Sozialgeschichte des Kalten Krieges

Organisatoren
Hamburger Institut für Sozialforschung
Ort
Hamburg
Land
Deutschland
Vom - Bis
26.02.2003 - 01.03.2003
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Von
Regine Klose-Wolf, Pressestelle, Hamburger Institut für Sozialforschung; Hans-Heinrich Nolte, Universität Hannover

„War der Kalte Krieg ein Krieg? Kriegs- und Kriegerbilder im Wandel“ lautete der Titel einer Tagung, die vom 26. Februar bis zum 1. März 2003 im Hamburger Institut für Sozialforschung stattfand. Dies war der Auftakt einer geplanten Reihe von Konferenzen, bei denen die Sozialgeschichte des Kalten Krieges erarbeitet und die weltweit engagiert betriebene Erforschung seiner politischen Geschichte ergänzt werden soll. PD Dr. Bernd Greiner (Hamburger Institut für Sozialforschung) nannte in seinem Einleitungsvortrag Schwerpunkte des Projekts: De- und Re-Legitimierung von Strategien, Eskalation und Deeskalation von Krisen, Vernichtung und Akkumulation von Ressourcen, Partizipation und Ausschluss im politischen System, Kultur der Geheimhaltung. Die Ergiebigkeit des Konzeptes „Kalter Krieg“ begründete Greiner nicht zuletzt mit Verweis auf die vielen „kleinen Kriege“ in der „Dritten Welt“. Ein Ziel des Forschungsprojekts sei es, die Rückwirkungen dieser an der Peripherie geführten Kriege auf die beteiligten Gesellschaften zu bestimmen.

Prof. Dr. Dieter Senghaas (Universität Bremen) blickte auf seine schon während des Kalten Krieges veröffentlichten Arbeiten zurück, welche das Denken einer Generation kritischer Sozialwissenschaftler weitreichend beeinflusst haben. Er plädierte für das Konzept „Ost-West-Konflikt“ (also nicht „Krieg“) und stellte als eine Grundlinie der Periode das Bemühen heraus, trotz der Atomwaffen Krieg führbar zu machen, also „den Krieg zu retten“. Der Hiatus zwischen den Konzeptualisierungen und den einzelnen Arbeiten war – wie das dem Anfang eines Projektes entspricht – groß.

Die erste Sektion stand unter dem Titel „Impression Management“. Dr. Jeffrey Verhey (Berlin) berichtete über Kriegsbilder in amerikanischen Medien, Dr. Thomas Leuerer (Universität Würzburg) aus seinen eindringlichen, auch statistisches Material heranziehenden Studien über die Amerikaner in der bayerischen Provinz und Dr. Stefan Wolle (Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin) über vor allem literarische Reaktionen auf die Präsenz und die Denkmäler sowjetischer Soldaten in der DDR.

In der zweiten Sektion über das Soldatenbild wurde deutlich, dass es auch hier um recht verschiedene Bilder ging. Dr. Klaus Naumann (Hamburger Institut für Sozialforschung) referierte anhand von Archivmaterialien aus der Anfangszeit der Bundeswehr über den Typus des „Abschreckungskriegers“; Dr. Jan Foitzik (Institut für Zeitgeschichte, München) skizzierte den unterschiedlichen Umgang der Staaten des Warschauer Vertrags und besonders Jugoslawiens mit dem Bild des Partisanen; Bernd Greiner berichtete über die Wiederentdeckung der „Ranger“-Truppen in den USA. Prof. Dr. Thomas Noetzel (Universität Marburg) und Bernd-Rainer Barth (Hamburger Institut für Sozialforschung) skizzierten das Erscheinungsbild der „Verräter“ beider Seiten und versuchten deren Wirksamkeit einzuschätzen.

In der dritten Sektion über das gesellschaftliche Prestige des Militärs gab Prof. Dr. Wilfried von Bredow (Universität Marburg) einen breiten historischen Überblick zur Geschichte der Institution „Militär“ in den USA – bis zum Ende des „citizen-soldiers“ in der Periode des Kalten Krieges bzw. genauer bis zum Rückzug dieser historisch ältesten Gattung des amerikanischen Soldaten in die National Guards der Bundesstaaten. Dr. Sandor Kúrtan (Universität Budapest) stellte seine schriftlich vorliegenden Ausführungen zur Geschichte der ungarischen Armee nach 1945 („Die Zwei-Minuten- Armee“) knapp vor. Dr. Matthias Rogg (Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam) betonte in seinem Vortrag zum Bild der NVA den Hiatus zwischen Öffentlichkeitsbild und Realität der Truppe. Prof. Dr. Jeff Doyle (Universität Canberra) schilderte die Schwierigkeiten der australischen Heimkehrer aus Vietnam und Dr. Manfred Sapper (Langen) diejenigen der russischen Heimkehrer aus Afghanistan.

Die Teilnehmergruppe war großzügig und umsichtig eingeladen worden. Mehrere Osteuropahistoriker stellten die Frage nach Ähnlichkeit und Differenz der Entwicklungen in Osteuropa, wobei sie auf konkrete Materialien verwiesen. Insbesondere Prof. Dr. Stefan Plaggenborg (Universität Marburg) plädierte für eine eingehendere Untersuchung, ob die Entwicklung des Militärs in der UdSSR mehr der Logik des Kalten Krieges oder endogenen Entwicklungslinien gefolgt sei. Von einem politikwissenschaftlichen Standpunkt aus kritisierte Wilfried von Bredow die mangelnde Präzision manchmal leichthin verwendeter Begriffe aus der Psychologie (Lernpathologie, Autismus u.a.). Historiker, die an den vorangegangenen Konferenzen über „total war“ teilgenommen hatten – wie Prof. Dr. Stig Förster (Universität Bern) und Prof. Dr. Jost Dülffer (Universität Köln) – fragten mehrfach nach den methodischen Zugängen: Mit Hilfe welcher Quellen und Quellengattungen können die angeschnittenen Fragen überzeugend beantwortet werden? Da vielfältig über Bilder diskutiert wurde, zeichnete sich ab, dass die systematische Forschung zu Bildern, Filmen, Trivialliteratur und Comics in den Arbeitsprozess des Projektes einbezogen werden muss; ähnliches gilt für die Schulbuchforschung. Zudem wurde deutlich, dass die besondere Situation des Projektes zwischen Erinnerung und wissenschaftlicher Forschung die gründliche Auseinandersetzung mit Methoden der Oral History erfordert.

Aus globalgeschichtlicher Sicht wurde die alte Frage nach dem Verhältnis von endogenen und exogenen Antrieben im System (bzw. der Rolle des Zufalls) nicht zuletzt von den Osteuropahistorikern gestellt: Welche Phänomene im „realen Sozialismus“ sind durch den Ost-West-Konflikt zu erklären? Auch das Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität im gesamten System bleibt zu präzisieren (oft wurde etwas als neu angesehen, was schon als Strukturmerkmal des Systems seit mehreren Jahrhunderten hätte eingestuft werden können, z.B. die Militarisierung an sich).

An der Tagung war besonders gelungen, dass der Generationenwechsel in den Sozialwissenschaften verwirklicht wurde. Jene Historiker, deren Väter im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten, werden nun durch jüngere Kollegen abgelöst, deren Väter im Kalten Krieg involviert waren.


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Englisch, Deutsch
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