Terrorismus und Innere Sicherheit in der Bundesrepublik der 1970er Jahre

Terrorismus und Innere Sicherheit in der Bundesrepublik der 1970er Jahre

Organisatoren
Zentrum für interdisziplinäre Forschung / Center for Interdisciplinary Research Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Heinz-Gerhard Haupt (Bielefeld/Florenz) PD Dr. Jörg Requate (Bielefeld) PD Dr. Klaus Weinhauer (Bielefeld/Hamburg), Bielefeld
Ort
Bielefeld
Land
Deutschland
Vom - Bis
07.10.2004 - 09.10.2004
Von
Hanno Balz, Universität Bremen

In jüngster Zeit hat die Beschäftigung mit der Geschichte der "Roten Armee Fraktion" und ihrer Auseinandersetzung mit dem westdeutschen Staat den Weg von den Feuilletons in die Zeitgeschichtsforschung gefunden. So haben sich im Abstand von gerade einmal drei Wochen zwei Fachtagungen des Themas angenommen. Dieser Umstand dürfte vor allem dem gewachsenen Interesse an einer fundierten Auseinandersetzung im Nachklang der letztjährigen Debatte um die geplante Ausstellung mit dem inkriminierten Titel "Mythos RAF" geschuldet sein.

Dabei hatte zunächst einmal die Tagung des Hamburger Instituts für Sozialforschung im September zwar die Begrifflichkeit in "Das Phänomen RAF" umgegossen. Dennoch entstand hier eher der Eindruck, dass es sich im Großen und Ganzen doch wieder um eine Bezugnahme auf ebenjenen "Mythos" handelte. Zwar versuchte sich unter anderem Jan Phillip Reemtsma an einer Dekonstruktion, doch konnte er mit seinem Fazit, die erste Generation sei ein Haufen "brutaler, stammelnder Idioten" gewesen, nur bedingt zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem "Phänomen", respektive "Mythos" RAF beitragen.

Um eine präzisere sozialwissenschaftliche Fassung bemühte sich nun die Tagung des Bielefelder Zentrums für interdisziplinäre Forschung mit dem dem Titel "Terrorismus und Innere Sicherheit in der Bundesrepublik der 1970er Jahre". Gleich zu Beginn wurde hier von Axel Schildt (Hamburg) selbstreferenziell die Frage nach dem gestiegenen Interesse am Thema gestellt, nicht ohne eine Versachlichung und Historisierung des bewaffneten Kampfes und der staatlichen Reaktion auf ihn einzufordern. Gewarnt wurde dementsprechend auch vor einer voreiligen "historischen Entdeckung", die den Beginn der 1970er Jahre unlösbar mit dem "Terrorismus" verknüpft und so allzu schnell das Zerrbild des alleinig "roten Jahrzehnts" durch den Fokus auf die RAF zu reproduzieren droht. Schildt appellierte daher eindrücklich für eine nüchterne Betrachtungsweise, in der die RAF nur als ein Teil der Geschichte der BRD in den 1970er Jahren gesehen werden sollte.

Der Anspruch einer breiten Kontextualisierung wurde so in den Tagungssektionen und den darin diskutierten Vorträgen immer wieder aufgegriffen: Behandelte Sektion 1 "Jugend(sub)kultur, Studentenmilieu und Gewalt", umriss also den Background der (Teil-)Gesellschaft, aus der RAF und "Bewegung 2. Juni" erwuchsen, wurde mit der zweiten Sektion zu "Staatliche Gewalt und Innere Sicherheit" das institutionelle Gegenüber und die Herausforderung des staatlichen Gewaltmonopols untersucht. Die dritte Sektion, die mit der Frage nach "Terroristischen Akteuren und Leben im Untergrund" die Subjektpositionen in den Fordergrund stellte, wurde mit der Gegenüberstellung der "Medialen Konstruktionen des Terrorismus", welche entscheidend die Vielzahl der Akteure von der RAF bis zum Krisenstab diskursiv erzeugten, in essenzieller Weise komplettiert.

Über die Untersuchung der Rollen von RAF, Gesellschaft, Staat und Medien auf der bundesdeutschen Bühne des "Theatre of Terror" (Gabriel Weimann) hinaus konnte mit den Vorträgen von Belinda Davis (New Brunswick, USA) und Donatella della Porta (Florenz) mit dem Blick von Außen im internationalen Vergleich eine weitere, wichtige Kontextebene hergestellt werden. Gerade della Portas Plädoyer, das Meta-Phänomen "political violence" im internationalen Vergleich sowohl auf der Makro- wie auf der Mikro-Ebene zu analysieren und dabei soziologische und zeitgeschichtliche Ansätze jenseits einer Nationalgeschichte zu vereinen, stieß auf breite Zustimmung in der Diskussion.

Spätestens hier jedoch stand die Frage nach einer Begriffsdefinition von "Terrorismus" im Raum wurde dieser Begriff doch im Tagungstitel und auch in den meisten Vorträgen gebraucht. Im Verlauf der Tagung stieß er doch auf Vorbehalte, bzw. wurde mit gedachten Anführungszeichen gesprochen. So kam es zwar nicht zu einer allgemeinen Begriffsklärung, dennoch wurde dem Einwand, "Terrorismus" sei ein (vor allem pejorativ gebrauchter) Kampfbegriff, größtenteils zugestimmt. Eine eindeutige Definition wird im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung mit den „Stadtguerillas“ in Europa noch zu erarbeiten sein. Ein moralisch aufgeladener, letztlich auch die medial-ideologischen Setzungen jener Zeit reproduzierender Begriff kann hier nicht weiterhelfen, denn wie vermerkt wurde, "terrorism is a revolution that failed". Es wurde stattdessen appelliert, sich wie ansonsten in der Zeitgeschichtsforschung üblich, der Selbstbezeichnungen, bzw. der Gruppennamen zu bedienen.

Zurück zum gesellschaftlichen Kontext: Gerade mit der Beleuchtung des (sub-)kulturellen Umfeldes, bzw. der "Vorläufer" von RAF und "Bewegung 2. Juni" wurde der wissenschaftliche Blick auch auf die Gruppen und Bewegungen gerichtet, die in der Geschichte bisher eine weniger prominente Rolle als die RAF einnehmen: Gerade die Untersuchung von Cornelia Brink (Freiburg) zum "Sozialistischen Patientenkollektiv" (SPK), in dem Anti-Psychiatrie, StudentInnenbewegung und Militanz aufeinandertrafen, hatte hier Neuland betreten. Brink machte auch nicht den Fehler, das SPK nur von seinem Ende her, der Auflösung in die RAF zu denken, wie auch Michael Sturm (Leipzig) es vermied, bei seiner Darstellung der "Tupamaros München", diese nur als Station zwischen APO und RAF zu betrachten.

Bei allen Betrachtungen der viel thematisierten Binnenstrukturen der RAF, die allzuoft eine Tendenz der Personalisierung bis hin zur Psychologisierung beinhalten, muß sich mehr und mehr die Frage gestellt werden, inwieweit diese Betrachtungsweisen für eine kritische Zeitgeschichtsforschung zu gebrauchen sind. Viele personelle Zuschreibungen auch in den Wissenschaften scheinen, zum Teil zumindest, zeitgenössische Darstellungen zu reproduzieren. Nicht undenkbar scheint es mithin, von Guido Knopp in den nächsten Jahren mit "Baaders Frauen" und "Baaders Kindern" unterhalten zu werden. Daher ist es umso verdienstvoller, dass von den Veranstaltern dieser Tagung die Geschichte der „Stadtguerilla“ in Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Hegemonialverhältnissen und mit der Entwicklung bundesdeutscher Institutionen gedacht wurde.

Diese Wechselwirkungen konnte Klaus Weinhauer (Bielefeld) im Detail an der Entwicklung des westdeutschen Polizeiapparates und des sich wandelnden Konzeptes der "Inneren Sicherheit" aufzeigen. Auf der Makroebene zeigte Stefan Scheiper (Tübingen) den allgemeinen Wandel staatlicher Herrschaft in den 1960er/70er Jahren auf, als sich mit der großen Koalition das Staatsverständnis sukzessive in Richtung einer (sozial-)wissenschaftlichen "Planungseuphorie" entwickelte. Jedoch blieb von einer staatlich gesteuerten gesellschaftlichen Entwicklung mit der Eskalation des "Deutschen Herbstes" am Ende nur noch der Rückzug auf eine Planung der "Inneren Sicherheit" als staatliche Legitimationspolitik. Inwiefern der "Deutsche Herbst" zur sprichwörtlichen "Tendenzwende" und einem allgemeinen innenpolitischen Paradigmenwechsel in jener Zeit beitrug, bleibt nach wie vor eine wichtige Frage für die Zeitgeschichtsforschung.

Gegen Ende der Tagung wurde in den Diskussionen immer deutlicher, dass "Terrorismus" in erster Linie als Medienphänomen ideologisch präkonfiguriert war und gerade in heutiger Zeit erst recht wieder ist. So fragte beispielsweise Oliver Tolmein (Lüneburg) eher rhetorisch danach, ob die Medien in diesem Zusammenhang nicht als eigentliche Akteure zu begreifen wären. Hier konnte Martin Steinseifer (Gießen) in seiner Untersuchung zum "Terrorismus als Medienereignis" am Beispiel der Schleyer-Entführung erste erhellende Antworten vermitteln und den Übergang vom Medienereignis zum politischen Ereignis konkretisieren.

Am Ende blieb eben jener Punkt der Medialität von "Terrorismus" in der Diskussion umstritten: Quasi als Teilfazit der Tagung wurde festgestellt, dass zwar "Terrorismus ein Phänomen der Medienwelt" ist, Uneinigkeit gab es jedoch bei der Frage, ob es "Terrorismus" ohne Medien überhaupt geben würde, bzw. welchen Mitteilungscharakter die eigentlichen Aktionen dann hätten. Es bleibt festzuhalten, dass die Kontextualisierung der Geschichte der „Stadtguerilla“ weiterhin eine wichtige interdisziplinäre Aufgabe für die Wissenschaft sein wird, um den moralisch aufgeladenen Begriff "Terrorismus" zu verwissenschaftlichen und schließlich zu ersetzen.


Redaktion
Veröffentlicht am
24.10.2004
Beiträger