Nach dem linguistic turn: Sprache, Begriffe und Perspektivität als methodische Probleme komparativer Geschichtswissenschaft

Nach dem linguistic turn: Sprache, Begriffe und Perspektivität als methodische Probleme komparativer Geschichtswissenschaft

Organisatoren
Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas (BKVGE)
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
28.08.2005 - 04.09.2005
Von
Patrick Kupper, Institut für Geschichte, ETH Zürich

Gleich zu Beginn des Sommerkurses „Nach dem linguistic turn“ entspann sich eine kurze Diskussion, um was es in den folgenden Tagen hauptsächlich gehen sollte: um den linguistic turn oder eher um das „nach“. Damit befand man sich bereits mitten im Spannungsfeld, das Martina Winkler und Bernhard Struck, welche die Tagung konzipiert hatten, in ihrem einleitenden Referat als Paradox ansprachen: Einerseits ist die „Angst vor dem linguistic turn“ [1] in den letzten Jahren auch in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft offensichtlich in dem Maße verflogen, wie sich die neuere Kulturgeschichte institutionell Platz zu verschaffen vermochte. Andererseits ist eine Unübersichtlichkeit geblieben, was die theoretischen Angebote des linguistic turns und ihre methodischen Implikationen betrifft.

Der von der Volkswagen Stiftung und der Kurt und Marga Möllgaard-Stiftung im Stifterverband für Deutsche Wissenschaft geförderte einwöchige Sommerkurs des Berliner Kollegs für Vergleichende Geschichte Europas (BKVGE) bot dreißig vorwiegend aus ost- und mitteleuropäischen Ländern stammenden Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern (in erster Linie Doktoranden, daneben einige fortgeschrittene Studierende und Promovierte) ein Forum, um zusammen mit ebenfalls jüngeren Referenten Möglichkeiten auszuloten, wie mit dem nicht immer einfachen Erbe des linguistic turns auf theoretischer Ebene, aber auch in der täglichen Praxis heute umgegangen werden kann. Die von Bernhard Struck vorbildlich organisierte Woche profitierte von den durchwegs engagierten Referentinnen und Referenten und den bis zum Schluss regen Diskussionen (abwechselnd geleitet von Arnd Bauerkämper, Bernhard Struck und Martina Winkler).

Die ersten beiden Tage waren einer theoretischen Annäherung an die Thematik gewidmet. Den Auftakt machte Thomas Welskopp (Bielefeld), der praxistheoretische Geschichtsansätze vorstellte und deren Umgang mit Sprache und Kommunikation thematisierte. Aus praxistheoretischer Sicht stellen sich die Probleme, wie Sprache konzipiert und wie sprachliche und außersprachliche Praktiken miteinander verknüpft werden sollen. Welskopp plädierte dafür, eine „praxistauglichere“ Metaphorik der Sprache zu entwickeln als diejenige des „Codes“, wobei er mit Bezug auf Ansätze aus der neueren linguistischen Anthropologie vorschlug, Sprache mit der offeneren Metapher des „Registers“ zu erfassen. Wie weit dieser Vorschlag trägt, muss sich noch erweisen. In der Diskussion standen zustimmende Voten neben solchen, die am „Code“ festhalten wollten, und mit dem aus der Soziolinguistik stammenden Begriff „Repertoire“ wurde eine weitere Alternative ins Spiel gebracht.

Sozusagen von der anderen Seite, von der historischen Semantik her näherte sich am folgenden Tag Willibald Steinmetz (Bielefeld) derselben Problematik der Grenzen des Sprachlichen. Um soziale Strukturen und Semantiken zusammenzubringen und deren Wandel begreifbar zu machen, führte er den Begriff der „Konstellationen“ ein, definiert als in einer bestimmten historischen Situation gegebenes Verteilungsmuster von Menschen, Ressourcen, materiellen Gütern, Medien und Informationen in Raum und Zeit, welche die jeweils vorhandenen Möglichkeitsräume konturieren.

In beiden Referaten ging es letztlich darum, wie außersprachliche Elemente in die Analyse einbezogen werden können, ohne in eine Art Neohistorismus oder Neostrukturalismus zurückzufallen. In einer Tour d’Horizon zu den cultural turns der letzten Jahrzehnte stellte Doris Bachmann-Medick (Göttingen) fest, dass dies ein Anliegen aller dem linguistic turn folgenden „Turns“ gewesen sei: nämlich die „Sprachenge“ des initialen „Megaturns“ zu überwinden und das kulturwissenschaftliche Feld für Verdrängtes wieder zu öffnen. Angesichts der dabei zu beobachtenden hohen Drehfrequenz stellte Bachmann-Medick die Frage, wie sich eine erkenntnistheoretisch weiterführende Wende von einer modischen Pirouette unterscheiden lasse. Dabei plädierte sie dafür, solchen Turns höhere Aufmerksamkeit zu schenken, die einen konzeptionellen Ebenenwechsel schaffen, das heisst, den Sprung von einem engeren Gegenstand, an dem sich die Konzepte normalerweise erstmals entfalten, zu einer allgemeinen, in unterschiedlichen Themenfeldern und Disziplinen anwendbaren Analysekategorie.

Am dritten Tag des Sommerkurses stand die Frage im Zentrum, inwiefern sich die Konzepte der neueren Kulturgeschichte auf Räume außerhalb oder am Rande des abendländischen Kulturraums übertragen lassen. Alexander Kaplunovski (Kazan/Mainz) stellte am Beispiel des „Russländischen Reiches“ ein Konzept der Sprachen der Selbstbeschreibung und Selbstrepräsentation zur Analyse von Imperien vor und wandte sich kategorisch gegen eine vergleichende Perspektive, da diese den Eigenheiten und der Komplexität des Gegenstandes nicht gerecht werden könne. Diese Preisgabe des Vergleichs stiess im Plenum aber – angesichts des Tagungsortes wenig erstaunlich – auf vehementen und gut begründeten Widerspruch. Dass der Vergleich nicht fallengelassen werden soll, dass er aber unter kulturhistorischen Vorzeichen mit ungleich größeren Schwierigkeiten zu kämpfen hat als unter strukturalistischen, wurde in der nachmittäglichen Sitzung mit Margrit Pernau (Erfurt) und Monica Juneja (Delhi/Hannover) deutlich. Am Beispiel der indischen Geschichtsschreibung steuerten sie die von den subaltern und postcolonial studies aufgebrachte Frage an, wie der historiografische Eurozentrismus überwunden werden könne. Mit welcher Sprache und welchen Begriffen kann eine integrale Weltgeschichte betrieben werden, die nicht von vornherein durch europäische Konzepte und Kategorien dominiert wird? Dabei plädierten sie für eine transkulturelle Geschichtsschreibung, die den jeweils eigenen Standort reflektiert und welche die für ein Verständnis des Fremden unvermeidbaren Übersetzungsprozesse problematisiert.

Der folgende Tag war für Präsentationen der Kursteilnehmenden reserviert. Die in Arbeitsgruppen vorgestellten Themen hatten eine enorme zeitliche und thematische Vielfalt: sie reichten vom Zunfthandwerk in der Frühen Neuzeit bis zu den Prostitutionsdebatten in Deutschland und Schweden des ausgehenden 20. Jahrhunderts, was zugleich ein Hinweis auf die erfolgreiche Diffusion kulturwissenschaftlicher Konzepte in der Geschichtswissenschaft ist. Es zeigte sich zudem, dass ein gemeinsamer Problemhorizont und eine gemeinsame Sprache vorhanden waren, was einen regen Gedankenaustausch erleichterte.

Wieder im Plenum wurde am Freitag gleich weiter auf einer konkreten Ebene gearbeitet. Ute Schneider (Braunschweig) und Bernhard Struck (Berlin) führten ins kulturwissenschaftliche Lesen historischer Karten ein und liessen die herausgearbeiteten Aufmerksamkeitsregeln an Quellenbeispielen erproben. Am Nachmittag wurden in zwei Fallbeispielen die historischen Subjekte auf den Plan gerufen. Michal Pullmann (Prag) argumentierte überzeugend, dass sich Dynamiken kollektiver Proteste nicht mit objektiv rekonstruierbaren sozioökonomischen Lagen erklären lassen, hingegen auf eine Reflexivität der historischen Subjekte gegenüber ihrem Handeln nicht verzichtet werden kann. Sandra Dahlke (Hamburg) zeigte am Beispiel des Stalinkultes, dessen Prägekraft sich bis in private Aufzeichnungen fortsetzte, welche Bedeutung den sozialen Bedingungen des Sprechens zukommt und wie die Tagebücher des hohen Parteikaders Jaroslavskij als Medien der Selbstdisziplinierung und Selbstvergewisserung gelesen werden können.

Den Abschluss am Samstagvormittag machte Matthias Middell (Leipzig) mit einem Referat zu den „Meistererzählungen“. Middell schilderte, wie das in den USA in den 1970er Jahren angesichts der Fragmentierung der Geschichtsschreibung und im Kontext der Narrativitätsdebatte entwickelte Konzept der master narratives in den 1990er Jahren in den ganz anders gelagerten Kontext des wiedervereinigten Deutschlands transferiert wurde und schließlich auf die geschichtlichen Gesamtdarstellungen, an denen es zur deutschen Geschichte gerade in neuerer Zeit nicht mangelt, fokussiert wurde.

Eine „Meisterzusammenfassung“ des Sommerkurses war in der anschließenden Abschlussdiskussion nicht gefragt, was sicher auch an der spürbaren Müdigkeit der Teilnehmenden nach fünf und ein halb Tagen intensiver Debatten lag. Aber nicht nur: Die Diskussionen während des Kurses wiesen deutlich in die Richtung, dass kaum mehr Bedarf nach ausschließenden theoretischen Grundsatzdebatten besteht. Vielmehr wird ein pragmatischer Zugang gepflegt, der eine Pluralität der Ansätze akzeptiert, Theorieangebote undogmatisch nutzt und für den eigenen Untersuchungsgegenstand und das eigene Erkenntnisinteresse fruchtbar macht. Dass dieser Pragmatismus nichts mit Beliebigkeit zu tun hat, zeigt der hohe Stellenwert, welcher der Reflexivität auf die eigene Arbeitsweise zugewiesen wird. Ein noch wenig beachtetes Problem entsteht allerdings dann, wenn diese Perspektivenvielfalt in Unterricht und Öffentlichkeit vermittelt werden soll. Welche Formen der Komplexitätsreduktion vertragen sich mit einer kulturhistorischen Herangehensweise?

Anmerkung:
[1] Peter Schöttler: Wer hat Angst vor dem „linguistic turn“?, in: Geschichte und Gesellschaft, 23/1997 (1), S. 134-151.