Europa im Ersten Weltkrieg: Neuere Fragestellungen und Erklärungen

Europa im Ersten Weltkrieg: Neuere Fragestellungen und Erklärungen

Organisatoren
Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas; Centre Marc Bloch, Berlin
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
12.06.2007 -
Von
Alexandre Kostka, Université Cergy-Pontoise

Seit einigen Jahren wird in der französischen Forschung zum Ersten Weltkrieg ein heftiger Konflikt ausgetragen. Streitpunkt ist eine Frage, die schon der Nestor der Disziplin, Jean-Jacques Becker, 1977 in seinem Buch 1914: comment les Français sont entrés en guerre in den Vordergrund gestellt hatte [1]: Wie war es möglich, dass die Soldaten an der Front wie die zivile Bevölkerung die 52 Monate eines unvergleichlich harten Kriegs ausgehalten haben, ohne dass es zu größeren Streiks oder Aufruhr kam? Ist der Grund im verinnerlichten äußeren Druck oder in einer Kriegskultur (culture de guerre) zu suchen, die auf dem Konsens der Gesellschaft beruhte? Handelte es sich um Zwang oder Begeisterung? Die Neubewertung dieser Fragen ist keine rein innerfranzösische Angelegenheit, und es ist sehr zu begrüßen, dass das Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas (BKVGE) und das Centre Marc Bloch in Berlin zu einer von Elise Julien initiierten und organisierten Konferenz eingeladen hatten, um die in Frankreich vertretenen Positionen vorzustellen und auf eine europäische Perspektive hin zu öffnen.

In einem ersten Panel kamen zunächst mit Gerd Krumeich (Universität Düsseldorf) und Nicolas Offenstadt (Universität Paris I - Sorbonne) die französischen Positionen zur Sprache, nachdem die Leiter der einladenden Institutionen, Arnd Bauerkämper (BKVGE) und Pascale Laborier (CMB), die Tagung eröffnet hatten. Um die Alternative „Zwang“ oder „Begeisterung“ in einer komparativen Dimension zu betrachten, war der zweite Teil der Tagung Fallstudien zur Geschichtsschreibung in den wichtigsten Ländern Europas gewidmet, die von Gerhard Hirschfeld (Bibliothek für Zeitgeschichte Stuttgart / Universität Stuttgart), Oliver Janz (Freie Universität Berlin), Christoph Jahr (Humboldt-Universität zu Berlin) und Jürgen Angelow (Universität Potsdam) präsentiert wurden.

Im ersten Panel kam mit Gerd Krumeich zunächst ein prominentes Mitglied des „Historial de la Grande Guerre“ im nordfranzösischen Péronne zu Wort. Das 1992 eröffnete Geschichtsmuseum vereinigt in seinem Forschungszentrum eine bedeutende Anzahl international renommierter Wissenschaftler.[2] Durch seine neuartige, jährlich mehr als 100.000 Besucher anziehende Ausstellungskonzeption habe, so Krumeich, das „Historial“ entscheidend dazu beigetragen, dem Krieg eine gesamteuropäische Dimension zu geben. Die mit den Museumspraktikern zusammenarbeitenden Forscher seien nicht eine Kontrollinstanz, sondern versuchten, den historischen Diskurs mit dem musealen zu verbinden. Es sei verständlich, dass in vielen Kreisen die bedeutende finanzielle Beteiligung offizieller Stellen die Frage aufwerfe, ob jene Historiker eine von „oben“ verordnete Perspektive einnähmen, die den Krieg als „notwendig“ einstufe und somit in eine verharmlosende „Staatsgeschichte“ einreihen würde. Dies sei jedoch keineswegs der Fall, wovon schon allein die Tatsache zeuge, dass es sich bei den Historikern um das „Historial“ keineswegs um eine homogene Gruppe handelt. In ihr fänden auch kontroverse Positionen Platz. So sei auch der Begriff der culture de guerre nicht verpflichtend. Für alle Mitglieder sei jedoch die mit jenem Terminus einhergehende Annahme wichtig, dass die Soldaten nicht nur als „Opfer“ anzusehen seien, sondern ebenso sehr als „Täter“. Äußerer Zwang und die allgegenwärtige Propaganda könnten die viel belegte Gewaltbereitschaft an der Front nicht befriedigend erklären. Dementsprechend seien auch die Aufstände in vielen französischen Einheiten im Jahr 1917 nicht zu überschätzen, da sie sich nicht gegen den Krieg selbst, sondern vor allem gegen die ebenso verlustreichen wie erfolglosen Angriffe des Generals Nivelle gewandt hätten. Mit der Beschwichtigungstaktik von Pétain („ich warte auf die Tanks und die Amerikaner“) hätten sie ein schnelles Ende gefunden. Die Angriffe der Gegner des „Historial“ richteten sich vor allem gegen die Streitschrift von Stéphane Audoin-Rouzeau und Annette Becker Retrouver la guerre (2000) welche den Begriff der „Kriegskultur“ thesenhaft zugespitzt habe. [3] Auch wenn er nicht alle Schlussfolgerungen des Buches teile, so sehe jedoch auch er in einem Zusammenspiel von Hass und Nationalismus wichtige Faktoren einer „systemischen Kristallisierung von Vorstellungen“, die dem Begriff der cultures de guerre Konsistenz verliehen.

Genau an diesem sensiblen Punkt, der „Kriegskultur“, setzte die pointiert vorgetragene Kritik von Nicolas Offenstadt (Paris I) ein. Offenstadt ist Mitglied einer im Vergleich zum „Historial“ eher lose strukturierten Gruppe, dem „Collectif de Recherche Internationale et de Débat sur la Guerre de 1914-18“ (kurz CRID 14-18). Dessen Mitglieder trafen sich 2005 an dem symbolträchtigen Ort Craonne, einem der Hauptschauplätze der Aufstände französischer Soldaten im Jahre 1917.[4] Die CRID vereinigt sowohl institutionelle wie auch nicht-institutionelle Forscher, von denen viele (wie Rémy Cazals, Universität Toulouse, und Frédéric Rousseau, Universität Montpellier) in der „Provinz“ lehren. Gerhard Krumeich sprach mit einem Augenzwinkern vom CRID als einer Organisation der „have nots“ – sicher präsentiert sich die Gruppe ähnlich wie „Robin Hood“, und manchen ihrer Pfeile auf das „Historial“ mag man eine gewisse Treffsicherheit nicht absprechen. [5]
Offenstadt artikulierte seine Kritik an der „Kriegskultur“ auf zwei Ebenen, einer hermeneutischen und auf einer sozialgesichtlichen. Vom hermeneutischen Standpunkt könne man, so Offenstadt, bestenfalls von „Kriegskulturen“ im Plural sprechen, da eine die Wirklichkeit überformende Meta-Ebene im Sinne einer „Gesamtheit aller Elemente die nicht nur zum Krieg gehören, sondern ihn überformen“, keinesfalls eine Erklärung darstelle, sondern grundsätzlich selbst erklärungsbedürftig sei. Auch stelle sich in jedem Fall die Frage nach der Entstehung der „Kriegskultur“. Handele es sich um eine spontane Erscheinung zu Kriegsbeginn, oder war sie schon vor Ausbruch des Krieges vorhanden? Wie man die Frage auch stelle, immer komme man zurück auf das alte Dilemma, ob das Ei vor der Henne da gewesen sei oder umgekehrt, jedoch zu keiner Erklärung des Phänomens.
Offenstadts zweite Kritik galt der exklusiv kulturgeschichtlichen Ausrichtung des „Historial“, welches Fragestellungen nach den konkreten Zwängen und Praktiken der Handelnden aus dem Wege gegangen sei. Unter dem Vorwand, „alles neu machen zu müssen“, habe man die Zeugen des Ersten Weltkrieges entmündigt und politische Interessen der Geschichtsschreibung ausgeblendet. Die überall zu betrachtende Tendenz, in historischen Vorgängen nur noch „Vorstellungen“ (représentations) zu sehen, führe zur Blindheit gegenüber den tatsächlichen Lebensumständen und sozialen Zwängen.
In seiner Schlussbemerkung kehrte Offenstadt zur grundlegenden Frage der Zustimmung zum Krieg zurück. Mangels einer genügend großen Anzahl monografischer Arbeiten über die konkreten Lebensumstände an der Front und in der Heimat sei es nicht zulässig, „Durchhalten“ ohne weiteres mit „Zustimmung“ zum Krieg bzw. mit „Hass auf den Feind“ gleich zu setzen. Die hohe Anzahl von Fraternisierungen und individuelle Versuche, die Führung zu überlisten (z. B. über Selbstverwundungen), verwiesen auf andere Befunde als die Zeugnisse der zumeist bürgerlichen Kulturproduzenten.

In der von Jakob Vogel (Centre Marc Bloch) geleiteten Diskussion wurde vor allem die Alternative „Zwang“ oder „Konsens“ engagiert debattiert. Für Arnd Bauerkämper war deutlich, dass die Positionen der Kontrahenten hinsichtlich der Geschehnisse an der Front keinen Kompromiss zuließen, dass die „Kriegskultur“ jedoch von beiden Positionen eventuell auf die Heimat bezogen werden könne. Auch Catherine Gousseff (Centre Marc Bloch) stellte fest, dass selbst in den Schriften des von Offenstadt sehr kritisierten Stéphane Audoin-Rouzeau, wie zum Beispiel Cinq deuils de guerre, viel nuancierter argumentiert werde als dies in der Debatte hervorkäme.[6] In seiner Antwort auf Offenstadts Kritik zeigte sich Gerd Krumeich offen für einen Nuancierung des Begriffes „Kriegskultur“, den er selber auch nur im Plural benutzen wolle. Was Offenstadts Desiderat einer stärkeren soziologischen Betrachtung des Kriegs betreffe, so sei die Frage der Quantifizierung von „Zustimmung“ ein bislang ungelöstes Problem, sowohl in Bezug auf die Quellen als auch auf ihre Beurteilung. Nicolas Offenstadt betonte erneut, dass für ihn eine über der Gesellschaft schwebende „Kriegskultur“ einen epistemologisch uninteressanten Begriff darstelle. Zwar gebe es in jeder Gesellschaft einen „dominierenden Diskurs“, mit dem jedoch nicht notwendig eine Praxis korrespondiert. Um zu erklären, warum der Krieg so lange andauerte, könne auf eine Vielzahl von Gründen verwiesen werden, auf jeweils unterschiedlichen temporalen Ebenen. Trotz der ihm bewussten Schwierigkeiten erscheine ihm die Quantifizierung kultureller Fragen als zentrale Aufgabe der zukünftigen Forschung.

In seiner Einleitung zum zweiten, der Historiographie des Ersten Weltkrieges in Europa gewidmeten Panel drückte auch Etienne François (Freie Universität Berlin) seine Skepsis gegenüber dem Begriff der „Kriegskultur“ aus und erhoffte sich von der Öffnung der Perspektive einen Erkenntnisgewinn nicht nur für die französischen Kontrahenten.

Diese Hoffnung teilte auch Gerhard Hirschfeld (Bibliothek für Zeitgeschichte Stuttgart / Universität Stuttgart), der sich mit der Situation der Historiographie in Deutschland befasste. Auch er sprach sich für die stärkere Einbeziehung des europäischen Horizonts aus, auch der bislang vernachlässigten neutralen Staaten, um die in Frankreich entwickelte Fragestellung fruchtbar zu machen. Hirschfeld, der Mitglied des internationalen Forschungsbeirats des „Historial“ ist, hielt an der Bedeutung der kulturellen Dimension des Krieges fest, betonte jedoch gleichzeitig, dass sich schon in der „Mobilisierungseuphorie“ sehr unterschiedliche Einstellungen ausgedrückt hätten. Im Laufe des Krieges hätten sich die Diskurse immer mehr diversifiziert; zunächst konnte der Tod noch als Sinnstiftung fungieren, nicht aber mehr gegen Ende des Konflikts. Auch habe sich frühzeitig in breiten Teilen der Armee ein Verteidigungsdiskurs herausgebildet, vor allem an der Somme und in Belgien, wo Positionen gehalten wurden, die schon in der Frühzeit des Krieges gewonnen worden waren.

Oliver Janz (Freie Universität Berlin) stellte sodann die italienische Forschung zum Ersten Weltkrieg vor. Er unterschied drei große Phasen. In einem ersten Zeitabschnitt, der vom Ende des Krieges bis 1968-1969 gedauert habe, sei die Zustimmung der Bevölkerung zum Krieg in den Vordergrund gestellt worden. Da der Weltkrieg sowohl im faschistischen wie im antifaschistischen Lager als Triebkraft der inneren Nationenbildung dargestellt worden war, konnte dieser Topos auch nach 1945 weiter bestehen. Erst nach 1969 rückte in einer zweiten Phase das Liberalisierungsdefizit in den Mittelpunkt der Debatte. Vor allem Historiker „linker“ Provenienz betonten nunmehr, dass der Kriegseinritt der Bevölkerung von Seiten der bürgerlichen Politiker als ein „kalter Staatsstreich“ aufgezwungen wurde. Der Burgfrieden sei ein nachträglich konstruierter Mythos, der das hohe Maß an Verweigerung, die zu mehr als 4000 Hinrichtungen geführt habe, völlig verdeckt habe. Dieses Bild wurde in den 1980er-Jahren nicht grundsätzlich revidiert, jedoch hoben nunmehr auch „linke“ Historiker den Konsens wieder deutlicher hervor. Auf ihre Art hätten sowohl der Klerus als auch die sozialistische Partei zur Stabilisierung der Heimatfront beigetragen; die vor allem von bürgerlichen Kreisen artikulierte Propaganda habe ebenfalls geholfen, den Eindruck eines gerechten Verteidigungskrieges in der Bevölkerung zu verbreiten.

Christoph Jahr (Humboldt-Universität zu Berlin) betonte in seinem Exposé zu Großbritannien zunächst den sehr hohen Stellenwert des Ersten Weltkrieges im öffentlichen Gedächtnis des Landes. Englische Historiker befassten sich besonders mit der der Frage des Kriegseintrittes und dem schnellen Anschwellen des anfänglich sehr kleinen Expeditionskorps in eine Armee von über zweieinhalb Millionen Soldaten. In den sechziger Jahren sei, nicht zuletzt durch den Kontakt mit kritischen Ansätzen aus Amerika, das Versagen der militärischen Leitung intensiv untersucht worden. Seit zehn Jahren werde jedoch eher wieder auf deren Erfolge hingewiesen. [7] So hätten die Generäle in mehr Fällen als bisher von der Forschung angenommen die strategisch richtigen Entscheidungen gefällt. Sie hätten es zudem geschafft, den Krieg als gerecht darzustellen, was auch dazu geführt habe, dass in der britischen Armee keine Meuterei zu verzeichnen gewesen sei. Als in den 1990-er Jahren die Gerichtsakten freigegeben worden seien, habe auch das Thema der Desertion Eingang in den kollektiven Diskurs gefunden. Diesbezüglich entwickelte Fragestellungen wie die in Frankreich diskutierten würden in Großbritannien jedoch bislang kaum rezipiert.

Das Referat von Jürgen Angelow (Universität Potsdam) stellte die Historiographie zum Ersten Weltkrieg auf dem Balkan vor und ermöglichte damit einen Einblick in einen bislang von der Forschung wenig behandelten Aspekt des Weltkriegs. In fünf Punkten resümierte er erste Ergebnisse. Erstens sei im südöstlichen Kampfgebiet ein traditioneller Bewegungskrieg in unübersichtlichen Gegenden geführt worden, welcher sich auf die psychische Verfassung der Soldaten viel weniger negativ ausgewirkt habe als der Stellungskrieg im Westen. Zweitens sei der Osten das Territorium eines „Koalitionskrieg“ geworden, da unterschiedliche Kriegsverbände in verschiedenen Zonen gleichzeitig aktiv waren. Deshalb sei es nötig, den Begriff „Kriegskultur“ in Raum und Zeit auszudehnen und nach kulturellen Transferprozessen zwischen Kriegsschauplätzen zu fragen. Drittens habe es sich um einen Krieg der „Entgrenzung“ gehandelt, in dem überdurchschnittliche viele „Regelverstöße“ vorgekommen seien. Viertens könne man einem „Prätorianertum“ sprechen, da es den Staaten nicht gelungen sei, ihr Gewaltmonopol zu behaupten. Der von bewaffneten Gruppierungen zum Krieg geleistete Beitrag sei bisher noch kaum untersucht. Fünftens sei der Krieg in einem schon vor 1914 patriotisch extrem aufgeladenen emotionellen Kontext geführt worden, was ebenfalls dazu beigetragen habe, Formen extremer Gewalt hervorzubringen. Die Erkenntnisse auf der östlichen Front gelte es nunmehr auch mit denen auf dem westlichen Kriegsschauplatz zu vergleichen und eventuelle Transfers festzustellen.

In seiner Moderation wies Etienne François auf die Notwendigkeit hin, den ganzen europäischen Raum mit seinen Unterschieden in Betracht zu ziehen und die emotionelle Dimension zu beachten. Auch wenn die historiographische Lage von Land zu sehr unterschiedlich sei, seien offenbar ähnliche Entwicklungsschübe zu verzeichnen. Grundsätzlich könne man zwischen jenen Ländern unterscheiden, in denen der Erste Weltkrieg heute noch im kollektiven Gedächtnis eine bedeutende Stellung einnimmt (England, Italien, Frankreich, Balkan), und Länder, in denen dies weniger der Fall ist (Deutschland). Dies führe zu anderen Rahmenbedingungen der Forschung, der Quellenaufbewahrung und des Engagements der Forschenden.

In seinem Diskussionsbetrag fragte Jürgen Kocka (BKVGE), warum dem „Durchhalten“ ein so großer Stellenwert zugewiesen würde – auch der Zweite Weltkrieg sei unter zum Teil noch härteren Umständen geführt worden, und auch dort seien die Front und die Heimat stabil geblieben. Weiter zu befragen seien die Kontinuitäten zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg sowie langfristigen Entwicklungen in Bezug auf die Demokratisierung oder Diktaturbereitschaft der europäischen Gesellschaften. Dieser Hinweis wurde von den Teilnehmern aufgenommen, dabei jedoch auch auf die Gefahr des „Anachronismus“ (Etienne François) hingewiesen. Auch Jakob Vogel betonte die Notwendigkeit, in langfristigen Analysen transnationale Entwicklungen der Forschung zu berücksichtigen. Inwiefern werde der Weltkrieg als eine „europäische“ Geschichte geschrieben, wie könnten Transfer- und Zirkulationsprozesse auch an der westeuropäischen Front berücksichtigt werden?

Die Veranstaltung bewies – wie kaum anders zu erwarten war –, dass die Alternative „Zwang oder Begeisterung“ zwar eine stimulierende Herausforderung ist, kaum jedoch ein tragfähiger Rahmen für eine Neubewertung der Forschung zum Ersten Weltkrieg. Aber sie war strategisch von den Veranstaltern gut gewählt, was schon das Engagement der Teilnehmenden und die langen und intensiven Debatten bewiesen, in denen neue Fragestellungen und Gewichtungen vorgeschlagen wurden. Dabei wurde vor allem der Begriff der „Kriegskultur“ kontrovers diskutiert; die meisten Diskussionsteilnehmer zeigten sich offen für eine Bereicherung der Kulturgeschichte – deren grundsätzliche Legitimität nicht in Frage gestellt wurde – durch sozialhistorische Ansätze. Wie die verschiedenen Ansätze und Fragestellungen verbunden werden sollen, vor allem wie eine quantifizierende Kulturgeschichte beschaffen sein sollte, blieb jedoch noch offen. Ein nach fast achtzig Jahren der Forschung etwas beunruhigendes Resultat der Tagung war, dass man über die konkreten Lebensumstände von Soldaten und Bevölkerung immer noch zu wenig weiß, um gesicherte Vergleiche zu ermöglichen. Breites Einverständnis herrschte darüber, dass es keinen Weg mehr zurück gibt in eine nationale Beschränktheit. Einmal mehr wurde deutlich, dass die komparatistische Perspektive erlaubt, die Besonderheiten der Gesellschaften im Krieg deutlicher herauszuarbeiten und Fragen nach dem Einfluss der nationalen Kontexte präziser zu formulieren. Der geplanten Veröffentlichung der Tagung kann mit Spannung entgegengesehen werden.

Anmerkungen:
[1] Becker, Jean-Jacques, 1914: comment les Français sont entrés dans la guerre. Contribution à l’étude de l’opinion publique printemps-été 1914, Paris 1977.
[2] Zum wissenschaftlichen Beirat des Historial gehören u. a. Gerhard Hirschfeld, John Horne, Wolfgang Mommsen, George Mosse, Giorgio Rochat, Hew Strachan, Jay Winter, siehe <http://www.historial.org> (15 Juli 2007).
[3] Audoin-Rouzeau, Stéphane; Becker, Annette, 14-18: retrouver la guerre, Paris 2000.
[4] Siehe http://<www.crid1418.orgorg> (11. Juli 2007). Der Mediävist Nicolas Offenstadt hat sich vor allem durch eine in Frankreich weit beachtete Monografie zu den im Rahmen der Repression der Meutereien erschossenen Soldaten und deren Andenken ausgewiesen, Offenstadt, Nicolas, Les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective, Paris1999 und 2003.
[5] Zur soziokulturellen Charakterisierung und zur Fehde der der beiden Forschergruppen, siehe den Artikel von Jean Birnbaum in Le Monde, vom 10. 3. 2006, <http://www.france-mail-forum.de/fmf41/soc/41Birnba.htm> (11.07. 2006).
[6] Audoin-Rouzeau, Stéphane, Cinq deuils de guerre 14-18, Paris 2001.
[7] Sheffield, Gary, Forgotten victory. The First World War: myths and realities, London, 2001.


Redaktion
Veröffentlicht am
09.08.2007