Ostmitteleuropa in Europa und Europa in Ostmitteleuropa - Der Fall Ungarn in ethnologischer Perspektive

Der Beitrag setzt sich mit der Frage auseinander, wie und wo sich Ungarn selbst auf der „mental map“ Europa verordnet hat und verordnet. Während des Sozialismus lag der Wahrnehmung der meisten Ungarn dabei eine klare Ost-West-Dichotomie zugrunde, der zufolge der „Osten“ mit der UdSSR begann und Ungarn damit ein Teil Westeuropas war. Diese Sicht blieb auch nach dem Zusammenbruch des Sozialismus dominant, wobei Westeuropa für die Ungarn nun in noch stärkerem Maße für „Europa“ im allgemeinen stehe. Daran ändert auch die teils kritische Sicht eines mit der EU gleichgesetzten „Europa“ nichts.



Von
Chris Hann

Als ich 1975 als Austauschstipendiat des British Council nach Budapest ging, um Materialien für eine Promotion im Fach Ethnologie zu sammeln, habe ich nie daran gezweifelt, dass ich mich noch im Rahmen Europas bewege. Was für deutsche Ethnolog/innen noch problematisch war, da Ostmitteleuropa primär als Forschungsgebiet für die Kolleg/innen in der Volkskunde wahrgenommen wurde, stellte für einige Doktorand/innen in Großbritannien und den USA eine reizvolle Herausforderung dar. Es war selbstverständlich das andere Europa, die Fremdheit der Institutionen und des alltäglichen Lebens hinter dem „eisernen Vorhang“, die uns damals angezogen haben. Aber es war immerhin Europa. Demzufolge musste ich mich nach einem BA-Studium in Politikwissenschaft und Ökonomie und den Schwerpunkten Osteuropa bzw. „communist countries“ mit der schnell wachsenden Literatur einer „anthropology of Europe“ auseinandersetzen. Im Mittelpunkt standen Studien über den Mittelmeerraum wie die von Julian Pitt Rivers über Spanien, Jeremy Boissevain über Malta und John Davis über Süditalien. Sogar Paul Stirlings „Turkish Village“ stand ganz oben auf der Liste. Dies war deshalb möglich, weil es nicht in erster Linie um die kulturellen Grenzen Europas, sondern um die Modernisierung von bäuerlichen Gesellschaften ging. Ziel all dieser Ethnolog/innen war es zu zeigen, dass die Methodik der „teilnehmenden Beobachtung“, die sich in Stammesgesellschaften als so fruchtbar erwiesen hatte, auch im ländlichen Europa zu neuen Einsichten führen konnte – weit über die Ergebnisse der herkömmlichen Volkskunde hinaus.

Es war von Anfang an ein sehr gewagtes Unternehmen, insbesondere wegen der Arbeitsteilung mit Volkskundler/innen und Historiker/innen in den zu erforschenden Ländern, die sich mit der eigenen Kulturgeschichte beschäftigt und oft auf dieselben ländlichen Regionen spezialisiert hatten. Als ich mit meinen Feldforschungen begann, kannte ich mich besser in der Literatur über Andalusien und die Inseln des Mittelmeers aus als in der über mein Forschungsgebiet zwischen Donau und Theiß. Heutzutage ist das Forschungsspektrum auf beiden Seiten breiter geworden, aber trotz Überlappungen sind die Verhältnisse immer noch kompliziert. In den USA gibt es innerhalb der American Anthropological Association eine florierende Society for the Anthropology of Europe. Europa hat seit 1990 eine European Association of Social Anthropologists (EASA), die praktisch nichts mit der viel älteren Societé Internationale d’Ethnologie et de Folklore (Neugründung 1964) zu tun haben will. Innerhalb der EASA gibt es seit kurzem ein aktives Netzwerk von Europeanists, dessen Programm wie folgt lautet: „The objective of this network of Europeanists is to provide a forum for communication and exchange, and an arena for intellectual and professional debate between members on issues relevant to a region of the World named Europe“ (http://campusvirtual.ucm.es/prof/EuropeanistsNetwork.html). Einige Mitglieder dieses Netzwerkes gehen noch ein Stück weiter. Sie unterrichten bereits The Anthropology of Europe und suggerieren dabei, dass dem Kontinent eine Art kulturelle Einheit zugeschrieben werden kann.

Auch wenn Europa kein Leitmotiv meiner Feldforschung war, habe ich in den 1970er-Jahren sowohl in dem ungarischen Puszta-Dorf Tázlár, über das ich mein 1980 erschienenes erstes Buch geschrieben habe, als auch in der Hauptstadt Budapest oft bemerkt, dass vielen die „moralische Geografie“ des Kontinents sehr am Herzen lag. Meine Gastgeberin im Dorf war eine fromme Katholikin und, wie die meisten aus ihrer Schicht, den gemäß sowjetischem Vorbild so genannten „Kulaken“ (kulák), stark antikommunistisch eingestellt. Aber auch andere Dorfbewohner, die kaum in die Kirche gingen oder sogar Parteimitglieder waren, stellten eine grundlegende Ost-West-Dichotomie nicht in Frage. Sie wussten zwar, dass sie aus meiner Sicht im Osten wohnten, aber der eigentliche „Osten“ war für sie die benachbarte UdSSR – eine Macht mit ganz anderen Traditionen oder Kultur, auch wenn in der Schule gelehrt wurde, dass auch Russland zu Teilen zu Europa gehöre.

Es gab in meinem Haus in Tázlár keinen Fernseher und auch das Radio war bei meiner Wirtin nicht beliebt. Ich habe also die Zeitschrift Magyar Nemzet („Ungarische Nation“) abonniert, um Einblicke in die breitere Welt zu gewinnen. Es war höchst interessant, neben den Pflichtkritiken an Jimmy Carter und Charta 77 in der Tschechoslowakei auch Kritik über die rumänischen Nachbarn zu finden. Selbst Leser der Parteizeitschrift Népszabadság („Volksfreiheit“) waren sich darüber im Klaren, dass die Geschichtspolitik des Ceausescu-Regimes im angrenzenden Rumänien bezüglich Siebenbürgens indiskutabel sei. Später habe ich erfahren, dass die Polemik jahrelang in der Wochenzeitschrift Élet és Írodalom („Leben und Literatur“), damals das wichtigste Organ für die Intellektuellen Budapests, weitergeführt wurde. Zu dieser Publikation hatte ich im Dorf keinen Zugang, aber die Spannungen zwischen den nur vermeintlich „brüderlichen“ Nachbarstaaten dauerten weiter an, als ich nach meiner Promotion zwischen 1979/80 ein weiteres Jahr in der Hauptstadt verbrachte. Es war keine echte Feldforschung, und ich habe mich bewusst von den kleinen Kreisen der Dissidenten ferngehalten. Trotzdem erinnere ich mich gut an die weit verbreitete Stimmung: Ungarn war damals bereits recht offen und „liberal“, man sprach vom „Gulasch-Sozialismus“, von der „fröhlichsten Baracke im sozialistischen Lager“ und verachtete Politiker wie Ceausescu und Brežnev.

Genauer betrachtet waren die mental maps der ungarischen Eliten doch nicht so einheitlich. Für einige Befürworter „völkischer“ (népi) Ansichten würden die Magyaren nie zu Westeuropa gehören, sondern sollten eher auf ihre Wurzeln weit im Osten stolz sein. Dennoch kam es wegen der Unterdrückung der Magyaren in Siebenbürgen zu einer klaren Distanzierung vom „Balkan“ und zu einer Allianz mit den eher linksliberal orientierten „urbanen Intellektuellen“ (urbanus), die in der Ära der Schlussakte von Helsinki die westlichen Fundamente der Menschenrechte hervorhoben. Es gab also eine grundlegende Ost-West-Dichotomie und Ungarn gehörte demzufolge zu Westeuropa. Im letzten Jahrzehnt des Sozialismus wurde Budapest zwar zu einer Hochburg des Begriffs „Mitteleuropa“, aber auch diese Entwicklung hat die Dichotomie nicht wirklich gestört. Für den namhaften ungarischen Historiker Jenõ Szucs war Mitteleuropa eine Region sui generis zwischen Osteuropa und Westeuropa, aber für die große Mehrheit ging es um das Ende des Kalten Krieges und notwendigerweise um eine Wiederentdeckung der Identifikation mit dem „Westen“.

Diese Tendenz, von Intellektuellen aller Ideologien vorangetrieben und von der Kádár-Regierung geduldet oder sogar unterstützt, fand auch Resonanz in breiteren Schichten der Gesellschaft. So haben ungarische Rockmusiker eine Oper über das Leben des Staatsgründers König Stephan des Heiligen komponiert, die ab 1983 großen Erfolg hatte. Die politische Botschaft war scheinbar eindeutig: Stephan hatte sich zu recht für Europa, d.h. für das westliche Christentum entschieden und die heidnischen Stammesführer besiegt. Andererseits wurden auch letztere in einigen Liedern und Symbolen durchaus positiv dargestellt. Als das Werk 1988 im Rahmen des 950. Todesjubiläums des Königs wieder aufgeführt wurde, hatte ich den Eindruck, als rückten patriotische und religiöse Elemente in den Vordergrund. Dass jedoch solche kulturellen Ereignisse überhaupt genehmigt wurden, zeigte, dass sich Ungarn nicht dem totalitären Osten zuordnete.

Die Einigkeit bezüglich Europas und die Europäizität Ungarns ist nach der Wende, die auf Ungarisch „Systemwechsel“ (rendszerváltás) heißt, weitgehend erhalten geblieben – zumindest unter den Intellektuellen in der Hauptstadt. Natürlich kam es aber in der neuen Öffentlichkeit zu Auseinandersetzungen. Während die meisten Dissidenten die linksliberale SZDSZ-Partei unterstützten, zogen konservativ-nationalistisch orientierte Intellektuelle die MDF oder andere Rechtsparteien vor. Selbst die Rockmusiker, die über den heiligen Stephan gesungen hatten, schlugen jetzt getrennte Wege ein. Tatsache ist aber, dass es nur bei den beiden Extremen, d.h. links bei den Kommunisten, welche die Reform ihrer Partei abgelehnt hatten, und rechts bei der von István Csurka geführten Partei der Ungarischen Gerechtigkeit und des Lebens sowie der Partei der Unabhängigen Kleinbauern, Protest gegen den Beitritt Ungarns in die EU gab. Wie der ungarische Politikwissenschaftler Zsolt Enyedi in einer aktuellen Untersuchung zu den Auswirkungen des EU-Beitritts auf die ungarische Parteienlandschaft schreibt, stieg zwar der Euroskeptizismus während der Verhandlungen an, aber seit dem Beitritt existiert ein relativ hohes Maß an Unterstützung in der Bevölkerung und ein noch stärkerer Konsens innerhalb der politischen Klasse. Ihm zufolge hat der Europäisierungsprozess bereits zu wichtigen Konsequenzen für die Parteien geführt. Die Hauptgegner der Sozialisten (d.h. der ehemaligen Kommunisten), die von Viktor Orbán geführten FIDESZ, haben regelmäßig versucht, von den Irritationen und Befürchtungen gegenüber Europa zu profitieren. Orbán hatte die Macht im Land um den Jahrhundertwechsel inne und dabei alle Möglichkeiten ausgeschöpft, das große Jubiläum der Staatsgründung zugunsten seiner Partei auszunutzen – allerdings hat er die Wahlen 2002 verloren. Doch selbst in der Opposition ist sein Euroskeptizismus auf der Ebene von Symbolen und Gesten erhalten geblieben; in Strassburg und Brüssel wurde die FIDESZ längst in die Allianz der Volksparteien integriert (nach einer früheren Einbettung bei den Liberalen).

Die Eliten machen sich demnach heutzutage anscheinend stark für Europa, wobei das Thema jedoch keine entscheidende Rolle bei den Wahlen spielte – auch nicht 2006. Die lange Debatte zwischen „völkischen“ und „urbanen“ Strömungen scheint entschieden zu sein: Die FIDESZ bekommt mehr Stimmen in ländlichen Gebieten und von all denen, die eine stark geprägte nationale Identität behaupten, aber die Partei wird selbst auf europäischer Ebene akzeptiert. Das heißt jedoch nicht, dass die tief verwurzelten mental maps der Vergangenheit ihre Bedeutung verloren haben. Noch stärker als in den 1970er-Jahren wird „Europa“ mit Westeuropa gleichgesetzt. Die Kontakte zu den östlichen Nachbarn sind geringer geworden und die russische Sprachkompetenz schwindet. Die neue Dominanz der englischen Sprache zeigt sich in der von George Soros finanzierten Central European University im Zentrum von Budapest – freilich ein Beispiel für Amerikanisierung und nicht für Europäisierung. Die Aufarbeitung der sozialistischen Geschichte führt häufig zu vorschnellen Verallgemeinerungen, wobei Russland kaum als Teil Europas wahrgenommen wird. So hörte ich etwa vor kurzem am Collegium Budapest, wie eine Kulturwissenschaftlerin den Einfluss des „sozialistischen Realismus“ auf das ungarische Theater als „asiatisch“ beschrieben hat.

Andererseits lebt unter vielen Intellektuellen die Vorstellung eines anderen Europas weiter, das als Gegensatz zum Europa der Aufklärung verstanden wird, und mit dem leider auch aufgeklärte Intellektuelle in Ländern wie Ungarn kämpfen müssen. In den Fußstapfen von Larry Wolff und Maria Todorova hat József Böröcz unlängst gezeigt, wie Linksliberale in Budapest eine „rule of European difference“ bestätigen. Er analysiert einen Fall von 2001, als 36 Budapester Intellektuelle sich in einem offenen Brief bei den französischen Behörden bedankten, weil Frankreich 43 ungarischen Roma Asylrecht gewährt hatte. Ungarn selbst war nicht in der Lage, Gerechtigkeit gegenüber dieser Minderheit zu üben. Deshalb mussten diese Dorfbewohner nicht nur von, sondern aus ihrem Land flüchten, doch glücklicherweise fanden sie in Frankreich einen Aufnahmestaat, der den Idealen Europas gerecht wird. Böröcz hinterfragt empirisch die Glaubwürdigkeit Frankreichs in diesem Zusammenhang, aber sein Hauptargument betrifft die Weltsicht der Liberalen in Budapest, die er auf die – zugleich als Buchtitel dienende – Formel „Goodness Is Elsewhere“ bringt. Mittels Hinweisen auf die Debatten über „Postkolonialismus“ zeigt er, wie eine echte europäische Identität für das eigene Land geleugnet wird, weil die Regierungen immer noch nicht fähig sind, die Grundprinzipien Europas umzusetzen.

Die meisten Ungarn sind mit Postkolonialismustheorien indes nicht vertraut. Im alltäglichen Leben sind sie von einer Idealisierung Europas weit entfernt. „Europa“ und Europapolitik setzen sie überwiegend mit der EU gleich. Begrüßt werden Investitionen in die Infrastruktur, die deutlich mit schönen blauen Schildern gekennzeichnet werden und zeigen, dass Ungarn finanziell vom Beitritt stark profitiert hat. Beklagt werden neue Regelungen, die in fast allen Gebieten des ökonomischen Lebens zu zeitaufwendigerer Bürokratie führen. Einige äußern sich zynisch über die Kosten von zentralen Einrichtungen wie dem Europäischen Parlament. Wie Enyedi zeigt, lag die Beteiligung an der Wahl zu diesem Parlament 2004 aber immerhin bei 38,5 Prozent und damit relativ hoch im Vergleich zu anderen Beitrittskandidatenstaaten. Zusammengefasst ist die Mischung von Meinungen fast identisch mit den Ansichten, die ich aus anderen EU-Ländern kenne.

Ängste vor Europa waren in ländlichen Gebieten besonders groß. „Mein“ Dorf Tázlár befindet sich in einer Region, die im Sozialismus von vielen staatlichen Subventionen profitiert hat, insbesondere im Weinbau. Allerdings ist das Gebiet für Weine von hoher Qualität nicht geeignet, und so war die Produktion meist für den Bedarf innerhalb Ungarns und für den Export in den Ostblock einschließlich der DDR bestimmt. Diese Märkte sind zusammengebrochen und die Produzenten beschwerten sich, dass bereits vor dem Beitritt die Importe billiger Weine aus Italien und Spanien ihre letzten Absatzmöglichkeiten ruinierten. Andere Bauern haben ebenfalls ihre tiefe Besorgnis darüber ausgedrückt, dass innerhalb kurzer Zeit auch Ausländer Bodenflächen erwerben können, so dass sich das beste Ackerland sicherlich bald in nicht-ungarischen, vor allem österreichischen Händen befinden wird. In den 1990er-Jahren hat die Partei der Kleinbauern die Stimmung populistisch-nationalistisch aufgeheizt und konnte sich so zur stärksten Partei in Tázlár entwickeln. Nach vielen Skandalen ist sie aber seit 2002 praktisch verschwunden und die FIDESZ ist jetzt die stärkste Kraft. Hier wie in den Städten gibt es Kritik an bürokratischen Absurditäten, wie zuletzt in der wichtigen Branche der Gänseleberproduktion angekündigt.

Während meiner letzten Besuche in Tázlár 2005 und 2006 habe ich erstaunlicherweise aber auch Positives gehört. Grund dafür sind nicht die Marktbedingungen, die sich kaum verbessert haben, sondern dass diejenigen, die sich registriert haben und eine Reihe von Bedingungen erfüllen können, jetzt EU-Subventionen bekommen. Diese werden zum Teil nach der Größe des Areals ausgezahlt, und das ist für einige Bauern in Tázlár sehr wichtig, da sie große Flächen, allerdings meist von sehr schlechter Qualität, besitzen. Was sich im Stalinismus als fataler Nachteil erwies, weil man mit so einem Besitz als kulák eingestuft wurde, ist jetzt ein großer Vorteil! Zwar muss man einige Tage investieren, um den Papierkram zu erledigen, denn alle Anschaffungen für den Hof müssen bis ins Kleinste aufgelistet werden, doch dann rollt der Euro. (Ein Freund von mir hat sich in diesem Jahr verschätzt und war mit seinen Unterlagen noch nicht fertig, als am 31. Januar die Frist auslief. Für solche Probleme hatte man während der Zeit des Sozialismus immer eine Lösung gefunden. Diesmal ist er zum Dorfarzt gegangen, um einen Krankenschein zu bekommen. Er ist sich ziemlich sicher, dass auf diese Weise seine Ansprüche noch berücksichtigt werden – EU-Bürokratie magyarisch flexibilisiert.)

Für mich als Ethnologen ist es immer interessant zu fragen, ob und inwieweit jemand sich als „Europäer“ fühlt, ob „Europa“ sowohl im alltäglichen Leben als auch in den mentalen Vorstellungen der Menschen vorhanden ist. Wie bei anderen Identitäten handelt es sich um eine Konstruktion, die wir in verschiedenen Kontexten und aus verschiedenen Perspektiven untersuchen können. Aber letztendlich gibt es auch eine Ebene, wo es nicht (oder nicht nur) um subjektive Wahrnehmungen geht. Für mich ist Europa überhaupt kein selbständiger Kontinent, sondern vielmehr das westliche Ende des großen Kontinents Eurasien, das auf der Weltkarte fast wie eine Halbinsel aussieht. Über längere Zeit haben sich die Intellektuellen Europas daran gewöhnt, ihre Traditionen – oder besser, nach Böröcz, die Ideale kleinerer, meist westlicher Kreise – als Grundlage für eine eigenständige Kultur oder civilization zu betrachten, ohne je über den Inhalt dieser Traditionen oder die Grenzen ihrer Ausdehnung Übereinstimmung erlangt zu haben. Meines Erachtens ist es eine wichtige Aufgabe der Ethnologie, nicht nur die innereuropäische Ost-West-Dichotomie, sondern auch die übliche Gegenüberstellung Europas und Asiens in Frage zu stellen und Licht in die langfristige Einheit vieler Entwicklungen zwischen dem Atlantik im Westen und dem Pazifik im Osten zu bringen – eine Sichtweise, die derzeit freilich auch meinen Kolleg/innen in der Ethnologie noch sehr fremd ist.

Zitation
Chris Hann: Ostmitteleuropa in Europa und Europa in Ostmitteleuropa - Der Fall Ungarn in ethnologischer Perspektive, in: H-Soz-Kult, 02.06.2006, <www.hsozkult.de/article/id/artikel-738>.
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02.06.2006
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