Osteuropäische und Globalgeschichte bis zum 19. Jahrhundert

This article reflects on thre relationship between "area studies" and "global history" arguing that no such history can be written without the research on specific regions. The author show then in great detail the specific role and contribution of Eastern Europe towards global developments until the 19th century and concludes with emphasing the importance of that region for any world history writing.



Von
Hans-Heinrich Nolte

Mein Thema ist mit Absicht so begrenzt, dass die Diskussion um die globale Bedeutung des Monopolsozialismus [1] außen vor bleibt. Trotzdem muss ich damit einsetzen. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR ging einer der großen Versuche zu Ende, eine Alternative zum Kapitalismus zu realisieren. Auch wenn man der Meinung nicht folgen will, dass damit alle Unterschiede zwischen existierenden Gesellschaften und Kulturen beendet seien, ist kaum bestreitbar, dass das Ausmaß weltweiter Ähnlichkeiten seitdem angestiegen ist. Die Nachfolgestaaten der UdSSR, so unterschiedlich ihre Entwicklungen im Einzelnen sind, versuchen alle kapitalistische Entwicklungswege und bekennen sich zu zunehmender sozialer Ungleichheit. Aber auch in den Gesellschaften Westeuropas, die ja lange durch großen relativen Wohlstand von Mittelschichten gekennzeichnet waren, nehmen die sozialen Differenzen zu und wachsen die Distanzen zwischen reich und arm. Die westeuropäische Sonderentwicklung des „rheinischen“, von katholischer Sozialbewegung und Sozialdemokratie geprägten Kapitalismus ist in Frage gestellt – nicht zuletzt, weil die ehemals bei den liberalen Theoretikern so beliebten Mittelschichten überall von Einkommensminderungen bedroht sind. Trotzdem vertreten nur wenige noch die Vorstellung, dass eine „dissoziative“, autonome Wirtschaftsentwicklung selbst größerer Wirtschaftszonen gegenüber dem Weltmarkt große Handlungsspielräume bietet. Währenddessen erlauben die weltweiten Wirtschaftsnachrichten auch dem Laien nachzuvollziehen, in wie geringen Margen die Börsen voneinander abweichen, gleich ob New York, Frankfurt oder Tokio. Selbstverständlich heißt das nicht, dass ökonomisch überall auf der Welt dasselbe geschieht, ganz im Gegenteil –die Scheren zwischen reich und arm gehen weiter auseinander und politische Unsicherheiten nehmen zu. Kulturelle Differenzen bleiben oder werden neu herausgebildet. Es entstanden und entstehen, um Shmuel Eisenstadts berühmtes Diktum zu wiederholen, „vielfältige Modernen“ – aber es sind eben überall Modernen.[2]

Man mag über den Terminus Globalisierung also die Nase rümpfen und zu Recht darauf verweisen, dass sich nicht alles über einen Kamm scheren lässt – wenn die Weltökonomie jedoch überall nach den Kriterien der Börsen beschrieben werden kann, dann ist auch ein wesentlicher Teil des Alltags jedes einzelnen damit beschrieben. Und es wird ihm ja auch durch koreanische Handy’s und chinesische Turnschuh ad oculos demonstriert. China, schon heute der zweitgrößte Markt der Welt , wenn man nach Nationen rechnet, und der drittgrößte nach USA und EU, hat den Versuch, ein Modell zentraler Planung durchzusetzen, weithin aufgegeben. Osteuropa bildet nach dem Zusammenbruch des Monopolsozialismus erst recht keine Ausnahme; man kann dafür plädieren, dass Osteuropa/Nordasien einen Wirtschaftsraum bilden, aber auch innerhalb der Länder, die sich konkret beteiligen, denkt ja niemand an eine Rückkehr zur Politik der Planwirtschaft. Selbstverständlich heißt das nicht, dass die Marktwirtschaft allen Nationen gleiche Bedingungen bietet – der Boom in Brennstoffen macht die Ukraine ärmer und Russland wohlhabender. Aber es ist dieselbe globale Konjunktur, die sich auswirkt

Die politische sucht mit der ökonomischen Globalisierung Schritt zu halten. Die westlichen Demokratien setzen ihr Demokratiemodell weltweit durch, so weit sie das irgend können, und akzeptieren politische Varianten nur mit Mühe. Nachdem ihm sein ursprünglicher Kriegsgrund abhanden gekommen war, erklärte der Präsident der USA die Einführung der Demokratie im Irak zum Ziel amerikanischer Politik, obgleich dies Land über keine Erfahrungen mit dieser Staatsform verfügt. Die Demokratisierungsforderung ist also stets einsetzbar, ist ubiquitär. Die Welt forderte freie Wahlen in Palästina, obgleich bekannt war, dass wahrscheinlich Kräfte an die Macht kommen würden, die sich von terroristischen Methoden nicht einmal lossagen wollen. Auch Politiker, die sich nie mit dem Gegenstand beschäftigt haben, geben ihrem Überlegenheitsgefühl gegenüber dem autoritär regierenden Präsidenten von Belarus Ausdruck und fordern Sanktionen gegen das Land. Die führende deutsche politikwissenschaftliche Zeitschrift zu Osteuropa gibt den Staaten der ehemaligen WVO Noten, wie weit sie in der Demokratisierung denn gekommen sind; sie verwendet das Bild vom Test: Azerbajdžan besteht ihn nicht, die Slowakei dagegen gut.[3] Wie soll man das anders beschreiben, als dass der Westen den Rest der Welt prüft, ob er seinem Bilde entspricht? In der Politik muss jeder Staat sich vor dem Demokratiemodell mindestens rechtfertigen.

Die Einheitlichkeit, mit welcher Politiker in aller Welt mit einem einzigen Politikmodell arbeiten, lässt sich kaum anders geschichtlich einordnen oder gar erklären, als mit globalhistorischen Konzepten. Diese Einheitlichkeit der Politikmodelle entspricht ja auch der ökonomischen Einheitlichkeit der Welt, die nur noch wenige und in ihrer Reichweite begrenzte selbstbestimmte nationale Varianten zulässt. Das sind fraglos weltweite Entwicklungen, und welchen Grund auch immer man zur Erklärung unserer Gegenwart angeben mag – die Hegemonie der USA, den Sieg des Neoliberalismus, die Durchsetzung von EDV in Produktion und Information, den Sieg der Menschenrechtsbewegung – der Grund muss globales Erklärungspotential besitzen, sonst geht er mit Sicherheit an unserer Lage vorbei.

Wie entsprechen die Geschichtswissenschaften den neuen Anforderungen?
In den USA hat sich auch in dieser Disziplin eine inzwischen breite Bewegung Forschungen zugewandt, welche Hinweise auf die langen Wurzeln der heutigen Verhältnisse versprechen oder doch mindestens die amerikanischen Schüler darauf vorbereiten, dass er in einer Welt aufwächst, in welcher viele Entscheidungen auf internationaler Ebene fallen. Dies amerikanische Entwicklung fällt ins Gewicht, weil die USA die letzte Weltmacht sind und dementsprechend viel mehr Entscheidungen auf nationaler Ebene gefällt werden als etwa in Frankreich, geschweige denn als in Deutschland. Der Verein zur Förderung der Weltgeschichte, die „World-History-Association“, hat fast 2000 Mitglieder, veranstaltet Konferenzen und Wettbewerbe und gibt zwei Journale heraus – ein fachwissenschaftliches, das „Journal of World-History“, und ein verbandsinternes „Bulletin“, das sich vor allem didaktischen Fragen widmet.

Der Versuch, in Deutschland eine entsprechende breite Bewegung aufzubauen und Globalgeschichte an deutschen Universitäten zu etablieren, erwies sich bisher – um Adelheid von Saldern abweichend zu zitieren - noch nicht einmal als „schwere Geburt“.[4] Zwar gelang es dem Lamprecht-Verein und der Leipziger Gruppe unter der Leitung von Katja Naumann und Matthias Middell, in der Zeitschrift COMPARATIV ein Forum für vergleichende Fragen zu etablieren und einen eindrucksvollen Kongress zu organisieren [5], und es gelang sogar dem kleinen Verein für Geschichte des Weltsystems, in der ZEITSCHRIFT FÜR WELTGESCHICHTE ein Forum für Untersuchungen der globalen Interaktionen zu gründen. Die Etablierung des Fachs an einer deutschen Universität lässt aber bisher auf sich warten. Die Geschichtswissenschaft fühlt sich, so scheint es, heute im Elfenbeinturm sicher (anders als in den 1950er-Jahren, als viele Historiker den „Verlust der Geschichte“[6] fürchteten). In der Tat hat die Geschichtswissenschaft sich in der historischen Arbeit am Dritten Reich und vor allem in der langsamen Erarbeitung eines dem Westen zuneigenden historischen Bewusstseins in Deutschland bedeutende Verdienste erworben, aber ob das ausreicht?

Immerhin hat die Universität Wien inzwischen einen Studiengang Globalgeschichte eingerichtet, eine Reihe von Lehrbüchern zur Weltgeschichte gefördert [7] und einen Lehrstuhl für die im deutschen Sprachraum neue Teildisziplin ausgeschrieben; wahrscheinlich, weil in Österreich nur wenige auf die Idee kommen, dass die Geschichte der Alpenrepublik in allem und jedem exemplarisch für den Rest der Welt stehen kann. Man begreift vielleicht leichter, dass es nicht ausreichen wird, wenn die Fachhistoriker allein im Haus- Hof- und Staatsarchiv untersuchen, welche Prozesse die Gegenwart prägen. Vielleicht ist es aber auch hilfreich, dass das Land klein ist, so dass bisher niemand auf die Idee verfallen ist, einen festen Platz im Sicherheitsrat zu fordern.

Man kann die geringe Bedeutung der Globalgeschichte in Deutschland vielleicht allgemein aus der methodischen Betonung der Einzelstudien und der Arbeit im Archiv erklären. In der Tat sieht man die Arbeit im Archiv als den entscheidenden Teil der Tätigkeit eines Historikers. Die Zunft ist in Deutschland mit wenigen Ausnahmen chronologisch nach Perioden organisiert. Theoretisch kann sich auch ein Fachmann für das indische Mittelalter bewerben (sofern es Sinn macht, diesen Periodenbegriff aus der europäischen Geschichte auf die indische zu übertragen). Da die Archive in Deutschland für einen Deutschen viel leichter (nicht zuletzt preiswerter) zugänglich sind als etwa die in Indien, folgt aus der Betonung der Archivarbeit, dass in aller Regel jemand berufen werden wird, der zu Themen deutscher Geschichte gearbeitet hat. Um an deutschen Universitäten Karriere zu machen, sollte man in deutschen Archiven gearbeitet haben. Diese Einschränkung wird heute zugegebener Massen zunehmend aufgehoben, und zwar zu Gunsten der Geschichte anderer europäischer Länder. Es werden auch Kolleginnen und Kollegen berufen, die über englische oder spanische Geschichte gearbeitet haben; aber eben kaum über Geschichte außereuropäischer Länder.

Die extreme Schwerpunktbildung bei der europäischen oder deutschen Geschichte zeigt sich auch darin, dass es an deutschen Universitäten nur wenig etablierte Area-Studies gibt. Das fällt bei den mangelnden USA-Studien besonders ins Auge [8], gilt aber in noch krasserer Weise für Geschichte Indiens oder Chinas, die fast nur an besonderen Instituten erforscht wird. Die einzigen Area-Studies, die an ziemlich vielen deutschen Universitäten und fast flächendeckend vertreten sind, sind Osteuropäische Geschichte. Es ist deshalb von besonderem Interesse, dass es selbst von diesem Teilgebiet aus bisher nur wenige Versuche gibt, Weltgeschichte zu schreiben- Gottfried Schramms [9] und meinen.[10]

Peter Haslinger hat zu Recht darauf verwiesen, dass einiges immerhin in der Diskussion über die Stellung Osteuropas in der europäischen Geschichte zu finden ist.[11] Aber auch wenn man akzeptiert, dass die Diskussion ein Teil der Debatte ist, bleibt die übergreifenden Frage unbeantwortet, warum in der deutschen Geschichtsschreibung, selbst der über Osteuropa, so wenig Globalgeschichte betrieben wird. In den 1950er-Jahren haben Studenten meiner Generation über Hermann Heimpels Diktum diskutiert, dass die Staufer „im Festhalten des alten Königs- und Kaisergedankens jene Entfremdung Deutschlands in Europa, jenen deutschen Nonkonformismus mit den jeweils geltenden Ideen (begründeten), welche die deutsche Geschichte bis heute belastet“.[12] Pflegen die deutschen Historiker auch heute wieder einem Nonkonformismus mit den jeweils geltenden Ideen, indem sie am ideografischen Ansatz, an der fortgesetzten „Annäherung an das Einzelne“ festhalten?[13]

Peter Haslinger hat auf die konkret u.a. auf den von Gerald Stourzh herausgegebenen Sammelband verwiesen.[14] Das ist ein spannender Band, schon darin, dass zwei der nichtdeutschen Autoren sich mit Selbstverständlichkeit auf Immanuel Wallerstein beziehen [15], was keiner der deutschen tut. Damit wird jene Distanz deutscher Autoren zum Weltsystem-Modell bestätigt, welche vom Unterzeichneten schon länger beobachtet worden ist.[16] Die Abstinenz von einem sozialökonomischen Begriff von Zentrum und Peripherie führt in dem Aufsatz von Nicolette Motte [17] zu einem eher formalen Begriff von Zentralität, der den Westeuropäern mehr Empathie für Mitteleuropa im Sinn von Jenö Szüsz [18] und Piotr Wandyz [19] abfordert. Dieser Ansatz kann von einer globalen Perspektive aus nicht weit tragen; denn warum sollen wir mehr Empathie mit den Polen jenseits der Oder haben als sagen wir mit den Türken in Berlin-Kreuzberg – oder jenen Afrikanern, die auf kleinen Kähnen die Strasse von Gibraltar überqueren, um nach Westeuropa zu gelangen?

Andreas Kappeler skizziert in dem Sammelband die Konstruktion des Konzepts „Osten“ (in Abänderung vom „Norden“) Europas, ein Konzept, das mehrfach zur Bipolarität gesteigert wurde, mit der radikalen und im Nationalsozialismus propagierten Möglichkeit, den Osten oder zumindest Russland als „Asien“ aus Europa zu exkludieren. Kappeler hält am Osteuropabegriff fest und kritisiert jene Sammlungen zur Geschichte Europas, in denen Osteuropa unterbelichtet bleibt.[20] Kappeler besteht aber darauf, dass seit dem Mittelalter von Westeuropa die größere Dynamik ausgegangen sei, was „westlichen“ Historikern nahe legte, die „Geschichte Osteuropas mit den Kategorien der relativen Rückständigkeit und der nachholenden, meist deformierten Modernisierung“ zu analysieren.[21] Kappeler fragt nach den Vorteilen, die gegebenenfalls aus solcher relativer Rückständigkeit entstanden seien und schlägt drei Bereiche zur Untersuchung vor:

• Die Tatsache, dass Minderheiten in Osteuropa oft mehr Autonomie besaßen als im Westen

• Die Erfolge der ständischen Bewegung besonders in Ost-Mittel-Europa als Anknüpfungspunkte parlamentarischer Systeme und

• Die längere Lebensdauer traditionaler Sozialformen in Osteuropa.

In der Tat fällt es jedem Russlandhistoriker schwer, die Überlegenheit Westeuropas nicht zum Teil seiner Analyse zu machen, und zwar, weil sie in den Quellen ins Auge springt.[22] Der „cultural turn“ sollte nicht zur Folge haben, dass man die Kapazität der Kulturen unbefragt nebeneinander ordnet und formal gleichsetzt. Sobald Staaten einen Krieg führen, kommt unterschiedliche Leistungsfähigkeit deutlich zum Tragen; selbst innerhalb des Systems in den Differenzen zwischen halbperipheren und zentralen Staaten, aber mehr noch am Rande einer Kultur, wenn diese machtmäßig der Peripherie derart überlegen ist, wie etwa die christlich-spanische der aztekischen.[23] Sofern sie eine Beziehung zueinander haben, beeinflussen Kulturen sich – meist gegenseitig - und in dem Fall muss man ihre komparative Kapazität, aber eben auch diese Beziehungen erörtern. Das fängt nicht nur in der europäischen Geschichte mit dem Militär an, aber hört selbstverständlich nicht damit auf, sondern umfasst den gesamten Bereich technischer, kultureller und intellektueller Transfers. Es liegt deshalb stets nahe, zuerst einmal nach dem militärischen Verhältnis zwischen Westen und Osten zu fragen, nach der westeuropäischen Expansionen – deutschen und dänischen ins Baltikum und bis Warschau, Grande Armee und Wehrmacht in (vor) Moskau oder den europäischen Feldzügen „nordischer“ Mächte wie der Schweden, die immerhin bis Nördlingen im tiefsten Süddeutschland, bis Tschenstochau und bis Poltawa südöstlich von Kiew kamen, oder der Russen, die 1815 bis Paris und 1945 immerhin bis zur Elbe marschierten.

Eine eindrucksvolle und dabei knappe Interpretation des Verhältnisses von Westeuropa und speziell Russland hat gerade Marshall T. Poe vorgelegt.[24] Er sieht Russland als die einzige Macht, die es fertig gebracht hat, Westeuropa vom 15. Jahrhundert bis 1991 Widerstand zu leisten. Poe sieht also (in der Tradition Danilevskijs etc. bis Huntington ) Russland als eine eigenständige Kultur. Trotz ihrer geringen Ressourcen gelang es den russischen „ruling classes“, durch das Instrument eines starken Staates mit einer autokratischen Verfassung, der stets tief in die Wirtschaft hineinregierte, stets genug Potential zusammenzubringen, um Mitspieler zu bleiben und nicht zur Kolonie degradiert zu werden. Ökonomisch lagen die Kosten dieses Widerstands allerdings, von einem liberalen Standpunkt aus gesehen, in der hohen Belastung der spontanen Wirtschaftsprozesse, besonders der Konsumgüterindustrie, die dazu führte, dass immer wieder Investitions-Entscheidungen zugunsten von Rüstungsbranchen fielen und Investitionen in anderen Bereichen systematisch versäumt wurden. Da Rüstung (nicht nur in Russland) ein staatsnaher Bereich der Wirtschaft ist, entstand kein selbsttragender Bereich der Forschung, der Entwicklung selbsttragend vorangetrieben hätte. Gestärkt wurde diese Tendenz durch den Schwerpunkt beim Export von Rohstoffen, der ebenfalls weniger Forschung nötig macht, als der von Fertigwaren.[25]

Versuche, die Stellung Osteuropas bzw. Russlands im Rahmen der europäischen Geschichte zu erklären haben nicht nur Tradition, sondern auch Potential. Da ich 1980, also bevor der Cultural Turn Deutschland erreichte, [26] dafür plädiert habe, dass neben sozialökonomischen auch religiöse und politische Kriterien notwendig seien, um die Systemfunktionen zu analysieren und die Regionen des Systems zu beschreiben, [27] gibt es heute erst recht keinen Grund, davon abzuweichen. Endre Hárs, Wolfgang Müller_Funk, Ursula Reber und Clemens Ruthner haben in ihrem gerade erschienen Buch über Zentren und Peripherien meinem Vorschlag, in der Forschung über Innere Peripherien getrennt nach Wirtschaft, Sozialstruktur, Religion und Ideologie sowie Politik zu fragen [28], als Unterordnung der drei letzten unter die erste Fragestellung interpretiert [29]:

„Noltes Kategorisierung der Analyse-Ebenen ist intellektuell noch der Ära vor dem sog. cultural turn verpflichtet – entgegen dem Bewusstsein etwa eines Raymond Williams, der darauf besteht, Kultur nicht marxistisch auf ein »Überbauphänomen« von ›zu Grunde‹ liegenden ökonomischen (und politischen) Verhältnissen zu reduzieren, sondern die Wechselwirkung zwischen diesen Subsystemen einer Gesellschaft zu beschreiben, wie dies im Übrigen auch Wallerstein selbst unternommen hat. Aus dem postmarxistischen Blickwinkel von Williams kann Kultur schon allein deshalb »nicht als Sekundärsystem abgetan werden«, weil sie als symbolisches Kommunikationssystem auch das Supermedium für die soziale Konstruktion und Diskussion von ›Realität‹ ist.”

Ich will nicht der Feststellung ausweichen, dass es falsch informiert, wenn man meine Arbeitsweise als marxistisch klassifiziert [30], auch wenn ich die Sympathie des Außenseiters für andere Außenseiter hege - die neo-marxistische Geschichtsschreibung bildete (neben der Weltgeschichte) die einzige neue Richtung, die von der Zunft völlig marginalisiert bzw. in andere Fächer gedrängt worden ist.[31] Ich akzeptiere auch die zitierte Kritik einer Schwäche meiner Begriffsbildung insoweit, als ich in dem Sammelband über Innere Peripherien von 1991 für einen Bereich keinen zusammenfassenden Begriff gebraucht, sondern ihn mit zwei sich ergänzenden Begriffen umschrieben habe. Die von Hárs und anderen implizierte Folgerung, dass ich Kultur auf ein Überbauphänomen von zugrunde liegenden (Produktions-)Verhältnissen reduziert hätte, entbehrt jedoch jeden Nachweises. Zwar halte ich nach wie vor das Konzept Religion für präziser, als Kultur [32], und auch Ökonomie für wichtig, aber – und in dem Punkt bestätigen die Kritiker meine alte Position - als Teilbereiche von Wechselwirkungen in einem System, nicht als Grundlage für alles andere.

Wichtig an dieser Klarstellung für die hier vorgetragenen Überlegungen ist: System wird in dem Sinn vorgeschlagen, dass das Forschungsfeld globale Geschichte menschlicher Tätigkeit auch von nach Disziplinen gegliederten Forschungsbereichen her angegangen wird, (also zum Beispiel, was mir nahe liegt, von der Religionsgeschichte her), und von dort nach den Zusammenhängen und Interaktionen gefragt wird. Ein anderer wichtiger Bereich der Forschung zum Weltsystem sind Area-Studies – ohne Kooperation verschiedener Area-Studies ist Weltgeschichte unmöglich.[33] Der Vorteil des Weltsystemkonzepts ist dabei, dass der Forscher von vornherein angehalten wird, in mehrere Richtungen zu sehen und nicht beim Verhältnis von Westen und Osten in Europa stehen zu bleiben. Der Welt-System-Ansatz ist jedoch, zumindest nach der Einschätzung seines bekanntesten Vertreters Wallerstein keine „Theorie“, keine „Vorstellung eines Gebäudes von miteinander verbundenen Ideen, das zusammenhängend, streng und klar ist, und aus dem man Erklärungen für empirische Realität ableiten kann“ und kein „Ende eines Prozesses von Generalisierungen“, sondern ein Analyseinstrument [34], mit und an dem selbstverständlich immer weiter zu arbeiten, das stets zu korrigieren ist. Die eigentliche Schwäche der Weltsystemstudien liegt deshalb sehr simpel darin, dass (bisher) viel zu wenig Forschung etabliert werden konnte.[35]

Das Konzept Weltsystem geht davon aus, dass es ein Zentrum gibt, in dem die meisten Entscheidungen gefällt werden, die höchsten Einkommen entstehen, die meisten Universitäten und Bücher vorhanden sind und die Staaten über die höchsten Steuereinnahmen verfügen. Die Stellung Osteuropas lässt sich zuerst einmal als Halbperipherie bestimmen, gekennzeichnet durch politische Unabhängigkeit, religiöse Eigenständigkeit, ökonomische Zuordnung durch Rohstoffexporte und z.B. einen kontinuierlichen Bedarf an im Zentrum ausgebildeten Fachleuten; nicht zu vergessen eine zum Pathos verleitende Überforderung.[36] Diese Einordnung Osteuropas als durch Gemeinsamkeiten geprägt heißt selbstverständlich nicht, dass es keine Unterschiede gegeben habe, z.B. in der Religion zwischen Protestantismus und Katholizismus, in der Ausformung der Universitäten, oder im Stil. Solche Unterschiede innerhalb Osteuropas zu skizzieren und einen Erklärungsvorschlag vorzulegen war ja das Ziel meiner Arbeit von 1980. Jedem Osteuropahistoriker sind Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Polen und Russland (sogar in der Chronologie solcher Entwicklungen) aus Klaus Zernacks großem Buch gegenwärtig.[37] Der Terminus Halbperipherie lädt dazu ein, andere Länder in diesem Ring um das Zentrum mit dem Ziel zu vergleichen, Ähnlichkeiten und Unterschiede festzustellen, z.B. Finnland mit Portugal. Die historischen Gemeinsamkeiten Osteuropas gegenüber z.B. den westeuropäischen halbperipheren Ländern habe ich 2002 in neun Punkten skizziert.[38] Was entsteht, ist also ein kompliziertes Muster von „verschiedenen Modernen“, von denen einige sich Groß-Regionen zuordnen lassen, ohne doch deshalb gleich zu sein (andere aber, dazu gleich, gehörten vor dem 19. Jahrhundert gar nicht zum Welt-System dazu).

2000 habe ich vier Vorteile von osteuropäischen Studien für Forschungen über Weltgeschichte notiert [39]:

1. Die Frage nach den Zusammenhängen lässt sich an Beispielen aus dem Verhältnis zwischen Zentrum und Osteuropa gut stellen. Mein Beispiel ist geistesgeschichtlich: Danilevskijs Kulturtypenlehre beruht auf Herder, Hegel und Darwin, sie wirkt auf Spengler, Toynbee und Huntington.

2. Die Frage nach den Handlungsspielräumen des Individuums lässt sich in der Ost-West-Spannung besonders deutlich stellen. Mein Beispiel war ökonomisch: die russische Staatsregierung schuf im 17. Jahrhundert Voraussetzungen für die Übernahme westeuropäischer (Lütticher) Eisenhüttentechnik, welche wiederum Chancen russischer Eisenproduzenten einschränkte.

3. Die Historizität der Nationen und Nationenbildern lässt sich an der Ost-West-Spannung besonders gut erkennen. Mein Beispiel war sozial oder genauer eines der Arbeitsmigration – das holländische Bild deutscher Wanderarbeiter („Moffen“) hatte viel Ähnlichkeiten mit dem deutschen Bild polnischer Wanderarbeiter („Polacken“).

4. Die größere Toleranz gegenüber Andersgläubigen in Polen und Russland lässt den Blick selbstkritisch zurück gehen- gibt es nicht andere Wege, mit Fremden umzugehen, als Homogenisierung der Territorien?

Diese Reihe lässt sich fortsetzen. Es soll ja hier aber nicht nur um die Stellung Osteuropas im europäischen Welt-System gehen, sondern auch und vor allem um die Stellung in der Weltgeschichte allgemein.

Das europäische Welt-System war zwar das erfolgreichste und dauerhafteste, aber keineswegs das einzige Staatensystem der Weltgeschichte.[40] Vielmehr war die politische Form des Staatensystems von den Königreichen der Maya über die Teilkhanate der Goldenen Horde bis zur Konföderation der Marhatten eine häufige Form der politischen Ordnung von Großräumen. Die klassische und häufigste Form dieser Ordnung war jedoch das Imperium – ein Staat, der viele Ethnien und Königreiche umfasste, zentral mit Hilfe einer Bürokratie regiert wurde und eine kulturelle Mission „besitzt“ (beansprucht, sich erfindet etc.).

Welche Rolle spielte Osteuropa im Zusammenhang mit den Imperien? Die Eliten Osteuropas exportierten Pelze und andere Waldwaren sowie Sklaven sowohl in das westliche wie das südliche Imperium, sowohl über die Elbe wie über das Schwarze Meer. Der frühmoderne Sklavenhandel war nicht historisch neu, sondern stand in einer Jahrhunderte, wenn nicht über ein Jahrtausend alten Tradition, die jedoch (selbstverständlich) Änderungen unterworfen war.

Bis etwa zum Jahr 1000 gehörte Osteuropa zum Handelssystem und kulturellen Einflussbereich des Kalifats. Die berühmte Legende der Chronik der Vergangenen Jahre, nach der Vladimir Boten zu den Lateinern, den Muslimen, den Juden und den Orthodoxen sandte, um herauszufinden, welche Religion die Russen wählen sollten, gibt einen Moment der Unentschlossenheit der Rurikiden zwischen Bulgar als Hauptstadt der muslimischen Wolgabulgaren, Itil als Hauptstadt der (teilweise) mosaischen Chasaren, Rom und Konstantinopel wieder. Die Hortfunde im damals slawischen Ostdeutschland und besonders in Gotland bestehen aus Münzen, die im arabischen Raum geprägt worden sind, und erst am Beginn des Zweiten Jahrtausends beginnen Prägungen aus dem Westen zu überwiegen.[41] Ostseeraum und Osteuropa führten Pelze und andere Waldwaren aus, vor allem aber eben Sklaven.

Die Christianisierung des Raumes zwischen Kiew und (schließlich) Wilna beendete den Sklavenhandel zu den schon älter christlichen Räumen. Die Christianisierung des „Nordens“ vom 9. bis zum 14. Jahrhundert führte im Verlauf eines halben Jahrtausend zur Schaffung des „dritten Europa“ zwischen Rhein und Oka. In diesen bis zu den wechselnden Missionsterminen „barbarischen“ Raum wurden nun Institutionen und Bücher, Geistliche und Architekten, Konzepte und Wörter aus dem Süden in den Norden importiert, es kamen Mönche aus Corbie oder vom Athos, welche über den Besitz der Klöster Buch führten.

Der Sklavenfang an der neuen Grenze zwischen dem Christentum und dem Osten aber hörte nicht auf. Er wurde unter den anfangs schamanistischen Mongolen auf einen Höhepunkt getrieben, auch wenn jetzt viele nach Karakorum zu ziehen hatten und nicht ans Schwarze Meer. Aber der Sklavenfang ging auch nach der Aufteilung der Goldenen Horde weiter, und wie erwähnt eben auch, nachdem die Zaren Kasan und Astrachan erobert hatten. Das wichtigste Imperium für Osteuropa am Anfang der Frühen Neuzeit war das Osmanische Reich. Es unterwarf Südosteuropa bis vor die Tore Wiens und brachte die rumänischen Fürstentümer sowie das Krimkhanat in Abhängigkeit. Sein Handel mit Osteuropa zielte auf Abgaben, auf Zolleinnahmen für die Kasse des Sultans, aber auch auf Güter Osteuropas, an erster Stelle auf Sklaven. Es wird geschätzt, dass in den Jahrhunderten osmanischer Präsenz am Schwarzen Meer etwa eine Million Sklaven aus Polen und Russland über das Schwarze Meer hinweg verkauf wurden, in der Regel von krimtatarischen Sklavenjägern. Wie auch in der transatlantischen Sklaverei trug der Verkauf über ein Meer hinweg dazu bei, den Widerstand der Versklavten zu brechen, und meist traten sie irgendwann zum Islam über.[42] Nimmt man den (erzwungenen oder freiwilligen) Export von Sklaven als ein Indiz für eine Stellung in einem Handelssystem, dann war das christliche Osteuropa gegenüber den muslimischen Staaten der Steppe und selbstverständlich erst recht gegenüber den muslimischen Staaten im Süden der Steppen peripher.

Durch das heutige Osteuropa verlief aber noch eine andere welthistorische Grenze, die zwischen Nomaden und Bauern, die kulturgeografisch gesprochen weithin mit der zwischen Wald und Steppe zusammenfiel. Sie war auch eine militärische Grenze zwischen den „geborenen“ Reiterarmeen der Nomaden und den „künstlichen“ Reiterarmeen, welche die Bauerngesellschaften alimentieren mussten, wenn sie einigen Schutz vor den Nomaden haben wollten. Der einzige andere Weg war der Bau einer Mauer. Osteuropa kannte beide Varianten der Abwehr – die gewissermaßen überproportionierte Reiterarmee des polnischen Adels, die – zunehmend allerdings nur zusammen mit den Freibauern der Grenze, den Kosaken – die Sklavenfänger in der Feldschlacht besiegen konnte, und die Verhaulinie, welche das Russische Reich baute und besetzt hielt. Selbstverständlich förderten beide Militärformen unterschiedliche politische Verfassungen – die Mauer das Imperium, die Adelsreiterei die Republik.

In der Auseinandersetzung mit den Nomaden waren die Menschen der bäuerlichen Kulturen Osteuropas historische Vettern der Einwohner des Heiligen Römischen Reiches nach der Schlacht auf dem Lechfelde, aber das Reich hatte das Glück, dass die Ungarn nach der Niederlage sich dem Christentum und dem christlichen Modell von Politik anschlossen. Die Osteuropäer waren auch historische Vettern Chinas, das ebenfalls einen kontinuierlichen Kampf gegen Nomaden führte, die trotz der großen Mauer und der konstanten Fürsorge jedes Kaisers vor der Gefahr aus dem Norden immer wieder in das Bauernland einbrachen. China hatte sich schon viel früher zur Mauer entschlossen, als Russland. Die Mauer hielt nicht alle Eroberer ab, sicherte aber so viel eigenständige Entwicklung der Kultur, dass die Eroberer schon bald nach der Eroberung sich akkulturierten und eine chinesische Dynastie hervorbrachten – die Mongolen Yüan, die Mandschu Quing. Die Mongolen hatte zwar ein wirklich globales Imperium geschaffen, das von Russland bis Vietnam reichte; die zahlenmäßig immer relativ kleinen Nomadengruppen gewöhnten sich aber schnell in den Wohlstand als Herren der Bauernvölker ein, im Westen übernahmen Turkvölker, eben die Tataren, die Macht, im Osten schon nach einem Jahrhundert die Chinesen. Die Osteuropäer waren weiter Vettern des Imperiums, das sich selbst als Römisches bezeichnete und das wir Byzantinisches nennen. Ihm misslang der Kampf gegen die Nomaden, es konnte Anatolien auf Dauer nicht gegen die Turkvölker sichern – bis diese selbst Konstantinopel eroberten und ein türkisch bestimmtes, aber kulturell ganz urbanes Imperium an die Stelle der „Römischen“ setzten. Ähnlich vielleicht wie es den Azteken gelang, als Nomaden in der mexikanischen Hochebene Fuß zu fassen. Der Punkt ist: die Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Nomaden und Sesshaften kann ohne Osteuropa nicht geschrieben werden.

Die große eurasiatische Steppe zwischen Wien und Peking bildete auch bis ins 20. Jahrhundert hinein einen transkontinentalen Handelsweg. Bedeutung und Streckenführung dieses Handelswegs änderten sich in verschiedenen Perioden der globalen Geschichte, und der Steppenhandel hatte stets mit dem Fernhandel auf den „Mittelmeeren“ vom Gelben Meer über den Indischen Ozean und das Rote Meer und unser Mediterraneum bis zu den ostatlantischen Küstenmeeren zu konkurrieren.[43] Mein Punkt ist wieder nur: die Geschichte des Ost-West-Handels kann ohne Osteuropa nicht geschrieben werden.

Osteuropa ist durch die Ostexpansion des Russischen Imperiums im 16. und 17. Jahrhundert zum Nachbarn Chinas geworden. Ob das mit den Schwierigkeiten des zentralasiatischen Fernhandels in der Frühen Neuzeit zu tun hatte – die vor allem darauf zurückgingen, dass es nicht gelang, einen für den Fernhandel sicheren pazifizierten politischen Raum zu schaffen - ist m.W. noch nicht erforscht; die Westexpansion der Mandschu entlang der Seidenstrasse im 17. Jahrhundert scheint dafür zu sprechen. Da es den Russen nicht gelang, den Steppenweg zu beherrschen, und den Mandschu nicht, ihn weiter als zum Balkhasch-See zu kontrollieren, blieben die politischen Probleme für den Karawanenhandel bestehen. Effektvoll war nur der Eingriff der Russen in den Pelzhandel. Der klassischen Nord-Süd-Richtung des sibirischen Handels folgend hatten die Tungusen und Jakuten vor der russischen Expansion Pelze in den Süden verkauft; der russische Eroberung und die (offizielle) Monopolisierung des Pelzhandels durch Moskau orientierte den Handel auf den europäischen Markt.

Andre Gunder Frank hat darauf verwiesen, dass seit dem Spätmittelalter noch eine andere Fernhandelsverbindung zwischen Osteuropa und China wichtig war – der West-Ost-Silberstrom.[44] Auch wenn die Schlussfolgerung Franks nicht überzeugt, dass das Zentrum des Welthandelsystems China gewesen sei (China bildete vielmehr u. E. ein eigenes System) und die Größenordnungen strittig bleiben müssen, kann die osteuropäische Geschichte diese These tendenziell bestätigen. Der Hansehandel mit Russland war defizitär und die Hanse musste Silber (aus dem Rammelsberg, später den anderen deutschen Bergwerken) einsetzen, um die Menge an Waren im Osten zu erwerben, die man im Westen absetzen konnte. Dies Silber „floss“ seit der mongolischen Eroberung z.T. weiter nach Osten, anfangs als Tribut nach Karakorum, später als Tribut an die Goldene Horde bzw. ihre Nachfolgekhanate. Aber auch nach der Eroberung von Kasan und Astrachan hörten die russischen Zahlungen an Tataren nicht auf – eine eigene Steuer brachte für Moskau den „Vykup“ zusammen, mit dem russische Gesandte auf den Sklavenmärkten der Krim russische Gefangene wieder freikauften. Nicht selten wurde der Vykup auch als eine feste Summe nach Bakhtschi-Saraj gezahlt, wenn man Frieden finden wollte. Es floss also kontinuierlich Silber aus dem Westen in den Osten bzw. Süden, und Osteuropa zahlte nicht nur für jenes Silber mit Rohstoffen, das dann Teil der Schatzbildung bzw. des umlaufenden Geldes innerhalb der Region wurde, sondern auch für jenen Teil, der als Tribut oder zum Freikauf von Gefangenen an nomadische Völker gezahlt werden musste. Das betraf auch den Sklavenimport der muslimischen Staaten in Zentralasien und gehörte außerdem zu der Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Nomaden: – von 25.781 deutschen Ansiedlern an der Wolga bis 1773 wurden 1.573 bei nomadischen Überfällen gefangen und in die Sklaverei verschleppt, und nur die Hälfte konnte wieder freigekauft werden.[45] Von der nomadischen Seite aus betrachtet, war der Sieg der Bauern allerdings dauerhafter – ihre Weidegründe waren durch die Ansiedlung der Deutschen verloren.

Falls diese fleeting remarks das erlauben, dann scheint es möglich, zur Stellung Osteuropas in der globalen Geschichte bis zum 19. Jahrhundert zusammenzufassen, dass die Region sowohl gegenüber Westeuropa wie gegenüber dem arabisch/persischen Raum und China in den Gewerben rückständig war. Osteuropa exportierte Rohstoffe, Pelze, Getreide und Marinebedarfsgüter in den Westen, Pelze und Elfenbein in den Süden und nach China (trotz des zaristischen Monopols). Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts blieb Osteuropa außerdem ein Platz um Sklaven zu fangen.

Osteuropa nahm aber an dem Machtanstieg des europäischen Systems in der Frühen Neuzeit teil. Nach und in der Folge einer weitgehenden Akkulturation besonders des Militärs an die Errungenschaften muslimischer Mächte im 15. und 16. Jahrhundert – der Übernahme der neuen Militärinstitutionen Kosaken und Ulanen von den Tataren – stieg die Überlegenheit des russischen Imperiums gegenüber den Tatarenkhanaten, und es gelang nicht nur, Kasan und Astrachan zu erobern, sondern letztere Stadt auch gegen den osmanischen Eroberungsversuch zu halten. In beiden Fällen hat die Festungsartillerie, für die man Fachleute aus dem Westen holte, ihre Rolle gespielt. In den Nordischen Kriegen wurde entschieden, dass nicht Polen oder Schweden, sondern Russland die östlichste Flügelmacht des Systems wurde und damit auch weiterhin an der europäischen Expansion teilnehmen konnte.

Damit wird eine weitere Rolle Osteuropas im europäischen Konzert angesprochen – das Potential Osteuropas (seine Menschen, seine geografische Lage, seine Eliten und deren Konzepte sowie politischen Möglichkeiten) reichten aus, um eine Großmachtrolle zu spielen. Zugehörigkeit zum Konzert war vor allem durch Zugehörigkeit zum Christentum bestimmt, ohne die andere Zusammenhänge wie Studium an westlichen Universitäten oder Weltbilder bis ins 19.Jahrhundert hinein unerklärt bleiben. Dass nach Polen und Schweden Russland diese Großmachtrolle spielte, setzte voraus, dass seit dem 17. Jahrhundert in der westeuropäischen Öffentlichkeit Russland als christliches Land anerkannt wurde. Die Akteure im Konzert der Mächte brauchten aber auch eine „nordische“ Macht, um das Gleichgewicht der Mächte zu erhalten. Ohne das Eingreifen Schwedens im 30.jährigen Krieg wäre ein Sieg des Kaisers doch möglich gewesen, und ohne die Mitwirkung Russlands wäre es augenscheinlich nicht möglich gewesen, das gesamteuropäische Imperium unter Kaiser Napoleon zu verhindern.

Trotz der Großmachtrolle im Konzert blieb die Tatsache, dass Russland im Gewerbe rückständig blieb und also auch für die Industrialisierung schlechte Voraussetzungen hatte. Osteuropa und der Norden exportierten Rohstoffe und Halbfertigwaren; vom Hoch-Mittelalter an überwiegend ins Zentrum des europäischen Systems. Das Russische Imperium exportierte aber auch nach der Eroberung Sibiriens noch nach China, z.B. die Exporte von Pelz und Elfenbein der Russischen Amerika Compagnie. Diese Handelsbeziehungen beförderten einerseits die Gewerbeentwicklungen in Westeuropa und China, entsprachen andererseits aber auch der Geografie – die riesigen, aber menschenarmen Ungunsträume im Norden des eurasiafrikanischen Großkontinents konnten sich ja kaum zu Gewerbezentren für Gebiete mit viel dichterer Bevölkerung entwickeln. Gewerbe war bis ins 19. Jahrhundert hinein mit Landwirtschaft verbunden, und noch heute schlagen Heizkosten in einem nordischen Haushalt ganz schön zu Buche. Sowohl China wie Westeuropa sind nun einmal geografisch begünstigt. Was zwischen Chabarowsk und Shanghai ins Auge fällt, ist für das Verhältnis zwischen Paris und Moskau (geschweige denn Petersburg) vielfältig und auch zeitgenössisch beschrieben worden – die Zahl der Frosttage, an denen überhaupt nichts wächst, ist fünf mal so groß, die Hitzetage im Sommer, an denen das Getreide zu verdorren droht, ebenfalls; die Böden sind, da weniger Biomasse anfällt, meist ärmer (die Lößböden wurden ja erst im 18. und 19. Jahrhundert erschlossen), die Entfernung zum billigen Seetransport ist größer, etc.. Eine ähnliche Differenzierung gilt übrigens auch für den Vergleich zwischen Russland und den USA – Russland liegt überwiegend nördlich des 50. Breitengrads, die USA (abgesehen von Alaska) südlich davon.[46]

Globalgeschichtlich und nach dem Ende der eurozentrischen Periode der Weltgeschichte wie der Weltgeschichtsschreibung bestätigt das den Entwurf von Vater und Sohn McNeill: entscheidend sind auf lange Sicht die menschlichen Netze.[47] Die haben eine lange Geschichte – so kurzfristig gerade uns ihre Entstehung manchmal anmutet, und Netze lassen sich in dicht besiedelten Gebieten mit angenehmem Klima leichter knüpfen als in dünn besiedelten Ländern, in denen es das halbe Jahr friert.[48] Die Überformung der alten Zentren China, Indien und Japan durch die europäische Expansion war kurz und ist beendet.

Anders das Verhältnis zwischen Ost- und West-Europa. Die besonderen Schwierigkeiten Osteuropas in diesem Verhältnis entstammten zum einen, wie skizziert, der ökonomischen Überforderung Osteuropas durch die Rüstung, welche die Rolle Russlands als Großmacht notwendig machte und welche das Imperium auf andere, eroberte Länder Osteuropas verteilte. Zum andern aber entstammten die Schwierigkeiten den Versprechungen der gesamteuropäischen Geistesgeschichte. Osteuropäische Studenten besuchten meist mitteleuropäische Universitäten (erst 1755 wurde die erste russische Universität gegründet), so wie schon seit Jahrhunderten „nordische“ Studenten mitteleuropäische Universitäten belegten.[49] Nachdem die Orthodoxie als christliche Kirche anerkannt worden war, brachen Dämme, welche die Teilnahme orthodoxer Intellektuellen Osteuropas an den gesamteuropäischen Diskursen behindert hatten (z.B. waren vorher für Orthodoxe Scheinübertritte nötig, um an katholischen Universitäten zu studieren). Weitere Dämme wurden im Rahmen der petrinischen Modernisierung bewusst niedergerissen. Peter begründete die Übernahme westlicher „Wissenschaften“ noch als vorübergehenden Schritt, der dazu führen werde, dass nun die Reihe an Russland kommen werde.[50] Allerdings sah es trotz allen Glanzes der Französisch parlierenden Katharina und Alexanders als Retter Europas auch am Beginn des 19.Jahrhunderts noch nicht danach aus, so dass Fürst Chadaev schließlich verzweifelt schrieb, dass Russland der Welt (das war für ihn Westeuropa) nichts gegeben habe und nur wegen seiner territorialen Ausdehnung von dieser bemerkt werde.[51]

Zusammenfassende Thesen:
Zur Stellung Osteuropas A) in der Weltgeschichte [52] und B) im Verhältnis zu Westeuropa. [53] (Die Punkte 1-15 streben keine Vollständigkeit an).

A. Weltgeschichte lässt sich ohne Geschichte der Großregionen nicht erarbeiten.

1. Die Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Bauern und Nomaden lässt sich ohne Forschungen in Osteuropa nicht schreiben.

2. Die Geschichte des eurasiatischen Handelsweges Magdeburg/Wien-Peking/Jingdezhen lässt sich ohne Osteuropa nicht schreiben.

3. Die Geschichte der Arbeitsverfassungen lässt sich ohne Osteuropa nicht erarbeiten (Sklaverei, Hörigkeit, Schollenpflichtigkeit).[54]

4. Die Geschichte der Migrationen lässt sich ohne Osteuropa nicht schreiben (Fachleute nach Osten, Saisonarbeiter nach Westen - Westfalen nach Holland, Polen nach Deutschland).[55]

5. Osteuropa ist (oder im Fall Polens war) ein Raum, in dem verschiedene Weltreligionen vielleicht mehr schlecht als recht, aber immerhin: mitein-ander auskommen [56], bietet sich also für Forschungen über Toleranz an.

6. Osteuropa ist ein Kreuzungspunkt für die Bilder, welche in den Religionen und Kulturen von anderen hergestellt wurden und werden.[57]

7. Globalgeschichte befreit die Geografie aus der Einkesselung durch gestrichelte Linien und plakative Vollfarben nationaler Staaten und erlaubt damit die Rückkehr zu naheliegenden Einsichten über Räume.

8. Osteuropa ist sowohl gegenüber Süd und Mittelasien wie gegenüber Westeuropa durch geografische Ungunst gekennzeichnet, die nie ähnliche Bevölkerungsdichten erlaubte wie im Rheinland, Mesopotamien, und am Yangtse. Es konnte nie dieselbe Netz-Dichte erreicht werden.[58]

B. Das „neue Europa“[59] nördlich von Rhein und Donau ist seit dem Mittelalter integrativer Bestandteil der Christenheit (Europas).[60]

9. Seit der Christianisierung ist „der Norden“ durch eine halbperiphere Lage geprägt, er gehört dazu, ist aber in Religion, Studium, politischen Konzepten, Wirtschaft etc. auf das Zentrum bezogen. Das größere Potential des Raumes südlich der Ostsee nach weiter gehender Erschließung lässt im 18. Jahrhundert den eigentlichen „Norden“[61] zurücktreten hinter dem „Osten“.

10. Als Mitglieder des europäischen Systems nehmen die Staaten Osteuropas an der Expansion teil. In den Nordischen Kriegen im 17./18. Jahrhundert wird entschieden, dass Russland Großmacht wird (nicht Schweden oder Polen).

11. Wie das Zentrum des Systems wandert (S-NW) wandern auch die Grenzen zur Halbperipherie. Im 18. Jahrhundert beginnt der Aufstieg Preußens, im 19. Jahrhundert wird Deutschland Zentrumsland.

12. Die Bilder von Osteuropa benötigen kontinuierliche Dekonstruktion, wie sie in einem kreativen Bezug von Said’s Orientalismusthese auf Balkanbilder durch Maria Todorova vorgelegt wurde.[62] Da die vom Cultural Turn bestimmte Phase der Geschichtsschreibung sich dem Ende nähert [63] sollte man daran arbeiten, diese Kritik in ein neues Bild aufzunehmen, das auf die Bedürfnisse nach zusammenfassender historischer Orientierung über Großregionen eingeht.[64]

13. Globalgeschichte verweist Orte und Grenzen [65] in ihren „Zeit-Raum“.[66] Osteuropa ist dafür nicht das einzige, aber ein junges und leicht gegenwärtiges Beispiel.[67]

14. Als Teil der christlichen Welt übernahm Osteuropa das säkularisierte europäische Programm von „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“. Da Osteuropa immer „ärmer“ [68] war als der Westen, erfuhren osteuropäische Intellektuelle die Schwächen des Programms oft besonders früh und machten deshalb wichtige (aber oft pathetisch formulierte) Beiträge zur Kritik der Entwicklung „des Westens“.[69]

15. Wer als „Westler“ über Osteuropa forscht, muss sich fragen lassen, ob diese Gegenstandswahl mit eigenen Wünschen nach Rückkehr in eine „ältere“ („wärmere“, „solidarischere“ etc.) Gesellschaft zusammenhängt – oder mit Wünschen, die eigene Gesellschaft gegen „den Osten“ abzugrenzen, also ein Feindbild zu schaffen.

Anmerkungen:
[1] Diese aus der polnischen Kritik stammende Einschätzung ist nach wie vor ergiebig, vgl. Nolte, Hans-Heinrich, Kleine Geschichte Russlands, Stuttgart 2003, S. 281-292.
[2] Eisenstadt, Shmuel, Vielfältige Modernen, deutsch in: Zeitschrift für Weltgeschichte (folgend ZWG) 2,1 (2001), S. 9-34 (übersetzt von Hans-Heinrich Nolte).
[3] Osteuropa 3/2006.
[4] Von Saldern, Adelheid, „Schwere Geburten“. Neue Forschungsrichtungen in der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft (1960-2000), in: Werkstatt Geschichte 40 (2005), S. 5-30
[5] Berichte <vgl. http://geschichte-transnational.clio-online.net/tagungsberichte/id=1090>; Publikation z.T. Hauptmeyer, Carl-Hans (Hg.), Zwang in Agrargesellschaften der Frühen Neuzeit, in: ZWG 7,1 (2006).
[6] Heuss, Alfred, Verlust der Geschichte, Göttingen 1959, bes. S. 44-61.
[7] Unmittelbar einschlägig sind: Edelmayer, Friedrich; Feldbauer, Peter; Wakounig, Marija (Hgg.), Globalgeschichte 1450-1620, Wien 2002; Grandner, Margarete; Komlosy, Andrea (Hgg.), Vom Weltgeist beseelt. Globalgeschichte 1700-1815, Wien 2004.
[8] Weinberg, Gerhard, Wo bleibt amerikanische Geschichte an deutschen Universitäten?, in: ZWG 2,2 (2001), S. 135f.
[9] Schramm, Gottfried, Fünf Wegscheiden der Weltgeschichte, Göttingen 2004.
[10] Nolte, Hans-Heinrich, Weltgeschichte. Imperien, Religionen und Systeme, Wien 2005.
[11] Haslinger, Peter, Die Osteuropäische Geschichte – zwischen Europäischer Geschichte und Globalgeschichte?, in: <http://geschichte-transnational.cllio-online.net/forum/type=artikel&id=708=708>.
[12] Heimpel, Hermann, Der Mensch in seiner Gegenwart, Göttingen 1957, S. 189.
[13] Vgl. Zang, Gert, Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne, Konstanz 1985.
[14] Stourzh, Gerald (Hg.), Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung, Wien 2002 (folgend Stourzh, Annäherungen).
[15] Engman, Max, „Norden“ in Eruopean History, in Stourzh, Annäherungen, S. 15-34, hier S. 27; Miller, Alexei, Russia, Eastern Europe, Central Europe in the Framework of European History, in: Storuzh, Annäherungen, S. 35-42, hier S. 34.
[16] Nolte, Hans-Heinrich, Zur Biographie und Rezeption Wallersteins in deutscher Sprache, in: Immanuel Wallerstein, Die Sozialwissenschaften „kaputtdenken“, deutsch Weinheim 1995, S. 340-349; kritisch zum Konzept einer „verspäteten“ Rezeption im deutschen Sprachraum: Elsenhans, Hartmut, Zum Gang der Weltsystemstudien, in: ZWG 2,2 (2001), S. 33-52.
[17] Motte, Nicolette, Does Europe have a Centre? Reflections on the History of Western and Central Europe, in: Stourzh, Annäherungen, S. 1-14.
[18] Szücs, Jeno, Die drei historischen Regionen Europas (1983), deutsch: Frankfurt 1994.
[19] Wandycz, Piotr S.: The Price of Freedom. A History of East-Central Europe, London 1993.
[20] Neben den von Kappeler aufgeführten Sammelbänden darf man verweisen auf: Ahrweiler, Hélène; Aymard Maurice (Hgg.), Les Européens, Paris 2000, der Band ist aus einem UNESCO-Projekt hervorgegangen und um eine angemessene Vertretung der Teile Europas bemüht.
[21] Kappeler, Andreas, Die Bedeutung der Geschichte Osteuropas für ein Gesamteuropäisches Geschichtsverständnis, in: Stourzh, Annäherungen, S. 43-55, Zitat S. 49.
[22] Z.B. sowohl in den Aussagen Zar Peters I. wie in denen westeuropäischer Intellektueller wie G. W. Leibniz, vgl. die Textauszüge in: Nolte, Hans-Heinrich; Vetter, Wolfgang (Hgg.), Der Aufstieg Russlands zur europäischen Großmacht, Stuttgart 1981, Nr. 46-49, 70-72.
[23] Nolte, Weltgeschichte S. 183-199 u.ö..
[24] Poe, Marshall T., The Russian Moment in World History, Princeton 2003.
[25] Nolte, Hans-Heinrich, Tradition des Rückstands. Ein halbes Jahrtausend „Russland und der Westen“ , in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 78,3 (1991), S. 344-364.
[26] Nolte, Hans- Heinrich, Zur Stellung Osteuropas im internationalen System der Frühen Neuzeit. Außenhandel und Sozialgeschichte bei der Bestimmung der Regionen, in: JbGOE 28 (1980), S. 161-197; Übersetzung ins Englische: Review 6,1 (1982), S. 25-84. Als Beginn des Cultural Turn sehen Bonnell, Victoria E.; Hunt, Lynn (Hgg.), Beyond the Cultural Turn, Berkeley 1999 in ihrer Einführung S. 1f. das 1973 erschienene Buch von Hayden White „Metahistory“.
[27] Nolte, Zur Stellung a.a.O.
[28] Diese programmatische Formulierung wurde 1991 gemacht und in späteren Bänden zitiert, vgl.: Nolte, Hans-Heinrich, Internal Peripheries in European History, Göttingen 1991, S. 1.
[29] Hárs, Endre; Müller-Funk, Wolfgang; Reber, Ursula; Ruthner Clemens (Hgg.), Zentren, Peripherien und kollektive Identitäten in Österreich-Ungarn, Tübingen 2006, hier S. 5.
[30] Es sei mir erlaubt darauf zu verweisen, dass ich von der Religions- und Geistesgeschichte komme und auch weiterhin in diesem Feld arbeite, vgl.: Nolte, Hans-Heinrich, Newly Enlightened. A Case of Intellectual Engineering, in: Canadian American Slavic Studies 38,1-2 (2004), S. 33-60.
[31] Von Saldern a.a.O., S. 9-11.
[32] Nolte, Hans-Heinrich, Weltgeschichte. Imperien, Religionen und Systeme, Wien 2005, S. 345f..
[33] Nolte, Hans-Heinrich, Weltsystem und Area-Studies. Das Beispiel Russland, in: ZWG 1,1 (2000) S. 75-98; erweiterte englische Fassung in: Review 27,3 (2004), S. 207-242.
[34] Wallerstein, Immanuel, Wegbeschreibung der Analyse von Weltsystemen, oder: Wie vermeidet man, eine Theorie zu werden?, deutsch in: ZWG 2,2 (2001), S. 9-31.
[35] Nolte, Hans-Heinrich, Das Weltsystem-Konzept. Debatte und Forschung, in: Grandner, Margarete; Rothermund, Dietmar; Schwentker, Wolfgang (Hgg.), Globalisierung und Globalgeschichte, Wien 2005, S. 115-138.
[36] Nolte, Hans-Heinrich, Überforderung und Pathos. Zur politischen Kultur halbperipherer Länder, in: Waldhoff, Hans-Peter; Tan, Dusun; Kür?at-Ahlers, Elçin (Hgg.), Brücken zwischen den Zivilisationen, Frankfurt am Main 1997, S. 63-82.
[37] Zernack, Klaus, Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte, Berlin 1994.
[38] Nolte, Hans-Heinrich, The European Union within the Modern World-System, in: Stemplowski, Ryszard (Hg.), The European Union in the World System Perspective, Warszawa 2002, S. 9-44, hier S. 21-25.
[39] Nolte, Hans-Heinrich, Weltsystem und Area-Studies, hier S. 97f.
[40] Nachweise und weitere Literatur zu Folgenden bei: Nolte, Hans-Heinrich, Weltgeschichte, Wien 2005.
[41] Adamczyk, Dariusz, Silberströme und die Einbeziehung Osteuropas in das islamische Handelssystem, in: Hauptmeyer, Carl-Hans (Hg.), Die Welt querdenken, Festschrift Hans-Heinrich Nolte, Frankfurt am Main 2003, S. 107-124.
[42] Vgl. Faroqhi, Suraya, Kultur und Alltag im Osmanischen Reich, München 1995, S. 106-109.
[43] Lippmann Abu-Lughod, Janet, Das Weltsystem im 13. Jahrhundert, in: Feldbauer, Peter; Liedl, Gottfried; Morissey, John (Hgg.), Mediterraner Kolonialismus, Essen 2005, S. 131-154; Rossabi, Morris, The „Decline“ of the central Asian caravan trade, in: Tracy, James D. (Hg.), The Rise of the Merchant Empires, Cambridge 1990, S. 351-370; Rothermund, Dieter; Weigelin-Schwiedrzik, Susanne (Hgg.), Der Indische Ozean. Das afro-asiatische Mittelmeer als Kultur- und Wirtschaftsraum, Wien 2004.
[44] Frank, Andre Gunder, Re-Orient, Berkeley 1998.
[45] Brandes, Detlef, Einwanderung und Entwicklung der Kolonie, in: Stricker, Gerd (Hg.), Deutsche Geschichte im Osten Europas, Bd. Russland, Berlin o.J., S. 35-111, hier S. 56, 58.
[46] Vgl. knapp: Nolte, Hans-Heinrich, Auf zwei Wegen zur Großmacht. Russland und die USA, in: Ders. (Hg.), Geschichte der USA I, Schwalbach 2006, S. 63-78.
[47] McNeill, John. R.; McNeill, William H., The Human Web. A Bird’s Eye View of World History, New York 2003.
[48] Obgleich selbstverständlich auch hier nicht von einem geografischen Determinismus die Rede sein kann, so entwickelte sich Finnland schon im 19. Jahrhundert zu einem Land mit sehr dichtem Kommunikationsnetz, vgl. Hietala, Marietta, Perceptions of Backwardsness. Tthe case of the European North, in: Hroch, Miroslav; Klusáková, Lu?a (Hgg.), Criteria and Indicators of Backwardness, Prag 1996, S. 157-170.
[49] Engman, Norden a.a.O., S. 27.
[50] Die Rede Peters in Nolte, Hans-Heinrich; Vetter, Wolfgang (Hgg), Der Aufstieg Russlands zur europäischen Großmacht, Stuttgart 1981, Nr. 70.
[51] Der Text des „philosophischen Briefes“ in: Tschižewskij, Dmitrij; Groh, Dieter (Hgg.), Europa und Russland, Darmstadt 1959, S. 73-93.
[52] Nolte, Hans-Heinrich, Weltgeschichte, Imperien, Religionen und Systeme, Wien 2005.
[53] Kappeler, Andreas, Die Bedeutung der Geschichte Osteuropas für ein gesamteuropäisches Geschichtsverständnis, in Stourzh, Gerald (Hg.), Annäherungen an die europäische Geschichte, Wien 2002, S. 43-56; Nolte, Hans-Heinrich, Weltsystem und Areastudies, in: ZWG 1 (2000), S. 75-98.
[54] Schmidt, Christoph, Leibeigenschaft im Ostseeraum, Köln 1997; Hauptmeyer, Carl-Hans (Hg.), Zwang in Agrargesellschaften der Frühen Neuzeit, in: ZWG 7.1 (2006).
[55] Vgl. die Beiträge von Herman Diederiks, Franz Bölsker-Schlicht, Adelheid von Saldern sowie Hans-Heinrich Nolte, in: Nolte, Hans-Heinrich, Deutsche Migrationen, Münster 1996; Nolte, Hans-Heinrich, „Schlechte Wege und billige Arbeiter“. Nationenbilder an der wandernden Grenze zur Halbperipherie, in: Sozialwissenschaftliche Informationen 30,1 (2001), S. 64-54.
[56] Vgl. Kappeler, Andreas, Russland als Vielvölkerreich, München 1992 u.ö. sowie Nolte, Hans-Heinrich, Ethno-religiöse Minderheiten zwischen Duldung und Vertreibung im europäischen Vergleich, in: Hahn, Sylvia; Komlosy, Andrea; Reiter-Zatloukal, Ilse (Hgg.), Ausweisung – Abschiebung – Vertreibung (Querschnitte 20), Innsbruck 2006.
[57] Vgl. sehr eindrucksvoll Eschment, Beate; Harder, Hans (Hgg.), Looking at the Coloniser. Cross-Cultural Perceptions in Central Asia and the Caucasus, Bengal and Related Areas, Würzburg 2004. Zum Russlandbild im Osmanischen Imperium: Faroqhi, Suraya, The Ottoman Empire and the World around it, London 2004, S. 192f..
[58] Vgl. McNeill, John R.; McNeill, William H., The Human Web, New York 2003.
[59] Samsonowicz, Henryk, La tripartition de l’espace européen, in: Ahrweiler, Hélène; Aymard, Maurice (Hgg.), Les Européens, Paris 2000, S. 229-238.
[60] Also Teil des Diskurses „Why Europe“ (conquered the World, started Industrialisation etc.).
[61] Engman, Max, „Norden“ in European History, in: Stourzh, Annäherungen, S. 15-34.
[62] Todorova, Maria, The Balkans as Category of Analysis, in: Stourzh, Annäherungen, S. 57-84.
[63] Vgl. Bonnell, Victoria; Hunt, Lynn (Hgg.), Beyond the Cultural Turn, Berkeley 1999.
[64] Auch Nationenbilder sind für selbstreferentielle Projektionen sehr zugänglich, wie ein halbes Jahrhundert Schulbucharbeit eindringlich belegt hat.
[65] Zu deren Vielfalt Becker, Joachim; Komlosy, Andrea (Hgg.), Grenzen, Wien 2004.
[66] Wallerstein, Immanuel, Die Sozialwissenschaften „kaputtdenken“, deutsch: Weinheim 1995, S. 164-180.
[67] In dem ganz ausgezeichneten Sammelband Nitz, Hans-Jürgen (Hg.). The Early Modern World-System in Geographical Perspective, Stuttgart 1993, findet sich S. 67 eine Karte der agrarischen Zonen des frühmodernen Europa, in der die Landesgrenzen von 1992 eingetragen sind. Schon nach der Selbständigkeit der Slowakei waren diese unhistorischen Grenzen nicht mehr aktuell.
[68] Das niedrigere Pro-Kopf-Einkommen spielte selbstverständlich nur deswegen eine Rolle, weil der Osten sich auf den Westen bezog. So lange man nur das reale Einkommen schätzte ohne auf Markt- und Steuer-Quoten abzuheben, mochte das Pro-Kopf-Einkommen sogar höher sein, vgl. Blanchard, Ian, Russi’s Age of Silver, New York 1989, S. 215-286.
[69] Nolte, Hans-Heinrich, Überforderung und Pathos. Zur politischen Kultur halbperipherer Länder, in: Waldhoff, Hans-Peter; Tan, Dursun; Kür?at-Ahlers, Elçin (Hgg.), Brücken zwischen Zivilisationen, Frankfurt am Main 1997, S. 63-82; Rashkovskij, Eugen Boris, Die Dritte Welt als Problem für das Denken, die Wissenschaft und die Kultur, deutsch in: ZWG 6,2 (2005), S. 31-50.

Zitation
Hans-Heinrich Nolte: Osteuropäische und Globalgeschichte bis zum 19. Jahrhundert, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 05.05.2006, <www.connections.clio-online.net/article/id/artikel-728>.
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05.05.2006
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