Protestantismus und soziale Bewegungen in den 1960er und 70er Jahren

Protestantismus und soziale Bewegungen in den 1960er und 70er Jahren

Organisatoren
Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte
Ort
Tutzing
Land
Deutschland
Vom - Bis
24.10.2005 - 26.10.2005
Von
Nora Andrea Schulze, Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte

Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte feiert in diesem Jahr ihr 50jähriges Bestehen. 1955 wurde sie vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland zunächst als „Kommission für die Geschichte des Kirchenkampfes“ ins Leben gerufen. Seit der 1971 erfolgten Umbenennung hat sie ihre Forschungsperspektive beständig erweitert. Ausgehend von der Erforschung der NS-Zeit kamen zunächst die Weimarer Republik und die unmittelbare Nachkriegszeit in den Blick, seit der deutschen Wiedervereinigung verstärkt auch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nachdem inzwischen mehrere komparatistische Studien zur Geschichte der evangelischen Kirche im geteilten Deutschland erschienen sind, soll künftig die Erforschung der Wechselwirkungen zwischen dem Protestantismus und den sozialen Bewegungen in den 1960er und 1970er-Jahren im Mittelpunkt stehen. Die aus Anlass des Jubiläums am 25. und 26. Oktober 2005 in der Evangelischen Akademie Tutzing abgehaltene Fachtagung sollte den künftigen Rahmen der Forschungsarbeit der Arbeitsgemeinschaft skizzieren und Impulse für die weitere Forschung geben.

Die Themenstellung wurde in vier Sektionen behandelt. In der ersten Sektion „Historischer Rahmen und methodische Grundlagen“ referierten Hugh Mc Leod (Birmingham) über „‚Religion‘ im Europa der 1960er-Jahre“, Wolf-Dieter Hauschild (Münster) über „Evangelische Kirche und Theologie in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1961 und 1979“ und Dieter Rucht (Berlin) über „Soziale Bewegungen in den 1960er und 70erJahren in der Bundesrepublik“. Mc Leod forderte für die Erforschung der 1960er-Jahre die Verbindung narrativer, kultureller und sozialer Forschungsansätze und bestritt die These, dass sich dieser Zeitraum ausschließlich als Säkularisierung verstehen lasse. Nach Phasen eines kritischen religiösen Interesses und optimistischer Reformhoffnungen sei es erst in den Radikalisierungen der späten 60er Jahre zu einer Krisenzeit für die Kirchen gekommen. Hauschild konstatierte, dass sich noch kein gültiges Gesamtbild der 1960er und 1970er-Jahre entwerfen lasse. Der Zeitraum vom Mauerbau bis zum Nato-Doppelbeschluss, in dem sich der Einfluss der neuen sozialen Bewegungen noch auf Randgruppen und Teilbereiche beschränkt habe, sei als „Inkubationszeit“ einer langfristigen Veränderung der Kirche zu betrachten, die sich erst später voll ausgewirkt habe. Aus der Vielfalt historischer Teilentwicklungen griff Hauschild unter anderem die Bedeutung des ökonomischen Faktors für den kirchlichen Strukturwandel und die Frauenordination heraus. Rucht stellte Methode und Ergebnisse der Protestereignis-Analyse vor, nach der die Zahl der Proteste 1968/69 deutlich zugenommen habe, die Teilnehmerzahlen gegenüber früheren Massenprotesten jedoch gesunken seien. Die signifikante Zäsur der Außerparlamentarischen Opposition habe zwar keine institutionellen Folgen gehabt, aber bis in die neuen sozialen Bewegungen hineingewirkt, unter deren Einfluss es dann zu tiefgreifenden Strukturveränderungen gekommen sei.

In der zweiten Sektion über „Beziehungsfelder“ zwischen Protestantismus und sozialen Bewegungen analysierte Angela Hager (Erlangen) das Verhältnis von westdeutschem Protestantismus und Studentenbewegung, das sich zwischen Gleichgültigkeit, Antipathie und Syntheseversuchen bewegt habe. Als Beispiel für die kirchliche Adaption der Studentenbewegung verwies Hager auf Strukturveränderungen und Reformgruppen innerhalb der bayerischen Landeskirche. Im Mittelpunkt des Vortrags von Marc-Dietrich Ohse (Hannover) stand die Rezeption des „Prager Frühlings“ im ostdeutschen Protestantismus. Der „Prager Frühling“ habe große Hoffnungen auf eine Reformfähigkeit des Sozialismus geweckt, die durch die Intervention vom 21. August 1968 zerstört worden seien. Dennoch sei die Diskussion über Grundlagen und Perspektiven sozialistischer Gesellschaftsentwürfe in den ostdeutschen Kirchen weitergeführt worden und habe zu grundlegenden Auseinandersetzungen um die Selbstverortung der Kirchen geführt. Die dabei entwickelten Formeln wie „Kirche im Sozialismus“ hätten jedoch nicht als Distanzformeln, sondern nur als Koexistenz- und Konfliktformeln getaugt. Helga Kuhlmann (Paderborn) rekapitulierte die Entwicklung des Frauenpfarramtes. Der Prozess zur Frauenordination und damit zur vollen Gleichstellung von Theologinnen, der sich zwischen 1958 und 1978 vollzogen habe, sei von der allgemeinen Frauenbewegung nicht wahrgenommen worden. Die kirchliche Frauenbewegung habe erst Ende der 1970er-Jahre an Bedeutung gewonnen, wodurch auch eine stärkere Institutionalisierung ihrer Anliegen ermöglicht worden sei. Aus dem Kontext der Frauenbewegung herausgelöst sehen wollte Simone Mantei (Wiesbaden) die „sexuelle Revolution“. In den 1960er-Jahren seien bislang geltende Normen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene in Frage gestellt worden, was neben radikalen Forderungen nach freier Liebe zu einer bürgerlichen Sex-Revolution und zur Reform des Sexualstrafrechts geführt habe. Dabei habe sich die evangelische Kirche den gesellschaftlichen Entwicklungen weit weniger verschlossen als die katholische. Die Zeit von 1965 bis 1975 sei von der Spannung zwischen institutionsgebundener Normenstruktur und individueller Selbstbestimmung geprägt gewesen. Die Ökumene und die „Dritte Welt“ nahmen Reinhard Frieling (Marburg) und Roland Spliesgart (München) in den Blick. Nach Frieling ist von der 4. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) 1968 in Uppsala das Signal zu einer Theologie der Erneuerung der Welt ausgegangen. Dabei habe sich eine perspektivische Umorientierung angebahnt, für die unter anderem das Antirassismusprogramm, der konziliare Prozess und die Befreiungstheologie stünden. Spliesgart erläuterte die Entstehung des Begriffs „Dritte Welt“, die vorwiegend von lateinamerikanischen Theologen entwickelten kontextuellen Theologien und die Rezeption von „Dritte-Welt-Theologien“ in Deutschland. Während sich die kirchliche Basis für die Dritte Welt engagiert habe, seien befreiungstheologische Ansätze im akademischen Milieu meist auf Ablehnung gestoßen. Spliesgart plädierte für eine kritische Aufarbeitung der Befreiungsbewegungen, die konzeptuelle Weiterentwicklung anstehender Fragen auf internationaler Ebene und die vermehrte Durchführung von Lokalstudien.

In der dritten Sektion referierten Harald Schroeter-Wittke (Paderborn), Claudia Lepp (München) und Norbert Friedrich (Düsseldorf) über „Institutionen und Personen“. Nach Schroeter-Wittke kann der Deutsche Evangelische Kirchentag in den 1960er-Jahren nicht als soziale Bewegung beurteilt werden; seit 1973 habe sich mit dem Format der „Liturgischen Nacht“ und dem Kommunikations- und Informationszentrum – ab 1975 „Markt der Möglichkeiten“ – aber dauerhaft eine soziale Bewegung verankern können. Der Kirchentag habe sich vor allem deshalb zu einer sozialen Bewegung entwickelt, „weil und insofern er durch seine partizipatorischen Formate eine popkulturelle Erscheinung“ geworden sei. Lepp arbeitete anhand von vier Themenfeldern (Sozialismus und Demokratie, Gewalt und Gegengewalt, Israel und Antizionismus und Sexualität und Liebe) die Konsens- und Konfliktpunkte im Dialog zwischen Helmut Gollwitzer und den sozialen Bewegungen heraus. Als Motor des christlich-jüdischen Dialogs und Verteidiger des Existenzrechts Israels, für das er aus theologischen, historisch-moralischen und politischen Motiven eintrat, habe sich Gollwitzer zum Beispiel entschieden gegen den Antizionismus der radikalen Linken gestellt. Auf die „sexuelle Revolution“ der antiautoritären Linken habe er hingegen mit dem Entwurf einer Sexualethik geantwortet, die christliche Orientierung für partnerschaftliche Zweierbeziehung in Zeiten des kulturellen Wandels gab. Nach Friedrich hat Helmut Thielicke im Gegensatz zu Gollwitzer kaum Verständnis für die sozialen Bewegungen aufgebracht und sich als scharfer Gegner der Studentenbewegung erwiesen. Als Verteidiger der Ordinarienuniversität habe er die „Studentenrevolte in Universität und Kirche“ mit dem Nationalsozialismus verglichen und als „historische Zäsur“ betrachtet, „nach der es zum Niedergang der deutschen Universitäten kam“.

Die vierte Sektion befasste sich mit „Strukturen und Frömmigkeitsformen“. In seinem Vortrag „Dorothee Sölle, das ‚Politische Nachtgebet‘ und die Folgen“ bezeichnete Peter Cornehl (Hamburg) das 1968 in Köln entstandene Gebet als Beitrag der Kirche zur 1968er-Bewegung. In wenigen Jahren sei eine neue linke christliche Tradition jenseits der ESG entstanden, in deren Zentrum Dorothee Sölle gestanden habe. Das „liturgiegeschichtliche Programm der Politisierung der Gewissen“ sei 1973 durch die „Liturgische Nacht“ abgelöst worden, die den Gottesdienst als Fest und Feier wiederentdeckt habe. Jan Hermelink (Göttingen) referierte über „Veränderungen in den Kirchen- und Gemeindestrukturen“ und stellte dabei die Differenz zwischen den Kirchenreformforderungen der 1960er-Jahre und den seit den 1970er-Jahren erfolgten Strukturveränderungen heraus. Es habe eine ekklesiologische Transformation nach dem Prinzip der strukturellen Addition stattgefunden, die sich in Form von Regionalisierung, Professionalisierung, Demokratisierung und Bürokratisierung vollzogen habe. Auf Grund der aktuellen kirchlichen Finanzlage sei diese Entwicklung mittlerweile an ihr Ende gekommen. Peter Bubmann (Erlangen) hob in seinen Ausführungen über „Wandlungen in der kirchlichen Musik“ den epochalen Bruch hervor, der sich in den 1960er und 1970er-Jahren im kirchenmusikalischen Verhalten, System und Repertoire vollzogen habe. Kennzeichnend dafür seien die Kritik an der zuvor dominierenden Bewegung der „Kirchenmusikalischen Erneuerung“ sowie der Wunsch nach Einführung von Avantgarde und Popularmusik. Durchgesetzt habe sich jedoch nur die Popularmusik. Insgesamt sei es in den 1960er und 1970er-Jahren zu einer Pluralisierung der musikalischen Frömmigkeit und der kirchenmusikalischen Szene gekommen. Siegfried Hermle (Köln) untersuchte die Frage, inwiefern die evangelikale Bewegung als Gegenbewegung zu beurteilen ist. Diese Bewegung habe sich in der Tradition der Bekennenden Kirche und damit in der Verpflichtung gesehen, die Irrlehren der modernen Theologie abzuwehren. Nachdem sich auf landeskirchlicher Ebene vernetzte Organisationen gebildet hätten, die den Protest konservativer Gruppierungen bündelten, sei es 1973 zur Gründung des gegen den Kirchentag gerichteten „Gemeindetags unter dem Wort“ gekommen. Mangels innerer Einheit habe sich die Bewegung jedoch nicht dauerhaft als Gegenbewegung konstituieren können und sei durch die Aufweichung des protestantischen Milieus schließlich selbst zum Bestandteil einer pluralistischen Kirche geworden.

Auf Grund des forschungsstrategischen Charakters der Tagung hatte die Evangelische Arbeitsgemeinschaft Hartmut Lehmann (Göttingen) und Detlef Pollack (Frankfurt/Oder) als kritische Beobachter eingeladen. Lehmann stellte fest, insgesamt hätten die Forschungsdesiderate stärker herausgearbeitet werden müssen. Er begrüßte die Wahl des Forschungsschwerpunkts, da die 1960/70er-Jahre die Durchbruchphase der Säkularisierung darstellten, forderte jedoch, den Prozess von Pluralisierung, Polarisierung und Entzweiung sowie die gesellschaftliche Bedeutung der Entkonfessionalisierung stärker in den Blick zu nehmen. Auch Pollack betonte den grundlegenden Charakter von Modernisierung, Säkularisierung und Entkirchlichung, der bei der Behandlung der zukünftigen Fragestellungen maßgeblich zu berücksichtigen sei. Er begrüßte die problemorientierte Herangehensweise und empfahl für das weitere methodische Vorgehen die verstärkte Befragung von Zeitzeugen und die Erarbeitung komparativer Studien. Insgesamt steckten Referate und Kommentare ein Forschungsfeld ab, das zu bearbeiten zweifelsohne lohnt.


Redaktion
Veröffentlicht am
27.11.2005
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Deutsch
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