Reassessing Intellectual History: Passions and Virtues in Early Modern Europe

Reassessing Intellectual History: Passions and Virtues in Early Modern Europe

Organisatoren
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Ort
Wolfenbüttel
Land
Deutschland
Vom - Bis
08.07.2007 - 21.07.2007
Von
Arthur Assis, Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

Zwischen dem 08 und dem 21. Juli 2007 hat die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel ihren 32. Internationalen Sommerkurs veranstaltet. Nach dem Motto Reassessing Intellectual History wurde der Kurs dieses Mal dem Thema Passions and Virtues in Early Modern Europe gewidmet. Achtzehn Nachwuchswissenschaftler und acht Professoren aus verschiedenen europäischen und amerikanischen Ländern haben dort Theorien, Methoden und besonders Interpretationen der frühneuzeitlichen Geistesgeschichte Europas präsentiert und diskutiert.

In den ersten vier Sitzungen haben die Organisatoren des Kurses – Martin van Gelderen (Florence) und Brian Cummings (Sussex) – aktuelle methodische Ansätze und Konzepte der intellectual history angesprochen. Der Schwerpunkt wurde auf englische Forschungstraditionen gelegt. Zuerst thematisierte van Gelderen die Beziehung zwischen der heutigen intellectual history und der Tradition der history of the political thought. Er wies besonders darauf hin, dass eine Wende von den klassischen politisch-philosophischen Texten zu anderen Quellenarten wie Pamphleten und Bildern nachzuspüren sei. Dazu machte er auch darauf aufmerksam, dass nicht zuletzt wegen dieser Wende der Dialog zwischen aktuellen politischen Philosophen und Historikern der politischen Ideen zunehmend verschwindet.

Brian Cummings skizzierte seinerseits die Grundlagen der Diskussion um Leidenschaften und Tugenden in der Frühneuzeit. Anhand von Beilspielen aus Shakespeares Hamlet und Milton’s Paradise Lost fokussierte er sich auf den englischen literarischen Diskurs des frühen 17. Jahrhunderts. In Bezug auf diese Periode betonte Cummings die Entwicklung einer moralischen Sensibilität, in der die Regelung der Leidenschaften und die Verbesserung der Tugenden in Zusammenhang standen. Seiner Ansicht nach ist diese Dialektik der Leidenschaften und Tugenden – die als dem menschlichen Zusammenleben konstitutiv wahrgenommen war – in Miltons Darstellung des Paares Adam und Eva als erste menschliche Gemeinschaft beispielhaft auffällig.

In dem zweiten Teil des Kurses berichteten Frühe-Neuzeit-Historiker zu spezifischen Forschungsgebieten. Nick Phillipson (Edinburgh) und Iain Hampsher-Monk (Exeter) sprachen über die aktuelle Diskussionslage der Aufklärungsforschung. Phillipson erklärte, dass allgemeine Darstellungen der Aufklärung als eine einzige und einheitliche intellektuelle Bewegung bereits längst verabschieden worden seien. Anschließend betonte er die Existenz einer Vielfalt von Mikro-Aufklärungen, die mit verschiedenen Orte, Zeiten und konfessionellen Hintergründen assoziiert wären. Hampsher-Monk wies auf denselben Pluralisierungsprozess hin und betonte darüber hinaus neue Forschungsfokusse wie das Problem der materiellen Herstellung der aufklärerischen Ideen, die Betrachtung nicht berühmter Aufklärungsdenker und die Aufklärungsgeschichtsschreibung. Wie Phillipson fragte er danach, wie eine allgemeine Identität der Aufklärung nach einer Pluralisierung ihrer Darstellung aussehen könnte. Hampsher-Monks Antwort war, dass die Ablehnung der Vorstellung von der Erbsünde eine allgemeine Grundlegung der Aufklärung war. Anschließend wurde die allgemeine Diskussion um die aktuelle Aufklärungsforschung an einigen Fallstudien weiter illustriert. Phillipson erörterte das Argument und den geschichtlichen Kontext von Adam Smiths Theory of Moral Sentiments. Hampsher-Monk kontrastierte die politischen Philosophien Rousseaus und Burkes. Die Aufklärungsdiskussion abschließend analysierte Silvia Sebastiani (Edinburgh) den Diskurs der schottischen Aufklärungsphilosophen hinsichtlich amerikanischer Themen.

In der Folge wurde vom 18. Jahrhundert in das 16. und das 17. Jahrhundert, von der Aufklärung in die Reformation, Gegenreformation und das Barock zurück gesprungen. Brian Cummings erläuterte edenische Motive von Dürer bis Milton und zeigte, dass bei solchen kulturellen Entwicklungen eine Art moderne Selbstreflexion über den menschlichen Körper entstand. Annabel Brett (Cambridge) erörterte ihrerseits das Problem der Handlung in der Scholastik des 16. Jahrhunderts . Sich besonders auf spanischen Theologen wie Luis de Molina und Francisco de Vitoria beziehend, konzentrierte sich Brett auf den Kontrast zwischen der Handlung des Menschen und der Handlung der Tiere. Dies diente nicht zuletzt dem Verweis auf die Konturen der damaligen Darstellung der Tier-Handlung. Martin van Gelderen analysierte den Rückgriff des niederländischen Republikanismus des 17. Jahrhunderts auf das historische Beispiel des Untergangs von Florenz. Am Werk des niederländischen Dichters und Dramatikers Joost van den Vondel (17 Jahrhundert) vollzog Frans Willen Korsten (Leiden) das geschichtsphilosophische Problem der Spannung zwischen christlichem Kummer (affliction) und klassischer Leidenschaft (passion) nach. Abschließend stellte Kevin Sharpe (London) die Rede um "passions" und "virtues" in Ausdrucksformen bzw. Amüsements wie Musik, Tanz und Pferdereiten im frühneuzeitlichen England dar.

Der dritte Teil des Sommerkurses bestand aus Präsentationen der Forschungsprojekte der ansässigen Doktoranden. Die folgenden Schlagwörter fassen ein bisschen von dem zusammen, was dabei vorgestellt worden ist: die politische Dimension theologischer Diskussionen im 16. und 17. Jahrhundert in Ungarn; Darstellung von Türken in der europäischen Bildkunst des 16. Jahrhunderts; Kulturkritik im 18. Jahrhundert; holländische historische Antiquariate und europäische Gelehrtenrepublik im 17. Jahrhundert; Astrologie und Leidenschaften im 15. Jahrhundert in Italien; die politische Sprache im frühneuzeitlichen Europa.

Die Diskussionen in den drei Teilen des Kurses verliefen mit lebhafter Beteiligung von Dozenten und Doktoranden. Dabei waren die Debatten vor allem durch spezifische Themen und Interpretationen der frühneuzeitlichen Geschichte Europas geprägt, weniger durch allgemeine Diskussionen über ideen- bzw. intellektuellengeschichteliche Theorien und Methoden. Das Begriffspaar "passions-virtues" erwies sich als ein wichtiger Schnittpunkt vielfältiger Forschungsbereiche und -traditionen. Kritisch ist anzumerken, dass ein Blick hinaus aus den gewählten zeitlichen und geographischen Rahmen der Diskussion fehlte. So sind wichtige Fragen unbeantwortet geblieben: Was ist das Spezifikum des frühneuzeitlichen Diskurses um Leidenschaften und Tugenden im Vergleich zu den antiken und mittelalterlichen Diskursen? Inwiefern stehen heutige Vorstellungen von Leidenschaften und Tugenden mit den diskutierten frühneuzeitlichen Ideen im Zusammenhang? Inwiefern sind die methodischen Strategien der intellectual history auch für die neue, neuste und Zeitgeschichte geeignet? Wie sind diese methodischen Strategien auf nicht-europäische Geschichten anzuwenden?


Redaktion
Veröffentlicht am
15.08.2007
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Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
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