Bibliothek der Kirchenväter

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Titel
Bibliothek der Kirchenväter (BKV) im Internet.


Hrsg. v.
Emmenegger Sieber, Gregor <gregor.emmenegger@unifr.ch>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Heiser

Die Druckausgabe der Bibliothek der Kirchenväter

Der von Johann Adam Möhler geprägte Münchner Neutestamentler Franz Xaver Reithmayr (1809 bis 1872) begann die Herausgabe einer Reihe von patristischen Werken in deutscher Übersetzung im Kösel Verlag in Kempten. Der weitaus umfangreichste Teil dieser bis zum Jahr 1888 bereits 80 Bände umfassenden „Bibliothek der Kirchenväter“ wurde jedoch nach dessen Tod unter der Leitung seines Fakultätskollegen, des Liturgiewissenschaftlers Valentin Thalhofers (1825 bis 1891), publiziert. Dass diese Reihe ein ausgeprägt konfessionelles Unternehmen sein wollte, schlug sich in der Auswahl der zu übersetzenden Texte nieder. So finden sich einerseits unter den Bänden die Übersetzung der Papstkorrespondenzen der Jahre 67 bis 590 (31 [1875], 35 [1876], 46 [1877], 51 [1878], 53 [1878], 61 [1879], 76 [1880] Wenzlowsky). Andererseits zeichnet sich ein exegesegeschichtlicher Schwerpunkt in der Auswahl ab, wenn beispielsweise ein Großteil der Auslegungen des Johannes Chrysostomus zum Corpus Paulinum in Übersetzung geboten wird (67 [1880] Wimmer, 71 [1881] Mitterrutzner, 72 [1882] Hartl, 73 [1882] Schwertschlager, 74 [1883] Wimmer, 75 [1883] Liebert, 77 [1884) Mitterrutzner). Ein General-, Personen- und Sachregister (78.79 [1885.1886] Uhl) und eine seinerzeit Gratisbeigabe „Bericht über die Bibliothek der Kirchenväter“ (80 [1888]) rundete die Reihe ab.

Diese erste Bibliothek der Kirchenväter bildet die Vorgängerreihe der nun zur Diskussion stehenden zweiten Reihe der Bibliothek der Kirchenväter, die durch Gregor Emmenegger für das Departement für Patristik und Kirchengeschichte der Université Fribourg in Teilen online zugänglich gemacht wird.
Die Druckausgabe dieser zweiten Reihe der Bibliothek der Kirchenväter erschien in zwei Teilreihen wiederum im Kösel Verlag in Kempten. Absicht der Herausgeber, des neutestamentlichen Exegeten Otto Bardenhewers (1851 bis 1935), des Patristikers Theodor Schermanns (1878 bis 1922) und des klassischen Philologen Karl Weymans (1862 bis 1931), war es, eine möglichst große Auswahl patristischer Werke in deutscher Übersetzung zugänglich zu machen. Die erste Teilreihe der zweiten Reihe umfaßt 61 Bände und erschien in den Jahren 1911 bis 1931.
Sie erschließt eine Zeitspanne beginnend mit Autoren aus der Zeit der sogenannten Apostolischen Väter (35 [1918] Zeller) den sogenannten frühchristlichen Apologeten (Justin 33 [1917] Haeuser; Theophilus von Antiochien 14 [1913] Leitl/di Pauli; Aristides 12 [1913.1932] Julius/Rauschen) und markiert das Ende der Kirchenväterzeit mit der „Genauen Darlegung des orthodoxen Glaubens“ des Johannes von Damaskus (44 [1923] Stiefenhofer) aus dem 8. Jahrhundert.
Das Programm der Bibliothek der Kirchenväter zeichnet sich durch eine erfreuliche Weite der Auswahl in geographischer wie in gattungsmäßiger Hinsicht aus. So finden sich unter den Texten der ersten Teilreihe beispielsweise nicht nur die ausgewählten Schriften der armenischen (57.58 [1927] Weber) und syrischen (6 [1913] Landersdorfer; 37 [1919] Euringer; 61 [1928] Rücker) Kirchenväter sondern auch ausgewählte persische Märtyrerakten (22 [1915] Braun) sowie nicht zuletzt Griechische Liturgien (5 [1912] Storf). Der Schwerpunkt auf Übersetzung von Texten des nordafrikanischen Bischofs Augustin entspricht der Schaffenskraft, dem Erhalt und der Bedeutung dieses Kirchenvaters, der in der Vorgängerreihe etwas vernachlässigt worden war. Die erste Teilreihe wird durch ein zweibändiges Register (62.63 [1931] Stockerl) erschlossen.
Eine zweite Teilreihereihe von 20 Bänden, die in den Jahren von 1932 bis 1938 unter der Leitung von Johann Zellinger (1880 bis 1858) und J. Martin publiziert wurde, umfaßt in ihrem Hauptbestand notwendige Fortsetzungen von Werken der in der ersten Teilreihe bereits erhaltenen Autoren wie beispielsweise Augustinus´ 15 Bücher über die Dreieinigkeit (13.14 [1935.1936 2. Reihe] Schmaus) oder weitere Exegetika des Johannes Chrysostomus (15 [1936 2. Reihe] Stoderl).
Die übliche Logistik eines Großprojekts brachte für das Entstehen der Reihe mit sich, dass für in Aussicht gestellte Übersetzungen nicht erschienen. Anton Nägele kündigte im Jahr 1935 seine Übersetzung der Auslegung der Pastoralbriefe des Chrysostomus als Band 12 und 13 der Neuen Reihe der Bibliothek der Kirchenväter für das gleiche Jahr an [1]. Sie erschien nie. Leider sind nach der Umsiedelung des Kösel Verlags von Kempten nach München im Jahr 1927 auch die Vorarbeiten Nägeles heute nicht mehr greifbar.
Was die Ausstattung der Übersetzungen angeht, so wurde seinerzeit jeder Band der Reihe mit einer Einleitung in Leben und Werk des entsprechenden Autors sowie mit einer Übersicht zum Forschungsstand und einer Literaturauswahl versehen. Im Text der Übersetzung gab sich die Ausgabe mit Kommentaren sparsam. Je nach Gutdünken des Bearbeiters wurden Zitate von Bibelstellen identifiziert oder Verweise auf Parallelen bei klassischen Autoren geboten. Nur äußerst selten findet man Anmerkungen zur Veränderung der Textvorlage.
Die Online-Ausgabe der Bibliothek der Kirchenväter
Aus der praktischen Notwendigkeit, deutsche Übersetzungen von Kirchenvätertexten für Lehrveranstaltungen im Rahmen der kirchengeschichtlichen Ausbildung bereitzustellen, begann Gregor Emmenegger vom Département du Patristique et Histoire de l'Église (Departement für Patristik und Kirchengeschichte) der Université Fribourg/Schweiz einzelne Schriften aus beiden Reihen der Bibliothek der Kirchenväter im Internet zur Verfügung zu stellen.
Dabei wird ausschließlich ein Lesetext geboten und auf die Darbietung der Einleitungen, Kommentare und Fußnoten der Druckausgabe verzichtet. Als Desiderat muss angesprochen werden, dass die Übersetzer und Bearbeiter der Druckausgaben in der Online-Ausgabe nicht genannt werden.

Ziel der Online-Ausgabe

Die radikale Beschränkung auf einen reinen Lesetext ist aber aufgrund der Absicht, die Emmenegger mit dem Online-Angebot verfolgt, verzeihlich.
Die bereitgestellten Texte sollen ausdrücklich nur einem schnellen Nachschlagen dienen oder zum gemütlichen Schmökern einladen. Sie wollen und sollen ihrem Anspruch nach nicht etwa moderne Textausgaben ersetzen. Gregor Emmenegger ist sich völlig darüber im Klaren, dass, wer immer wissenschaftlich im Bereich der Alten Kirchengeschichte mit diesen Texten arbeiten will, auf eine Konsultation von greifbaren Editionen und - sofern vorhanden - anderer Übersetzungen angewiesen sein wird.
Trotz dieser Einschränkungen stellen die umfangreicheren Suchmöglichkeiten, die die Onlinepräsentation der Druckausgabe gegenüber auszeichnet, auch einen Gewinn für eine erste wissenschaftliche Annäherung an die Texte dar.

Denn dass auch die Druckausgabe in wissenschaftlicher Hinsicht nur mit Vorsicht und zum Teil sogar gar nicht zu genießen ist, zeigt das Beispiel einer Stelle aus der Schrift „Über das Priestertum (de sacerdotio; peri hierosynes)“ des antiochenischen Priesters und späteren Bischofs von Konstantinopel Johannes Chrysostomus (27 [1916] Naegle). Die Schrift hat durch ihre beiden Tendenzen, zum einen sehr gemeindenah, zum anderen sehr freundlich gegenüber der kirchlichen Ämterhierarchie sowohl katholische als auch evangelische Pastoraltheologie beeinflusst [2]. Im Rahmen der Schilderung der Ausgangssituation der Schrift liest man bei August Naegle, es stehe eine Darlegung der „bischöfliche Würde“ (103) an. Seit der kritischen Ausgabe von Anne-Marie Malingrey (Sources Chrétiennes 272, Paris 1980, 72,5 mit Apparat) ist jedoch sicher die Lesart "to tes ierosynes [...] axioma", also der „Würde des Priesteramtes“ vor der von Naegle übersetzten „Würde des Bischofsamtes "to tes episkopes [...] axioma" vorzuziehen. Diese Entscheidung beeinflusst das Urteil über das Amtsverständnis des Chrysostomus erheblich.
Hinzu kommt ein weiteres. In der Schrift über das Priestertum (de sacerdotio) 2,4 redet Chrysostomus von "he ton amartanonton prohairesis" (SC 272 [1980], 114,14 Malingrey). Naegle gab den Ausdruck mit einem Modewort seiner Zeit wieder und sprach von „Gesinnung der Sünder“ (BKV 27 [1916], 124 Naegle). Gemeint ist aber vielmehr die „Veranlagung“ oder die „Disposition“ der Sünder (SC 272 [1980] Malingrey) [3].
Die mit diesem beiden Beispielen verbundene Mahnung zum kritischen Umgang mit der Ausgabe könnte durch ähnlich gelagerte Beispiele aus den anderen Bänden der Druckausgabe beliebig erweitert werden.

Zielgruppe der Online- Ausgabe

Den ausgeführten Einschränkungen entsprechend lässt sich die Zielgruppe der BKV-Online eingrenzen. Sie richtet sich an Studenten oder Liebhaber von Kirchenvätertexten, die bewusst - sei es nur zunächst oder ganz - auf einen wissenschaftlichen Umgang mit den Texten verzichten. Auch Pfarrer und theologisch wie historisch interessierte Laien werden sich über die Möglichkeit, schnell und preiswert Texte der alten Kirchengeschichte erreichen zu können, freuen. Auch dem breiten Interesse an Websites mit spirituellen Inhalten kommt das Angebot entgegen, bietet es doch mit den Texten der Kirchenväter für diese Genre erfreulich substantielle Kost an.
Die Texte der Bibliothek der Kirchenväter unterstehen keinem Copyright mehr. So gab es schon vor dem Bibliothek der Kirchenväter-Online Projekt etliche Reprints der Druckausgabe und so dürfen auch die Online-Texte frei verwendet werden.

Design der Online-Ausgabe

Was die Vorlieben für die Gestalt der Druckausgabe angeht, ob sie in weißem Kunststoffeinband mit orangefarbenem Rückenschild und Goldverzierungen oder in schwarz verziertem dunkelgrünen Leinen besser im Regal erscheint oder ob nur der private Ledereinband zählt - das bleiben Geschmacksfragen. Emmenegger entschied sich bei seiner Online-Darbietung für die Rahmung mit Elementen der grünen Leinenoptik. Ohne sentimental zu werden, lässt der Aufbau der Seite die Anwenderinnen und Anwender einen Augenblick lang vergessen, dass es sich „nur“ um eine virtuelle Bibliothek der Kirchenväter handelt. Kurz, die Darbietung geschieht in schnörkelloser Exzellenz, was auch die zu lobende Fehlerlosigkeit der Texte unterstreicht. Wer immer mit der digitalen Aufarbeitung von gedruckten Texten zu tun hat, kann sich die Arbeit Emmeneggers zum Vorbild nehmen.

Navigation der Online-Ausgabe

Die Bedienung der Seite wird durch den übersichtlichen Aufbau leicht gemacht. In einem großen Lesefeld erscheint der Text. Am linken Rand lassen sich die einzelnen, mit ausführlichen Titeln versehenen Unterkapitel ansteuern. Sollten die Kapitel die Länge einer Seite übersteigen, ermöglicht das Scrollen, dem Anspruch des „Schmökerns“ gerecht zu werden. Der Export von Textteilen in andere Dokumente ist maximal kapitelweise möglich.

Inhalt der Online-Ausgabe

Die Online-Ausgabe der Bibliothek der Kirchenväter wächst mit dem Bedarf von Texten für Lehrveranstaltungen des Departements für Patristik und Kirchengeschichte der Universität in Fribourg. So sind zur Zeit 18 Schriften verfügbar, von der syrischen Didache oder Zwölfapostellehre bis zur Mönchsgeschichte des Theodoret von Cyrus. Es sind vor allem die Standartwerke der Patristik, die der Herausgeber zuerst bereit gestellt hat. Die Schwerpunkte in der Zeit der apostolischen Väter, Tertullian und monastischer Literatur spiegeln das Lehrangebot der letzten Semester in Fribourg.
Da die Bereitstellung der Texte mit einem beachtlichen Arbeitsaufwand verbunden ist, wird darum geworben, bei der Vergrößerung des Online-Angebots aus der Bibliothek der Kirchenväter behilflich zu sein.

Fazit

Die von Gregor Emmenegger für das Departement für Patristik und Kirchengeschichte
der Universität Fribourg im Aufbau befindliche Bibliothek der Kirchenväter im Internet stellt ein erfreuliches Angebot von Lesetexten der Kirchenväterschriften in deutscher Sprache dar. Die höchst funktionell und ansprechend gestaltete Seite lädt nicht nur aus Gründen des Berufs mit patristischen Texten befasste Anwenderinnen und Anwender zum Verweilen ein. Man kann dieser Seite trotz der oben gemachten, wenigen Einschränkungen nur wünschen, dass sie auch über Erfordernisse des Lehrangebots der Universität Fribourg hinaus wachsen wird und sie das Volumen der Druckausgabe - möglicherweise auch das der schwerer zugänglichen ersten Reihe der Bibliothek der Kirchenväter - bald eingeholt haben wird.

Anmerkungen:

[1] A. Naegle, Des Johannes Chrysostomus Homilien zu den Timotheusbriefen des hl. Apostels Paulus und die Zeit ihrer Abfassung, in: Theologische Quartalschrift 116 (1935) (117-142), 121-122, Fn. 4.
[2] H. Dörries, Erneuerung des kirchlichen Amtes im vierten Jahrhundert. Die Schrift de sacerdotio des Johannes Chrysostomus [...], in: Bleibendes im Wandel der Kirchengeschichte, Kirchenhistorische Studien, FS Hans Freiherr von Campenhausen, hg. v. B. Moeller und G. Ruhbach, Tübingen 1973, 1-46.
[3] Vgl. C. Markschies, Arbeitsbuch Kirchengeschichte. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1995 (= UTB für Wissenschaft; Uni-Taschenbücher 1857), 94.

Kommentare

15.05.2002

Von Rolf Aurich
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12.11.2004

Von Matthäus Heil
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Zitation
Andreas Heiser: Rezension zu: Emmenegger Sieber, Gregor <gregor.emmenegger@unifr.ch> (Hrsg.): Bibliothek der Kirchenväter (BKV) im Internet. , in: H-Soz-Kult, 12.11.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-65>.
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Veröffentlicht am
12.11.2004
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