First European Congress of World and Global History - Panel 20: Regimes for the Production and Diffusion of Useful and Reliable Knowledge in China and Europe, 1368-1839

First European Congress of World and Global History - Panel 20: Regimes for the Production and Diffusion of Useful and Reliable Knowledge in China and Europe, 1368-1839

Organisatoren
European Network in Universal and Global History; Organisationskomitee Leipzig: Frank Hadler, Matthias Middell, Hannes Siegrist, Katja Naumann
Ort
Leipzig
Land
Deutschland
Vom - Bis
22.09.2005 - 25.09.2005
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Von
Nadine Jänicke, Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig

Der britische Wirtschaftshistoriker Patrick O’Brien von der London School of Economics gab den Auftakt zu einer Reihe von Vorträgen, die sich mit der wirtschaftlichen Bedeutung von Wissenschaft und Technik in Asien und Europa von der Ming Dynastie bis zum Opium Krieg beschäftigten. Das erklärte Ziel bestand für O’Brien darin, politische, institutionelle und kulturelle Kontexte außerhalb Europas ausfindig zu machen, die die Produktion und Diffusion nützlichen und zuverlässigen Wissens ebenso beförderten, wie man sie sonst nur in dem sich industrialisierenden Europa des 19. Jahrhunderts zu finden meint. Besonders historische Meistererzählungen eines Kenneth Pomeranz oder David Landes gerieten in die Kritik für ihre ausschließliche Betonung einer europäischen Vorherrschaft bei der Produktion und Diffusion von nützlichem und zuverlässigem Wissen und dem daraus oft folgenden Fazit, Europa sei wirtschaftsgeschichtlich zunächst die alleinige Antriebskraft für Wachstum und Entwicklung weltweit gewesen. Dagegen soll die historische Rekonstruktion von Unterschieden zwischen Europa und China bei der Produktion und Diffusion nützlichen und zuverlässigen Wissens helfen, die wirtschaftshistorische Dominanz Europas zu perspektivieren. Um dieses zu erreichen, stellte O’Brien ein differenziertes Forschungsprogramm vor, bei dem sich historisch-vergleichende Studien ganz unterschiedlichen Aspekten widmen. So können Vergleiche zur Wissensbildung in Europa und China zwischen 1368 und 1839 zum Beispiel die Rolle von Seehäfen und anderen Handelszentren erforschen, Bildungssysteme und wirtschaftliche Anreizmuster zur Wissensbildung wie Preise und Patente untersuchen, kulturelle Kontexte wie Familie und Beruf betrachten oder die Rolle von Philosophie und Religion bei der Erforschung von Natur und Gesellschaft erfassen.

Harriet Zurndorfer von der Universität Leiden wählte Joseph Needhams Arbeiten zu ihrem spezifischen Ausgangspunkt, um den Wissensaustausch zwischen China und Europa neu zu durchdenken. In ihrem Gegenentwurf einer historischen Modernisierungserzählung für China setzte sie sich zunächst mit der in der wirtschaftshistorischen Literatur Europas weitverbreiteten Geringschätzung wissenschaftlicher Leistungen Chinas und dem doch vorhandenen Einfluss chinesischer Forschung auf europäische Gelehrte auseinander. Zurndorfer zeichnete das Verhältnis der chinesischen Wissenschaft zur ‚modernen Wissenschaft’ nach, wobei sie besonders auf die durch die Jesuiten eingeführten Wissenstraditionen in der chinesischen Forschung einging. Sie berichtete zudem von lokalen Versuchen chinesischer Gelehrter, ältere Wissensbestände aus der Mathematik und Astronomie im 18. Jahrhundert wiederzubeleben. Diese Erkenntnisse betrachte sie letztlich in einem wirtschaftshistorischen Kontext, beschränkt auf die Zeit von 1780 bis 1830, um diese spezifischen Fortschrittsbestrebungen Chinas auch im Hinblick auf ihre Bedeutung für Wachstum und Entwicklung zu erklären.

Kent Deng von der London School of Economics veranschaulichte dann anhand von Bildern, Modellen und Tabellen die wachstumssteigernden Zusammenhänge von Wissenschaft und Technik in China von 1368 bis 1840. In seiner quantitativen Studie sozioökonomischer Anreize zur Produktion und Diffusion nützlichen und zuverlässigen Wissens richtete er sein Augenmerk vor allem auf die chinesische Geschichtsschreibung, um dort zum einen vielfältige Belege für institutionelle Entwicklungen zu finden, die das chinesische Empire durch eine gezielte Wissensvermehrung in der Gesellschaftsphilosophie und Staatsführung zu fördern verstand. Deng berichtete zum anderen über die große Anzahl von illustrierten Schriften und Broschüren, welche die Entwicklung und Verbreitung technologischer Erneuerungen im militärischen, medizinischen, landwirtschaftlichen oder auch hauswirtschaftlichen Bereich Chinas sicherstellten.

Ian Inkster von der Nottingham Trent Universität gab schließlich zu bedenken, dass, will man Europas Vorreiterrolle in der Produktion und Diffusion nützlichen und zuverlässigen Wissens wirklich dekonstruieren, ein systematisch historisch-vergleichender Ansatz vorhanden sein muss, der auch die Verflechtung von Wissensproduktion und Techniken der Nutzbarmachung von Wissen erfasst. Dabei ging es Inkster im Detail um die räumlichen, zeitlichen, sozialen und kognitiven Verflechtungen von Wissenschaft und Technik, wobei seine These darauf hinausläuft, dass diese Felder im England des 18. Jahrhunderts doch besser verzahnt schienen als anderswo in Europa oder der Welt. Eine soziale Verflechtung zur Förderung von Wissen für die Praxis bestand bspw. in Englands Wissenschaftsclubs, wo Gelehrte und Praktiker ins Gespräch kamen. Eine zeitliche Verflechtung war durch Bücher und Bibliotheken gegeben, die nützliches und zuverlässiges Wissen bewahrten, um es so auch für zukünftige technische Probleme abfragbar zu halten. Eine kognitive Verflechtung ergab sich aus der Masse an Büchern und Schriften, die wissenschaftliche Erkenntnisse in eine Praxis-orientierte Form und Sprache brachten und damit für Praktiker nutzbar waren. Ohne Europa nunmehr gleich wieder den Alleinanspruch auf Kreativität und Erfindergeist zugestehen zu wollen, so Inkster, deuten doch die verschiedenen Verflechtungen von Wissenschaft und Technik auf einen spezifischen Kontext, der die Nutzbarmachung von Wissen in Europa schneller als anderswo zuließ.

In der anschließenden Diskussion standen vor allem methodische Fragen im Mittelpunkt. Wie kann man Wissensströme in einer empirisch-orientierten Wirtschaftsgeschichte fassbar machen? Sollte man die Produktion und Diffusion von nützlichem und zuverlässigem Wissen als Nachfrage- oder Angebotsphänomen erklären? Wie lässt sich das Primat von Kultur bei der Produktion und Diffusion nützlichen und zuverlässigen Wissens empirisch nachweisen? Wäre den Rednern wohl noch Zeit geblieben, hätte es bestimmt auch hierzu nicht an Antworten gemangelt.

Kontakt

Katja Naumann
Universität Leipzig
Zentrum für Höhere Studien
Emil-Fuchs-Str. 1
04105 Leipzig
knaumann@uni-leipzig.de

www.uni-leipzig.de/zhs/ekwg
Redaktion
Veröffentlicht am
06.01.2006
Klassifikation
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Englisch, Französisch, Deutsch
Sprache des Berichts