Western European Concepts of ‚Welfare', ‚Philanthropy' and ‚Charity': Changes in Meaning over Space and Time, c. 1800-1940

Western European Concepts of ‚Welfare', ‚Philanthropy' and ‚Charity': Changes in Meaning over Space and Time, c. 1800-1940

Organisatoren
Klaus Weber; David Cesarani
Ort
London
Land
United Kingdom
Vom - Bis
10.10.2005 - 11.10.2005
Von
Martin Krieger, Universität Trier

Im Rothschild Archive in London kamen am 10./11.10.2005 rund 25 Teilnehmer zusammen, um im Rahmen eines von Klaus Weber und David Cesarani (beide London) und mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung veranstalteten Workshops "Western European Concepts of ‚Welfare', ‚Philanthropy' and ‚Charity': Changes in Meaning over Space and Time, c. 1800-1940" zu diskutieren.

Die Idee einer solchen Betrachtung im Rahmen eines internationalen besetzten Workshops ging aus dem u.a. von Thyssen geförderten Forschungsprojekt "Jewish Philanthropy and Social Development in Europe, c. 1800-1940: The Case of the Rothschilds" hervor. Der Workshop spürte den durch politische und religiöse Kulturen bedingten unterschiedlichen Ausformungen philanthropischer Traditionen nach. Im Fokus standen hierbei der Einfluss politischer Denkrichtungen, religiöse und soziale Traditionen, philosophische Konzepte und das Verhältnis von staatlicher und privater Wohlfahrt, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Rolle von Staat und Kirche(n).

In seinem einführenden Vortrag "Welfare, Charity, Philanthropy: Understandings According to British, German and French Reference Books, 19th/20th Centuries" führte Klaus Weber aus, dass die Standardwerke in Großbritannien, Frankreich und Deutschland im 19. und 20. Jhdt. substantielle Unterschiede im Verständnis und den Konnotationen der Begriffe "Welfare", "Charity" und "Philanthropy" aufweisen, vor allem im Hinblick auf die praktische Umsetzung. Während entsprechendes Handeln in britischen Werken unter "Charity" geführt wird, wird der französische Begriff "Charité" in erster Linie mit den Praktiken des Ancièn Régime in Verbindung gebracht. Der in Frankreich für die neuere Zeit benutzte Begriff der "Philanthropie" wird dagegen in Deutschland fast nur auf dem Feld der Kunst- und Kulturförderung verwendet. Was hierzulande heute unter "Wohlfahrt" gefasst ist, wurde auf den Wortfeldern von "sozial" und "Sozialismus" erörtert. Diese Differenzen lassen sich auf von Katholizismus, Calvinismus und Lutheranismus und Protestantismus unterschiedlich religiös geprägte Mentalitäten, Werte und Traditionen der einzelnen Länder zurückführen. Ausgehend von quantitativen Daten zur Entwicklung des Wohlfahrtsstaates wertete Weber die innerprotestantischen Unterschiede stärker als die zwischen lutherischer und katholischer Tradition und erachtete die Prägekraft religiöser Kontraste größer als diejenige der Konsequenzen der Französischen Revolution.

Anschließend stellte Inga Brandes (Trier) das Projekt "B5: Armut im ländlichen Raum im Spannungsfeld zwischen staatlicher Wohlfahrtspolitik, humanitär-religiöser Philanthropie und Selbsthilfe im industriellen Zeitalter (1860-1975)" vor, das sich im Rahmen des SFB 600 "Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Spätantike bis zur Gegenwart" an der Universität Trier mit der Situation und den Handlungsmöglichkeiten der Empfänger von Wohlfahrtsleistungen auseinandersetzt. Am Beispiel der irischen Grafschaft Donegal und der rheinpreußischen Landkreise Bernkastel und Wittlich untersucht das Projekt konkrete Formen, Bedingungen und Grenzen der Armenfürsorge sowie ihre Veränderung durch die Etablierung neuer Instrumente der Armutsbekämpfung wie Sozialversicherungen oder Strukturpolitik. Unter einem mikrohistorischen Ansatz interessieren dabei besonders Handlungsmöglichkeiten und -strategien der von Armut betroffenen Individuen und Gruppen.

Unter dem Titel "Changing historical understandings of voluntary activity in the mixed economy of welfare" ging der Vortrag von Susannah Morris (London) von dem differenziert belegten Befund aus, dass der Blick des Historikers auf staatliche und nicht-staatliche Wohlfahrtseinrichtungen zeitbedingt ist und sich damit die Blickwinkel, Definitionen und Vorstellungen vom Untersuchungsgegenstand im Laufe des 20. Jahrhunderts verschoben haben. Andererseits haben sich aber auch die Konzepte und Vorstellungen im historischen Prozess selbst verändert. Als Ausweg aus dem epistemologischen Dilemma bot Morris ein kategoriales Untersuchungsraster an, das staatliches und verschiedene Formen privaten Engagements einbezieht. Es besteht aus dem freiwillig-privaten und/oder staatlichen Handeln, d.h. dem ‚Input' eines Überschusses an Zeit oder Finanzmitteln, und dem ‚Output' von Nutzen für Einzelne oder Gruppen, die keinen Input geleistet haben. In diesem Beobachtungsrahmen kann private Wohltätigkeit auch als eine ‚mixed economy of welfare' erkannt und historische Veränderungen ihrer Bedeutung im Rahmen einer Vielfalt der Formen sozialer Wohlfahrt untersucht und gedeutet werden. In ihrem Kommentar zu dieser ersten Sektion wendete Christiane Swinbank (Reading) ein, dass eine intensivere Einbeziehung des früheren 19. Jahrhunderts deutlich weniger Kontraste zwischen nationalen und konfessionellen Sichtweisen gezeigt hätte als von Weber postuliert. Auch bei Morris regte sie einen Vergleich der "mixed economy of welfare" mit dem älteren englischen "Poor Law" an, das auf sein Art ebenso zu einer "mixed economy" geführt habe.

Frank Hatje (Hamburg) spürte in seinem Beitrag "German Perceptions of Welfare, c. 1750-1870" der Semantik wichtiger Termini aus dem Feld der Wohlfahrt und ihren Wandlungen nach. Anhand wichtiger lexikalischer (Brockhaus, Rotteck/Welter, Zedler) und staatswissenschaftlicher (von Justi, von Mohl) Werke untersuchte er vor dem Hintergrund eines erstarkenden Bürgertums die Begriffe "Philanthropie", "Wohlfahrt/Wohltätigkeit/Wohlfahrtspflege", "Mildtätigkeit"/"Liebesthätigkeit" auf ihre Konnotationen und Verwendungen im einschlägigen Diskurs. Trotz einer gewissen Fixierung in den Diskursen auf die Rolle des Staates blieb privates Engagement in der Daseinsfürsorge unverzichtbar, und deren zentraler Bezugspunkt war bis in das Wilhelminische Kaiserreich hinein das städtische Gemeinwesen. Die untersuchten Termini stimmten in einer Ausrichtung auf ein öffentliches Wohl überein, zugleich ist in den Bedeutungsverschiebungen das Interesse erkennbar, den Staat auf eine gegenüber privatem Engagement subsidiäre Rolle zu verweisen, was in der zeitweiligen Verdrängung des Begriffs 'Wohlfahrt' zu Tage tritt. Die geringe Verbreitung religiös konnotierter Begriffe erklärte Hatje mit der Dominanz liberal- und kulturprotestantischer Strömungen im Bürgertum.

In den Mittelpunkt ihres Vortrags "Charity and French Enlightenment: La Société philanthropique" stellte Céline Leglaive (Paris) die Langzeitentwicklung der 1780 gegründeten Philanthropischen Gesellschaft in Frankreich. Sie zeigte, wie es der stark von der französischen Aufklärung beeinflussten Gesellschaft durch stetige Anpassung und Neuausrichtung ihrer konkreten Aktivitäten von klassischen Formen der Unterstützung über die Gewähr medizinischer Hilfen zu subsidiären Hilfen und zur Selbsthilfe gelingen konnte, zu einer der innovativsten und bedeutendsten nicht-religiösen Wohlfahrtseinrichtungen des Landes zu werden und bis heute durchgehend tätig zu sein.

In ihrem Kommentar zu den Vorträgen der zweiten Sektion wies Laurence Fontaine (Paris) auf die Chancen weitergehender Forschungen zu beiden Themen unter erweiterter Perspektive hin. Eine detailliertere Betrachtung und Betonung des Wandels im Ringen um die Durchsetzung von Wohlfahrtsauffassungen, wie im Vortrag von F. Hatje begonnen, ebenso wie der stärkere Blick auf die Rolle der Société Philanthropique als eine Institution, welche die Armen selbst zum Handeln brachte, erschlössen neue Erkenntnismöglichkeiten.

Luisa Levi D'Ancona (Jerusalem) eröffnete den zweiten Tag mit der Frage "What's Jewish about Jewish Philanthropy?". Dabei stellte sie vier Momente als bestimmende Determinanten jüdischen Wohlfahrtswirkens heraus. An erster Stelle sah sie das traditionelle Konzept der Zedakah, welches in seiner Entwicklung ein detailliert geregeltes Wohlfahrtswesen hervorgebracht hatte, das in autonomen Strukturen Armut innerhalb der jüdischen Gemeinschaft selbst zu bekämpfen hatte. Ein zweites Moment ist die Bedeutung philanthropischer Tätigkeit für die soziale Integration des Gebers in die umgebende nicht-jüdische Gesellschaft im Rahmen der jüdischen Emanzipation im 19. Jahrhundert. Als drittes spezifisches Moment führte Levi D'Ancona die Etablierung jüdischer Vereinigungen wie der Alliance Israelite Universelle, Anglo-Jewish Association etc. an, die Möglichkeiten boten, die Spannung zwischen internationaler jüdischer Solidarität und nationaler Bindung des Einzelnen zu lösen. Schließlich sei wohltätiges Handeln zugunsten der Gesamtgesellschaft auch als Mittel gegen antijüdische Stereotype von angeblich parasitärem Verhalten der Juden und ihre Wahrnehmung als nicht-assimilierbare Fremde zu nutzen - ein weiteres Merkmal spezifisch jüdischen Engagements. Christian Topalov (Paris) setzte sich in seinem Beitrag "French 'Bienfaisance' with a British Future: How did charity protagonists give meaning to their action in the early 3d Republic (1870-1918)?" mit den transnationalen gegenseitigen Einflüssen zwischen Wohlfahrtskonzepten auseinander. In einem methodologischen Vorwort erläuterte er seinen Versuch, einen Vergleich der Akteursperspektive zu unternehmen. Zum einen beabsichtige er, die vergleichende Wahrnehmung unterschiedlicher Wohlfahrtskonzepte durch die Akteure selber nachzuzeichnen; also welche Chancen und Risiken die Zeitgenossen in den national verschiedenen Konzepten erkannten. Zugleich gehe es aber auch darum, "nationale" Vergleiche zu Gunsten einer vergleichenden Betrachtung der unterschiedlichen Erfahrungen und Bewertungen einzelner Akteure aufzulösen. Ausgehend von der Beobachtung einer lebendigen Diskussion über Wohlfahrtsreformen im Frankreich der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts legte Topalov zunächst dar, dass eine solche Debatte zwischen konservativen und republikanischen Vertretern nur um den Preis möglich war, den unstrittigen Begriff der "Reform" für eine Weiterentwicklung des französischen Wohlfahrtswesens zu Grunde zu legen. Einigkeit herrschte über die Prinzipien einer notwendigen stärkeren Kontrolle der Empfänger und eine "wissenschaftlich" rationalisierte Auswahl und Unterstützung derselben. Hinter dieser vordergründigen Einigkeit bestanden - so Topalov - jedoch weiterhin große Unterschiede in den Zielen, die mit Reformen erreicht werden sollten. Über die Anerkennung einer Teilung nach britischen Vorbild in einen begrenzten Staatssektor der Wohlfahrt und daneben existierende freie Wohlfahrt hinaus, waren die Vorstellungen von Formen und Praktiken dieses reformierten Systems sehr verschieden. Am Beispiel der Reformer Leon Lefébure aus eher konservativ geprägten Umfeld und Max Lazard aus einer bürgerlich-republikanischen Tradition zeigte Topalov anschließend auf, wie die Reformideen beider aus ihren jeweiligen Erfahrungen angelsächsischer Wohlfahrtssysteme geprägt wurden. Dabei gelangte er zu dem überzeugenden Schluß, dass weniger "der sogenannte "Einfluß" eines Landes A auf ein Land B historisch wirksam wird, als vielmehr das Bild oder die Konstruktion von A, welches von Protagonisten in B zu eigenen Zwecken mobilisiert wird".

Im Blickpunkt der fünften Sektion standen dann Motive und Motivation von Philanthropen und Stiftern. Rainer Liedtke (Giessen) näherte sich diesem Feld in seinem Beitrag "Individual approaches to Jewish philanthropy: Members of the Warburg family compared", der die individuell variierenden Motive mäzenatischen Wirkens dreier Brüder aus der jüdischen Bankiersfamilie Warburg im Hamburg des beginnenden 20. Jahrhunderts aufwies. Dabei ließ sich - so Rainer Liedtke - weder in der persönlichen Lebensführung der Brüder, noch in den geförderten Institutionen eine deutlich jüdisch geprägte Begründung für das Mäzenatentum erkennen. In der persönlichen Lebensführung der Brüder reichte das Spektrum von der strikt religiösen Orientierung Fritz Warburgs bis zur völlig säkularisierten Lebensführung Max Warburgs, der nicht einmal mehr Bemühungen unternahm, seine Kinder dem jüdischen Glauben nahe zu bringen. Die geförderten Institutionen (Kulturwissenschaftliches Institut, Wissenschaftliche Stiftung, Kolonialinstitut und Tropeninstitut) wiesen ebenfalls keinen spezifisch jüdischen Charakter auf. In der Frage nach der Motivation folgerte Liedtke daher, es habe keine spezifisch jüdische Begründung des Mäzenatentums bestanden, sondern es sei vielmehr Ausdruck bürgerlichen Selbstverständnisses der Familie gewesen und nicht vom mäzenatischen Wirken nichtjüdischer hamburgischer Großbürger unterschieden.

Der Frage nach Motivationen und Absichten insbesondere jüdischer Stifter ging anschließend Ralf Roth (Frankfurt) anhand des Frankfurter Stiftungswesens im 19. und 20. Jahrhundert in seinem Beitrag "'The Dead's posthumous reputation' or the Creation and Destruction of Frankfurts's Foundation system during the 19th and 20th centuries" nach. Die jüdische Stiftungstätigkeit nahm im Frankfurt der späten 1870er und 1880er Jahre ihren Anfang und erreichte ihren Höhepunkt um die Jahrhundertwende. Ralf Roth führte aus, dass ein zentrales Motiv der Stifter in ihrem Wunsch bestand, die soziale und kulturelle Gestalt ihrer Heimatstadt zu formen, wobei Stiftungen nicht nur lokale Verhältnisse beeinflussen sollten, sondern die Anziehungskraft der Stadt im Ganzen stärken sollten. Hinzu kam die Absicht jüdischer Stifter, sich als Angehörige einer Minderheit in die informellen Netzwerke der Stadt einzubringen. Dies dürfte auch gelungen sein, denn immerhin hatte rund ein Drittel der Frankfurter gemeinnützigen Stiftungen einen jüdischen Hintergrund. Ein wichtiges Motiv war auch die Sorge um den eigenen Ruf nach dem Tode. Gerade letzteres brachte die Stifter zu einer massiven Ablehnung jeglicher staatlicher oder städtischer Einmischung in die Stiftungsangelegenheiten. Dennoch gelang es nur einer kleinen Zahl von Einrichtungen, ihre Stiftungsziele tatsächlich über einen langen Zeitraum dauerhaft zu verfolgen. Insbesondere städtische Bemühungen um Vereinheitlichung der Armenpflege, die für Stiftungsvermögen katastrophale Hyperinflation der 20er Jahre und schließlich die politische Repression und der verstärkte bürokratische Zugriff unter den Nationalsozialisten hätten schließlich zu einer weitestgehenden Zerstörung der jüdischen Stiftungslandschaft in Frankfurt geführt.

Ausgehend von der Frage des Kommentators Peter Mandler (Cambridge), ob angesichts ähnlicher Erscheinungen im europäischen Vergleich nicht doch von einer spezifisch "jüdischen" Philanthropie gesprochen werden könne, gelangten die Anwesenden in der anschließenden Diskussion zu der Ansicht, dass - jenseits der Mannigfaltigkeit individueller Motivationen - durchaus religiöse und kulturelle Prägungen erkennbar sind, deren Einfluss jedoch beim derzeitigen Forschungsstand noch nicht angemessen bewertet werden kann.

In der letzten Sektion richteten die Vortragenden den Fokus auf Begriffe und Konzepte philanthropischen Handelns. Der Vortrag von Tamara Stazic-Wendt und Katrin Marx (beide Trier) widmete sich unter dem Titel "Perceptions of the undeserving poor in german rural communities between the 1880s and the 1930s" der semantischen Analyse von Korrespondenz aus dem Kontext der Beantragung Armenfürsorge. Dabei stellten die Referentinnen zunächst eine im Sonderforschungsbereich 600 an der Universität Trier entwickelte internetbasierte Datenbankumgebung vor, welche sowohl individuelle als auch projektübergreifende Arbeiten aller am SFB beteiligten Projekte an einem gemeinsamen Quellencorpus erlaubt. Neben der gemeinsamen Arbeitsplattform bietet diese Datenbank zugleich die Möglichkeit einer dauerhaften Quellen- und Ergebnissicherung über die Laufzeit der Einzelprojekte hinaus. Tamara Stazic-Wendt erläuterte neben der sachanalytischen Komponente insbesondere die Instrumente und Möglichkeiten der semantischen Analyse, die dem individuellen Nutzer ebenso wie Gruppen erlauben Einzelstellen und Quellen verschiedenster Art (Text, Bild, Ton) mit eigenen übergeordneten semantischen Kategorien zu verknüpfen und so auch große Quellenbestände der Analyse zugänglich zu machen. Im Anschluss an die technische Erläuterung präsentierte Katrin Marx die Möglichkeiten des Programms am Beispiel von Korrespondenzstücken aus der Antragstellung. Anhand von Armenakten einer Gemeinde an der Mosel und der Korrespondenz zwischen Antragsteller, Gemeinde und anderen Behörden untersuchte sie die Bedeutung der zentralen Begriffe "Bedürftigkeit" und "Würdigkeit" im Rahmen der Entscheidungen über Unterstützungsanträge. Das Gesetz über den Unterstützungswohnsitz verzichtete zwar auf eine Definition der "Bedürftigkeit", doch war dieser Begriff über Kategorien wie Kinderzahl, Einkommen oder Besitz relativ einfach operationalisierbar. Für den unbestimmteren Begriff der "Würdigkeit" konnte Katrin Marx über die semantische Analyse verdeutlichen, dass dieser in der Korrespondenz nur sehr geringen direkten Niederschlag fand, sondern sich in einer Vielzahl von - vermeintlich - bestimmbaren Kategorien wie "Faulheit", "Vernachlässigung von Kindern" und besonders "Arbeitsscheu" niederschlug. Am Beispiel eines Antragstellers zeigte sie darüber hinaus, dass die Unbestimmtheit dieser Kategorien zum einen den Entscheidungsträgern einen weiten Interpretationsspielraum ließ, zum anderen die Antragsteller präventive Strategien gegen den Vorwurf der Arbeitsscheu, wie antizipatorische Beteuerungen der eigenen Arbeitswilligkeit entwickelten.

Thomas David und Janick Marina Schaufelbuehl (Lausanne) untersuchten am Fallbeispiel "The influence of protestantism and conservatism on swiss concepts of philanthropy and welfare (1850-1914)" die Wirkung dominanter religiöser Armutskonzepte auf die nationale Ausgestaltung von Wohlfahrtsstaaten. Einleitend erweiterten sie die bekannten Begründungen für die Nachzüglerrolle der Schweiz bei der Ausgestaltung eines Wohlfahrtsstaates - föderale Staatsstruktur, direkte Demokratie und starkes privates Vorsorgewesen - um die bisher vernachlässigte starke anti-etatistische philanthropische Bewegung.

In den Fokus ihrer Betrachtungen stellten David und Schaufelbuehl die in der Schweiz dominierenden protestantischen Strömungen der Calvinisten, Reformierten und freikirchlichen Protestanten. Allen gemeinsam war die Interpretation von Armut als Strafe für Faulheit und Sünde im Leben, die Institutionalisierung von Armenfürsorge in Form des Arbeitshauses und die Bevorzugung von Selbsthilfe und Autonomie vor staatlichen Regulierungen. Den Ausführungen zufolge ergab sich eine enge Verbindung von Philanthropie und Politik gerade darin, dass infolge des Sonderbundskonfliktes 1845-1848 die konservativen katholischen und protestantischen Eliten ihre Machtstellung an liberale, antiklerikale Kräfte verloren. Als Ersatz für politische Betätigung engagierten sie sich vermehrt auf dem Feld der Philanthropie und hier insbesondere in der Armenfürsorge, da der neu entstandene Nationalstaat die Felder Gesundheitswesen und Schulbildung zunehmend als sein Wirkungsgebiet beanspruchte. Angesichts des Versagens des liberalen Staates vor den Herausforderungen von Pauperismus und Industrialisierung entstanden konservative philanthropische Vereinigungen, die sich sowohl der konkreten Hilfsleistung für Betroffene verpflichteten, als auch einer moralischen Erneuerung der Gesellschaft, die man bedroht sah von Modernität und Industrialisierung. Instrumente der Remoralisierung waren dabei in erster Linie die Asyle, in denen die religiösen Armutsinterpretationen in Form von Arbeit, Erziehung, Enthaltsamkeit und moralischer Unterweisung ihren Niederschlag fanden. Moralischer Anspruch äußerte sich auch in der Gründung international tätiger Organisationen wie dem Roten Kreuz oder abolitionistischen Gesellschaften. Abschließend konnten die Vorträger durch Bezugnahmen auf Großbritannien, Niederlande und USA auch in internationaler Perspektive auf die Rolle religiöser Armutskonzepte auf die Ausgestaltung von Wohlfahrtsstaaten verweisen.

Martin Krieger (Trier) verwies in seinem Kommentar besonders auf die verschiedenen Herangehensweisen beider Vorträge an einen vergleichbaren Gegenstand und plädierte dafür, durch methodische Offenheit und fundierte methodische Flexibilität neue Fragen und Antworten für das Forschungsfeld zu generieren.

Angesichts der methodischen und inhaltlichen Vielfalt der Beiträge stimmten alle Teilnehmer in der Abschlussdiskussion darin überein, dass diese keinen abschließenden Charakter haben könne. Das Feld sei bislang kaum vermessen, und es seien zunächst einige Leitthemen und -fragen zu formulieren, unter welchen man auch in der kommenden Zeit in einem Arbeits- und Erfahrungsaustausch bleiben könne. Klaus Weber plädierte dafür, die religiös-konfessionell bedingten Ausformungen von Philanthropie zu untersuchen, Peter Mandler sprach sich für eine transnationale und transreligiöse Betrachtung aus, und Rainer Liedtke merkte den Bedarf an terminologischer Bestimmung am konkreten Gegenstand an. Christian Topalov regte Mikrostudien in vergleichender oder verbindender Perspektive an, zu Themen wie dem philanthropischen als Alternative zum politischem Engagement, zur Semantik, oder zum konkreten Engagement bedeutender Familien auf diesem Sektor.


Redaktion
Veröffentlicht am
13.12.2005
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