Compact Memory - Retrospektive Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum

Cover
Titel
Compact Memory. Internetarchiv jüdischer Periodika (Retrospektive Digitalisierung).


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Valentin Schwarz

Stand: 15.1.2004

1. Konzeption und Entstehung

„Compact Memory“ ist ein Internetarchiv für jüdische Periodika des deutschsprachigen Raumes, die von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur NS-Zeit (1938/43) erschienen sind und die heute interessierten Wissenschaftlern und Laien – auch außerhalb der Jüdischen Studien – über das Internet in retrospektiv digitalisierter Form wieder zugänglich gemacht werden sollen.

„Compact Memory“ wird am Lehr- und Forschungsgebiet Deutsch-jüdische Literaturgeschichte der RWTH Aachen von einem Team um Prof. Dr. Hans Otto Horch und Till Schicketanz betreut (http://www.germanistik.rwth-aachen.de/djl/index.html). Kooperationspartnerinnen sind Dr. Rachel Heuberger, Leiterin des Sondersammelgebietes Judentum der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main (http://www.stub.uni-frankfurt.de/ssg/judaica.htm), und Dr. Annette Haller, Leiterin der Kölner Bibliothek Germania Judaica e. V. (http://www.stbib-koeln.de/judaica/). Seit Februar 2000 ist das Projekt Teil des Förderprogramms „Retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/); bis Frühjahr 2006 soll es in insgesamt drei Stufen zu einem vorläufigen Abschluß gebracht werden. Zur langfristigen Sicherung des Angebotes ist danach eine Verlagerung des Servers von Aachen nach Frankfurt a. M. geplant.

„Compact Memory“ schließt an drei Vorgängerprojekte an der RWTH Aachen seit 1992 und das Frankfurter Digitalisierungsprojekt „Jiddische Drucke“ (http://www.literatur-des-judentums.de) an. In der ersten Projektphase (2000–02) wurden zunächst acht ausgewählte Periodika digitalisiert (ca. 120.000 Seiten), darunter auch die „Allgemeine Zeitung des Judenthums“ (1837–1922) als bedeutendstes jüdisches Periodikum in Deutschland. Weitere achtzehn Periodika (ca. 270.000 Seiten) kamen in der zweiten Projektphase (2002–04) hinzu. Besonderes Gewicht wurde dabei auf automatisierte Inhaltserschließungsmodelle gelegt, nach wie vor stellt jedoch die elektronische Texterkennung und damit die Herstellung von recherchefähigen Volltexten das größte Hindernis dar! Neuere Entwicklungen im Bereich der OCR-Software lassen jedoch hoffen, daß in naher Zukunft auch Frakturschrift problemlos erkannt werden kann. Alle Periodika sind inzwischen nahezu vollständig im Originalgraphikmodus verfügbar. Soweit möglich bzw. vorhanden wurden Inhaltsverzeichnisse und Register volltexterkannt und – in Erweiterung des üblichen HTML-Formates – XML-indiziert.

In der geplanten dritten Projektphase (2004–06) soll eine repräsentative Auswahl von bis zu 100 weiteren, meist nur kurzzeitig erschienenen Periodika (ca. 303.000 Seiten) in den bereits vorhandenen Textcorpus integriert werden, so daß dem Benutzer annähernd eine Million Originalseiten aus jüdischen Zeitungen, Zeitschriften und Jahrbüchern über „Compact Memory“ zur Verfügung stünden! Mit Unterstützung der Universitätsbibliothek Wien (http://ub.univie.ac.at/) sollen dabei auch sieben in Deutschland nur lückenhaft nachgewiesene österreichisch-jüdische Periodika einbezogen werden.

Über das vorläufige Projektende 2006 hinaus strebt „Compact Memory“ eine dauerhafte Einbindung in übergeordnete Bibliotheksverbünde, Informationssysteme oder Suchmaschinen auf nationaler wie internationaler Ebene an. Dabei rückt auch das ursprüngliche Maximalkonzept wieder in den Blick, das bislang freilich noch wissenschaftsorganisatorische Vision bleiben muß: die Schaffung einer „virtuellen Bibliothek des Judentums“ als Teil eines globalen „kulturellen Gedächtnisses“. Darauf deuten sowohl die englische Titelwahl als auch die für den Benutzer leicht irreführende Begrüßung auf der Homepage hin: „Willkommen bei Compact Memory – dem Wissenschaftsportal für Jüdische Studien.“ [1] Tatsächlich formulierte Hans Otto Horch bereits im Juli 2000 auf der ersten einer inzwischen ganzen Reihe von Fachtagungen zur jüdischen Pressegeschichtsforschung in Bremen seine Zukunftsvision:

„Für den Bereich ›Jüdische Studien‹ wäre zu wünschen, daß sich dem Aachener Digitalisierungsprojekt weitere anschlössen, um schrittweise die partiell unzureichende Quellenlage durch eine ›Digitale Bibliothek des Judentums‹ zu verbessern. Denkbar wäre ferner, Compact Memory als globale Plattform zur Präsentation bzw. wechselseitigen Information von Forschungserträgen und -initiativen zu nutzen, die weitaus aktueller sein könnte als die herkömmlichen Printmedien. Eine ›Datenbank Jüdischen Wissens‹ als Fernziel wäre zweifellos ein enzyklopädisches, angesichts der technischen Möglichkeiten aber kein utopisches Unternehmen.“ [2]

2. Bedeutung und wissenschaftliche Verortung

Bereits in seiner heutigen Form nimmt „Compact Memory“ in zweifacher Hinsicht eine besondere Stellung in der Forschungslandschaft ein. Zum einen reiht es sich ein in eine Vielzahl von Digitalisierungsprojekten, die der Forschung viel genutzte oder schwer erreichbare Materialien weltweit direkt am eigenen Arbeitsplatz zugänglich machen und durch technische Neuerungen wie elektronische Volltexterfassung oder digitale Bildbearbeitung erweiterte Möglichkeiten der wissenschaftlichen Nutzung bieten.

Zum anderen erschließt „Compact Memory“ für den Bereich der Jüdischen Studien mit ihrer Vielzahl an Disziplinen einen der wichtigsten Quellenbestände zur Entwicklung des Judentums im deutschsprachigen Raum ab Mitte des 18. Jahrhunderts. Jüdische Periodika spiegeln die gesamte religiöse, politische, soziale, literarische oder wissenschaftliche Bandbreite der jüdischen Gemeinschaft wider und halten zugleich eine Fülle bislang nur ansatzweise genutzter Informationen bereit, insbesondere zur jüdischen Sozial-, Kultur- oder Lokalgeschichte. Durch die Schaffung „virtueller Gesamtausgaben“ im Internet umgeht „Compact Memory“ einerseits zahlreiche Nutzungsprobleme (wie Zugänglichkeit, Vollständigkeit, Erhaltungszustand, Präsentationsformen oder Kopiermöglichkeiten), andererseits eröffnet seine Technologie neue Recherchemöglichkeiten, insbesondere durch die Volltexterkennung.
Gerade da liegt jedoch eine der Schwachstellen des Systems: Die Mehrzahl der jüdischen Periodika in Frakturschrift, meist mit diversen hebräischen Einfügungen, können noch nicht hinreichend volltexterkannt werden. Dies gilt um so mehr für Periodika in Hebräisch oder Jiddisch bzw. Jüdisch-Deutsch, die oft unterschiedliche hebräische Schrifttypen, mangelhafte Druckbilder oder auch Satzfehler aufweisen. Besonders in der Frühphase der jüdischen Presse bis ins 19. Jahrhundert hinein konstituierten diese Periodika einen spezifisch jüdischen „Binnendiskurs“; auch sie sollten also bei „Compact Memory“ langfristig ihren Platz finden! Entsprechende Digitalisierungsprojekte, beispielsweise am Israel Center for Digital Information Services, sind in Vorbereitung.

Neben dem Bibliothekswesen und den Jüdischen Studien sei zuletzt noch ein dritter Bereich genannt: die Pressegeschichtsforschung. Während „Compact Memory“ in erster Linie den Quellenwert jüdischer Periodika betont, ist deren Entwicklung erst in Ansätzen als eigenständiges Forschungsfeld wahrgenommen worden. In diesem Sinne ist das Aachener Projekt tatsächlich nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einer dringend benötigten Plattform zum Austausch von Forschungserträgen und -initiativen der aktuellen (jüdischen) Presseforschung.

Positive Rückwirkungen – insbesondere für den Bereich der Jüdischen Studien – könnte bereits ein ähnliches Kooperationsprojekt von „Compact Memory“ haben: Für die dritte Projektphase ist zusammen mit dem Verlag der „Jüdischen Allgemeinen“ in Berlin (http://www.juedische-presse.de) die Einrichtung eines Internet-Portals „Jüdische Presse“ geplant, das wissenschaftliche Forschung und kommerzielle Angebote verbinden und damit auch eine breitere Öffentlichkeit erreichen soll.

3. Zugang, Auswahl und Benutzung

„Compact Memory“ ist jedem interessierten Benutzer über das Internet frei und unentgeltlich zugänglich. Einzelne Seiten können problemlos als GIF-Graphiken oder – soweit aktiviert – aus der Volltextversion kopiert werden. Die Ladezeit der URL bzw. einzelner Seiten beim Blättern im Graphikmodus stellt freilich noch einen entscheidenden Nachteil im Vergleich zur Arbeit mit dem Original oder mit Mikroverfilmungen dar!

Die „Bibliothek“ ist das eigentliche Herzstück von „Compact Memory“. In ihr sind derzeit 24 der meistgenutzten jüdischen Periodika fast vollständig im Graphikmodus und in Kürze teilweise auch im Volltextmodus verfügbar. Die Auswahl des deutschsprachigen Textcorpus kann tatsächlich als in jeder Hinsicht repräsentativ gelten und spiegelt bereits jetzt das ganze Spektrum jüdischer Periodika in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert wider. Neben dem Haupttypus der liberalen Wochenzeitungen stehen Organe der einzelnen religiösen Strömungen oder auch der zionistischen Bewegung. Für die Forschung doppelt begrüßenswert sind die maßgeblichen (geschichts-)wissenschaftlichen oder statistisch-demographischen Periodika mit zahlreichen, heute teilweise verschütteten Beiträgen zur Geschichte der Juden in Deutschland! Weitere politische, religiöse oder wissenschaftliche Blätter sollen in der dritten Phase des Projektes folgen, dazu regionalgeschichtlich relevante Periodika wie Gemeindeblätter etc. – Periodika in hebräischen Lettern werden freilich auch über 2006 hinaus ein dringendes Desiderat bleiben!

Das derzeitige Design der Benutzeroberfläche gewährleistet einen problemlosen Zugriff auf alle Periodika bis hin zu einzelnen Seiten und – mittels einer Informationsleiste im Anzeigefeld – eine schnelle Orientierung. Zur Navigation stehen vier Umblätter- und fünf Zoom-Funktionen zur Verfügung, die jedoch jeweils zum erneuten Laden der Graphiken führen und für die das Anzeigefenster nicht in jedem Fall ausreicht. Statt der alphabetischen Anordnung der Periodika in der Navigationsleiste wäre – insbesondere für den Erstbenutzer – eine chronologische und/oder inhaltliche Gruppierung mit Angabe der Erscheinungsjahre (!) mehr als hilfreich. Ein aktueller Einführungstext zur Entwicklung der jüdischen Presse im deutschsprachigen Raum bzw. zur inhaltlichen Verortung der einzelnen Periodika fehlt. [3] Zusätzliche Angaben zu Titel, Herausgeber, Erscheinungsmodalitäten und Programmatik sind nicht in jedem Fall verfügbar oder zum Teil ungenau. [4] Dort würde der Benutzer auch weiterführende Informationen oder Literaturhinweise erwarten. Eine englische Version von „Compact Memory“ startet in Kürze, wenngleich zur inhaltlichen Erschließung Deutschkenntnisse unentbehrlich bleiben.

Bislang bietet „Compact Memory“ vier kombinierbare Recherchemöglichkeiten: (1.) über die Navigationsleiste nach Zeitschriftentiteln, Jahrgängen und Einzelheften; (2.) über die Suchfunktion in drei Modi (einfach, erweitert, „Expertensuche“); (3.) über die Volltextrecherche, insbesondere in den in Antiqua gesetzten Zeitschriften [derzeit nicht aktiviert]; und (4.) über die bis dato nur zum Teil volltexterkannten und XML-indizierten Inhaltsverzeichnisse und Register. Insgesamt beschränken sich die Suchoptionen damit im wesentlichen auf Autor/Urheber und/oder Titel/Schlagwort; die uneingeschränkte Volltextrecherche bleibt hingegen noch ein Desiderat.

Jede Suche generiert eine Trefferliste, die nach Verfasser, Titel, Jahr oder Publikationstyp geordnet werden kann. Je nach Art des Eintrags werden dabei verschiedene Icons vergeben, die sich äußerlich nur im Kleinen unterscheiden, deren Bedeutung jedoch erst – reichlich versteckt – im Hilfe-Menü erklärt wird; eine entsprechende Funktion über die Maus ist nicht in jedem Fall gewährleistet. Ein zentraler Einführungstext wäre also auch da hilfreich!

„Compact Memory“ wird ergänzt durch ein Impressum, eine separate Kontaktoption und eine ausführliche Dokumentation des Gesamtprojektes.

4. Fazit

„Compact Memory“ ist derzeit eines der Pionierprojekte im Bereich der Jüdischen Studien und der Pressegeschichtsforschung. Mit der Digitalisierung jüdischer Periodika des deutschsprachigen Raumes erschließt es einen der wichtigsten Quellenbestände zur modernen europäisch-jüdischen Geschichte, der für jeden historisch Interessierten eine wahre Fundgrube bislang nur ansatzweise genutzter Informationen bereithält. Durch die Kombination schwer zugänglicher Materialien mit modernen Erschließungs- und Kommunikationsformen birgt „Compact Memory“ bereits in seiner heutigen Form – trotz aller Startschwierigkeiten meist technischer Natur – ein enormes wissenschaftliches Potential, das für eine Vielzahl von Disziplinen individuell genutzt werden kann. Eine Fortführung und Institutionalisierung des Projektes über 2006 hinaus wäre mehr als begrüßenswert!

Anmerkungen:

[1] Ein entsprechender Link zu weiteren „Internetquellen zum Judentum“ findet sich lediglich auf der Homepage der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek unter http://www.stub.uni-frankfurt.de/webmania/ljud.htm!

[2] Horch, Hans Otto / Till Schicketanz / Kay Heiligenhaus: Compact Memory – Ein Projekt zur retrospektiven Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum, in: Michael Nagel (Hrsg.), Zwischen Selbstbehauptung und Verfolgung. Deutsch-jüdische Zeitungen und Zeitschriften von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus, Hildesheim / Zürich / New York: Olms, 2002 (= Haskala. Wissenschaftliche Abhandlungen; 25), S. 351–359 (hier: S. 359).

[3] Der kleine Abschnitt „Geschichte“ unter der Menüoption „Dokumentation“ ist teilweise ungenau und kaum befriedigend; ein Link führt lediglich zu dem vielzitierten, jedoch reichlich fehlerhaften Artikel von Georg Herlitz und Mendel Probst: Jüdische Presse, in: Jüdisches Lexikon, Bd. IV/1, Berlin 1930, Sp. 1102–1110.

[4] Vgl. beispielsweise zur AZJ: „Die ‚Allgemeine Zeitung des Judentums’ erschien von 1837 bis 1922 in Leipzig [d. h. 1837–89], seit der Jahrhundertwende in Berlin [d. h. 1890–1922].“ – Für die Zeitschrift „Sulamith“ (1806–48) wird Jhg. VIII (1835/37–1843) lediglich mit „1837“ angegeben; Jhg. IX (1845–48) fehlt ganz (nur Heft 1–3 erschienen).

Weitere Literaturhinweise:

Haller, Annette: Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum. Ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in: Aschkenas. Zeitschrift für jüdische Geschichte und Kultur 10 (2000), Heft 1, S. 301–302.

Heuberger, Rachel: Die Bestände der Judaica- Sammlung auf dem Weg ins Internet. Zwei Digitalisierungsprojekte an der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a. M., in: Tribüne 39 (2000), Heft 154.

Horch, Hans Otto / Till Schicketanz: „Ein getreues Abbild des jüdischen Lebens“. Compact Memory – Ein DFG-Projekt zur retrospektiven Digitalisierung jüdischer Periodika im deutschsprachigen Raum, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 2001, Band XII: Haskala und Öffentlichkeit, hrsg. Julius H. Schoeps u. a., Berlin / Wien: Philo, 2001, S. 387–405.

Zitation
Johannes Valentin Schwarz: Rezension zu: Compact Memory. Internetarchiv jüdischer Periodika (Retrospektive Digitalisierung). , in: H-Soz-Kult, 05.03.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-30>.
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Veröffentlicht am
05.03.2004