Zwischen Schande und Ehre. Erinnerungsbrüche und die Kontinuität des Hauses. Legitimationsmuster und Traditionsverständnis des frühneuzeitlichen Adels in Umbruch und Krise

Zwischen Schande und Ehre. Erinnerungsbrüche und die Kontinuität des Hauses. Legitimationsmuster und Traditionsverständnis des frühneuzeitlichen Adels in Umbruch und Krise

Organisatoren
Martin Wrede und Horst Carl, Historisches Institut der Justus-Liebig-Universität - SFB 434 "Erinnerungskulturen", Gießen
Ort
Mainz
Land
Deutschland
Vom - Bis
04.10.2005 - 06.10.2005
Von
Sonja Kmec, Université du Luxembourg

Vom 4. bis zum 6. Oktober 2005 wurde im Rahmen des SFB "Erinnerungskulturen" der Universität Gießen eine Tagung über adlige Erinnerungskulturen veranstaltet. Das Programm war dicht gefüllt mit zweiundzwanzig wissenschaftlichen Beiträgen aus ganz Europa (mit deutlichem Schwerpunkt auf dem nördlichen Raum) sowie Abschlusskommentaren und –diskussionen von führenden Frühneuzeithistorikern.

In seiner Einleitung stellte Martin Wrede (Gießen) den Adel als Erinnerungsgemeinschaft par excellence vor. Am Beispiel der wegen Hochverrat hingerichteten Grafen von Egmont und Horn (1568), Marschall von Biron (1602) und Herzog von Montmorency (1632), warf Wrede die Frage nach einem Wandel der Inszenierung von "Schande" auf. Die Milderung der Schande durch den Tod im Büßergewand mag im 16. und 17. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen haben, allgemein gültig war dieser Handlungswandel jedoch nicht [1]. Ehre, die auf der adligen Freiheit gegenüber dem Monarchen beruht, wurde hingegen grundlegend umgedeutet und eigenmächtiges Handeln gegen die Interessen der Krone wurde zum Ende des 17. Jahrhunderts allgemein verurteilt [2]. Generell gesehen stellt sich das Problem der Umdeutungen von "Ehre" im Bezug auf gesellschaftlichen Wertewandel sowie politische und konfessionelle Umbrüche. Wrede postulierte demgemäß die Anerkennung der Familiengeschichte des frühneuzeitlichen Adels als politische und soziale Kulturgeschichte.

Ausgehend von der Feststellung, dass Memoria und Familienkontinuität für den frühneuzeitlichen Adel in hohem Maße identitätsstiftend waren, warf die Veranstaltung die Frage der Bewältigungsstrategien von Erinnerungsbrüchen auf. Eine erste Sektion beschäftigte sich mit Erinnerungskrisen persönlicher Natur und der Frage, auf welche Weise "schwarze Schafe" der Familie in die Ahnengalerie integriert werden konnten. Die zweite Sektion untersuchte wie politische oder konfessionelle Brüche in das kollektive Gedächtnis integriert wurden. Die dritte Sektion befasste sich schließlich mit den Erinnerungsstrategien vom Aussterben bedrohter Linien und den Erinnerungskonstruktionen der ihnen nachfolgenden Adelshäuser. Die Beiträge sollten außerdem Aufschluss darüber geben, ob der "europäische Adel" in der frühen Neuzeit strukturelle Gemeinsamkeiten aufweist und somit vergleichbar ist, oder ob man allenfalls von einem "Adel in Europa" sprechen kann.

Erste Sektion: "Schwarze Schafe": Unehre und Wertewandel

Alastair Bellany (Rutgers) zeigte am Beispiel des Duke of Buckingham, dass die starke Deutungskonkurrenz, die schon zu seinen Lebzeiten bestand, nach der Ermordung des Dukes 1628 nicht abnahm. Die Verteidiger der Ehre von George Villiers hatten zwar alle Mühe ihre Texte drucken zu lassen, so stark war die öffentliche Abneigung gegenüber dem ehemaligen Favoriten, aber im Streitdialog mit den Gegnern Villiers gelang es seiner Witwe, ein divergentes Bild des Verstorbenen durch Grabmäler und Familienporträts zu vermitteln. Die bildliche Darstellung einer vermeintlichen "Schande" und deren Umwandlung wurde auch in dem Vortrag von Katia Béguin (Paris) aufgezeigt. Um den Verrat des Prinzen von Condé während der Fronde zu übertünchen, griff sein Nachfahre, Henri-Jules de Bourbon, eine orginelle Lösung auf: die "prétérition" (Paralipse). Die Bildergalerie in Chantilly musste Condés Siege für Spanien zeigen, um der Kontinuität seiner Karriere keinen Abbruch zu tun. Der Verrat wird demnach gezeigt, aber als Irrtum drapiert und Condé wird in der Rolle des Reumütigen dargestellt. Seine Rehabilitation von 1659 erscheint damit als logische Folge seiner Reue, und nicht als eine von Spanien erzwungene Friedensklausel.

Die Darstellung der "Schande" Max Emanuels in der bayrischen Historiografie, das Bündnis mit Frankreich, für das der Kurfürst 1706 mit der Reichsacht bestraft wurde, beleuchtete Johannes Arndt (Münster). Dabei wurden verschiedene Interpretationsmuster (plots) aufgezeigt. So wurde der Geächtete von der patriotischen Geschichtsschreibung mit dem bayrischen Volk identifiziert, während er später als gesamteuropäischer Akteur verstanden wurde. Die Reichsächtung wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für "moralisch richtig" erklärt und die Zwiespältigkeit der Bayern ihrem Fürsten gegenüber quellenmäßig belegt. Esteban Mauerer (München) gab ein weiteres Beispiel für ein Bündnis mit dem Feind, das vergessen werden sollte. Auf Standeserhebung bedacht, konstruierten die Grafen von Meßkirch und Stühlingen ein Kontinuum der militärischen Treue dem Reich gegenüber. Dabei stützten sie sich auf genealogische und historische Werke, die die Taten der untreuen Egoniden ausklammerten, neutralisierten und durch kaisertreue Erzählungen anderer Familienmitglieder kompensierten. Vergessensstrategien lassen sich auch bei der Familie Razumowskij belegen, die ihre kosakische Herkunft am Hof der Zarin Elisabeth herunterspielte, und gleichzeitig ihren Aufstieg dank des Wertewandels der "petrinischen Revolution" erarbeitete, wie die Analyse von Jan Kusber (Mainz) deutlich machte. Michael Sikoras (Münster) Beitrag zeigte, dass auch Mesalliancen, wie jene des Hauses Anhalt, sowohl juristisch wie auch symbolisch neu interpretiert werden mussten.

Im Abendvortrag verdeutlichte Eckart Conze (Marburg) die Zeitabhängigkeit positiver und negativer Wahrnehmungen (Helden und Verräter) am Beispiel der Wahrnehmung politischer Aktivität im deutschen Adel des 20. Jahrhunderts. Der Adelskodex der Zwischenkriegszeit berief sich auf den Topos der "Treue" und den "unpolitischen" Charakter des Adels. Beides waren disziplinierende, die persönliche "Ehre" untermauernde Charakterzüge, die demokratischem Pluralismus entgegenwirkten. Adlige Widerständler, die während des Zweiten Weltkrieges als "Verräter" moralisch verdammt wurden, wurden nach 1945 zu Identifiktationsfiguren für den gesamten Adel. Dies geschah sowohl in der DDR, wo Adlige ihren gesamten Besitz und ihr soziales Prestige verloren hatten und sich ihre Familienidentität nur noch auf Erinnerung stützen konnte, wie auch in der BRD, wo die Ehrung des Widerstandsgruppe des Zwanzigsten Juli implizit einer Würdigung des gesamten Adels gleichkam.

Zweite Sektion: Brüche, Krisen, Katastrophen: Konfession und Politik

Siegrid Westphal (Osnabrück) zeigte, wie die Ernestiner sich, trotz des Verlustes der sächsischen Kurwürde im Jahre 1547, bis zum Ende des 18. Jahrhundert als die wahren Kurfürsten verstanden und dies durch das Hervorstreichen ihrer konfessionellen Identität zu legitimieren suchten. Religiöse Identität war dagegen nicht das Hauptanliegen der englischen Familienmemoiren und Chroniken, die von Felicity Heal (Oxford) präsentiert wurden. Mit Ausnahme von einigen hagiografischen Werken, beschäftigten sich die meisten "Ratgeber" wenig mit Reformation oder Bürgerkrieg, sondern gaben vor allem Auskunft über Abstammung und Besitz, sowie praktische Ratschläge für Heiratsallianzen und zum ökonomischen Überleben.

In Frankreich hingegen stellten die Religionskriege durchaus ein Problem für das Familiengedächtnis dar, das sich zweihundert Jahre später in La Chesnaye-Desbois' Dictionnaire de la noblesse widerspiegelte. In seiner Untersuchung unterschied Laurent Bourquin (Le Mans) zwischen drei Bewältigungsstrategien: der Verherrlichung von katholischen, königstreuen Vorfahren; der Verdrängung von protestantisch motivierten Taten; und der Rechtfertigung von katholischem Fanatismus bei gleichzeitiger Abschwächung des politischen Widerstandes gegenüber dem König. Die Historizität des Gedächtnisses hob auch Hans-Jürgen Bömelburg (Lüneburg) in seinem Vortrag über den polnisch-litauischen Adel hervor. Wie Bourquin zeigte auch er, dass katholischer Widerstand gegen die Krone leichter umzudeuten war als konfessioneller "Irrtum". Der Pluralität der Verhaltensweisen im 16. und 17. Jahrhundert entspricht eine spätere relative Konformität der Erinnerung, wenngleich der Kampf um Deutungshoheit weiterging.

Toby Barnard (Oxford) skizzierte die Schwierigkeit des ersten und zweiten Duke of Ormonde ihre Königstreue mit der Verwaltung ihrer Ländereien in Irland zu vereinen. Die "Glorious Revolution" wurde den Ormondes nicht zum Verhängnis, da Heiratsallianzen mit Oranien bestanden; die Flucht vor seinen Gläubigern zwang den zweiten Duke jedoch ins kontinentale Exil, wo er sich in Jacobitische Verschwörungen verstrickte.

Václav Bužek (Budweis) analysierte das Selbstverständis des böhmischen Adels nach der Zäsur von 1620. Die Emigration und Konfiskation der Güter von protestantischen Adligen ermöglichte den Aufstieg "neuer", habsburgtreuer Familien, die mit heraldischer Symbolik an alteingesessene Häuser anzuknüpfen suchten. Der "alte" Adel seinerseits demonstrierte die Kontinuität seiner Treue gegenüber den jeweiligen Landesherren. Eine politische Zäsur bildete auch den Ausgangspunkt des Beitrags von Erich Pelzer (Mannheim). Nach 1648 erhielt der elsässische Adel neue Aufstiegschancen am französischen Hof und konnte sich den Handlungsspielraum, der sich zwischen Frankreich und dem Reich auftat, zu Nutzen machen, wenn auch nicht auf Dauer. Die vormalige Treue zu Habsburg wurde nicht als "Schande" angesehen. Im Gegenteil, die Kontinuität der Treue zum jeweiligen Landesherrscher wurde, wie auch im böhmischen Fall, zur Familienreferenz.

Die deutschen Ritterschaften im nördlichen Estland, Livland und Kurland, über die Erwin Oberländer (Mainz) referierte, verstanden es, ihre Privilegien unter wechselnder Landesherrschaft (Polen-Litauen, Schweden, Russland) zu bewahren. Dabei schuf man sich ein Traditionsverständnis, das auf der Fiktion der "freien Wahl" der Landesherrschaft beruhte. Externer Wandel wurde durch interne Stabilität (Endogamie, Erinnerungsgemeinschaft) kompensiert.

Hélène Germa-Romann (Montpellier) definierte "Ehre" als das Aufeinandertreffen von Handlung und Publikum [3]. Unter Berufung auf Billacois zeigte die Referentin, wie durch königliche Verbote und Werteumdeutungen das Duell an "Ehre" verlor [4]. Laurent Bourquin wies in der nachfolgenden Diskussion allerdings darauf hin, dass noch im 18. Jahrhundert die Erinnerung an Familienduelle als "preuve de noblesse" gelten konnte.

In seinem Vortrag über die Erinnerung an die Kapitulation von 1806 zeigte Ewald Frie (Essen) auf, wie diese "Katastrophe" in den Familiengeschichten des preussischen Adels als "unglücklich" gedeutet wurde. Anders als in der bürgerlichen Historiografie wurde 1806 von der adligen Geschicht(en)schreibung als "nicht notwendig" gedeutet. Außerdem stand "unglücklich" für "nicht schuldig" und "der menschlichen Verantwortung enthoben". Diese Bewältigungsstrategie entsprach nicht dem Vergessen, sondern eher dem von Béguin geprägten Begriff der Paralipse. Claude-Isabelle Brelot (Lyon) unterstrich die Vielfalt der adligen Erinnerung an die französische Revolution, die sich keineswegs auf kontrarevolutionäres Gedankengut reduzieren lässt. Anhand von Familienmemoiren, privaten Briefen, öffentlichen Anfragen und Gerichtsprozessen veranschaulichte Brelot die Anpassungsfähigkeit des französichen Adels. Um die Standesidentität zu reaktivieren, die von Armut, Lohnarbeit und Autoritätsverlust untergraben worden war, suchte man vielfach nach einer fiktiven Kontinuität der Familienerinnerung.

Dritte Sektion: "finir sa maison". Adelshäuser sterben aus

Der Vortrag von Martin Wrede (Gießen) zeigte am Beispiel von Charles de Croy-Arschot auf, wie der letzte Vertreter einer Familie seinen eigenen Nachruhm und das Überleben der Familienerinnerung zu sichern suchte. Aufwendige Schlossbauten, einschließlich einer Nekropole, sowie der Druck von detaillierten Genealogien, Memoiren und Inventaren waren Teil dieser Strategie. Auf der anderen Seite wurde die Erbfolge genauestens festgelegt. Trotz einer letzten Änderung des Sukzessionsrechtes zugunsten einer Nebenlinie gelang es der Schwester Croys, den Besitz zu übernehmen und sich selbst als Bindeglied der Häuser von Croy und Arenberg zu inszenieren. Die Überlebensstrategien adliger Familien in Böhmen war das Thema des Beitrags von Pavel Král (Budweis). Dabei ging es um konkrete Maßnahmen, um Kinderlosigkeit zu überwinden und das memorielle Überleben zu sichern. Am Beispiel der Familien Rožmberk, Švamberk und Pernštejn, untersuchte Král, wie Stiftungen und Grabmäler diesem Zweck dienen sollten.

Christian Wieland (Freiburg) beschäftigte sich mit den letzten Medicis, Cosimo III. und Gian Gastone. Vergeblich versuchten die Großherzöge von Toskana das drohende Aussterben durch eine Änderung des Erbfolgerechtes zugunsten von weiblichen Nachfolgerinnen zu verhindern. Dem gleichen Zweck diente auch die Wiederbelebung der autarken Stadtrepublik Florenz und die politische Annäherung an Rom. Cosimos religiöse Gesetzeserlasse waren Teil einer Strategie der Buße, wurden aber nach dem Ende der Medicis als Bigotterie interpretiert. Die Medicis wurden zur Negativfolie für die nachfolgenden Habsburg-Lothringer, die erfolgreich als Freiheitsträger und Modernisierer auftraten. Eine ähnliche Negativfolie bildete der letzte König aus dem Hause Valois, Heinrich III., für die nachfolgende Dynastie der Bourbonen. Nicolas Le Roux (Paris) zeigte sowohl das Selbstbild Heinrichs III. auf, wie auch das Bild des Tyrannen und Satans, das die Ligueurs in Umlauf brachten und das Dilemma, das sich Heinrich IV. nach der Ermordung seines Vorgängers offenbarte. Der Mörder wurde öffentlich bestraft, der König jedoch diskret begraben und erst nach dem Tode des ersten Bourbonen in die königliche Nekropole von Saint Denis überführt. Die dynastische Kontinuität musste gewahrt werden, gleichzeitig aber musste ein Neuanfang hergestellt werden, der sich nur bedingt auf die offizielle "Amnesie" der Religionskriege stützen konnte.

Abschlusskommentare

Christophe Duhamelle (Göttingen) unterstrich die Zeitgebundenheit der adligen "Ehre", die die Grenzüberschreitungen der "schwarzen Schafe" illustriere, seien sie sozialer Natur (Emporkömmlinge), politisch motiviert (Treuebrüche) oder als Abweichung der Norm (sexuelle Devianz) ausgelegt. Eine wichtiges Untersuchungsgebiet bilden die Instanzen: wer entschied über (Un)ehre? Der Mythos des autonormativen Adels wurde in dieser Tagung widerlegt: Werteumdeutungen fanden nicht nur innerhalb der Familie statt, sie wurden auch durch externe Instanzen wie Kaiser und König (Standeserhebung, Auszeichnungen, Reichsacht) oder auch durch die Öffentlichkeit und konkurrierende adlige Familiengeschichten erzwungen. Da Vergessen oft nicht möglich war, setzte ein "Verschieben" der Erinnerung zu Gunsten der individuellen Rehabilitation (Bellany), sowie zu Gunsten der politischen Kontinuität (Béguin, Arendt) ein, oft mit Bezug auf das Jenseits, wie es das vielzitierte Erinnerungsmedium des Grabmals zeigt.

Ronald G. Asch (Freiburg) bekräftigte und differenzierte die Rolle der Instanzen. In Frankreich besaß die Krone die Deutungshoheit über (Un)ehre, in Polen oder Russland war das nicht der Fall. Im Reich war der Kaiser zwar eine Instanz, aber man sollte das Gewicht des Reichsfürstenstandes und der Konfessionsgemeinschaften nicht unterschätzen. "Schande" war vor allem Feigheit und militärisches Versagen (Frie). Widerstand gegen den Monarchen war eher zu entschuldigen als konfessioneller "Irrtum", da Religion Teil des "Identitätskapitals" des gesamten Standes wurde; so im Frankreich des 18. Jahrhunderts und in Polen und Böhmen ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wie einige Beiträge gezeigt haben, unterhält adlige Geschicht(en)schreibung ein sehr ambivalentes Verhältnis zur nationalen Geschichtsschreibung, ein Thema, das es noch zu vertiefen gilt.

Thomas Winkelbauer (Wien) ging auf die Wichtigkeit des veränderten Erbrechts bei den Croy, Medicis und Valois ein, sowie auf die konkreten Maßnahmen, die der Kinderlosigkeit entgegen treten sollten. Das Aussterben einer Linie wurde oft kamoufliert durch manipulierte Genealogien, deren Objektivität auch von Historikern oft überschätzt wird. Sowie Familiengeschichten bilden sie jedoch eine außerordentlich ertragreiche Quelle für die Erforschung von Gedächtniskonstruktionen.

Fazit

Die Historizität von Wahrnehmung sei kein historiografisches Neuland, aber man müsse ihr noch deutlich mehr Beachtung schenken, schlussfolgerte Eckart Conze in seinem Abendvortrag. Dieser Hinweis lässt sich auf die gesamte Tagung übertragen, die sich die Historizität von Erinnerung zum Thema gemacht hatte. Auch wenn in einigen Beiträgen das eigentliche Benehmen der adligen Protagonisten sich manchmal in den Vordergrund drängte, so wurde doch klar gezeigt, wie individuelle Handlungen in der Memoria unterschiedlich gedeutet werden können. "Ehre" erschien dabei weniger als soziale Praxis denn als symbolisches Kapital und "Schande" als eine Zuschreibung von außen. "Schwarze Schafe" wurden meist erst im Nachhinein zu solchen: aus einem individuellen Problem erwuchs ein strukturelles für das Familiengedächtnis, und vergangene "Fehler" mussten umgedeutet werden. Bei der Erforschung dieser "konkurrierenden Vergangenheiten" kam allerdings das Vergessen zu kurz. Vergessensstrategien wurden zwar mitunter angeschnitten, aber das methodologische Problem, wie die Vorgehensweise an ein solches Nicht-Thema aussehen könnte, blieb ausgeklammert. Auch die geschlechterspezifische Relativität von "Schande" und "Ehre" wurde in dieser Tagung nicht aufgegriffen, auch wenn ursprünglich ein Beitrag von Michael Wenzel (Stendal) das Thema hätte anschneiden sollen. Weiter differenziert werden muss in der Zukunft auch der Unterschied zwischen dem Erinnerungsverhalten von Adel einerseits und Fürsten andererseits, wie R.G. Asch und E. Frie unterstrichen. Fest stand, dass man den "europäischen Adel" durchaus vergleichend studieren kann, da die Erinnerungsproblematik strukturelle Ähnlichkeiten aufzeigt: wichtig war nicht, an was man sich erinnerte, sondern dass man sich erinnerte.
Die Dynamik von Deutungskonkurrenzen wurde in dieser Tagung durch die Untersuchung von Erinnerungsbrüchen viel deutlicher hervorgestrichen, als das in traditionellen Studien der Memoriapflege der Fall ist. Somit wurde ein erheblicher Beitrag zur Erforschung von frühneuzeitlicher Adelskultur sowie zur Analyse von Erinnerungsmechanismen geleistet.

Anmerkungen:
[1] Hélène Germa-Romann, Du 'bel mourir' au 'bon mourir', le sentiment de la mort chez les gentilshommes français 1515-1643 (Genève: Droz, 2001)
[2] und
[3] Arlette Jouanna, Le devoir de révolte (Paris: Fayard, 1989).
[4] François Billacois, Le duel dans la société française des XVIe-XVIIe siècles. Essai de psychologie historique (Paris: Editions de l'EHESS, 1995).


Redaktion
Veröffentlicht am
03.11.2005
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