Parallel History Project on NATO and the Warsaw Pact

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Titel
Parallel History Project on Cooperative Security.
Herausgeber
[Coordination] Mastny, Vojtech
Veröffentlicht durch
Center for Security Studies and Conflict Research - Swiss Federal Institute of Technology Zurich: Zürich, CH <http://www.fsk.ethz.ch/>
Enthalten in
Von
Stephanie Zloch

Das Parallel History Project (PHP) hat sich zum Ziel gesetzt, die wechselseitige Wahrnehmung von Warschauer Pakt und NATO näher zu ergründen. Hierbei sollen insbesondere die unter dem Eindruck von Bedrohungsszenarien entstandenen militärischen Planungen dokumentiert werden. Das PHP wurde 1999 ins Leben gerufen und wird seither von Vojtech Mastny, Senior Fellow am National Security Archive in Washington, D.C., koordiniert. Die Redaktion der Website ist an der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik/Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich angesiedelt und in das International Relations and Security Network integriert.
Das PHP arbeitet mit einer großen Zahl von Partnern und assoziierten Institutionen zusammen. Zu den Partnern des PHP zählen die Landesverteidigungsakademie in Wien, das Machiavelli Center for Cold War Studies in Florenz, das Institute for Defence Studies in Oslo und das National Security Archive in Washington. Die Liste der „Associates“ ist weitaus länger und umfasst neben westeuropäischen, nordamerikanischen und deutschen Institutionen wie dem Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg/Breisgau und dem Institut für Zeitgeschichte in München auch eine Reihe von Instituten in Mittel- und Osteuropa sowie in China und der Mongolei. Die Partner und „Associates“ werden auf der Website des PHP mit einer kurzen Beschreibung ihrer allgemeinen Tätigkeit sowie den Kontaktadressen vorgestellt; allerdings unterbleibt eine genauere Erläuterung, welchen Aufgabenbereich sie innerhalb des PHP übernehmen oder worin der konkrete Unterschied zwischen Partnern und „Associates“ besteht. Auf den Websites der beteiligten Institutionen findet sich oft kein expliziter Hinweis auf das PHP. Es steht zu vermuten, dass die Verbindung mit dem PHP an einzelne Forscher und deren individuelle Projekte geknüpft ist. Hier könnte eine etwas ausführlichere Projektbeschreibung als die von der PHP-Redaktion dargebotenen zwanzig Zeilen für mehr Transparenz sorgen.

Die Hauptaufgabe des PHP besteht darin, bislang unbekannte Dokumente zu den Aktivitäten der NATO und des Warschauer Pakts aufzufinden und sie im Internet zu veröffentlichen. In einer Linkliste sind die konsultierten Archive aufgeführt. Die zeitliche Einordnung der Dokumente reicht von den Anfangsjahren des Warschauer Pakts und der NATO bis zum Beginn der 1990er-Jahre, mit einem Schwerpunkt auf den 1950er und 1960er-Jahren. Kernstück der Kollektion sind sicherlich die Dokumente zu den alljährlichen Treffen der Parteiführer, Verteidigungs- und Außenminister des Warschauer Pakts bis zum Jahre 1990. Aus dem NATO-Archiv ist der Harmel-Bericht 1966/67 in umfangreicher Form zugänglich gemacht. Weitere gewichtige virtuelle „Aktenbündel“ sind russische Quellen zur Berlin-Krise 1961, Kriegspläne des Warschauer Pakts aus den Jahren 1964 und 1965, regionale operative Planungen der polnischen und ungarischen Armee sowie Dokumente zu den Binnenstrukturen des Warschauer Pakts aus bulgarischer, rumänischer, ungarischer und vereinzelt sogar chinesischer Perspektive. Zu den auf der PHP-Website veröffentlichten Quellen zählen nicht nur Archivdokumente: Mitarbeiter des Projekts führten in den vergangenen Jahren Zeitzeugen-Interviews mit ehemaligen Generälen des Warschauer Pakts durch. Nach Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei sind entsprechende Interviews mit NVA-Generälen geplant.

Die überwiegende Zahl der Dokumente stammt aus Archiven in Mittel- und Osteuropa, dagegen befinden sich an NATO-Quellen in der PHP-Sammlung außer dem Harmel-Bericht nur noch einige deklassifizierte amerikanische und britische Akten zur militärischen Planung der NATO. Dies mag mit der besseren Zugänglichkeit zu den Archiven in den etablierten Demokratien Westeuropas und Nordamerikas sowie der rege betriebenen Veröffentlichung einschlägigen Quellenmaterials, beispielsweise der Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, zu erklären sein. Lohnend wäre hier eine kurze Übersicht über entsprechende Editionsprojekte.
Allerdings gestaltet sich auch der Blick hinter die Kulissen des Warschauer Pakts recht unterschiedlich. Zentrale Bedeutung für die PHP-Kollektion besitzen Stasi-Unterlagen und weitere ostdeutsche Archivalien. Dabei werden manche Vorgänge aus der Perspektive von DDR-Material dokumentiert, wo eine bessere Beleuchtung aus anderen Quellen zu erwarten wäre, beispielsweise wenn gemäß Stasi-Unterlagen ein sowjetischer Offizier im Jahre 1986 über eine mögliche „Aggression der USA gegen Libyen“ räsoniert. Ein näherer Einblick in US- und Sowjet-Archive scheint aber angesichts Sperrfristen und Geheimhaltungsregelungen gegenwärtig wohl illusorisch.
Reichhaltig ausgebreitet werden zudem Dokumente aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten bzw. den EU-Kandidaten in Mittel- und Osteuropa, während Evidenzen aus Archiven der ehemaligen Sowjetunion und Chinas weitaus schwächer vertreten sind. Das PHP spiegelt so nolens volens den Stand des Transformationsprozesses seit 1989 wider. Ausführliche und spannend zu lesende Berichte über die Zugangsmöglichkeiten zu Archiven in Mittel- und Osteuropa finden sich auf der PHP-Website unter der Rubrik „News – Declassification“. Aus den einzelnen Länderberichten ist zu entnehmen, dass Projektkoordinator, Partner und Mitarbeiter assoziierter Institutionen sich vielfach vor Ort für eine raschere Deklassifizierung, Auswertung bislang noch geheim gehaltener Aktenbestände und Annäherung an westliche Standards engagieren.
Bislang dominiert im Parallel History Project on NATO and the Warsaw Pact die Perspektive auf die mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts. Das hat den Vorteil, dass die Länder dieser Region in ihrer Diversität und Eigenständigkeit besser erfasst werden und die etwas vereinfachende Beurteilung als „Satellitenstaaten“ an Gewicht verliert. Fraglos aber bliebe ein Bild des Warschauer Pakts ohne Blick auf den treibenden Motor in Moskau unvollständig. Die Bemühungen der Projektträger, Zugang zu russischen Archivbeständen zu erhalten, zeigen immerhin erste Früchte: Freigegeben wurden Akten zur Berlin-Krise 1961, die zwar wohlweislich kaum mehr tagespolitische Brisanz besitzen dürften, aber denen die zeithistorische Forschung durchaus noch manches interessante Detail entlocken könnte.

Mit seinem thematischen Ansatz und in der bisherigen geographischen Schwerpunktbildung weist das PHP unverkennbare Parallelen zum Cold War International History Project 1 auf. Unterschiede bestehen in der inhaltlichen Zusammensetzung und der wissenschaftlichen Erschließung der Quellen.
Die Quellen sind in derzeit (Stand: März 2005) 24 „Collections“ aufgegliedert. Innerhalb dieser Sammlungen, die von je eigenen Editoren betreut werden, sind Dokumente aus verschiedenen Archivzusammenhängen veröffentlicht. Jede Dokumentensammlung ist mit einer Einleitung in Englisch, teilweise zusätzlich in einer weiteren Sprache versehen. Das weitere Angebot an Begleitinformation differiert je nach Kollektion: Aufsätze zum Thema, Konferenzberichte und Stimmen in der Presse sind ebenso zu finden wie biographische Notizen zu den wichtigsten Akteuren, Abkürzungsverzeichnisse, chronologische Übersichten oder Auswahlbibliographien. Alle Texte sind in der Druckversion als PDF-File verfügbar.

Bei den Dokumenten handelt es sich in der Regel um eingescannte Schwarz-Weiß-Kopien der Originaldokumente. Die Bildqualität der Scans, die ebenfalls im PDF-Format zur Verfügung gestellt werden, ist gut bis zufrieden stellend, die Ladezeiten sind erfreulich schnell. Den Dokumenten in der Originalsprache ist zumeist eine Übersetzung in Englisch oder Deutsch, manchmal auch - je nach Bearbeiter - in einer weiteren Sprache beigegeben. In einigen Fällen begnügen sich die Editoren mit einer kurzen englischen Zusammenfassung, die zwar eine Identifizierung des Dokumenteninhalts, kaum aber eine eingehende Interpretation ermöglicht. Für einzelne Dokumente gibt es keine Übersetzung in westliche Sprachen. Die Scans sind leider nicht mit einer Suchfunktion erschlossen, während die Einleitungen, Übersetzungen, Zusammenfassungen, Zeitzeugeninterviews und übrigen Begleittexte zu den Dokumentensammlungen mit einer Suche nach dem Google-Prinzip schnell und leicht erfasst werden können.
Einigen Dokumentensammlungen ist ein Diskussionsforum beigefügt. Leider existiert kein Button auf der angezeigten Seite, um sich direkt in die Debatte einzuschalten, hier wird sich der interessierte Diskutant wohl an den Projektkoordinator wenden müssen.
Der entscheidende Vorzug des Parallel History Project on NATO and the Warsaw Pact gegenüber dem Cold War International History Project besteht in der Veröffentlichung von originalsprachlichen Dokumenten. Dies setzt zwar, falls keine Übersetzung zur Hand ist, einschlägige Sprachkenntnisse voraus, ist aber für einen wissenschaftlichen Nutzerkreis zweifellos von größerem Wert.

Die weiteren Bereiche auf der PHP-Website wie „Research“ und „Services“ stehen hinter dem Quellenteil quantitativ deutlich zurück. In den Unterrubriken „Research Overview“, Area Studies“ und „Book Reviews“ finden sich einzelne Aufsätze und Vortragstexte, die unter Überschriften wie „Mutual Perceptions“ und „Relations with Allies“ eingruppiert sind sowie einige Texte, an die sich wissenschaftliche Debatten oder Interviews mit Zeitzeugen anschließen wie bei den Dokumentensammlungen. Unter Buchbesprechungen sind rund zwanzig Werke aufgelistet, die seit 1998 in einer der Foren des H-Net besprochen wurden, vorwiegend in H-Soz-u-Kult, H-Diplo, H-Peace oder HABSBURG. Umfassender ist die unter „Service“ angebotene und zuletzt im August 2004 aktualisierte „Selective Bibliography on the Cold War Alliances“, daneben findet sich eine Publikationsliste von PHP-Mitarbeitern. Merkwürdigerweise stößt die bei den Quellensammlungen einwandfrei arbeitende Suchfunktion im Forschungs- und Serviceteil auf Grenzen: Selbst die Eingabe von Autorennamen führt nicht zu den dazugehörigen Beiträgen.

Das Projekt verfolgt den Anspruch, neue Erkenntnisse zur Geschichte des Kalten Kriegs nicht nur der Fachwissenschaft, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In der Rubrik „News“ unter „Media Desk“ finden sich die Medienberichte, auf die in den einleitenden Abschnitten zu den Dokumentensammlungen verwiesen wird, noch einmal an einem gemeinsamen Ort zusammengeführt. Berichte in mittel- und osteuropäischen Medien sind meist in einer englischen Übersetzung zugänglich gemacht. Pressemitteilungen des PHP finden sich unter „Press Releases“. Schließlich bietet das PHP einen eigenen Newsletter zur Subskription an. Insgesamt wird allerdings stärker die Fachwissenschaft angesprochen: Dies zeigt die umfangreiche Dokumentation der seit dem ersten PHP-Workshop am 1. Oktober 1999 in Graz abgehaltenen Konferenzen des PHP und seiner Partner. Hier sind Konferenzberichte und Konferenzprogramme sowie Calls for Papers veröffentlicht.

Der methodische Ansatzpunkt des Projekts liegt bei einer traditionell gehaltenen Militärgeschichte sowie der Politik- und Diplomatiegeschichte. Dies schlägt sich naturgemäß in der Auswahl der Archivalien nieder. Die sehr gute Darstellung und Erschließung der Quellen lässt aber genügend Spielraum auch für andere methodische Herangehensweisen und Fragestellungen: Mentalitätsgeschichte des Kalten Kriegs, Perzeptions- und Stereotypenforschung, kollektivbiographische Untersuchungen anhand der Zeitzeugen-Interviews oder Untersuchungen zur Geschichte der politischen Wende 1989/91 seien hier beispielhaft genannt. Mit der Bandbreite an Möglichkeiten, wie sie sich anhand des auf den PHP-Websites zusammengetragenen Quellenmaterials demonstrieren lässt, ist eine Verwendung dieser Internet-Ressource auch in der universitären Lehre gut vorstellbar.

Anmerkungen:
1 Vgl. hierzu die Web-Rezension Cold War International History Project von Peter Danylow: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=52&type=rezwwwzwww

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