Universities of the Future II: Open Spaces - Hochschule im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis

Universities of the Future II: Open Spaces - Hochschule im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis

Organisatoren
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Deutscher Akademischer Austauschdienst, Fulbright-Kommission, Hochschulrektorenkonferenz und das Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck
Ort
Dresden
Land
Deutschland
Vom - Bis
28.11.2003 - 29.11.2003
Von
Tassilo Schmitt, Bielefeld

Über die Zukunft der Hochschulen nachzudenken ist zur Zeit notwendig und dringlich. Deren Finanzkrise ist dabei nur ein Aspekt. Andere, ebenso wesentliche betreffen die innere Struktur der Hochschulen oder ihr Verhältnis zueinander und zu ihrer Umwelt im regionalen, nationalen und internationalen Rahmen. Prominente Schlagwörter wie Wettbewerbsfähigkeit zeigen, daß die Debatte von Kategorien der Marktökonomie bestimmt ist. Zugleich ist offensichtlich, daß Reformvorstellungen erheblich durch Beispiele von Hochschulen in den USA geprägt sind.

Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, daß eine gemeinsame Initiative der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der Fulbright-Kommission, der Hochschulrektorenkonferenz und des Veranstaltungsforums der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck eine Plattform geschaffen hat, im systematischen Vergleich Aspekte vor allem des deutschen und des amerikanischen Hochschulwesens einander gegenüberzustellen und außerdem neue Wege aus der deutschen Krise zu diskutieren. Unterstützung wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gewährt. Zuständig für Planung und Koordination ist Stefanie Schwarz vom Wissenschaftlichen Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung der Universität Kassel.

Insgesamt sind drei Konferenzen geplant. Die erste fand am 6. Juni 2002 im Wissenschaftszentrum Bonn statt. Experten aus Theorie und Praxis, aus den Vereinigten Staaten und aus Deutschland präsentierten und diskutierten ihre Erfahrungen und Vorstellungen zu "Research, Knowledge Acquisition, Corporate Identity and Management Strategies". Die zweite Konferenz wurde am 28. und 29. November an der Technischen Universität Dresden im wesentlichen als Workshop gestaltet. Es ist vorgesehen, daß im Frühsommer 2003 eine Abschlußveranstaltung in Berlin Konzepte und Anregungen einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert und in die allgemeine politische Diskussion einbringt.

In Dresden entwarfen die Eröffnungsvorträge von Stephan Gutzeit (European College of Liberal Arts, Berlin) und von Christoph Scherrer (Universität Kassel) zwei sehr unterschiedliche Szenarien von der Hochschule der Zukunft zwischen Theorie und Praxis. Der Notwendigkeit und den Chancen für die Hochschulen, ihren Bildungsauftrag mit der alten Frage nach dem guten Leben neu zu entdecken und fruchtbar zu machen, wurde eine im globalisierten Wettberwerb zum wissenschaftlichen Dienstleistungszentrum umgestaltete Universität entgegengestellt. Damit war ein Horizont für die weiteren Überlegungen ausgezogen. Dieser wurde strukturiert und differenziert durch die Berichte von vier Rapporteuren über die Ergebnisse der Arbeitsgruppen auf der Bonner Konferenz: Nina Buchmann (Max-Planck-Institut für Biogeochemie Jena) berichtete über "Higher Education Structure", Tassilo Schmitt (Universität Bielefeld) über "Higher Education Management/Corporate Identity", Giovanni Galizia (Freie Universität Berlin) über "Knowledge Production" und Carola Beckmeier (Technische Universität Berlin) über "Teaching and Learning". Diese Zusammenfassungen und weitere Informationen über die erste Tagung lagen außerdem als Band 46 der vom DAAD verantworteten Reihe "Dokumentationen und Materialien" vor, den Stefanie Schwarz herausgegeben hat. Auch die beiden anderen Tagungen werden auf diese Weise publiziert werden.

Den Kern des Dresdener Treffens machten indessen vier Workshops aus, in denen die etwa 100 Teilnehmer (Frauen sind immer mitgemeint) - vor allem jüngere Wissenschaftler aus sehr verschiedenen Disziplinen, die an Universitäten, Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und anderen privaten und öffentlichen Forschungs- und Lehreinrichtungen in Deutschland, den USA und in anderen Ländern arbeiten, sowie jüngere Hochschulabsolventen aus Wirtschaft und Verbänden - wichtige Probleme der aktuellen und künftigen Hochschulentwicklung erörterten und Thesen formulierten, die dann im Plenum zusammengetragen wurden.

Workshop A, moderiert von Nina Buchmann und Margarita Balmaceda (School of Diplomacy and International Relations, Seton Hall University, New Jersey), beschäftigte sich mit strukturellen Fragen im Hinblick auf die regionale Einbindung, auf gemeinnützige Dienste und Unternehmenskontakte. Als zentral erschienen (1) die differenzierende Profilbildung der Hochschulen, (2) deren wesentlich größere Autonomie unter der professionellen Leitung von spezialisierten Experten mit einer öffentlichen Grundfinanzierung und selbstbestimmter Beschaffung weiterer Mittel, (3) eine sowohl lokale als auch globale Positionierung als Agentur für gemeinnützige Dienste und als Informationspool und (4) eine stärkere Beachtung von den Hochschulen adäquater Strukturen als die von Mengenkriterien. Besondere Beachtung ist den Alumni zu schenken, die keineswegs nur als potentielle Geldgeber, sondern auch als Multiplikatoren der jeweiligen Spezifika einer Hochschule eine wichtige Rolle spielen könnten.

Workshop B, den Stephan Gutzeit und Tassilo Schmitt begleiteten, erörterte Chancen und Grenzen der Qualitätssicherung. Als Zielprojektion wurde der Typus einer autonomen, wettbewerbsorientierten Hochschule mit interner und externer Evaluation entworfen. Deren Profil ist von der Vielfalt und Komplementarität der wissenschaftlichen Angebote bestimmt, für die Minimalstandards zu definieren und intern und extern zu kommunizieren sind. Transparenz muß durch Öffentlichkeit geschaffen werden. Das Personalmanagement ist grundsätzlich zu reformieren. Der Beamtenstatus, aber auch andere Elemente des Öffentlichen Dienstes stehen dem ebenso im Wege wie wenig durchschaubare Stellenbesetzungs- und Karrierentscheidungen; assessment center bei Bewerbungen, Portfolio-Zertifizierungen und eine nach dem Vorstandsmodell mit Ressorts organisierte professionelle Personalführung mit erheblichen, auf Zeit verliehenen Kompetenzen können Abhilfe schaffen. Die Reformen müssen von oben und von unten zugleich eingeleitet und in einem moderierten Prozeß in engem Kontakt mit der Region, der Politik und der Wirtschaft gesteuert werden. Dafür braucht man starke Hochschulräte, die die Bemühungen kontinuierlich begleiten sollen. Es belegt den auf dieser Tagung allenthalben zu spürenden Pioniergeist, daß dieser Workshop B es nicht dabei beließ, seine Vorstellungen zu formulieren. Vielmehr wurde auch ernsthaft darüber gesprochen, wie neue Formen der externen Evaluation und Transparenz sich als Geschäftsidee für ein zu gründendes Unternehmen eigneten.

Workshop C unter der Moderation von Giovanni Galizia und Christer S. Garrett (University of Wisconsin - Madison) modellierte die zukünftige Rolle junger Akademiker als Forscher an den Hochschulen unter vier Aspekten: (1) Für die individuellen Karrieren ist mehr Flexibilität dadurch zu sichern, daß Befristungen und Altersvorgaben für Stellen entfallen und die Chance kontinuierlicher Beschäftigung geschaffen wird. (2) Um eine optimale Qualifikation der Forscher zu erreichen, sind Mentorenprogramme auf allen Stufen erforderlich; zugleich ist dafür Sorge zu tragen, daß möglichst keine persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse entstehen. (3) Die Professur ist weniger institutionell und hierarchisch, sondern funktional zu definieren. Neben ihr muß es weitere selbständige Arbeitsmöglichkeiten für qualifizierte Forscher geben. Grundsätzlich ist der Beamtenstatus für Wissenschaftler unangemessen. Umstritten blieb, ob generell nur noch flexible Beschäftigungsverhältnisse begründet werden sollten. (4) Jedenfalls ist eine permanente Evaluation auf allen Ebenen zu institutionalisieren; das schließt die Evaluation der Evaluationen und ihrer Methoden ein.

Workshop D fragte unter der Leitung von Carola Beckmeier und Stefanie Schwarz nach in der Praxis tauglichen Konzepten für die Struktur der Hochschulausbildung. Die einzelnen Beiträge wurden hier auf eine generelle Vision von Hochschulbildung bezogen. Diese ist dadurch gekennzeichnet, daß Lerninhalte sowohl durch Fachwissen als auch durch die sogenannten soft-skills bestimmt sind und so nachprüfbar vermittelt werden. Kompatibilität, Durchlässigkeit und Transparenz der Inhalte und Leistungsnachweise sind prägende Merkmale. "Advisors", Evaluation und ein reformiertes Dienstrecht gewährleisten systematisch, daß es einen permanenten Anreiz gibt, über Verbesserungen nachzudenken.
Die Modularisierung der Studiengänge bietet die Chance, den Bildungsauftrag der Hochschulen im Hinblick auf solche Zukunftsperspektiven ernst zu nehmen; sie wird vertan, wenn es dabei nur zu Umetikettierungen, nicht zu inhaltlichen Neubestimmungen kommt. Innovationen erwachsen nicht zuletzt aus der Begegnung verschiedener Fächer und Hochschulen sowie aus der Begegnung mit der Wirtschaft, den Schulen, den Regionen; die Erfahrungen der Multiperspektivität an solchen Schnittstellen müssen gesucht und fruchtbar gemacht werden. Außerdem gilt es, verantwortliche Positionen für professionelles Lehren und Lernen zu schaffen. Für die Bewertung des Lernerfolges gibt es keine Patentrezept. Ein Katalog von Kennzahlen vermag aber, Unterschiede und auch spezifische Profile deutlich zu machen. Auch die Alumni können eine wichtige Rolle spielen.

Die Initiatoren wollten mit ihrem Projekt einen "bottom-up"-Prozeß anstoßen. Das Dresdener Treffen hat gezeigt, daß bei denen, die professionell auf gute Hochschulen auch in der Zukunft angewiesen sind, sowohl Problembewußtsein als auch zugleich die Kreativität und Fähigkeit bestehen, die Krise zu überwinden. Es bleibt zu hoffen, daß die politisch Veranwortlichen dafür endlich die Freiheiten eröffnen. Die allenthalben erhobenen Forderungen nach Transparenz, Evaluation usw. belegen außerdem, daß die auf die Verantwortlichkeit der einzelnen Professoren abgestellte Selbststeuerung der Hochschulen weithin versagt. Verbesserungen wurden aber gerade nicht von verstärkter Kontrolle von oben, sondern von einer institutionalisierten und professionalisierten Selbstreflexion der Ergebnisse von Forschung und Lehre auf allen Ebenen und von damit verbundenen Sanktionsmechanismen erwartet. Beachtlich ist außerdem die häufig formulierte Erkenntnis, daß Professionalität mehr ist als noch so hervorragende Kompetenz auf einem Sachgebiet, sondern daß daneben eine allgemeine Bildung stehen muß: Den Herausforderungen der Wissenschaft wird die Hochschule nur gerecht, wenn sie die Frage nach dem guten Leben systematisch in den Blick nimmt.

Auf die Debatten des dritten Treffens darf man gespannt sein.

Kontakt

Iris Mahnke
universities@vf-holtzbrinck.de

http://www.universities-of-the-future.de
Redaktion
Veröffentlicht am
02.01.2003
Klassifikation
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Englisch, Deutsch
Sprache des Berichts