Das Grenzregime der DDR

Das Grenzregime der DDR

Organisatoren
Gedenkstätte Berliner Mauer; gefördert von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
18.01.2007 - 19.01.2007
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Von
Jörg Morré, Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bautzen

Auf Einladung der Gedenkstätte Berliner Mauer kamen circa 40 Forscher aus Gedenkstätten sowie den Behörden der Bundes- und Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen und universitären Forschungseinrichtungen zusammen, um das Grenzregime der DDR zu diskutieren. Ziel der Veranstaltung, so legte der Einladende Gerhard Sälter (Gedenkstätte Berliner Mauer) zu Anfang dar, war es, die vorhandenen Studien und Projektideen zum Thema zusammenzuführen. Das Colloquium solle dazu beitragen, ein „deutlich konturiertes Forschungsfeld“ zu schaffen und das Thema Grenze aus der Nische einer hoch spezialisierten DDR-Forschung zu holen.

Das erste Panel lotete den „Alltag an den Grenzen“ aus. Erich Sobeslavsky (LStU Sachsen, Dresden) wies in seinem Vortrag zum „Grenzregime an der Ostgrenze der DDR“ darauf hin, dass Fluchtverhinderung auch an den Ostgrenzen der DDR von großer Bedeutung war. Besonders die Grenze zur CSSR im Zittauer Dreiländereck und die Grenze zu Polen an der Ostsee galten dem Regime als Schwachpunkte der Grenzsicherung. Immer wieder versuchten dort DDR-Bürger die Flucht in der - letztlich irrigen - Annahme, die Grenzen zu den „Bruderländern“ seien weniger stark bewacht. Besonders intensiv war dort nicht nur die Bewachung der eigentlichen Grenze, sondern auch des grenznahen Raumes, so dass auch an der Ostgrenze ein der Westgrenze ähnliches Grenzregime bestand.

Achim Walther (Grenzdenkmalverein Hötensleben) illustrierte in seinem Vortrag zum „Leben mit der Grenze“ die Konsequenzen des Grenzregimes für das Alltagsleben. Lohnerhöhungen nach 1961 und ein verbessertes Warenangebot für die Bevölkerung im Grenzgebiet sollten über die rigiden Überwachungs- und Meldeauflagen hinwegtrösten. Zwangsumsiedlungen wertete Walther als Einschüchterungsmaßnahme. Dem setzte er die Anekdote von der – genehmigungspflichtigen – Eheschließung eines Elektrikers entgegen, dessen Braut der Zuzug schon allein deswegen gestattet wurde, um den Weggang des einzigen Elektrikers im Kreis zu verhindern. Walther vermittelte damit den Eindruck, dass einige Auflagen für die Grenzbevölkerung durch Einbeziehung der realen Lebensumstände in der DDR an Schärfe verloren.

Das zweite Panel „Staatssicherheit und Volkspolizei im Grenzregime“ eröffnete Gerhard Sälter (Gedenkstätte Berliner Mauer, Berlin). Er ging in seinem Vortrag „Überwachung der Grenzbevölkerung durch Volkspolizei und Staatssicherheit“ auf die strengen Auflagen für die Bevölkerung im Grenzgebiet ein. Dabei zeigte er auf, dass zur Überwachung des weitläufigen und unübersichtlichen Grenzgebietes die Einbeziehung der Bevölkerung einerseits unumgänglich war, andererseits eben diese Grenzbevölkerung wegen ihrer Ortskenntnis zu den Fluchtwilligen gezählt werden musste. Volkspolizei und MfS arbeiteten von Anfang eng zusammen, wenn es darum ging, „Risikogruppen“ zu lokalisieren. Nach dem Mauerbau wurde die Kooperation aller Verwaltungsstellen optimiert. Leitende Kader in der Kreisverwaltung, in der Handelsorganisation wie auch dem Schulwesen wurden ausgewechselt und in so genannte Sicherheitskonferenzen einbezogen. Federführend war die Staatssicherheit. Zur Absicherung führte sie ein enges Netz an Inoffiziellen Mitarbeiter. Freiwillige Helfer der Grenztruppen bzw. so genannte Grenzsicherheitsaktive aus den Reihen der Grenzbevölkerung ergänzten das System allgegenwärtiger Kontrolle. Nach dem Vortrag ging es unter anderem um den Einfluss der SED, deren örtlichen Gremien Sälter nicht den Stellenwert einräumen mochte, den andere Diskutanten für die Gestaltung der Sicherheitspolitik im Grenzgebiet vermuteten. In der Diskussion wurde zudem klar, dass neben der Überwachung auch materielle Anreize wichtig waren, um die Kooperationsbereitschaft der Bevölkerung im Grenzgebiet zu sichern.

Monika Tantzscher (Berlin) fiel es als ehemaliger Mitarbeiterin der BStU leicht, einen profunden Einblick in das Thema „Passkontrolle und Fahndung als Aufgaben der Hauptabteilung VI des MfS“ zu geben. Seit 1962 war die Grenzabfertigung alleinige Aufgabe des MfS, das aus Gründen der Tarnung in den Uniformen der Grenztruppen der DDR auftrat. 1970 galt der Ausbau der „modernen Grenze“ als abgeschlossen. Das Transitabkommen zwischen BRD und DDR führte dann allerdings zu einer zehnfachen Steigerung der Fluchtversuche. Zur leichtern Aufdeckung dieser Fluchtversuche setzte das MfS ab 1978 an den Grenzübergangsstellen systematisch Röntgenstrahlen sowie hochsensible Sonartechnik ein. Tantzschers Vortrag zeigte sehr plastisch, wie sehr die Sprache der Quellen die eigene Darstellung beeinflussen kann. Obwohl Konsens herrschte über die Rolle des MfS, waren zum Erstaunen der Referentin etliche Nachfragen und sprachliche Klarstellungen aus dem Publikum zu beantworten. Hinzu kam der häufig bei Forschern, die mit Unterlagen der Birthler-Behörde arbeiten, zu beobachtende Unmut darüber, dass Mitarbeiter der Behörde einen exklusiven, offenbar von Auflagen des Datenschutzes befreiten Zugang zu den Akten haben.

Das drittes Panel widmete sich der „Rolle der Grenztruppen“. Es trugen vor: Torsten Diedrich (Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam) über „Die Grenztruppen im Konzept der Landesverteidigung und die Auswirkungen auf das Grenzregime“ und Rüdiger Wenzke (Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam) zu „Widerständigem Verhalten in den Grenztruppen“. Christine Brecht (Gedenkstätte Berliner Mauer, Berlin/Zentrum Zeithistorische Forschung, Potsdam) referierte zum Thema „Formen und Funktionen der Heroisierung getöteter Grenzsoldaten 1961-1989“.

Diedrich skizzierte Aufbau und Struktur der Grenztruppen, die sich nach dem sowjetischen Vorbild richteten. Das führte zu einer engen Verflechtung von polizeilichen (Streifendienst), militärischen (Landesverteidigung) und geheimpolizeilichen (Staatsschutz) Aufgaben. Er hob hervor, dass die Militarisierung der Grenztruppen in Ausrüstung, Struktur und Aufgabenfeld bereits 1957 und damit deutlich vor dem Mauerbau realisiert wurde. Fluchten zu verhindern blieb die primäre Aufgabe, allerdings nur im Friedensfall. Im Kriegsfall hatten die Grenztruppen die Aufgabe, den Feind möglichst lange aufzuhalten, auch um den als wahrscheinlich angenommenen Preis der eigenen Vernichtung. Angesichts dieses Szenarios war die militärische Ausbildung vorrangig. Grenztruppen konnten auch zur Niederschlagung innerer Unruhen eingesetzt werden.

Wenzke beschrieb in seinem Referat eingangs die Personalsituation in den Grenztruppen. Fast das gesamte Offizierskorps und die Hälfe aller Unteroffiziere waren SED-Mitglieder. Alle Soldaten, insbesondere aber Wehrpflichtige wurden sorgfältig ausgesucht und waren häufig ebenfalls Parteimitglieder. Die Absicherung des MfS durch IM lag mit einem Verhältnis von 1 zu 15 deutlich über dem Wert für die Nationale Volksarmee, von der die Grenztruppen seit Anfang der siebziger Jahre formal getrennt waren. Dass es dennoch zu widerständigem Verhalten kommen konnte, schrieb Wenzke den spezifischen Belastungen im Grenztruppendienst zu. Generell wurden abtrünnige Gedanken schneller bekannt – und verfolgt – als anderswo. Verweigerungen und Entlassungsgesuche kamen dennoch vor, hatten aber auf die Loyalität der Grenztruppen insgesamt keine Auswirkung. In 88 Fällen glückte die Desertion in den Westen; in knapp 500 Fällen kam es wegen vermuteter Unzuverlässigkeit zu Versetzungen. Immer folgten dem Widerstand eines Einzelnen Verschärfungen für die Übrigen in Form von intensiverer Politschulung, Rücknahme von Erleichterungen und stärkerer Überwachung. Es blieb beim Widerstand Einzelner, den Wenzke als Nadelstiche gegen das Ziel der perfekten Grenztruppe bezeichnete.

In der Diskussion faszinierte vor allem das Thema Widerstand. Mit gutem Gespür für die Grenzen des Begriffes betonte Wenzke noch einmal den Effekt, den erfolgreicher Widerstand Einzelner für die Grenztruppe als Ganzes hatte. Sicherheitslücken wurden geschlossen und das Überwachungssystem letztlich effektiver. Immer besser konnte das MfS schon bei der Rekrutierung Sicherheitsrisiken ausschließen. Ein wenig strittig war Diedrichs Einschätzung des Grenztruppendienstes als rein militärischer Dienst. Immerhin seien auch Aufgaben einer Grenzpolizei zu erfüllen gewesen.

Brechts Vortrag über die Heroisierung getöteter Grenzsoldaten passte gut zum dritten Panel, weil es auch hier um das Funktionieren der Truppe ging. Sie näherte sich dem Thema über die Beschreibung mehrerer Todesfälle und deren Bewältigung im öffentlichen Raum. Typologisch unterschied sie vier Stufen. Erstens die Darstellung des getöteten Grenzsoldaten als Opfer gegnerischer Schützen aus dem Westen. Zweitens die inszenierte Trauerfeier mit militärischen Ehrungen und einer posthumen Beförderung des Toten. Drittens die Verklärung des Toten durch die Glättung seiner Biographie nach Stereotypen („Sohn der Arbeiterklasse“ etc.) und Einbettung seines Todes in den antifaschistischen Kampf. Und viertens die turnusmäßige Wiederholung der entworfenen Heldenbiographie an Jahrestagen. – Das Plenum war sich einig, dass die Heroisierung funktionieren konnte, auch wenn das dadurch entworfene Bild nicht geglaubt wurde. Die stete Erinnerung an die Toten als Soldaten, die in im Kampf durch die Heimtücke des Feindes gefallen seien, schärfte den nachfolgenden Rekruten ein, im Ernstfall um des eigenen Überlebens willen zuerst schießen zu müssen.

Das vierte Panel „Konsequenzen des Grenzregimes – Tote an Mauer und Grenze“ befasste sich ebenso wie die in einem fünften Panel zusammen gespannten „Werkstattberichte“ mit Projekten. Lediglich Udo Baron (Gedenkstätte Berliner Mauer, Berlin/Zentrum Zeithistorische Forschung, Potsdam) berichtete dabei aus einem laufenden Projekt, einer biographiegeschichtlichen Dokumentation zu den „Todesopfern an der Berliner Mauer“. Jeder Tote wird mit Namen, der Vorgeschichte seiner Flucht, dem Hergang der gescheiterten Flucht sowie der Rezeptionsgeschichte seines Todes dokumentiert. Aber es werden auch Grenzsoldaten, die während ihres Dienstes den Tod fanden, sowie Tote aus Ost und West erfasst, die obgleich ohne Fluchtabsichten dennoch zu Opfern der Mauer wurden (zum Beispiel durch Querschläger auf der Westseite).

Im weiteren wurden drei mehr oder weniger ausgereifte Projektideen präsentiert. Detlef Schmiechen-Ackermanns (Universität Hannover/Universität Lüneburg) gab eine Skizze zu den „Grenztoten an der innerdeutschen Grenze“, ein Projekt, das an der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn angesiedelt ist. Nicht unwidersprochen blieb in der späteren Diskussion seine Einleitung, wonach die von ihm angestrebten Forschungen einem direkten politischen Interesse entsprängen. Dessen ungeachtet ging auch Schmiechen-Ackermann von den bestehenden Dokumentationen zu den Grenztoten aus: Dem inzwischen veralteten „Salzgitterreport“ von 1991 sowie der immer wieder neu von der Arbeitsgemeinschaft 13. August als ergänzte Liste vorlegte Aufstellung der Mauertoten. Insbesondere an diese ständig anwachsende Liste stellte Schmiechen-Ackermann eine Fülle von Fragen, die alle darauf hinwiesen, dass es eben zahlreiche kategoriale Probleme zu lösen gebe, bevor eine solche Aufstellung als seriös gelten könne. Er bezog das in erster Linie auf Mehrfachnennungen, die der Arbeitsgemeinschaft vorgeworfen werden könnten. Zu Unterscheidung trennte er in „Grenztote“, die den Tod unmittelbar an der Grenze fanden, und „Opfer des Grenzregimes“, deren Tod in einen Zusammenhang mit dem Grenzregime zu bringen ist. Auch wies er auf Fragen des zeitlichen Erfassungsrahmens hin, den er auf die gesamte Zeit von 1945 bis 1990 ausdehnte. In der Diskussion wurde jede der zuvor genannten Fallgruppen auf definitorische Reinheit geprüft, was erwartungsgemäß zu Ergänzungen führte: Tote des Bundesgrenzschutzes seien nicht zu vergessen; wie solle man Verletzungen bzw. Verkrüppelungen gewichten; Unfälle mit Todesfolge müssten abgegrenzt werden. Die lebhafte Erörterung mündete in die Frage nach dem Totenerinnern. Dabei wurde der Referent aufgefordert, Forschungen zu Grenztoten nicht als von der Politik vorgegeben, sondern eher als Impuls für die Politik zu betrachten. Beinahe neidvoll musste auch der unbestreitbare starke Impuls anerkannt werden, den die Arbeitsgemeinschaft 13. August durch die spektakuläre Aufstellung von rund 1.000 Kreuzen ohne jegliche fachwissenschaftliche Absicherung gegeben hatte.

Leo Schmidt (BTU Cottbus/ Verein Berliner Mauer) stellte zusammen mit Manfred Wilke (Forschungsverbund SED-Staat, Berlin) eine Idee vor, die als zeithistorisches und denkmalpflegerisches Projekt bezeichnet und mit dem Titel „Die Berliner Mauer als Symbol des Kalten Krieges. Vom Instrument der SED-Innenpolitik zum Baudenkmal von internationalem Rang“ versehen wurde. Schmidt dokumentierte bildreich die Um- und Weiternutzung authentischer Überreste (der Patrouillenweg, der zum Radweg wird). Die Öffentlichkeit müsse angesichts des nahezu vollständigen Verschwindens der Berliner Mauer für das noch Vorhandene sensibilisiert werden. Wilkes Part in dem stark in zwei Teile zerfallenden Vortrag bestand darin, an den ständigen Ausbau sowie die fortschreitenden Modernisierung der Grenzanlagen zu erinnern: Baulicher Wandel der Grenze als Fortentwicklung der Methoden, die eigene Bevölkerung an der Flucht zu hindern. Wilke ging es dabei weniger um die Baugeschichte als viel mehr um die Deutung der DDR-Geschichte als eine Abfolge von Massenfluchten bzw. deren Verhinderung.

Jochen Maurer (Fürstenfeldbruck/ Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam) stellte sein ambitioniertes Projekt „Die Grenztruppen der DDR. Eine Untersuchung mit mikro- und sozialhistorischen Fragestellungen am Beispiel des Grenzkommandos Mitte“ vor. Darin will Maurer neues Archivmaterial zu den Grenztruppen ebenso erschließen wie Zeitzeugeninterviews mit Offizieren führen. Er beabsichtigt eine militärhistorische Beschreibung des Grenzkommandos Mitte und zugleich eine Darstellung der Lebens- und Arbeitswelt des Einzelnen in der Truppe zu geben. Dabei soll der gesamte Zeitraum von 1961 bis 1989 untersucht werden. Der enzyklopädische Anspruches Maurers wurde vom Plenum als problematisch empfunden. Zu disparat sei der Ansatz, die Darstellung von Strukturen und Grundsatzentscheidungen zur Grenzkontrolle mit einer mikrohistorischen Studie zu verbinden, bei der zwangsläufig ganz andere Perspektiven eingenommen werden müssten. Als Beispiel wurde das Spannungsverhältnis zwischen Fremd- und Selbstbild des „Mauerschützen“ genannt, bei dessen Erforschung eben nicht nur das politisch Gewollte in Betracht zu ziehen sei.

Eine Abschlussdiskussion konnten sich die Organisatoren des rundum konstruktiven Kolloquiums sparen, da die angeschnitten Themen bereits ausreichend debattiert worden waren. Die von Sälter eingangs aufgeworfene Frage darf so beantwortet werden, dass das Grenzregime der DDR zweifelsohne ein klar umrissenes Forschungsfeld ist, wozu nicht zuletzt die Referenten mit ihren vorgestellten Ergebnissen beigetragen haben. Ebenso machten die häufig fundierten Einwände aus dem Publikum sowie die am Ende des Kolloquiums vorgestellten Projekte deutlich, dass hier das letzte Wort innerhalb wie außerhalb der fachwissenschaftlichen Zunft noch nicht gesprochen ist.


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