Polizei und Körper – 18. Kolloquium zur Polizeigeschichte

Polizei und Körper – 18. Kolloquium zur Polizeigeschichte

Organisatoren
Lehreinheit Geschichtsdidaktik, Historisches Seminar, Universität Leipzig
Ort
Leipzig
Land
Deutschland
Vom - Bis
12.07.2007 - 14.07.2007
Von
Frank D. Stolt, Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft, Juristische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum

Polizeihistoriker/innen aus Lehre und Forschung, Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte, Mitarbeiter von staatlichen Archiven und polizeigeschichtlichen Sammlungen sowie pensionierte und aktive Polizeibeamte, die sich mit geschichtlichen Fragestellungen beschäftigen, waren vom 12. bis 14. Juli 2007 der Einladung der Lehreinheit Geschichtsdidaktik des Historischen Seminars der Universität Leipzig zum diesjährigen Kolloquium zur Polizeigeschichte gefolgt. Auffällig in diesem Jahr war, dass sich viele Studierende aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (Geschichtswissenschaftler, Politikwissenschaftler, Erziehungswissenschaftler, Soziologen und Naturwissenschaftler) für das Kolloquium interessiert haben. Unter den Studierenden waren auch vielen Studienanfänger.

Diese Tagung mit Unterstützung und in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte e.V. und der Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V. fand unweit des geschichtsträchtigen Bereiches um die Nikolaikirche in den Räumen des „Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig - Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ statt.

POLIZEI UND KÖRPER - unter dieses Thema hatten die Veranstalter das diesjährige Kolloquium gestellt. Sind den polizeigeschichtlichen Forschern die Themen ausgegangen? Sind Polizei, Ordnungspolizei, Gestapo im Dritten Reich, Volkspolizei und realexistierender Sozialismus oder Polizei in der Weimarer Republik bereits abschließend erforscht? Bleibt nach Jahren, Jahrzehnten intensiver Forschung zur Polizeigeschichte nichts mehr zum Forschen übrig? Oder waren es nur die Assoziationen, die sich mit Leipzig, Körper und Körperkultur verbinden, die die Veranstalter zu diesem Thema inspirierten? Ähnliches wird sich da der eine oder andere Interessent an dieser Tagung beim Lesen dieses Themas wohl gefragt haben. Aber auch die Überschriften einiger Beiträge erschienen auf den ersten Blick in das Tagungsprogramm wohl etwas „exotisch“. Das Spektrum der verschiedenen Beiträge reichte schließlich von Karl May bis Kriminaltelepathie. Also Gründe mehr als genug auf diese Tagung gespannt zu sein. Vorab sei schon angemerkt, dass sich diese Spannung durchgehalten und letztlich gelohnt hat.

In der Begrüßung durch den Geschäftsführenden Direktor des Historischen Seminars der Universität Leipzig Herrn KENKMANN wurde auf die Kontinuität verwiesen, in der auch das diesjährige 18. Kolloquium zur Polizeigeschichte steht. Dabei wurde die besondere Bedeutung der vielen interdisziplinären Beiträge für die polizeigeschichtliche Forschung hervorgehoben. Diese vielfältigen Ansätze machen gerade deutlich, dass der polizeigeschichtlichen Forschung nicht die zu erforschenden Gegenstände ausgehen, sondern im Gegenteil die Forschung immer mehr in die Breite und Tiefe geht. In diesem Zusammenhang wurden auch auf die Chancen polizeigeschichtlicher Forschung im Bereich der noch „jungen“ Wissenschaftsdisziplin Polizeiwissenschaft verwiesen.

Der Schwerpunkt der meisten Referate am ersten Tag des Kolloquiums lag auf der Präsentation noch laufender oder bereits abgeschlossener Forschungsprojekte zum Verhältnis von Frauen als polizeiliches Gegenüber oder als Beamtinnen in Vollzugdienst.
Im ersten Teil gaben REBECCA PATES (Leipzig) unter dem Arbeitstitel „Körper der Macht - diskursive Produktionen der Prostituierten" und DANIEL SCHMIDT (Leipzig) mit dem Titel „Was weiß die Polizei? Über Wissensbestände und Wissensverläufen in polizei-internen Diskursen, am Beispiel sexueller Dienstleistungen“ einen sehr detaillierte Einblick zum Verhältnis der Polizei zu Prostituierten als polizeilichem Gegenüber. Die Diskussion zu beide Beiträgen zeigte, dass diese Themen noch Raum für eine intensivere Bearbeitung lassen. Ungeachtet dessen zeichneten beide Vorträge ein etwas anderes Sittengemälde. Deutlich wurde in jeden Fall das ambivalente Verhältnis von Polizei zu Prostituierten über verschiedene historische Abschnitte hinweg.

Einen deutlichen Kontrast bildeten anscheinend die Beiträge im zweiten Teil des ersten Tages, konkret von BETTINA BLUM (Münster) „Winker-Miezen“. Weibliche Verkehrspolizei in Dresden 1945 - 1965“ und DIRK GÖTTING (Hannover) „Weibliche Eigenart“ und männliche Polizei. Das Konstrukt der „sozialen und geistigen Mütterlichkeit“ als komplementäres Gegenkonzept zum „männlichen Staat und seiner Polizei“". Sehr schnell wurde in beiden Beiträgen deutlich, dass beide Teile dieses ersten Tages zusammengehörten. Spiegeln sie doch insgesamt die Einstellung zu Frauen in einer männlich sozialisierten und dominierten Polizei wider. Bettina Blums Beitrag ist in doppelter Weise verdienstvoll, weil sie einen neuen Akzent in der Forschung zur Geschichte der Volkspolizei in der DDR setzt.

Dies spiegelte sich auch in der Diskussion wider, wo mehrfach auf die historischen und gesellschaftspolitischen Kontinuitäten im Verhältnis der männlich geprägten Strukturen der Polizei zu Frauen hingewiesen und eine weitere Beschäftigung mit diesem Thema gefordert wurde.

JENS DOBLER (Berlin) gab mit seinen Forschungen zum „Das Bild des Homosexuellen. Polizeiliche Beschreibungen zwischen 1860 und 1933“ einen Überblick über Kontinuitäten und auch Brüche in polizeilichen Dokumenten über vornehmlich männliche Homosexuelle. Bewusst oder unbewusst war dieses Bild bestimmt von der biologistischen Schule eines Lombroso und beeinflusst von den Schriften Groß und Liszt. Neben dem Sittengemälde von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik bis zum Vorabend des Nationalsozialismus, das dieser Vortrag zeichnete, können diese Forschungsergebnisse auch einen wichtigen Beitrag zur aktuellen kriminologischen Debatte über den Neobiologismus beisteuern.

In eben diesem Sinne kann auch der Vortrag von NICOLE SCHWAGER (Zürich) zu den „Verwalteten Körper“ in der Schweiz von 1890 bis 1925 verstanden werden. Untersucht wurde die Praxis der polizeilichen Identifikationstechniken der Bertillonage (ein von Bertillon entwickelte System zur Messung und Registrierung von Körpermaßen einer Person) und Daktyloskopie (ein von Herschel eingeführtes biometrisches Verfahren, das auf der biologischen Unregelmäßigkeit menschlicher Papillarleisten auf Handflächen, Fingergliedern, Fußunterseiten und Zehenunterseiten beruht. Geprägt wurde der Begriff um 1890 vom Argentinier Juan Vucetich. Auch in diesem Vortrag wurde deutlich auf die geistige Linie vom Versuch der Erkennung von potenziellen und tatsächlichen Straftätern anhand von biologischen Merkmalen (Lombroso) bis hin zur Identifizierung und Katalogisierung von Straftätern.(Bertillon und Herschel), denn trotz der Überlegenheit der Daktyloskopie dienten beide erkennungsdienstlichen Maßnahmen noch lange parallel in der Schweiz, um Vergleichsmaterial zur Identifizierung oder Unterscheidung von Personen zu beschaffen, zu sammeln und auszuwerten. Interessant an dieser Forschung ist, dass sie sich auf durch Kriegsfolgen des Zweiten Weltkriegs nicht beeinträchtigte bzw. zerstörte Archive in Zürich und Bern stützen konnte.

In ihren Vortrag „(Un)sichtbare Körper. Über einige Auswirkungen der Idee vom „jüdischen Körper“ auf Verfolgung und Verfolgte während des Nationalsozialismus" ging Michaela Christ (Essen) auf die Problematik der Identifizierung von männlichen Juden bei der Verfolgung in Deutschland und den besetzten Gebieten anhand der rituellen Merkmale (Beschneidung) nach. Dabei wurden entsprechende Vorgehensweisen der Verfolger und daraus resultierende Ängste und Versuche der Verfolgten, dem zu entgehen, dargestellt und die Seelenlage der so Verfolgten aufgezeigt. Auf der anderen Seite setzte sich die Vortragende mit den oft erfolgreicheren Versuchen und Methoden der weiblichen Juden auseinander, der Identifizierung und Verfolgung zu entgehen. Ein Vortrag, der in besonderer Weise die Problematik der Stigmatisierung von Menschen herausstelle, die auf Grund körperlicher Besonderheiten zu Opfern wurden.

Einen Einblick in das „alltägliche“ und „gewöhnliche“ Denken der Täter gab THOMAS KÖHLER (Münster) in seinem Referat „Die Erlösung vom Körper. Das „eherne Gesetz“ des Schutzpolizisten Erich Siewers“. Der in nationalsozialistischem Geist abgefasste Roman über den Werdegang und „Heldentod“ eines Schutzpolizisten war Pflichtlektüre und Teil der faschistischen Indoktrination der Polizei im Dritten Reich. Interessant war die aufgezeigte parallele biografische Entwicklung des Autors dieses Romans mit Erich Maria Remarque (Im Westen nichts Neues) und die anschließende Hinwendung zur nationalsozialistischen Ideologie. Die Biografie des Autors und auch seines Protagonisten im Roman können als beispielhaft für die Entwicklung vieler Schutzpolizisten im Nationalsozialismus angesehen werden. Eine Entwicklung, die nicht wenige dieser Ordnungspolizisten in die Sonderbataillone im Osten führte.

Mit seinem Vortrag „Der Kampf um den öffentlichen Raum. Schutzpolizisten, Kommunisten und Nationalsozialisten im Ruhrgebiet 1930-1933“ zeigte DANIEL SCHMIDT (Münster) an einem örtlich und zeitlich begrenzten Beispiel die tatsächlichen Entwicklungen in den Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten auf der einen Seite und Schutzpolizei auf der anderen Seite in den letzten Jahren der ungeliebten Weimarer Republik und des heraufdämmernden Faschismus in einer eher religiös geprägten Arbeiterstadt auf. Gerade in Anlehnung an den Vortrag von Köhler wurde neben dem Auftreten und Verhalten sowie dem organisatorische Aufbau der Polizei die Gefühlslage der Schutzpolizei in diesen Auseinandersetzungen beleuchtet.

Mit dem offiziell vermittelten Bild der Polizei in der Weimarer Republik im Dritten Reich setzte sich Nadine Rossol (Limerick) in ihrem Beitrag „Erzieher und Märtyrer: Polizeikörper, Staatsrepräsentation und Legendenbildung in der Weimarer Republik und dem Dritten Reich“ eingehend auseinander, wobei viele bekannte Klischees nochmals aufgegriffen und tiefer beleuchtet wurden. Dabei betrachtete die Referentin eben nicht nur das ermittelte Erscheinungsbild des Wach- und Sicherheitskörpers als solchem, sondern ging auch auf das „Bild“ des Polizisten als Abbild ein.

Eine literarische Abrechnung besonderer Art war Gegenstand des Vortrages von Harald Jenner (Berlin). Sein Beitrag „Ein Polizist, der seine Angaben aus dem Reiche seiner überspannten Phantasie herholt, ist nicht an seinem Platz“ zeigte das bedingt durch negative persönliche Erfahrungen geprägte Bild des Polizisten (Kriminalpolizisten) bei Karl May in seinen Romanen. Dabei bediente sich May insbesondere der Schilderung des Erscheinungsbildes und Aussehens dieser Polizisten, um deren offenkundige Unfähigkeit und Ignoranz darzustellen, ohne dabei expressis verbis immer wieder deren mangelnde Kompetenz und berufliche Eignung anzusprechen.

Mit den Problemen der Rekrutierung von jungen Männern in der DDR zum „Dienst an der Staatsgrenze“ befasste sich der Vortrag von Gerhard Sälter (Berlin). Dabei war der Fokus seines Vortrages besonders auf Theorie und Praxis der Schaffung eines politisch homogenen und loyalen Kollektivs in den fünfziger und sechziger Jahren gerichtet. Aufgrund dieser besonderen Anforderungen und der Deckung eben dieser Anforderungen mit vergleichbaren Anforderungen anderer Schutz- und Sicherheitsorgane in der DDR wurde es immer schwieriger die benötigten und ständig steigenden Zahlen an Rekruten zu erbringen. Hinzu kam eine weithin kritische Einstellung breiter Teile der Bevölkerung.

Einen geschichtlichen Einblick besonderer Art gab UWE SCHELLINGER (Freiburg) mit seinem Vortrag zur Entwicklung und dem Einsatz parapsychologischer Fähigkeiten von Menschen (Medien) in der kriminalpolizeilichen Praxis. Der Vortrag „Praxis und Problematik der Kriminaltelepathie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart“ ging auf den gleichzeitig von Faszination und Ablehnung bestimmten Einsatz von Medien mit diesen besonderen parapsychologischen Fähigkeiten durch einzelne Kriminalpolizisten in verschieden Epochen bis hin zu spektakulären und zum Teil wenig publizierten Einsätzen bei Ermittlungen des BKA ein. Dieses Phänomen kann ein Schlaglicht auf die tatsächliche innere Befindlichkeit der Polizei werfen. Allein schon aus diesem Grund sollten Historiker und Polizeiwissenschaftler sich diesem Phänomen weiter widmen.

Als „Serviceleistung“ und nicht als Forschungsbeitrag wollte CLEMENS HEITMANN (Leipzig), vom Sächsischen Staatsarchiv Leipzig, seine fundierten Ausführungen zur „Archivischen Überlieferung von Sicherheitsbehörden in Sachsen“ verstandenen wissen. Gegenstand seiner Präsentation waren die Organisation verschiedener Archivbestände und die Möglichkeiten weiterer möglicher Forschungsvorhaben im Bereich der Polizeigeschichte zur Rolle der Polizei und anderer „Sicherheitsorgane“ in der DDR.

Am Ende des Kolloquiums kam es am Ende noch einmal zu einer sehr engagiert verlaufenden Diskussion über ein Video der Berliner Polizei. Bärbel Fest (Berlin) stellte das Video „Ein Tag im Mai“ vor, ein Filmprojekt der Berliner Polizei über den „Revolutionären 1. Mai“ in Berlin. Diese siebzehn Minuten dauernde Video wird in der Polizeigeschichtlichen Sammlung Berlin vor allem Schülern als Beitrag zur Gewaltprävention vorgeführt. Das Filmprojekt der Berliner Polizei zeigt die „1. Mai-Krawalle“ ausschließlich aus der Sicht der Polizei und besteht aus Videos, die von Dokumentations-Trupps der Berliner Polizei aufgenommen wurden. Auf massive Kritik der Teilnehmer stieß, dass weder die Geschichte und genaueren Umstände dieser Krawalle noch die Rolle der Polizei bei Demonstrationen differenziert dargestellt werden. Als besonders problematisch wurde immer wieder benannt, dass insbesondere durch die beliebig aneinander geschnittenen und umfassenden Krawallszenen der Eindruck erweckt wird, dass Proteste notorisch gewalttätig verlaufen. Außerdem werden polizeiliche Selbstbilder vermittelt, die anscheinend aus den 50er bzw. frühen 60er Jahren stammen.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das Ziel auch des diesjährigen Kolloquiums, Wissenschaftler und Studierende mit einem besonderen Interesse und Arbeitsschwerpunkt auf dem Gebiet der polizeigeschichtlichen Forschung zusammen zu bringen, erreicht wurde.

Wesentlichen Anteil am Gelingen dieses 18. Kolloquium für Polizeigeschichte hatten nicht zuletzt die vielen fachkundigen Fragen, interessanten Diskussionsbeiträge und Anregungen der Teilnehmer/innen und die jeweils souveräne Moderation der einzelnen Blöcke. Gerade die sachliche Arbeitsatmosphäre und der offene Umgang miteinander auf diesen Tagungen ohne die häufig zu beobachtenden selbstdarstellerischen Inszenierungen einzelner Teilnehmer sind ein Garant dafür, dass diese Kolloquien für Vortragende und Hörer einen Glücksfall darstellen.