Universität und Fürstenbildung im 19. Jahrhundert. Das Studium des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha an der Universität Bonn (1837-1838)

Universität und Fürstenbildung im 19. Jahrhundert. Das Studium des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha an der Universität Bonn (1837-1838)

Organisatoren
Prof. Dr. Franz Bosbach, Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Bayreuth
Ort
Bayreuth
Land
Deutschland
Vom - Bis
27.05.2005 - 28.05.2005
Von
Katharina Beiergrößlein, Universität Bayreuth

Vom 27. bis 28. Mai 2005 fand an der Universität Bayreuth das XIX. Bayreuther Historische Kolloquium zum Thema „Universität und Fürstenbildung im 19. Jahrhundert. Das Studium des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha an der Universität Bonn (1837-1838)“ statt. Ziel der Tagung, deren wissenschaftliche Verantwortung bei Prof. Dr. Franz Bosbach, Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte der frühen Neuzeit, lag, war die Beschäftigung mit den Inhalten und Zielsetzungen des Studiums des Prinzen Albert anhand der jüngst in den Royal Archives in Windsor Castle aufgefundenen eigenhändigen Vorlesungsmitschriften Alberts. Aus dem Curriculum des dreisemestrigen Aufenthalts in Bonn wurden die Fächer Rechtswissenschaften, Englisches Verfassungsrecht, Philosophie, Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften, Musikwissenschaft sowie Kunstgeschichte behandelt. Es sollte insbesondere der Frage nachgegangen werden, welche Kenntnisse und Fähigkeiten Albert erwarb, die es ihm nach seiner Heirat mit Königin Viktoria erlaubten, zum herausragenden Förderer der Wissenschaften und Künste in Großbritannien zu werden. Dies sollte verbunden werden mit der Frage nach den einzelnen Elementen eines fürstlichen Universitätsstudiums sowie mit einer Darstellung der Situation der Universitätsfächer und der Gestaltung der Lehre in Bonn. Das XIX. Bayreuther Historische Kolloquium erfreute sich der Unterstützung des Bayreuther Universitätsvereins.

Einleitend begann Kristin Wiedau (Mainz) mit ihrem Beitrag zu adeliger Kindheit und Fürstenerziehung die Vortragsreihe. Sie stellte heraus, dass es sich bei adeliger Bildung immer um beides, nämlich um Allgemeinbildu! ng und gesellschaftliche Bildung handelte, die immer zweckdienlich sein musste und den adeligen Schüler auf spätere Aufgaben in der Landesregierung vorbereiten sollte und deshalb vor allem Fremdsprachen, Geschichte und Landeskunde, aber auch Mathematik, Musik und Zeichnen umfasste. Die Erziehung wurde aber weniger von den Eltern wahrgenommen, als von anderen, die Kinder umgebenden Personen. Im Falle Alberts, der zusammen mit seinem älteren Bruder Ernst erzogen wurde, handelte es sich hierbei vornehmlich um Christoph Florschütz.

Anschließend informierte Franz Bosbach (Bayreuth) die Zuhörer über fürstliche Studienplanung und Studiengestaltung. Er erläuterte, dass es sich beim Studium der beiden Herzogssöhne Ernst und Albert um eine staatspolitische Angelegenheit handelte und folglich von der Regierung Sachsen-Coburg und Gothas geplant wurde. Dies zeigt sich auch in den Empfehlungen Moritz von Bethmann-Hollwegs und in der Wahl Bonns als Studienort. Der Bonner Rechtsprofessor Bethmann-Hollweg verfasste Gutachten über seine Kollegen und übte dadurch beträchtlichen Einfluss auf die Wahl der Lehrer und die Zusammenstellung des Stundenplans aus. Bonn wurde als Studienort gewählt, weil es, im Gegensatz zu Berlin, keine Residenzstadt war und dadurch – so hoffte man zumindest in Coburg – wenig Ablenkung für die Prinzen bot. Auch wurde das Studium für beide Prinzen gleich konzipiert und als Bestandteil des traditionellen mehrteiligen adeligen Bildungsgangs angesehen. Es unterschied sich daher wenig vom Muster eines herkömmlichen adeligen Universitätsstudiums, welches eine breit gefächerte Grundbildung anstrebte, aber nicht auf einen Abschluss zielte.

In einem weiteren einleitenden Vortrag stellte Hans-Christof Kraus (Stuttgart) Alberts jugendliche Beschäftigung mit der politischen Ordnung Großbritanniens vor. Seine Quellen sind keine Vorlesungsmitschriften, da i! n Bonn zu dieser Zeit Englisches Verfassungsrecht nicht unterrichtet wurde, sondern Aufzeichnungen, die wahrscheinlich während der späteren Italienreise entstanden, auf Christian Friedrich Baron von Stockmar zurückgehen und sich an William Blackstones Commentaries on the Laws of England orientieren. Zu bemerken ist hierbei, dass Stockmar, obgleich genauer Kenner der englischen Verfassungsverhältnisse, die zeitgenössische Machtverschiebung im Parlament nicht erwähnte, möglicherweise, weil er sie nicht erkannte oder nicht billigte, und somit Albert ein Bild vermittelte, dass der Zeit um 1840 nur teilweise entsprach.

Sodann wurden die Aufzeichnungen Alberts von Vertretern des jeweiligen Faches vorgestellt und erläutert, wobei der rechtswissenschaftliche Beitrag wegen Erkrankung des Referenten leider entfallen musste.

Der von der Regierung in Coburg so gefürchteten Vorlesung in Philosophie – die Prinzen hätten mit liberalem Gedankengut ! in Berührung kommen können - widmete sich Lutz Koch (Bayreuth). Nach einem Portrait Hermann Immanuel Fichtes, bei dem Ernst und Albert Logik, Anthropologie und Psychologie sowie die Geschichte der Philosophie hörten, ordnete Koch die vermittelten Inhalte in den zeitgenössischen Kontext ein. Anschließend stellte er heraus, dass diese beschränkte Auswahl an philosophischen Themen gut in das Bild von der zu vermittelnden Allgemeinbildung passe.

Von Alberts Beschäftigung mit der Geschichte sind nur die Mitschriften zum Mittelalterkolleg bei Johann Wilhelm Loebell erhalten. Allerdings ging Amalie Fößel (Bayreuth), nach einem Abgleich mit dem Bonner Vorlesungsverzeichnis der entsprechenden Semester davon aus, dass die Prinzen auch Vorlesungen in Alter und Neuerer Geschichte besuchten, da sonst das Ziel einer breit gefächerten Ausbildung verfehlt worden wäre. Ganz im Sinne dieser weit gestreuten aber nicht unbedingt tiefschürfenden Ken! ntnis gestalten sich auch die Mitschriften: das 127 Seiten lange, handschriftliche Manuskript, das die Zeit vom Untergang Westroms 476 bis zur Entdeckung Amerikas 1492 abdeckt, ist das Ergebnis einer an universalgeschichtlichen Aspekten orientierten Überblicksvorlesung, die hauptsächlich Faktenwissen vermittelte. Forschungsdiskussion und Quellenanalyse hingegen fanden keine Berücksichtigung.

Gert Schubring (Bielefeld) zeigte in seinem Beitrag, dass für die mathematische und naturwissenschaftliche Bildung Alberts, die über die Vermittlung grundlegender Kenntnisse wohl nicht hinausging, neben Coburg vor allem Brüssel von Bedeutung war. Während des dortigen einjährigen Aufenthalts der Prinzen bei ihrem Onkel Leopold I. engagierte dieser den Mathematiker Adolphe-Lambert-Jacques Quételer als Privatlehrer für die Herzogssöhne. Quételer vermittelte ihnen auch nach ihrer Abreise aus Brüssel neue Erkenntnisse mit Hilfe von fünf Fernstudienbriefen. Bedeutenden Einfluss erhielt Quételer dadurch, dass Albert den Nutzen der Sozialstatistik erkannte und diese im Rahmen seiner Tätigkeit als Prinzgemahl zur Optimierung des Regierungshandelns anzuwenden versuchte. Abgesehen von Quételers Briefen hat in Bonn eine Beschäftigung mit der Mathematik wohl eher nicht stattgefunden.

Obwohl der Umzug von Brüssel nach Bonn einen Abstieg in die musikalische Provinz bedeutete, setzten die Prinzen dort ihre musikalische Ausbildung bei Heinrich Carl Breidenstein fort, die von Thomas Betzwieser (Bayreuth) beleuchtet wurde. Obwohl Albert als Komponist Zeit seines Lebens im Schatten seines musikalisch sehr begabten Bruders Ernst stand, kann sein musikalisches Dilettieren durchaus als standesgemäß betrachtet werden. Erhalten ist von Albert, dessen Ideal wahrscheinlich der Belcanto des italienischen Canzone war, eine Reihe von Liedern und vertonten Gedichten, aber kein einziges Instrumentalstück.

Ähnlich wie Breidenstein war auch der Kunsthistoriker d’Alton kein Glücksgriff. D’Alton war kein ausgewiesener Kunsthistoriker, sondern Naturhistoriker und dadurch als Lehrer für wissenschaftliches Zeichnen qualifiziert. Das Vorlesungsskript läßt erkennen, dass er seinen Hörern kein Verständnis für stilistische Entwicklungen vermittelte, sondern dass stattdessen seine Vorlesung zur Geschichte der europäischen Malerei lediglich aus einer Auflistung von Künstlern bestand, sortiert nach Ländern und Schulen, wobei das Mittelalter völlig ignoriert und auf die Nennung und Vorstellung von Kunstwerken weitgehend verzichtet wurde. Da d’Alton den zeitgenössischen Standard seines Faches deutlich unterbot, vermutet Christian Hecht (Erlangen), dass das Bonner Studium der Kunstgeschichte wenig bis gar keinen Einfluss auf Alberts weitere Tätigkeiten im Bezug auf Kunst hatte, sondern Alberts Kunstsinn in Coburg und auf Reisen herausgebildet wurde.

Dem öffentlichen Vortrag zum Thema „Prinz Albert und das Bildungswesen in Großbritannien“ legte John Davis (Kingston) die Leitfrage zugrunde, inwiefern es auf diesem Gebiet zu einem Kulturtransfer kam, wie Alberts Leistungen als Kanzler der Universität Cambridge oder die Vorbildfunktion Deutschlands vor allem in Bezug auf naturwissenschaftliche und technische Disziplinen vermuten lassen. Davis mahnt hier aber zur Vorsicht, da der Einfluss des deutschen Geisteslebens auf Großbritannien bereits vor Alberts Ankunft begann. Der Prinzgemahl konnte somit auf einer Welle deutschorientierter Reformfreudigkeit mitschwimmen. Die von ihm erwirkten Veränderungen, wie die Einführung neuer Studiengänge und die Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses in Cambridge sind somit nicht auf seine alleinige Initiative, sondern eher auf seine Unterstützung deutsch-beeinflusster Reformkreise zurückzuführen.

Karina Urbach ! (London) kam im Rahmen des letzten Programmpunkts des Kolloquiums die Aufgabe zu, eine Tagungsbilanz sowie erste Ergebnisse zu präsentieren. Sie erinnerte noch einmal daran, dass die Arbeitsgrundlage der Tagung die bisher der Forschung unbekannten Exercise Books des Prinzen Albert waren, die vor kurzem in Frogmore (Windsor) gefunden wurden. Als Besonderheit der Tagung hob sie außerdem die Interdisziplinarität hervor, da trotz des historischen Themas die Hälfte der Referenten keine Historiker waren. Über die jeweils fachspezifische Betrachtung hinaus habe die Tagung ein facettenreiches Bild der adeligen Bildung im 19. Jahrhundert gezeichnet.

Das diesjährige Bayreuther Historische Kolloquium konnte somit einen weiteren Beitrag zur Erforschung der Universitätsgeschichte im 19. Jahrhundert leisten. Mit Bonn wurde ein anschauliches Beispiel einer frühen preußischen Universität vorgestellt. Professoren und Unterrichtsformen – als Beispiele seien hier die öffentliche Vorlesung und das Privatissimum genannt – wurden aus größter Nähe betrachtet. Darüber hinaus wurden schließlich – durch die Arbeit mit den Aufzeichnungen des Prinzen Alberts - konkrete Einblicke in die zeitgenössische Lebensführung (hoch-)adeliger Studenten möglich.

Die Ergebnisse der Tagung werden in der Reihe der Bayreuther Historischen Kolloquien veröffentlicht.


Redaktion
Veröffentlicht am
14.08.2005