Cover
Titel
Adfontes.


Hrsg. v.
Sablonier, Roger <sablon@hist.unizh.ch>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Hodel

In der vergangenen Woche (09.10.2004) setzte sich Christiane Richter vornehmlich aus der Sicht der Lernenden mit dem Angebot Adfontes auseinander. Mit der heutigen Besprechung des Wissenschaftlichen Mitarbeiters und Dozent für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Aargau Jan Hodel werden den Nutzern weiterführende Aspekte nahegebracht.

Einführung

Die Meinungen gehen darüber auseinander, ob sich universitärer Geschichtsunterricht online durchführen lässt. Dass Websites analog zu Ausstellungen Geschichtswissen vermitteln oder als digitale Bibliotheken bei der wissenschaftlichen Recherche von Nutzen sein können, ist mittlerweile unbestritten [1]. Doch inwiefern eignen sich die Möglichkeiten der Neuen Medien auch für den Einsatz in der Hochschullehre bei den Geistes- und Kulturwissenschaften? Hier stellen die Anforderungen an die Diskursivität der Lernprozesse sowie die Anregung zu Interpretations- und Konstruktionsleistungen der Lernenden die Gestalter von Online-Lehreinheiten vor einige Herausforderungen.

Diese Problematik stellt sich bei der Vermittlung von geschichtswissenschaftlichem Basiswissen weniger dringlich. So gibt es mittlerweile einige Beispiele für Internetangebote, die Grundwissen geisteswissenschaftlichen Arbeitens oder Einführungen in spezifische Sachgebiete anbieten [2]. Als ein gelungenes Beispiel darf hier der archivkundliche Online-Lehrgang Ad fontes angeführt werden, der an der Universität Zürich am Lehrstuhl von Prof. Roger Sablonier in den Jahren 2000 bis 2003 entwickelt wurde [3].

Ad fontes vermag mit klugem Einsatz von Internet-Technologie zu überzeugen, der einen klar erkennbaren Mehrwert gegenüber anderen Unterrichtsformen zu schaffen vermag. Kernstück von Ad fontes ist ein interaktives Transkriptionsprogramm, das den Lernenden ermöglicht, laufend die Richtigkeit der Übertragung zu prüfen und sich dabei Tipps oder auch die komplette Lösung anzeigen zu lassen. Die Überprüfung ist Wort für Wort möglich; das Programm ermöglicht den Lernenden also ein schrittweises Vorgehen in individuellem Tempo. Zwar muss die Abfolge des Textes eingehalten werden. Ein nicht erkanntes Wort muss also erst einmal „falsch“ eingegeben werden, um weiter arbeiten zu können. Dennoch besticht das Transkriptionsprogramm durch einfache Handhabung und Flexibilität. Es ist das überzeugende Ergebnis einer langjährigen Entwicklungsarbeit. Der Programmierer, der Historiker Gerold Ritter, hat schon 1992 ein Programm zum computerbasierten Erlernen und Üben von Transkriptionen verfasst [4].

Der gesamte Lehrgang Ad fontes macht deutlich, mit wie viel Sorgfalt die Autorinnen und Autoren bei der Konzeption und der Detailausführung gearbeitet haben. Nicht umsonst erhielt das Programm im Jahr 2002 als erstes geisteswissenschaftliches Programm den Medidaprix der Gesellschaft für Medien und Wissenschaft [5] und im Jahr 2004 den digita Deutscher Bildungsoftware Preis im Bereich Berufliche Aus- und Weiterbildung [6].

Gliederung und Inhalt

Ad fontes ist eine Lernumgebung, die in die Nutzung von Archiven und den dort aufbewahrten Materialien einführt. Dabei wird der Schwerpunkt auf handschriftliche Quellen deutscher Sprache von 1300 bis 1800 gelegt. Das Wissen vermittelt Ad fontes anhand konkreter Beispiele aus dem Stiftsarchiv des Klosters Einsiedeln, eines der bedeutendsten Privatarchive der Schweiz mit einer großen Sammlung von Quellenmaterialen aus dem 10. bis 19. Jahrhundert. Die Einführung und die dazugehörigen Übungen werden dadurch anschaulich und authentisch.

Ad fontes ist in vier Bereiche gegliedert: Archiv, Training, Tutorium und Ressourcen. Im Bereich Archiv nehmen die Nutzerinnen und Nutzer an einer virtuellen Einführung in die Nutzung des Stiftsarchivs teil. Sie machen sich mit der Struktur und der Ordnung des Archivs vertraut und erlernen die Handhabung der Archivhilfsmittel. Schließlich befassen sie sich mit unterschiedlichen Arten von Quellen, die sie einordnen, lesen und deuten lernen.

Im Bereich Training können die Nutzerinnen und Nutzer gezielt mit verschiedenen Arten von Quellen arbeiten. Nebst der bereits vorgestellten Transkriptionsübungen sind dies Übungen zum Rechnen mit alten Maßeinheiten und solche zum Auflösen von Datierungen.

Der Bereich Tutorium dient die Nutzerinnen und Nutzer als Nachschlagewerk. Es ersetzt keine Einführung, bietet aber das Basiswissen zu verschiedenen Themen der Archivkunde wie Transkriptionsregeln und Schriftgeschichte, dessen Kenntnis für die Arbeit in Ad fontes notwendig ist.

Im Bereich Ressourcen werden weiterführende Informationen wie Literaturhinweise und Linktipps aufgeführt, aber auch Zahlentabellen für Umrechnungen und sämtliche Glossareinträge.

Überdies gibt es eine Einführung in Ad fontes, die sowohl die Grenzen des Programms als auch die Ziele beschreibt, die die Nutzerinnen und Nutzer mit seiner Benutzung erreichen sollten [7]. Außerdem werden Hintergrundinformationen über das Programm (Impressum, Presseartikel, begleitende Veranstaltungen, Hilfestellungen für Lehrende) zur Verfügung gestellt [8].

Nutzung und Zielgruppen

Das didaktische Konzept von Ad fontes überzeugt, da die Gliederung in vier sich ergänzende Bereiche unterschiedliche Nutzungen durch verschiedene Zielgruppen ermöglicht. Anfänger können Schritt für Schritt den Bereich Archiv durcharbeiten und bei Unklarheiten im Tutorium nachschlagen. Übungswillige, die ihre Transkriptionsfähigkeiten verbessern wollen, werden sich direkt in den Bereich Training begeben. Fortgeschrittene, die sich auf einen bevorstehenden Archivbesuch vorbereiten wollen, können ihr Wissen im Bereich Tutorium auffrischen und ihr Können im Bereich Archiv und im Bereich Training erproben. Die Modularität von Ad fontes ermöglicht den Autorinnen und Autoren auch eine schrittweise Ergänzung der Lernumgebung, sei es bei den Trainingseinheiten oder bei den Kapiteln des Tutoriums. Diese Ergänzungen werden auch laufend vorgenommen [9].

Navigation und Design

Die Navigation von Ad fontes ist klar und einfach. Sie ermöglicht den Zugriff auf die vier Bereiche mittels in der Kopfzeile angebrachter Reiter („Tabs“), wie sie von verschiedenen Websites oder auch von einigen Browsern her bekannt sind. Ergänzt werden diese Reiter durch vertikale und horizontale Verweise (Zurück, Weiter, Übersicht) im unteren Seitenbereich, die die Nutzerinnen und Nutzer bei Bedarf schnell wieder an den Ausgangspunkt zurückfinden lassen.

Besonders interessant sind die Pfeile, die über den Reitern zu den vier Bereichen Archiv, Training, Tutorium und Ressourcen erscheinen. Sie geben den Nutzerinnen und Nutzern die Möglichkeit, direkt jener Seite in den anderen Bereichen zu gelangen, die sie dort als letzte angesehen hatten. Hier deuten sich die Möglichkeiten einer datenbankbasierten Lehrumgebung an, die immer „weiss“, wo innerhalb des Lehrgangs sich die Lernenden gerade befinden. Aus diesem Grund ist zur Nutzung von Ad fontes eine Registrierung mit frei wählbarem Benutzernamen und Passwort erforderlich (der Zugang ist jedoch kostenfrei). Das etwas ungute Gefühl, beim Arbeiten in Ad fontes beobachtet zu werden, ließe sich hier einfach kompensieren, wenn die Autorinnen und Autoren die Nutzerinnen und Nutzer von den datenbanktechnisch möglichen Auswertungen profitieren ließen. Wieso nicht Angaben dazu publizieren, wie oft welche Übungen mit welchen Erfolgsraten absolviert wurden, oder wie oft der Bereich Archiv begonnen und wie oft er auch tatsächlich komplett abgeschlossen wurde? Der etwas versteckte Bereich „Mein Ad fontes“ deutet an, welche Möglichkeiten in dieser Lernumgebung noch stecken [10].

Die Gestaltung besticht mit einem einfachen, schnörkellosen Design, das aber dennoch Platz findet für Illustrationen, Abbildungen und (passenden) Fotografien aus dem Stiftsarchiv. Dass die Autorinnen und Autoren sich auf eine Auflösung von 800 mal 600 Pixel beschränken, mag im Jahr 2004 etwas anachronistisch erscheinen. Es zeigt aber auch, dass ein gutes Design auch auf diesem kleinen Platz alle notwendigen Informationen unterbringen kann. Die Konzentration der Nutzerinnen und Nutzer auf die Inhalte wird dadurch sogar unterstützt. Die interaktiven Elemente erfordern die Installation des kostenlos erhältlichen Shockwave-Plugins. Ansonsten haben die Autorinnen und Autoren die technischen Anforderungen für die Nutzung von Ad fontes bewusst niedrig gehalten.

Schade nur, dass eine Druckversion fehlt, denn gerade beim Teil Tutorium gibt es wohl einige Kapitel, die die Nutzerinnen und Nutzer gerne zusammenhängend auf Papier durchlesen würden. Auch eine Fußzeile mit dem Aktualisierungsdatum der einzelnen Seiten wäre wünschenswert. Die Autorinnen und Autoren streichen ja die Möglichkeit hervor, dank des modularen Aufbaus laufend gezielt Verbesserungen und Ergänzungen vornehmen zu können. Dies sollte auch bei den Inhalten nachvollziehbar gemacht werden.

Fazit

Trotz aller Anerkennung dieses durchdachten und gelungenen Beispiels eines Online-Lehrgangs: Offen bleibt die Frage, wie nützlich dieser Lehrgang im Lehralltag tatsächlich ist. Auch die Autorinnen und Autoren scheinen sich diese Frage gestellt zu haben. Sie liessen jedenfalls im Frühjahr 2004 eine externe Evaluation durchführen [11]. Die Evaluation bescheinigt dem Programm eine hohe didaktische Wirksamkeit, kam aber auch zum Schluss, dass über die Einbindung in den Präsenzunterricht noch weiter nachgedacht werden müsse. Auch die Autorinnen und Autoren selbst weisen darauf hin, dass eine Verbindung mit Präsenzveranstaltungen notwendig sei [12]. Doch wie soll diese Verbindung ausgestaltet sein? Als Begleitung zu einer thematischen Lehrveranstaltung, die auch die Bearbeitung von handschriftlichen Quellen durch die Studierenden erfordert, wird die Zeit für eine Einführung des Programms Ad fontes wohl zu knapp sein. Eine Veranstaltung, die sich nur Ad fontes und seiner Nutzung widmet, droht hingegen zur anwendungsfernen Trockenübung zu werden. Überdies hat die didaktisch sinnvolle Entscheidung, sich exemplarisch auf das Stiftsarchiv in Einsiedeln zu konzentrieren, für einen Einsatz von Ad fontes etwa in Hamburg oder Wien Anpassungsleistungen von Seiten des Dozierenden und der Studierenden zur Konsequenz. Gerade hier scheint auch ein Hindernis für einen institutionsübergreifenden Einsatz von Ad fontes zu liegen. Eine gemeinsame Trägerschaft verschiedener Universitäten wäre aber sinnvoll, um die Kosten für Entwicklung und Betreuung für ein solches Projekt zu gewährleisten [13].

So bleibt es eine Entscheidung der Dozenten und der Studierenden, ob und wie sie dieses Programm in ihre Lehr- oder Studienplanung integrieren wollen. Falsch hingegen wäre die Einschätzung, mit einem Lehrgang wie Ad fontes ließen sich herkömmliche Lehrveranstaltungen kostengünstig ersetzen. Vielmehr werden die Möglichkeiten der Neuen Medien, wenn sie so überzeugend eingesetzt werden wie bei Ad fontes, die geschichtswissenschaftlichen Institute über kurz oder lang dazu zwingen, Überlegungen dazu anzustellen, welches Wissen sie in welcher Form den Studierenden vermitteln wollen.

Anmerkungen:
[1] Dennoch werden auch die Risiken noch immer lebhaft diskutiert, welche die Neuen Medien für die Geschichtswissenschaften durch neue Formen der Bereitstellung, Vermittlung und Wahrnehmung historischer Inhalte darstellen. Vgl. dazu den Bericht zu einer Tagung an der Universität Hamburg im Februar 2004: „Im Netz des Positivismus? Vom Nutzen und Nachteil des Internets für die historische Erkenntnis“, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=409 (Zugriff vom 9.10.2004).
[2] Grundwissen vermittelt etwa Geschichte Online der Universität Wien (http://www.geschichte-online.at, Zugriff vom 9.10.2004), Einführungen die bereits in H-SOZ-KULT besprochenen Websites „Einführung in die Frühe Neuzeit“ (http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/Welcome.html, Zugriff vom 9.10.2004; Rezension: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=40&type=rezwwwzwww, Zugriff vom 9.10.2004) und „Lateinamerika-Studien Online“ (http://www.lateinamerika-studien.at, Zugriff vom 9.10.2004; Rezension: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=59&type=rezwwwzwww, Zugriff vom 9.10.2004)
[3] An der Entwicklung waren beteiligt: Andreas Kränzle, Walter Bersorger, Stefan Kwasnitza, Sara Galle, Gerold Ritter, Yves Sablonier (http://www.adfontes.unizh.ch/1320.php, Zugriff vom 9.10.2004).
[4] Gerold Ritter: Lector - Transkription von mittelalterlichen Quellentexten computergestützt üben: Ein Unterrichtsprogramm für angehende HistorikerInnen, Liz. Zürich 1992. Vgl. auch: http://www.e-hist.ch/projekt_lector.html, Zugriff vom 9.10.2004
[5]http://www.medidaprix.org/mdd_2002/ (Zugriff vom 9.10.2004)
[6]http://www.ibi.tu-berlin.de/service/digita/digi04/neu/beruf2.htm (Zugriff vom 9.10.2004)
[7]http://www.adfontes.unizh.ch/1202.php (Zugriff vom 9.10.2004)
[8]http://www.Aadfontes.unizh.ch/1300.php (Zugriff vom 9.10.2004)
[9] Neueinträge und Änderungen werden auf der Einstiegsseite vermerkt: http://www.adfontes.unizh.ch/1001.php (Zugriff vom 9.10.2004)
[10]http://www.adfontes.unizh.ch/6010.php (Zugriff vom 14.10.2004)
[11] Stern, Susanne et. al.: Evaluation Ad Fontes, WS 2003/2004, 16. März 2004, http://www.adfontes.unizh.ch/download/Evaluation_adfontes_Infras.pdf (Zugriff vom 9.10.2004)
[12] Galle, Sara; Kränzle, Andreas; Kwasnitza, Stefan: http://www.adfontes.unizh.ch, eine Einführung in den Umgang mit Quellen im Archiv, in: traverse 04/01, S. 9-16, S. 14.
[13] Das Projekt Ad fontes wurde von 2000 bis 2002 von der Fachstelle für Information und Communication Technology der Universität Zürich finanziert, die Entwicklungen im Jahr 2003 wurden aus dem Preisgeld des Medida-Prix bestritten. Im Jahr 2004 steuerten der Förderverein Ad fontes, dem einige Archive angehören, und die Universität Zürich Mittel bei, die die Betreuung von Ad fontes ermöglichen.

Zitation
Jan Hodel: Rezension zu: Sablonier, Roger <sablon@hist.unizh.ch> (Hrsg.): Adfontes. , in: H-Soz-Kult, 16.10.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-63>.
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Veröffentlicht am
16.10.2004
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