Paradoxien der Legitimation. Kulturhistorische Analysen zur Macht im Mittelalter

Paradoxien der Legitimation. Kulturhistorische Analysen zur Macht im Mittelalter

Organisatoren
Prof. Dr. Annette Kehnel (Mannheim), Dr. Cristina Andenna (Università degli studi della Basilicata Potenza Matera), Dr. Cécile Caby (Université de Nice Sophia Antipolis)
Ort
Loveno di Menaggio
Land
Italy
Vom - Bis
22.03.2007 - 25.03.2007
Von
Jörg Schwarz, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim

Mit dem Problem „Paradoxien der Legitimation“ beschäftigte sich eine deutsch-italienisch-französische Forschungskonferenz, die vom 22. bis zum 25.3.2007 in der Villa Vigoni (Loveno di Menaggio, Italien) stattfand. In der After-Dinner-Speech des 22. März stellten Annette Kehnel (Mannheim) und Cristina Andenna (Potenza/Matera) die Mitglieder sowie die Konzeption der Konferenz vor. Ausgehend von der Annahme, dass Paradoxien zu den maßgeblichen Katalysatoren der Entwicklungsdynamik abendländischer Zivilisation zu zählen sind, nahmen sich die Veranstalter vor, mit der Frage nach den Paradoxien der Legitimation die historisch fassbaren Dimensionen des unlösbar Widersprüchlichen im Kontext vormoderner Legitimationsprozesse zu fokussieren und damit Grundlagenforschung im Bereich der unlogischen Wahrheiten voran zu treiben. Es wurden zu diesem Zweck zunächst die Grundbegriffe Paradoxie und Legitimation umrissen: Paradoxien sollen angesprochen werden als Prinzipien, die der Logik des Entweder-Oder zuwiderlaufen, das heißt als Sachverhalte zweier Aussagen, die gleichermaßen gültig sind und sich zugleich gegenseitig ausschließen. Der zweite Grundbegriff, der der Legitimation, wurde im weitesten Sinne als Kulturtechnik der erfolgreichen Durchsetzung von Geltungsbehauptungen definiert.

Die vormittäglichen Vorträge des ersten Arbeitstages standen unter dem Motto „Legitimation und Defekt“. Roberto Rusconi (Università Roma Tre) gab hier die Richtung vor mit dem Vortrag „Il corpo sequestrato e la reinvenzione delle stimmate: il sepolcro di San Francesco e i chiodi nelle ferite nell’iconografia quattrocentesca”. Rusconi wies zunächst darauf hin, dass es im Rahmen der Verehrung des Franz von Assisi ursprünglich immer nur einen Sarg gegeben habe, erst später dann einen Altar. Der Referent interpretierte dies als ein Zeichen der Umwandlung des Franziskus-Kultes und betonte die besondere Bedeutung der Reliquien, die ursprünglich nie mit dem Körper des Heiligen zu tun gehabt hätten. Im zweiten Teil des Vortrags arbeitete Rusconi einen kunstgeschichtlichen Prozess der Assimilierung des Körpers des Heiligen mit dem Körper des Erlösers heraus; schon gegen Ende des 13. Jahrhunderts, so der Referent, seien die Wundmale bei Giotto zu finden gewesen. Rusconi beschäftigte sich ferner mit den Möglichkeiten der Assisi-Pilger, die Grabstätte des heiligen Franziskus zu besuchen und wies auf die zahlreichen „Beschwernisse“ hin: So wurde zu Zeit Papst Eugens IV. der Zugang zur Grabstätte gesperrt. Erst Papst Nikolaus V. beschloss, den Zugang wieder freizugeben. Des Weiteren analysierte Rusconi zahlreiche Darstellungen des heiligen Franziskus (zum Beispiel von Antonio Pollajolo, Francesco Botticini und Vittore Crivelli), die bestimmte Besonderheiten aufweisen, zum Beispiel Strahlen, die aus den Wundmalen herauskommen oder die Darstellung der Wundmale als Nägel bzw. Nageleinschläge.

Über „Körper – Bild – Aura. Modi des Heiligen und seiner Repräsentanten“ redete Klaus Krüger (Freie Universität Berlin). Es ging ihm vor allem um den bildlichen Körper des Heiligen und seine mediale Reflexion, die, seiner Meinung nach, als eine Ausdifferenzierung zwischen Darstellung und Dargestelltem zu verstehen sei. Ausgehend vom Bericht des Giorgio Vasari in der bekannten Sammlung seiner Künstlerviten von 1568 über das tragische Leben und Werk des Florentiner Bildhauers Pietro Torrigiano, brachte Krüger die Aussagen derartiger Zeugnisse und Phänomene in einen übergreifenden Deutungszusammenhang. Er betonte, dass die in ihnen bekundete Vorstellung vom sakrosankten Charakter und der Unversehrbarkeit des Bildwerks darauf gerichtet sei, die Fiktion einer manifesten Wirklichkeit der himmlischen Person zu begründen und zu sichern. Das Werk – so Krüger – sei aus Holz und Stein und ist doch mehr und anderes als nur Holz und Stein. Aufs ganze gesehen, so Krüger, werde das durchgängige Verfahren einer Medialisierung des Dargestellten zur Bedingung dafür, im Anblick der materiellen Statue die imaginäre Vorstellung von der Unversehrtheit der Heiligen zu evozieren und zugleich die Vorstellung vom Triumph des Christentums ins Erlebnis einer – im eigentlichen Sinne – ästhetischen Erfahrung zu erhöhen.

Die Sektion „Legitimation und Liminalität“ am Nachmittag eröffnete Sabine von Heusinger (Mannheim) mit dem Vortrag „Zeige deine Wunden – Zeichen und Wunden am Körper des Heiligen“. Sie ging von folgender These aus: Die griechisch-römischen Götter waren unversehrte, schöne und kraftstrotzende Leiber; die Christen hingegen verehrten in ihrer neuen Religion einen geschundenen, leidenden Christus, der einen erbärmlichen Tod am Kreuz erlitt. Von Heusinger hob hervor, dass das sich wandelnde Körperbild des Heiligen mit einem gleichzeitigen Wandel im Umgang mit den Toten einherging. Parallel zu dem allmählichen Vergessen und Verschwinden der Toten aus der westlichen Gesellschaft habe sich im Spätmittelalter die Präsenz und Bedeutung des Leibes immer mehr verinnerlicht. Während in Abbildungen des Franz von Assisi die fünf Wundmale noch physisch am Körper des Heiligen erschienen, genügte bei Katharina von Siena gegen Ende des Spätmittelalters den Zeitgenossen schon das spirituelle Vorhandensein der Male als Nachweis der legitimen, also „richtig“ stigmatisierten Heiligen. Das zeigte sich ebenso am toten Leib der Heiligen; dieser müsse nicht mehr als Ganzes vorhanden sein, ein kleines Partikel genüge, um die ganze spirituelle Kraft zu entfalten. Die Präsenz des lebenden heiligen Körpers wurde zurückgedrängt um paradoxerweise im kleinsten Partikel seine höchste Legitimation zu finden.

Im nächsten Vortrag sprach Gert Melville (Dresden) über „Die Paradoxie des abwesenden Charismatikers“. Der Referent konzentrierte sich zunächst auf die Frage, was Paradoxie eigentlich heiße und verknüpfte diese anhand einschlägiger Texte Max Webers mit dem Problem des Charismatikers in der Darstellung in mittelalterlichern Heiligenviten. Die Frage nach dem Wesen des Charismas war dabei für Melville stets eine offene Frage. Das Problem der „Veralltäglichung“ des Charismatikers, so der Referent, existiere schon bei seiner Entstehung. Der Charismatiker legitimiere sich zunächst als Träger außergewöhnlicher Eigenschaften, die ihn für die Ausstattung mit besondern Aufgaben prädestinieren. Doch muss er sich, so er es denn wirklich zum Charismatiker bringen will, diesen Aufgaben wieder entziehen, sich über Normen hinweg setzen, um so die Transpersonalität seiner eigenen Person herzustellen (Weber). Melville stellte dann beim spezifischen Charisma des mittelalterlichen Heiligen etwas Außergewöhnliches fest: Es dominiere der Wunsch, sich der Welt zu entziehen, motiviert möglicherweise durch die Furcht vor der Alltäglichkeit. Sein gesamtes Charisma verwende der Charismatiker darauf, dieses Ziel zu erreichen. In der mittelalterlichen Heiligenvita sah Melville eine Art Evangelium des Charismatikers – jeder Charismatiker habe ein Evangelium zu schreiben, und die Vita zeige das Exemplarische des Alltäglichen. Bei der Frage der Bestattung des Charismatikers zeige sich diese Paradoxie erneut, gälte es doch, den Charismatiker einerseits von der Öffentlichkeit zu entziehen und ihn zugleich verfügbar zu halten. Im weiteren Sinne ginge es hier um die Legitimität religiöser Gemeinschaften, und diese könne natürlich nicht in der Legitimität des Charismatikers aufgehen.

Stephan Müllers (Paderborn) Thema war „Der Tod. Die Überwindung der Körperlichkeit als Legitimation“. In der hochmittelalterliche Rolandsdichtung entdeckte Müller ein Paradebeispiel für Paradoxien der Legitimation, denn das Grundproblem, das in diesen literarischen Texten verhandelt werde, sei die Spannung zwischen Erfolg und Versagen, zwischen Heldentum und Heldentod, wenn einerseits vom unbesiegbaren Helden und zugleich von dessen Besiegtwerden, also seinem Scheitern erzählt wird. Müller sprach von einer klassischen win-win-Situation. Den Kämpfern um Roland habe sich die Situation gestellt: Wir können die Schlacht gewinnen oder wir gehen als Märtyrer ins Himmelreich ein. Müller arbeitete weiterhin zum Teil große Unterschiede der Texte heraus (die Chanson beispielsweise konfrontiere uns mit abgeschlossenen Figuren, die sich nie ändern; im Rolandslied hingegen scheinen die Figuren komplexer). Das Grundproblem dieser Texte fasste Müller noch einmal in den prägnanten Satz: Wie kann man eine Figur immer nur siegen und trotzdem untergehen lassen?

Die Sektion „Körperlichkeit der Macht“ am Samstag eröffnete Agostino Paravicini-Bagliani (Lausanne) mit einem Vortrag zum Thema „Il corpo come strumento di leggitimazione: paradossi, contrasti, opposizioni“. Paravicini-Bagliani sah die Geschichte des Körpers des Papstes eingebettet in einen Jahrhunderte dauernden Prozess der Legitimation. Dies galt für ihn für den Körper des Papstes sowohl im physischen Sinne wie auch als Objekt kunstgeschichtlicher Hervorbringungen. In den Mittelpunkt seines Vortrags stellte der Referent indessen eine Analyse der berühmten Papst-Statue Bonifaz’ VIII.; sie stellte für Paravicini-Bagliani den Höhepunkt der Darstellungen des päpstlichen Körpers dar. Drei für die Machtstellung und das politische Selbstbewusstsein des hochmittelalterlichen Papsttums grundlegende Elemente seien bei dieser Figur zugleich auszumachen: die Schlüssel Petri, die der Papst in der Hand hat, die segnende Hand und schließlich die riesige Tiara, die eine Art signum imperii darstelle. Paravicini-Bagliani fasste die Interpretation der Figur in den prägnanten Satz: Der Papst sei hier zugleich Christus, Petrus und die Kirche – und mehr sei auch für Bonifaz VIII. nicht möglich gewesen. Das Paradoxe daran, so der Referent, sei: Wie könne man vicarius Christi sein und Christus selbst? Wie könne man die Römische Kirche sein und gleichzeitig Papst? Doch was für uns heute als ein Paradoxon erscheine, sei im Mittelalter selbstverständlich gewesen.

Im Vortrag über „Krankheit, Geißelhiebe, Backenstreich. Zum Zusammenhang zwischen Macht und Marter“ konzentrierte sich Annette Kehnel (Mannheim) zunächst auf Legitimationsprozesse und die Regeln der Geltungsproduktion, die sich Gesellschaften geben. Sie unterschied folgende Untersuchungsebenen: 1. Die Ebene der Materialität. Hier gehe es um die Orte und Medien der Macht (Throne, Gräber, heilige Orte, Herrschaftszeichen, Reliquien), die als historische Quellen befragt werden können und Auskunft geben über die Regeln der Macht. 2. Die Ebene der praktischen Durchsetzung von Macht, also die Mittel und Taktiken der Geltungsproduktion (Charisma, Verwaltung, Tradition, Enthistorisierung, Unverfügbarkeit, Invisibilisierung etc.). 3. Die Ebene der Argumentation. Hier stelle sich die Frage nach der Logik von Geltungsbehauptungen. Kehnel differenzierte vier Argumentationstypen: a. ich bin mächtig, weil der andere schwach ist, b. ich bin mächtig, weil ich stark bin, c. ich bin mächtig, weil die um mich herum stark sind, d. ich bin mächtig, weil ich schwach bin. Die letzte diese Argumentationsfiguren interessiert Kehnel als Grundfigur der paradoxen Legitimation, die mit der Schwäche für die Stärke argumentiert und deren klassische Ausprägung der leidende, schwache Jesus Christus am Kreuz sei. Vor allem anhand von zwei Fallbeispielen – der Einsetzung des Herzogs von Kärnten in der Darstellung des Johannes von Viktring sowie der sog. Hiskias-Platte der Wiener Reichskrone – rekonstruierte Kehnel Spuren des leidenden und gedemütigten Herrschers als wichtiges Element im mittelalterlichen Herrschaftsverständnis.

Jörg Sonntag (Dresden) sprach über „Kniekuss versus Küchendienst. Zeichenhafte Demut als Mittel der Machtstabilisierung am Beispiel fruttuarischer Äbte“. Er arbeitete die starke Sonderstellung zeichenhafter Demut im Verhalten der fruttuarischen Mönchsgemeinschaft gegenüber ihrem Abt heraus. Nicht in Cluny oder Hirsau, sondern in den Klöstern der frutturaischen Observanz hätten, so Sonntag, diese Ausformungen ihren Höhepunkt gefunden. Wer in diesen Klöstern neben einem Abt Platz nahm, hatte sofort den Kniekuss, der seit der Spätantike als Herrschersymbol gegolten habe, auszuführen. Das fruttuarische Beispiel zeige den Extremfall eines allbekannten Phänomens: Nur wer sichtbar die Demut liebe, sei für die Führung einer Gemeinschaft von Demütigen geeignet. Das wurde von Sonntag auch anhand der gründonnerstäglichen Fußwaschung gezeigt: Nur der fruttuarische Abt wusch allein die Füße der Mönche, nur der fruttuarische Abt trocknete sie mit seinen Haaren ab.

Über „Anagnorisis im Mittelalter“ referierte zum Abschluss dieser Sektion Alois Hahn (Trier), dem es primär um bestimmte Formen der Identifikation und Wiedererkennbarkeit ging. Keine menschliche Gesellschaft, so Hahns Ausgangspunkt, könne völlig unberücksichtigt lassen, dass jedes Individuum eine separate Existenz führe, dass es also niemanden zweimal gleichzeitig gibt. Selbst wenn in einzelnen Momenten Zweifel aufkommen können, wer jemand sei, so ist prinzipiell die „Jemeinigkeit“ des Lebens schwer zu übersehen. Im einzelnen sprach Hahn, der in seinem Vortrag vor allem auf Textbeispiele aus den Klostergeschichten Ekkehards IV. von St. Gallen sowie auf Homer zurückgriff, über die Identifikation einer Person durch Stimme und Antlitz, über die Identifikation durch bestimmte akustische Signale (Ruodberts Schnaufen), über die Identifikation durch die Narbe (Ulrich und seine Frau Wendilgarth sowie die Narbe des Odysseus), über eine narbenlose Identifikation (Beispiel des Martin Guerre) und über eine Identifikation durch Werke (Tuotilo und Sintram).

Die Vorträge, die allesamt intensiv diskutiert wurden, zeigten eindrucksvoll die Vielfalt paradoxer Lebenswirklichkeiten und der damit verknüpften Probleme der Legitimation im Mittelalter auf. Die Paradoxien der Legitimation erschienen als ein wesentliches Strukturmerkmal vormoderner Zeiten, die vielfach primär mit Argumenten hantierten, die auf einer anderen Ebene als die der „reinen Ratio“ lagen. Über dieses Phänomen lasst sich viel über das Mittelalter als solches erfahren – auch über das, was uns Heutige vom Mittelalter trennt, denn nicht alles, was uns heute als paradox erscheint, hat denselben Eindruck im Mittelalter hervorgerufen. Auf einer weiteren Forschungskonferenz am selben Ort im Herbst 2007, die unter denselben Oberbegriff gestellt sein wird, soll es um das Thema „Zeit“ gehen.


Redaktion
Veröffentlicht am
13.05.2007
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Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
Sprache des Berichts