Eine der wichtigsten Quellen für die Erschließung mystischen Denkens um 1700 kam mit dem Nachlass des Gothaer Bibliothekars Ernst Salomon Cyprians Mitte des 18. Jahrhunderts an die Forschungsbibliothek Gotha: Briefe und Manuskripte des lutherischen Theologen und Dissidenten Friedrich Breckling (1629-1711). Im Rahmen eines DFG-Projekts sind mittlerweile 215 Briefe in der Handschriftendatenbank der Forschungsbibliothek erfasst worden 1. Eine tiefere Erschließung setzt erst jüngst ein. In einem vom Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt (FGE) organisierten Arbeitsgespräch sollten erste Ergebnisse der Breckling-Forschung zusammengetragen und weitere Perspektiven aufgezeigt werden. Die Resonanz auf die Einladungen machte deutlich, dass es mittlerweile ein breit gestreutes Interesse gibt. Ein Fachpublikum aus ganz Deutschland fand sich am Tagungsort Schloss Friedenstein ein. Neben der Theologie, Kirchengeschichte, der Germanistik und Literaturwissenschaft nahmen auch Vertreter von Religionswissenschaft und Judaistik teil.
Johann Anselm Steiger (Hamburg) hat durch seine im vorigen Jahr erschienene Edition der Autobiografie Brecklings einen wichtigen Impuls gesetzt 2. In seinem Eröffnungsvortrag über „Johann Arndt im Spiegel der Debatten um sein Werk. Oder: Ein Grenzgänger zwischen mystischem Spiritualismus und Luthertum“ platzierte er Breckling vor einem weiten Problemhorizont. Wie kann, so Steigers Frage, mystische Frömmigkeit im Luthertum heimisch werden? Arndt war Verfasser eines der erfolgreichsten Erbauungsbücher des 17. Jahrhunderts. Die weite Verbreitung seiner Schriften sei, so Steiger, maßgeblich darauf zurückzuführen, dass sie eine orthodoxe sowie eine heterodoxe Rezeptionslinie ermöglichten. In seinem Vortrag stellte Steiger diese beiden Lesarten Arndts zu Beginn des 17. Jahrhunderts vor. Dabei konzentrierte er sich auf die Schriften des Arndt-Gegners Lucas Osiander dem Jüngeren und dem Arndt-Verteidiger Heinrich Varenius.
Während die Gothaer Forschungsbibliothek den handschriftlichen Nachlass Brecklings verwaltet, befindet sich der Bücherbestand Brecklings in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen Halle. August Hermann Francke hatte bereits zu einem frühen Zeitpunkt Kontakt mit Breckling aufgenommen. Während ein Mitarbeiter in Holland für das Waisenhaus-Projekt warb, sollte er im Auftrag Franckes auch Breckling besuchen. 1703 schickte dann Breckling persönlich seine Büchersammlung nach Halle. Britta Klosterberg (Halle/Saale), Leiterin von Bibliothek und Archiv, konnte mittlerweile einen großen Teil dieser Bibliothek rekonstruieren 3. In ihrem Vortrag über „Provenienz und Autorschaft. Die Quellen von, zu und über Breckling in Bibliothek und Archiv der Franckeschen Stiftungen“ gab sie Einblicke in die Zusammensetzung der Sammlung. Viele der Schriften seien über Freunde und Besucher in Brecklings Besitz gekommen. Daher spiegelten sie zugleich das geistige und soziale Netzwerk wider, in dem sich Brecklings Denken entfaltet habe.
Magdolna Veres und Jonathan Strom arbeiten diesen Sommer im Rahmen des von der Fritz Thyssen-Stiftung finanzierten Herzog-Ernst-Programms auf Schloss Friedenstein. Beide trugen im Rahmen des Arbeitsgesprächs erste Ergebnisse ihrer Forschung vor. Magdolna Veres (Szeged) beschäftigt sich in ihrer Dissertation schwerpunktmäßig mit der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts populären "Prophetentriade" Christoph Kotter, Christina Poniatowska und Nikolaus Drabicius. Ihre Offenbarungen wurden entsprechend der Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges mehrfach aufgelegt und interpretiert. Als Herausgeber und Übersetzer der Prophetiensammlung entfaltete Johann Amos Comenius eine große publizistische Tätigkeit. Mit Friedrich Breckling stand Comenius in Verbindung. In den Jahren 1663-65 veröffentlichte Comenius nochmals in großer Zahl die Prophetiensammlungen und die Flugschrift "Letzte Posaun", die später dann auch durch Breckling ediert wurde. In diesen Jahren war für Breckling eine ähnlich prophetische Rolle charakteristisch, welche seine Flugschriften „Die Rufende Stimme aus Mitternacht“ und "Mysterium Babylonis et Sionis" bezeugen. Anhand dieser Werke konnte Veres Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Position der beiden exilierten Theologen herausarbeiten.
Jonathan Strom (Atlanta) untersucht den Einfluss Brecklings auf den norddeutschen Frühpietismus in den 1660er Jahren. Hier formiert sich eine Konventikelbewegung, die sich, so Strom, durch zunehmende Radikalität auszeichnet. In seinem Vortrag über „Breckling und die Intensivierung des Dissenses im Frühpietismus“ konnte Strom nachweisen, dass Breckling maßgeblich an der Radikalisierung der Bewegung beteiligt war. Aus seinem niederländischen Exil in Zwolle heraus unterstützt er die in ihrer Heimat bedrängten Anführer – zum Beispiel, indem er die Drucklegung ihrer Schriften fördert. Bis in die 1670er hinein sei Brecklings Stellung vor allem als „Gönner“ zu begreifen. Als sich weitere fromme Zirkel um Spener, später dann auch um Francke bilden, verschiebt sich Brecklings Position. Die verschiedenen Konventikel, die miteinander konkurrieren oder kooperieren, prägten, so Strom unter Verweis auf neuere Forschungen, Theologie und Frömmigkeit maßgeblich 4. Die weitere Erschließung der Breckling-Korrespondenz, so Stroms Plädoyer, könne daher von einer „social network analysis“ profitieren. Britta Klosterberg regte an, eine Datenbank anzulegen, die auch wiederkehrende theologische Themen in den Briefwechseln berücksichtigen würde.
Wie wird man ein Dissident? Diese Leitfrage zog sich durch das Arbeitsgespräch. Die geistige und soziale Formierung des Dissidententums war dann auch das Thema des Vortrags von Wilhelm Kühlmann (Heidelberg). Dazu untersuchte Kühlmann die meist in apologetischer Absicht verfassten Selbstzeugnisse von Breckling, von Benedikt Figulus und dem Arzt Röslin. Hier markieren persönliche Krisensituationen die Hinwendung zu „verdächtigen“ Denkweisen, wie sie im Gefolge von Rosenkreuzertum und Paracelsus-Rezeption entstanden sind, „Lebensbruch und Systemwechsel“, so der Vortragstitel, sind eng miteinander verbunden. Als geistiger wie sozialer Nährboden fungiert das clandestine Milieu. Für viele der Dissidenten, strich Kühlmann hervor, waren diese halb-öffentlichen Netzwerke überlebensnotwendig. Ohne Unterstützung und Schutz drohten Verfolgung und Verhaftung: das zeigt das Beispiel des Paracelsus-Schüler Alois Haslmayer, der 1612 auf die Galeere verbannt wurde.
Das Arbeitsgespräch hat deutlich gemacht, dass die Beschäftigung mit Breckling, seinem literarischen Schaffen und seinem weit gespannten Netzwerk Anknüpfungspunkte für unterschiedliche Fragestellungen ermöglicht. Eine Fortführung des wissenschaftlichen Austausches wurde allgemein für wünschenswert erachtet, als gemeinsames Desiderat formuliert wurde die bessere Erschließung der Brecklingiana und die Vernetzung der Forschung. In Zusammenarbeit der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen, Halle/Saale, der Forschungsbibliothek Gotha und des Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt (FGE) sollen zu diesem Zweck weitere Schritte unternommen werden.
Anmerkungen:
1 Zugang auf die Handschriftendatenbank der Forschungsbibliothek Gotha unter <http://hans.uni-erfurt.de/hans/index.htm > (13.07.2006)
2 Breckling, Friedrich, Autobiographie. Ein frühneuzeitliches Ego-Dokument im Spannungsfeld von Spiritualismus, radikalem Pietismus und Theosophie, herausgegeben und kommentiert von Johann Anselm Steiger, Tübingen 2005.
3 Klosterberg, Britta, Libri Brecklingici. Bücher aus dem Besitz Friedrich Brecklings in der Bibliothek des Halleschen Waisenhauses, in: Sträter, Udo (Hg.), Interdisziplinäre Pietismusforschung, Tübingen 2005, S. 871-881.
4 Mori, Ryoko, Begeisterung und Ernüchterung in christlicher Vollkommenheit. Pietistische Selbst- und Weltwahrnehmung im ausgehenden 17. Jahrhundert, Tübingen 2004.