der Grafen von Schwarzburg-Sondershausen stehenden Amtsschössers, Hofrates und späteren Kanzleidirektors Volkmar Happe (1587-1647/59). Auch Happe berichtet in einer „Genealogia Happiana“ zunächst über seine Familie und seine Ausbildung. Dieser folgt eine Chronik, die ausführlich über persönliche und regionale Begebenheiten in der Zeit von 1601-1641 informiert. Da Thüringen durch seine geostrategische Lage in der Mitte des Heiligen Römischen Reiches fast den ganzen Krieg hindurch von Truppendurchzügen und Kämpfen betroffen war, sind beim Lutheraner Happe zahllose Berichte über Einquartierungen und Kontributionsforderungen, aber auch Schilderungen von Überfällen, Plünderungen, Vergewaltigungen und anderer Gräueltaten beider Kriegsparteien verzeichnet, die seine Chronik zu einem regelrechten „Gewaltregister“ werden lassen.[2]

Das „Diarium Actorum“ des Erfurter Domherren und Professors für Theologie, Caspar Heinrich Marx (1600-1635), befasst sich ebenfalls fast ausschließlich mit erfahrener Gewalt, der er seit dem Einmarsch der Schweden und dem damit verbundenen innerstädtischen Machtwechsel im Jahr 1631 verstärkt ausgesetzt war. Während für den Lutheraner Krafft der Sieg des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf bei Breitenfeld und die darauf folgende Einnahme Erfurts Gründe zur Freude waren, versetzte diese Wende auf dem Kriegsschauplatz den Katholiken Marx in Angst und Schrecken. Er fürchtete Repressionen und begann daher mit der Abfassung seines Amtstagebuches „von der Zeit der Niederlage des kaiserlichen Heeres“ an. Marx berichtet ausführlich über die protestantische Reform und Neugründung der Universität, in deren Folge er viele Demütigungen erfahren musste und unter anderem als Dekan der theologischen Fakultät abgesetzt wurde.[3]

Michael Heubels (1605-1684) Chronik und Memoiren bilden das vierte und letzte Selbstzeugnis der Edition. Als Landrichter und Kriegskommissar stand der Lutheraner in Diensten der Grafen von Schwarzburg-Rudolstadt und verzeichnete zahlreiche „Begebenheiten“, die im Zusammenhang mit dem Krieg standen. Wie schon Happe registrierte er unzählige Truppendurchzüge, Einquartierungen und Plünderungen, aber auch Seuchen und Stadtbrände fanden Niederschlag in seinen Aufzeichnungen. In einem Anhang berichtet er ferner auch über seinen Werdegang und seine Familie.

Die MDSZ ermöglichen per Mausklick eine faszinierende Reise durch den Dreißigjährigen Krieg. Dabei stehen nicht die großen Ereignisse und Schlachten im Vordergrund. Vielmehr gewähren die Selbstzeugnisse einen tiefen Einblick in den Alltag des Krieges mit seinen vielen tausend Ereignissen alltäglicher Gewalt, die in Form unzähliger Plünderungen, Fluchten, Vergewaltigungen und Gelderpressungen für die Verfasser stets präsent war. Da die Sach- und Personenkommentierungen der Forschergruppe sehr umfangreich und ausführlich ausfallen, sind die MDSZ jedoch weit mehr als eine bloße digitale Textedition. Vielmehr wird hier ein benutzerfreundliches Forschungsportal und elektronisches Laboratorium zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges bereitgestellt. Damit können die Seiten durchaus als gelungene Teilverwirklichung des bereits 1999 von Norbert Winnige skizzierten Informationssystems Dreißigjähriger Krieg (IDK) gesehen werden.[4] Gerade weil die Forschungen zum Dreißigjährigen Krieg nach der Euphorie in Folge des Jubiläumsjahres 1998 stagnierten und mittlerweile sogar rückläufig sind und ein Onlineportal – wie es etwa die Hexenforschung hat – bis heute fehlt, wäre ein Ausbau der Seiten wünschenswert und geboten. Hier sind die Möglichkeiten eines Internetportals bei Weitem noch nicht ausgeschöpft und besonders die von Norbert Winnige im Zusammenhang mit dem IDK angedachte Bibliographie und Prosopographie könnte durch ein einfaches Kontaktformular auch von anderen Wissenschaftler/innen ergänzt werden.

Indes sind die Herausgeber darum bemüht, das Portal um weitere Texte zu ergänzen. Laut Mitherausgeber Hans Medick ist die Forschergruppe gemeinsam mit anderen Kolleginnen und Kollegen auf der Suche nach weiteren publizierenswerten Selbstzeugnissen.

Anmerkungen:
[1] Das sehr umfangreiche „Diarium Actorum“ von Caspar Heinrich Marx wurde bislang von der Forschung weitgehend übersehen, vgl. Benigna von Krusenstjern, Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Beschreibendes Verzeichnis, Berlin 1997.
[2] Vgl. dazu das Analysebeispiel von Hans Medick, Sondershausen als „Schindershausen“. Selbstverortungen und Wahrnehmungshorizonte der Gewalt in Volkmar Happes „Chronicon Thuringiae“ aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in: Andreas Bähr / Peter Burschel / Gabriele Jancke (Hrsg.), Räume des Selbst. Selbstzeugnisforschung transkulturell, Köln 2007, S. 173-185.
[3] Vgl. dazu auch Hans Medick, Orte und Praktiken religiöser Gewalt im Dreißigjährigen Krieg. Konfessionelle Unterschiede und ihre Wahrnehmung im Spiegel von Selbstzeugnissen, in: Kaspar von Greyerz / Kim Siebenhüner (Hrsg.), Religion und Gewalt. Konflikte, Rituale, Deutungen 1500-1800, Göttingen 2006, S. 367-382; Ders., Zwischen Religionskrieg und Fakultätskonflikt. Professoren an der „Reform-Universität“ Erfurt im 17. Jahrhundert, in: Alf Lüdtke / Reiner Prass (Hrsg.), Gelehrtenleben. Wissenschaftspraxis in der Neuzeit, Köln 2008, S. 47-64.
[4] Norbert Winnige, Informationssystem Dreißigjähriger Krieg (IDK), in: Benigna von Krusenstjern / Hans Medick (Hrsg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, 2. Aufl. Göttingen 2001 (1. Aufl. 1999), S. 621-625.

Zitation
Thomas Kossert: Rezension zu: Medick, Hans: Göttingen, DE; Winnige, Norbert: Göttingen, DE (Hrsg.): Mitteldeutsche Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. , in: H-Soz-Kult, 04.04.2009, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-156>.