Relations between Internal, Continental and Transatlantic Migration

Relations between Internal, Continental and Transatlantic Migration

Organisatoren
Univ. Prof. Dr. Josef Ehmer Dr. Annemarie Steidl Dr. Hermann Zeitlhofer, Salzburg
Ort
Salzburg
Land
Austria
Vom - Bis
12.12.2003 - 13.12.2003
Von
Sigrid Wadauer, Wien

"Relations between Internal, Continental and Transatlantic Migration in the 19th and the Beginning of the 20th Century"

Regionale, internationale und transkontinentale Migrationen wurden von der Migrationsgeschichte lange Zeit isoliert und getrennt voneinander erforscht. Die von Josef Ehmer, Annemarie Steidl und Hermann Zeitlhofer am Institut für Geschichte in Salzburg veranstaltete internationale Tagung (12.-13.12.2003) setzte sich zum Ziel, die Beziehungen und Wechselwirkungen dieser verschiedenen Migrationen zu untersuchen und die Diskussion um neue Perspektiven der Migrationsgeschichte zu intensivieren. Migrationsformen - so Josef Ehmer in seinem Einleitungsreferat - wären bislang vor allem zum Gegenstand isolierter Studien geworden, es fehle an Integration verschiedener Bereiche und Perspektiven und an Komplexität. Der Focus der Veranstaltung lag auf Migrationsmustern und -systemen in Mitteleuropa im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert. Präsentiert wurde eine Vielfalt an detaillierten empirischen Studien in diesem Feld.

Andrea Komlosy (Wien) stellte das Modell ihrer vor kurzem erschienenen Habilitationsschrift (Grenze und ungleiche regionale Entwicklung. Wien 2003) vor. Primär würden ökonomische Zwänge, darauf basierend "individual choice" und kollektive Netzwerke, so Komlosy, Migrationen bestimmen. In diesem Rahmen thematisierte die Referentin interne und internationale Migrationsmuster aus der Habsburgermonarchie des 19. Jahrhunderts.

Hermann Zeitlhofer (Salzburg/Wien) präsentierte Ergebnisse eines Forschungsprojekts, das er zur Zeit gemeinsam mit Annemarie Steidl unter der Leitung von Josef Ehmer (gefördert von Österreichischen Fonds für wissenschaftliche Forschung) durchführt. Das Projekt untersucht regionale und transatlantische Migration des österreichischen Teils der Habsburgermonarchie auf Basis der quantitativen Auswertung von Passagierlisten für Fahrten in die USA und Zensusdaten. Auf dieser empirischen Grundlage übte Zeitlhofer Kritik an push und pull-Modellen, der Überbetonung städtischer Zuwanderung und dem Außerachtlassen von Abwanderung sowie der isolierten Analyse von Regionen der Ein- und Auswanderung. Seine quantitative Analyse des Zensus von 1910 zeigt Migration als komplexe Bewegung in mehrere Richtungen. Städtische Abwanderung erscheint als regulärer Teil von Migrationsbewegungen, Migrationsnetzwerke zwischen Regionen erscheinen oftmals als geradezu reziprok. Wichtig sei auch die innerstädtische Migration, wohingegen Bewegungen von Stadt zu Stadt in dieser Fallstudie nur in wenigen Fällen bedeutsam seien.

Lars Olsson (Växjö, Sweden) beschäftigte sich mit Migration in Schweden zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Neben Emigration habe es gleichzeitig auch Immigration gegeben. Sein Beitrag analysierte detailliert das System von Anwerbung, Zuwanderung, Arbeitsverträgen und saisonaler Arbeit galizischer Arbeiter im Bereich des Kaolin-Abbaus in Bromölla. Auch politische Auseinandersetzungen und die Perzeption sowohl der beteiligten Unternehmer als auch der Zuwanderer fanden in seinem Betrag Berücksichtigung.

Sylvia Hahn (Salzburg) sprach über einen Sektor des Arbeitsmarktes, der im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Veränderung hin zu einer fast ausschließlichen weiblichen Domäne bei gleichzeitigem quantitativen Bedeutungsverlust durchmachte: Dienstboten im Haushalt. Anhand von biographischen Einzelfällen aus der Habsburgermonarchie präsentierte sie Formen von Lebensunterhalt, Familienunterstützung und Karrieren, die von der bisherigen Forschung oft ausgeklammert wurden.

Angiolina Arru (Napoli) stellte auf der Grundlage einer biographischen Fallanalyse Beziehungsnetze und Migrationslogiken unter Immigranten im Italien des neunzehnten Jahrhunderts dar. Das Fallbeispiel zweier Eheleute, die selbst MigrantInnen waren, und ihre Rolle in komplexen Netzwerken der Kreditzirkulation zeigt, wie wenig starre Assimilationsmodelle der Vielzahl der sozialen Beziehungsmöglichkeiten, sowohl am Ort der Zuwanderung, als auch zum Herkunftsort gerecht werden.

Engelbert Stockhammer (Ankara) präsentierte ein Regressionsmodell der Effekte von Lohndifferenzen auf Migration von der Habsburgermonarchie nach Nordamerika 1910. Die statistische Auswertung von demographischer und ökonomischer Information (Daten des Projekts von Ehmer/Steidl/Zeitlhofer) zeigt keinen linearen Zusammenhang zwischen Lohndifferenz und Emigration. Es sind vielmehr nicht die ganz armen, sondern die mittleren Einkommensgruppen, die emigrieren. Ein Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Emigration wird von den Analysen nicht festgestellt.

Jochen Krebber (Köln) untersuchte Kettenmigration anhand der Migrationsbewegungen zwischen Dörfern der Schwäbischen Alb in Württemberg und ca. 200 Orten in den USA und Kanada. Er stellte dabei die Frage nach der Information und dem Mangel an Information, die für die Art und Weise der Migrationen und der Niederlassung eine Rolle spielt. Seine Forschung berücksichtigt Passagierlisten, Zensusdaten sowie Briefe und Biographien. Die Analyse zeigt, dass es nicht bloß ein Netzwerk gibt, sondern vielmehr Unterschiede hinsichtlich Religion, sozial-ökonomischer Situation sowie beruflichem Hintergrund festzustellen sind.

Annemarie Steidl (Salzburg) beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit dem Verhältnis von kontinentaler und transatlantischer Migration in der späten Habsburg-Monarchie. Die meisten Länder, die weiträumige Migration erfahren haben, weisen auch Binnenmigration auf. Transkontinentale Migration war ein Teil größerer Migrationsbewegungen, ihre Bedeutung werde aber gegenüber den tatsächlich weit höheren Binnenmigrationen innerhalb der Habsburgermonarchie überschätzt. Steidl ging dabei der Frage nach, inwiefern Emigration und Immigration tatsächlich getrennte Phänomene darstellen. Ihre quantitativen Ergebnisse zeigen, dass es 1910 eine gering ausgeprägte positive Korrelation zwischen Ein- und Auswanderung gab. Auswanderung und Binnenmigration stellen, so Steidl, verschiedene komplementäre Optionen dar.

Andreina de Clementi (Napoli) sprach über binnen- und transatlantische Migration in Italien. Die Einigung Italiens im 19.Jh. machte bislang internationale Migrationen zu Binnenmigrationen. Eine Änderung des Migrationsverhaltens - etwa von Saisonarbeiten - sei durch diese politische Veränderungen nicht festzustellen.

Marie-Pierre Arrizabalaga (Cergy-Pontoise) analysierte Formen der Migrationen von Basken im 19. Jahrhundert. Überseemigration wäre hier nur eine, oft bei weitem überschätzte Form der Mobilität gewesen. Auf der Grundlage einer Vielfalt von Quellen, der Verbindung von Familienrekonstitution und makro-struktureller Informationen wie Bevölkerungsdaten und Ökonomie gelingt es, ein komplexes Bild einer breiten Variation von Migrationen hinsichtlich Weite, Ziele, Verlauf und Beschäftigungsstruktur als Teil von unterschiedlichen Familienstrategien zu zeichnen. Diese Strategien differieren nach sozio-ökonomischem Hintergrund der Familie, Geschlecht und Generation.

Brian McCook (Berkeley) referierte zu kontinentaler und transatlantischer Migration und Remigration von Polen 1880-1924. Im Mittelpunkt seiner Präsentation standen die zirkuläre Natur von Migration und das Konzept des Transnationalismus. Er befasste sich mit dem Einfluss von Migrationen und Remigrationen auf politische und soziale Entwicklungen in Polen. Einfache integrationistische, statistische Modelle greifen, so McCook, zu kurz, um die Komplexität der politischen, sozio-kulturellen Netzwerke zu erfassen, MigrantInnen entwickeln geteilte Affinitäten zu beiden Ländern, sie gehören weder vollständig zum Herkunfts- noch zum Zielland (hier USA und Deutschland). Illustriert wurden seine Überlegungen durch ein lebensgeschichtliches Fallbeispiel.

Albert Lichtblau (Salzburg) stellte Ergebnisse einer quantitativen Studie über die Zuwanderung galizischer Juden nach Wien dar. Auf der Grundlage der Kritik des Zahlenmaterials bereits vorliegender Studien und eigenen quantitativen Erhebungen skizzierte er ein soziales Profil dieser Zuwanderer. Wohnort, Heirat und Konversion zeigen einen - im Vergleich zu anderen europäischen Städten - hohen Grad der Segregation.

Stan Nadel (Salzburg) ging an Hand biographischer Einzelfälle der These nach, dass Bewegung dauerhafte Mobilität nach sich ziehe. In zahlreichen Beispielen stellte er dar, dass Auswanderer in die USA bereits vorher im regionalen oder nationale Rahmen (saisonal, temporär, aufgrund des Berufs) mobil waren und auch nach ihrer Einwanderung mobil blieben.

Josef Ehmer (Salzburg) stellte schließlich ein von ihm geleitetes Forschungsprojekt zur Entwicklung von bevölkerungsgeschichtlichen und historisch-demographischen Forschungen von etwa 1870 bis 1970 vor. Das Projekt (Mitarbeiter: Alexander Pinwinkler, Werner Lausecker) ist Teil des vom DFG gefördert Schwerpunktprogramms "Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts Bevölkerung vor, im und nach dem ‚Dritten Reich'". Das Projekt untersucht kritisch Konzepte von Bevölkerung, Übervölkerung, Bevölkerungsdruck als Paradigmen der deutschen Historiographie.

Kommentiert wurden die Präsentationen von Adam Walaszek (Krakow), Tibor Frank (Budapest), Hartmut Keil (Leipzig), Peter Marschalk (Bremen). Die Vielfalt der präsentierten Perspektiven auf regionale, internationale und transkontinentale Migrationssysteme verdeutlichte zugleich, wie viel hier noch von der Forschung zu leisten sein wird. Wie Diskussionen und Resümee der Veranstalter thematisierten, werden viele Details und Fallstudien wohl erst in ein generelles Bild zu integrieren und in vergleichender Perspektive zu betrachten sein. Deutlich wurde im Laufe der Tagung jedenfalls, dass Migration kein einfacher, linearer Akt ist, sondern dass wir es mit komplexen Prozessen zu tun haben. Als Common Sense gegenwärtiger Forschung kann wohl gelten, dass Migration eher der Normalfall sei und nicht die krisenhafte Ausnahme. Dahingehend relativiert sich auch die Bedeutung der Politik oder staatlicher Grenzen für die Analyse von Migrationen. Die wohl oft auch von bestimmten Quellengattungen und methodischem Zugängen makro-analytischer Studien geradezu nahe gelegte privilegierte ökonomische Erklärung von Migrationsbewegungen scheint, wie in der Diskussion problematisiert wurde, dort zu kurz zu greifen, wo es um Ziele oder Verlauf von Migration geht. Gerade die Vermittlung von Makro- und Mikroperspektiven, die systematische Einbeziehung und Vermittlung von Interpretationen, Vorstellungen, Wünschen stellt auch ein konzeptives Problem der Forschung dar. Dies scheint mir vor allem an den häufig verwendeten Begriffen wie "individual choice" und "Netzwerk" deutlich zu werden, die gerade im Rahmen makroanalytischer Perspektiven empirisch merkwürdig ungefüllt bleiben. So scheint das Individuelle oft als ein letztlich unerklärtes und unzugängliches Moment der Analyse, ein Postulat und nicht ein konstitutiver Teil des empirischen Gegenstandes. Die auf der Tagung präsentierten Ansätze, "individual choice" und Netzwerke im Rahmen der Migrationssysteme auch tatsächlich einer empirischen Reflexion zugänglich zu machen, konnten verdeutlichen, dass eine verstärkte Beschäftigung mit diesen Fragen für die Weiterentwicklung der Migrationsgeschichte von zentraler Bedeutung sein wird. Wie die isolierte Analyse verschiedener Migrationsformen, so scheint mir auch die Trennung und fehlende Vermittlung von sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektiven im Bereich der Migrationsgeschichte ein Forschungshindernis zu sein, das es zu überwinden gilt.

Die Publikation der Konferenzbeiträge ist geplant.


Redaktion
Veröffentlicht am
16.02.2004
Beiträger