Die Sozialräume der mediterranen Arbeitsmigration: rechtliche und politische Voraussetzungen der Mobilität, Migrationskarrieren und Migrationsgedächtnisse

Die Sozialräume der mediterranen Arbeitsmigration: rechtliche und politische Voraussetzungen der Mobilität, Migrationskarrieren und Migrationsgedächtnisse

Organisatoren
Teilprojekt A6 „Administrative Kontrolle, organisierte Betreuung und (Über?)Lebensstrategien mediterraner Arbeitsmigranten in den Montanregionen zwischen Rhein und Maas (1950-1990) des SFB 600 „Fremdheit und Armut“ Universität Trier
Ort
Trier
Land
Deutschland
Vom - Bis
08.03.2007 - 10.03.2007
Von
Julia Seibert, Fachbereich III, Geschichte, Universität Trier

Das Teilprojekt A6 „Administrative Kontrolle, organisierte Betreuung und (Über?)Lebensstrategien mediterraner Arbeitsmigranten in den Montanregionen zwischen Rhein und Maas (1950-1990) des SFB 600 „Fremdheit und Armut“ an der Universität Trier, veranstaltete vom 8. bis 10. März 2007 eine interdisziplinäre Tagung zum Thema: Die Sozialräume der mediterranen Arbeitsmigration: rechtliche und politische Voraussetzungen der Mobilität, Migrationskarrieren und Migrationsgedächtnisse. HistorikerInnen, SoziologenInnen und PolitikwissenschaftlerInnen aus Deutschland, Frankreich, Italien und den USA diskutierten Fragestellungen der neueren europäischen Migrationsforschung. Im Fokus der Tagung stand die länderübergreifende und grenzüberschreitende Dimension der Migration in ihren unterschiedlichen Sphären gesellschaftlicher Organisation, wie der sozialen Betreuung, der rechtlichen und wirtschaftlichen Unterstützung, des Vereinswesens und der politischen Partizipation von Migranten.

Eine einleitende Sektion beschäftigte sich mit den politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen der Arbeitsmigration in den Herkunfts- und Ankunftsregionen. Jim Miller (Chicago), sprach in seinem Beitrag über die in der Nachkriegszeit entwickelten Pläne und Überlegungen zur Anwerbung und Ansiedlung von Arbeitsmigranten in Lothringen. Miller rekonstruierte die Geschichte der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte aus der Perspektive eines Planungskomitees, welches die Aufgabe hatte den Industrie- und Lebensstandort Lothringen zu modernisieren. Planungen hinsichtlich der Nationalität der anzuwerbenden Migranten seien eng an die Erfahrungen des Kolonialstaates Frankreich geknüpft gewesen: So wurde der Anwerbung von maghrebinischen Arbeitern in den 1950er-Jahren mit Skepsis begegnet. Auch bei den Modellen zur Integration von Migranten spielten koloniale Erfahrungen eine Rolle, indem Maghrebiner als "nicht assimilationsfähig" eingestuft wurden.

Jenny Pleinen (Trier) verglich in ihrem Vortrag die rechtlichen Rahmenbedingungen individueller Migrationskarrieren bei Einwanderung nach Belgien mit denen der BRD. Der Vergleich des Aufenthaltsrechtes, des Umgangs mit politischen Aktivitäten, der Regulierung des Zugangs zum Arbeitsmarkt sowie des Einbürgerungsrechts zeigte unter Berücksichtigung der Verwaltungspraxis und der Rechtssprechung, dass Migranten trotz einiger Unterschiede in beiden Ländern deutlich länger in einer Sphäre permanenter Unsicherheit lebten als allgemein angenommen. Die Diskussion zu Pleinens Vortrag zeigte, dass in der Forschung oftmals eine vorschnelle Übertragung des französischen Modells von Einbürgerung auf die belgische Einwanderungspraxis stattfindet, die zu falschen Annahmen führen kann.

In seinem Kommentar zu den ersten beiden Vorträgen der Sektion betonte Federico Romero (Florenz) zunächst, dass sich die Gegenstände der Migrationsforschung in den letzten Jahren stark erweitert hätten: Während in den 1980er-Jahren vor allem Statistiken über Arbeitsmärkte und Migrationsströme untersucht worden seien, gerieten nun auch die Politik der verschiedenen Staaten und die Strategien der Migranten im Umgang mit den Rahmenbedingungen ihrer Migration in den Blick. Dies ermögliche eine Neukonzeptionalisierung der Migrationsforschung, bringe aber auch Schwierigkeiten mit sich, weil sehr viele gesellschaftliche Felder betrachtet werden müssten.

Romero zufolge spiegelten beide Vorträge die allgemeine Illusion der Planbarkeit von Migration in der Nachkriegszeit wider. Diese Vorstellung stünde im Zusammenhang mit der allgemeinen Idee von der Steuerbarkeit von Prozessen, die sich bis in die 1970er-Jahre beobachten lasse. Die Eigenlogik von Migrationprozessen zeige sich jedoch vor allem in Strategien von Migranten im Umgang mit den vorhandenen Rechts- und Verwaltungsnormen und wurde spätestens in den 1970er Jahren auch von politischer Seite wahrgenommen. Hinzu kam, dass die mit der europäischen Integration einhergehenden rechtlichen Regelungen der Migration bestimmte restriktive Planungsversuche ihre Grundlage verloren, insbesondere im Bereich der Überwachung von Ausländern.

Karolina Novinscak (Berlin) eröffnete mit ihrem Vortrag den zweiten Teil der ersten Sektion, in dem sie über die Rolle der kroatischen Diaspora während des Jugoslawien-Konfliktes und des anschließenden Nationalisierungsprozesses sprach. Obwohl die Migranten schon durch den jugoslawischen Staat nach Nationalitäten unterschieden worden seien, entwickelten sie erst in der Emigration eigene, jeweils national verschiedene kulturelle Identitäten. Die Heimatparteien nutzten diese Entwicklung und betrieben eine intensive Einbindungspolitik der Emigrierten, mit dem Ziel diese Gruppe für ihre politische Ideen zu mobilisieren.

Salvatore Palidda (Genua) sprach in seinem Beitrag über die aktuelle Immigration nach Italien und versuchte eine Verknüpfung mit der italienischen Emigrationsgeschichte: Aus den eigene Emigrationserfahrungen erwachse keine Toleranz gegenüber Migranten in Italien, die vor allem als Sicherheitsrisiko gesehen und daher kriminalisiert würden.

Federico Romero hob in seinem Kommentar zu den letzten zwei Beiträgen der Sektion hervor, dass Staaten, die Emigration fördern sich immer positiver Begründungen als Legitimation für Emigration bedienen, hierbei stelle auch das kommunistische Jugoslawien keine Ausnahme dar. Insgesamt betonte er den Konkurrenzcharakter von Migrationserzählungen, die Emigration jeweils als Erfolgs- oder als Verlustgeschichte schreiben würden.

Eine zweite Sektion widmete sich den sozialen Beziehungen von Migranten. Eigene soziale Netzwerke und die Einbindung von Migranten in schon bestehende Netzwerke, sowie allgemeiner die Strategien der Migranten im Umgang mit den rechtlichen Bedingungen von Migration standen hierbei im Fokus.

In ihrem Beitrag, der sich mit der Betreuung von Nordafrikanern durch eigens dafür gegründete Vereine in der Region Longwy beschäftigt, zeigte Sarah Losego (Trier) auf, wie die Betreuung von Migranten als Legitimation für Sozialarbeit gegenüber verschiedenen Instanzen ins Feld geführt wurde. Damit einher ging ein auch von den Vereinen, die von Migranten selbst, vor allem aber von französischen Behörden und Arbeitgebern getragenen wurden, verbreiteter Diskurs, der im Dienst von Kategorien wie „Nächstenliebe“, „Völkerverständigung“ aber auch „psychologischem Beistand“ zum einen das Bild des betreungsbedürftigen „kindlichen“ Migranten etablierte, zum anderen die Sozialarbeit als festen Bestandteil der Betreuung von Migranten legitimierte.

Christine Welke (Trier) versuchte anhand von französischen Naturalisationsakten aus dem "Bassin de Longwy", Einbürgerungsstrategien von italienischen und polnischen Migranten zu rekonstruieren. Neben den biographischen Momenten, die schwer herauszuarbeiten seien, gäbe es strukturelle Elemente die Migranten zu einer Einbürgerung bewegt hätten. Insbesondere in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die als Krisenzeit wahrgenommen wurde, steigt die Zahl der Einbürgerungsanträge. Mit dem Beginn der 1950er-Jahre und den sich anschließenden "Trente Glorieuse" fällt die Zahl der Anträge wieder. Die Motivation sich einbürgern lassen verstärke sich in unsicheren politischen und wirtschaftlichen Situationen, da hier die Angst vor Ausweisung zunehme.

In ihrem Kommentar zu den beiden Vorträgen wies Manuela Martini (Paris) zunächst auf die lokale Besonderheit des "Bassin de Longwy" hin. Durch die starke Einwanderung träten viele Elemente in einer gebündelten Form auf, woraus sich eine Art Laborsituation für diesen Raum ergebe. Ein Vergleich mit anderen Räumen wäre daher von Vorteil.

Martini sprach sich für eine stärkere Hinwendung zu den Strategien der Migranten im Umgang mit der nationalstaatlichen Rahmung aus. Sie distanzierte sich von der Geschichtsschreibung, die Migranten zu wehrlosen Opfern von staatlicher Verwaltung mache. In Zukunft sollten die Forderungen und Bedürfnisse der Migranten und der Umgang der lokalen Verwaltung mit diesen mehr in den Fokus der Forschung gerückt werden. Der Dialog zwischen Administration und Migrant solle besser beschrieben werden.

Die dritte Sektion befasste sich mit der „Repräsentation von Sozialräumen im kollektiven Gedächtnis von Migranten. In ihrem Vortrag über die hauptsächlich von italienischen Vereinen und Betreuungsorganisationen in Seraing (Belgien) getragene Erinnerungskultur der ansässigen italienischen Migranten zeigte Clelia Caruso (Trier) wie im Spannungsverhältnis zwischen lokalen und nationalen Erinnerungskulturen rivalisierende Träger des lokalen Gedächtnisses der italienischen Migration die Erinnerung an zwei „Pioniere“ der italienischen Präsenz in der Region durchzusetzen versuchten. Während sich die Figur des italienischen Résistancemitgliedes Giuseppe Mattioli im Rahmen des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg als fester Bestandteil der lokalen italienischen Erinnerungskultur durchsetzte, konnte sich das von der Italienischen Katholischen Mission initiierte Gedenken an den ersten Missionspfarrer der Region und die Gründung der Mission als nur mit der Migration verknüpftes Ereignis in der öffentlichen Erinnerung nicht dauerhaft etablieren.

Lutz Raphael (Trier) sprach in seinem Beitrag über verschiedene Arten von Erinnerung, die das kollektives Gedächtnis einer Migrantengruppe konstituieren. Das Migrationsgedächtnis sei eine Mischung aus individuellen Erinnerungen, Elementen aus dem Familiengedächtnis, kollektiven Erinnerungen von sozialen Gruppen, nationalen Erinnerungsmustern und historischen Fakten. Welche Art der Erinnerung sich im kollektiven Gedächtnis von Migranten durchsetzt sei unter anderem von lokalen Kontexten abhängig, zum Beispiel davon inwieweit sich einzelne Träger von Erinnerungen, wie Migrantenvereine, durchsetzen könnten.

In seinem Kommentar betonte Omero Marongiu (Lille) nochmals die dominante Rolle des „betreuenden“ Sozialwissenschaftlers bei der Konstruktion von Erinnerungskulturen, zum Beispiel bei der Betreuung konkreter Projekte wie Ausstellungen zur Einwanderungsgeschichte einzelner Einwanderungsgruppen. Die Erinnerungen der Migranten würden häufig an Ereignisse und Momente der Geschichte Europas des 20 Jahrhunderts geknüpft, zum Beispiel Kriege. Daher könne eine „reine“ Migrationsgeschichte wie im Falle der katholischen, italienischen Mission in Seraing nicht in der Erinnerungskultur bestehen, da sie von Erinnerungen an Ereignisse von europäischer Dimension, wie Kriege, verdrängt würden. Eine Publikation zur Tagung ist in Vorbereitung.

Sowohl empirisch, als auch methodisch lieferte die Trierer Tagung interessante Impulse für die europäische Migrationsforschung. Deutlich wurde, dass sich der Forschungsgegenstand Migration stark erweitert hat: Während in den 1980er-Jahren vor allem Statistiken über Arbeitsmärkte und Migrationsströme untersucht wurden, geraten in neueren Forschungsarbeiten nun auch die Politik der verschiedenen Staaten und die Strategien der Migranten im Umgang mit den Rahmenbedingungen ihrer Migration in den Blick. Dies ermöglicht eine Neukonzeptionalisierung der Migrationsforschung, für die der interdisziplinäre und internationale Charakter der Tagung einen geeigneten Rahmen bildete.