Wie können Dramen der Geschichte historisiert und in Museen oder Ausstellungen gezeigt werden? Wie kann man Kriegsgewalten (re-)präsentieren und was zeigt man, was zeigt man nicht? Wie kann man Leiden mit anderen teilen? Das waren drei der Ausgangsfragen zur Tagung „Montrer les violences de guerre. Expositions, musées“, zu der die Historikerin Annette Becker und der Anthropologe Octave Debary eingeladen hatten. Da völlig unterschiedliche Perspektiven miteinander in den Dialog treten sollten, war die Bandbreite der Beiträge groß: Sie reichte von musealen Repräsentationen der Shoah über Kriegsdenkmäler bis zur Vorstellung eines gestalterischen Wettbewerb-Beitrags für ein Museum am World Trade Center. Neben eher theoretischen und praktischen Blicken auf das Thema waren auch künstlerische Positionen vertreten. Ein umfassendes Programm, das spannende Diskussionen erwarten ließ.
OCTAVE DEBARY (Paris) steckte in seiner Einführung den Rahmen ab und reflektierte über die Möglichkeiten, Kriegsgewalten in Museen und Ausstellungen zu visualisieren. Ausgehend von einem Zitat von Paul Ricoeur, dass Leiden ertragbar würde, wenn man es mit einer Geschichte verknüpfte, formulierte er weitere Fragen wie: Wann fängt Geschichte an? Gibt es eine richtige, eine wahre Geschichte? Was steht zwischen dem Vergessen und der Domestizierung des Gedächtnisses im Museum? Damit war auch vorgegeben, dass es hier nicht darum gehen sollte, pauschale Antworten zu formulieren, sondern Kriegsgewalten immer auch in der eigenen Epoche zu begreifen und zu analysieren.
Der erste Vormittag war vor allem historisch-philosophischen Fragestellungen gewidmet. Der Historiker und Mediävist PHILIPPE BRAUNSTEIN (Paris) widmete sich in seinem Vortrag den Kriegerdenkmälern in Deutschland und Frankreich. Der Philosoph PHILIPPE MESNARD (Paris) hingegen stellte sich die Frage des Pathos und versuchte die Logik des Museums, mit Verfremdungseffekten und Distanzierung zu arbeiten, mit Aristoteles zu begründen. FRANÇOIS SOULAGES (Paris) fragte am Beispiel der Kriegsfotografie nach Formen der Repräsentation im Museum. Da die Disziplinen unterschiedliche Entscheidungskriterien aufstellten, was gezeigt werden darf und was nicht, forderte der Philosoph stets eine interdisziplinäre Herangehensweise.
Von den Vorträgen am Nachmittag sollen hier drei herausgehoben werden: Museumskonservator MARC-OLIVIER GONSETH (Neuchâtel) stellte die unterschiedlichen Modalitäten vor, mit denen in Ausstellungen des Musée d'ethnographie in Neuchâtel Konflikte und Kriege inszeniert werden. Wie es der wegweisenden Philosophie des innovativen Schweizer Museums entspricht, wird für jede Ausstellungssequenz eine eigene Inszenierungsform entwickelt, die in Rechnung stellt, dass auch im Museum stets nur mit vorfabrizierten Bildern gearbeitet wird. Verfremden, weglassen und Alltagserfahrungen zuspitzen sind dabei wichtige Elemente der museographischen, selbstreflexiven Übersetzungsarbeit.
MARIANNE PETIT (Rivesaltes) referierte über das Projekt, das ehemalige Internierungs- und Durchgangslager Rivesaltes in Südwestfrankreich in ein Museum bzw. eine Gedenkstätte zu verwandeln. Zwischen 1938 und 1970 diente das Lager zur Internierung derjenigen, die in Frankreich nicht erwünscht waren. Dazu zählten in den 1930er-Jahren spanische Bürgerkriegsflüchtlinge, danach waren es jüdische Emigranten sowie Sinti und Roma, die von hier aus über Drancy nach Auschwitz in den Tod deportiert wurden. Anschließend wurden deutsche Kriegsgefangene und französische Kollaborateure und zuletzt Harkis aus Algerien in diesem Lager inhaftiert. Petit berichtete von den Schwierigkeiten, in der Region überhaupt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass an diese Geschichte(n) erinnert werden kann. Was ist hier passiert? steht als Ausgangsfrage für das Museum, das 2010 eröffnet werden soll.
Besonders eingängig berichtete SOPHIE NAGISCARDE (Paris) über die im Mémorial de la Shoah in Paris 2007 von ihr konzipierte Ausstellung „La Shoah par balles“. Thema der Ausstellung waren die Erschießungen von über 1,5 Millionen Menschen jüdischen Glaubens, welche die Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1944 in der Ukraine vorgenommen hatten. Eigene Recherchen des Mémorial brachten weitere Massengräber in der Ukraine zum Vorschein. Die Ausgrabungen wurden auch in der Ausstellung dokumentiert, zusammen mit einigen Fotografien, Texten und Abbildungen. Nagiscarde schilderte, dass man bei der Konzeption zuweilen entschieden hatte, nicht alles zu zeigen, um die Würde der Opfer zu bewahren. Die Kuratorin verwies vor allem darauf, dass in dieser Ausstellung eine emotionale Szenographie nicht möglich gewesen wäre, da es hier vor allem darum ging, Informationen zu vermitteln.
Der zweite Vormittag war dem Umgang mit Kunst und Gewalt gewidmet. Künstlerische Positionen erhalten in der Gegenwart immer häufiger Einzug auch in kulturhistorische Museen und Ausstellungen. Dass diese kein Allheilmittel darstellen, aber neue, andere Blicke auf die Dramen der Geschichte erlauben, machten die vier Beiträge von sehr unterschiedlich arbeitenden Künstler/innen deutlich. Ein Höhepunkt nicht nur vormittags war der Vortrag des in Irland lebenden Künstlers JOCHEN GERZ (Kilgaravan), der sich unter anderem in Installationen, Fotografien oder Videos mit sichtbaren und unsichtbaren Repräsentationen von Gewalt auseinandersetzt – wie etwa in Harburg mit dem Mahnmal gegen Faschismus oder in Saarbrücken mit dem Mahnmal gegen Rassismus. Gerz gab vielfältige Einblicke in die Entstehungsweise seiner Arbeiten. So schilderte er, wie er als Sportjournalist während der Olympischen Spiele 1972 in München das erste Mal zum Konzentrationslager in Dachau fuhr und wie ihn die Dominanz des Museums, das für ihn die Funktion des Konzentrationslagers völlig überdeckte, zu seinen Fotoarbeiten anregte. Gerz machte auch deutlich, dass die Beschäftigung mit Kriegsgewalten nicht immer gleich verläuft, sondern viel mit der jeweiligen Epoche und vor allem mit der persönlichen Geschichte zu tun hat, und deshalb auch widersprüchlich sein kann. Darüber hinaus appellierte Gerz an die TagungsteilnehmerInnen, gewissermaßen ein weiteres Dossier zu öffnen, das sich auch mit anderen Formen der Gewalt auseinandersetzt: das des Kolonialismus bzw. die Aufarbeitung desselben aus westlicher Sicht.
Von den drei jüngeren Künstlerinnen, die ihre Arbeiten über das Tor von Birkenau (NATACHA NISIC, Paris) und über Euthanasie (CLAIRE ANGELINI, München/Paris) vorstellten, beeindruckte vor allem LISA NGUYEN (Düsseldorf). Für ihre Fotoarbeiten begab sich die Französin nach Vietnam, dem Herkunftsland ihres Vaters und verfolgte dort die noch sichtbaren und unsichtbaren Spuren des Vietnamkrieges und den Formen seiner Repräsentation. Die Fotografin präsentierte eine ganz besondere Art von Souvenirs - eine Art Kartographie des Gedächtnisses. Eine Handvoll Erde, mitgenommen von ehemaligen Kriegsschauplätzen, im Atelier abfotografiert und dadurch nochmals verfremdet, weist auf die Vieldeutigkeit der Oberfläche hin. Ansichten der offiziellen Erinnerung aus Kriegsmuseen oder von Präparaten durch den Einsatz von Agent Orange deformierter Föten, montiert Nguyen zu einem Leporello, wie man sie von touristischen Orten kennt. Sie verweisen auf diese Weise auf die banalisierenden Seiten des Umgangs mit Krieg. Gewissermaßen schon als eine Antwort auf die Forderung von Jochen Gerz, sich mit dem Kolonialismus auseinanderzusetzen, stellte Nguyen auch eine gerade im Entstehen begriffene Arbeit vor. Hier beschäftigt sie sich mit Postkarten aus Französisch-Indochina (französische Kolonie bis 1954) aus der Zeit um 1900, die von folkloristischen Ansichten über erlegte Tiger bis hin zu abstoßenden Darstellungen von Menschenköpfen reichten. Vor allem die Rückseiten der Postkarten mit den Grüßen in die Heimat regten zu einer intensiven Diskussion an.
Am Nachmittag beschäftigte sich SOPHIE WAHNICH (Paris) mit der Rolle der Kunst in den Kriegsmuseen. Die Historikerin zeigte hierfür Formen der Inklusion und der Exklusion auf, wie sie heutzutage in den Museen praktiziert werden und das Museum so zu einem politischen Ort machen. Sie vermutete hinter den künstlerischen Praktiken zum einen ein ethisch begründetes Konzept. Zum anderen stellte Wahnich die These auf, dass durch den Einsatz der Kunst auch das Unbewusste in das Museum Einzug halten kann – denn nicht alles sei für die AusstellungsmacherInnen kontrollierbar. NINA GORGUS (Frankfurt am Main) reflektierte anschließend über verschiedene gängige Präsentationsformen in europäischen militärgeschichtlichen Museen und darüber, welche Rollen Ästhetik und Ethik spielen und spielen müssten. Die These, dass in Museen oftmals die Funktion von historischem Kriegsgerät banalisiert werde, indem nur die ästhetische Seite allein betont würde, griff JEAN-BAPTISTE CLAIS (Paris) in seinem nachfolgenden Vortrag wieder auf. Als Konservator am Louvre mit der Konzeption der Schausammlung der islamischen Abteilung betraut, wies er darauf hin, dass im Louvre die Kunst im Vordergrund stünde – auch wenn das Publikum eigentlich eine zeitgenössische, gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit dem Islam erwartete. Die Waffen, die zur islamischen Sammlung gehörten, gelten hier als Kunstwerke; auf ihre eigentliche Funktion würde man nicht hinweisen, allein aus dem Grund, da die Waffen nicht mehr verwendet werden könnten. ROLAND BAUMANN (Brüssel) illustrierte anschließend den Umgang mit Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg anhand von Bildbeispielen aus Polen während CATHERINE PERRET (Paris) den Konstruktionen von Erinnerungen an den Krieg im Film nachging.
ANNETTE BECKER (Paris) wies in ihrem Schlussbeitrag darauf hin, dass am Anfang aller Beschäftigung mit Dramen der Geschichte immer die Hindernisse des Verleugnens und des Vergessen überwunden werden müssten – und dass deshalb immer eine klare Bestandsaufnahme des Materials am Anfang stehen müsste. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Diskussionen sehr dicht und intensiv waren. Zudem wurde deutlich, dass die Beschäftigung mit Krieg und Gewalt allgemein Unbehagen verbreitete, was die Beteiligten auch immer mit thematisierten. In den Diskussionen wurde zuweilen Kritik am gegenwärtigen Umgang von Museen und Gedenkstätten in Deutschland mit dem Thema Krieg, insbesondere mit dem Nationalsozialismus und der Shoah geübt – allerdings weniger wissenschaftlich begründet als von tagespolitischen Themen wie Rechtsextremismus beeinflusst. In diesem Zusammenhang erinnerte der Museologe André Desvallées nochmals eindringlich an die Entstehung des Historial zum Ersten Weltkrieg in Péronne: Die vergleichende Perspektive – der Erste Weltkrieg an der Somme wird aus französischer, britischer und deutscher Sicht zugleich erzählt – war die mutige Entscheidung des wissenschaftlichen Teams, das damit Maßstäbe setzte, die nicht mehr unterlaufen werden sollten. Auch wenn die Tagung sich vordergründig mit den durch den Nationalsozialismus ausgehenden Gewalten, Shoah und deren Repräsentationen auseinandersetzte, schwang im Subtext der Tagung doch auch mit - und Jochen Gerz sprach es aus -, dass in Frankreich mit der vollständigen Aufarbeitung des Kolonialismus ein Thema ansteht, dass der dringenden Bearbeitung bedarf. Der Wunsch der beiden Organisatoren der Tagung, einen Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen anzuregen, gar zu vernetzen, konnte während dieser zwei Tage in die Praxis umgesetzt werden. Die spannende und kluge Komposition des Programms trug im hohen Maße dazu bei, dass die Tagung und die Diskussionen zum Teil sehr anregend und kurzweilig waren. Die Beiträge sollen Ende 2009 in einer Publikation erscheinen.
Konferenzübersicht:
Ouverture du colloque par Octave Debary (Paris)
Philippe Braunstein (Paris): La pierre et la douleur
Philippe Mesnard (Paris): La question du pathos
François Soulages (Paris): Violence, existence et esthétique
Présidence Anne Grynberg (Paris)
Marc-Olivier Gonseth (Neuchâtel): De La grande illusion à Remises en boîtes : scènes de guerre dans deux expositions du MEN
Adeline Rispal (Paris): Projet pour le mémorial du World Trade Center
Isabelle Rivé-Doré (Lyon): La représentation des victimes: Cambodge, chroniques d’un génocide et Prisonniers de l’image
Marianne Petit (Rivesaltes): L’esprit d’un lieu; échos de leurs tourments
Sophie Nagiscarde (Paris): L’exposition La Shoah par balle
Jochen Gerz (Kilgaravan): Actualité du non-vécu partagé
Natacha Nisic (Paris): Ce qui reste
Liza Nguyen (Düsseldorf): Cartes postales et représentations de la guerre
Claire Angelini (Munich): Traces de mémoire/mémoire des traces
Sophie Wahnich (Paris): Qu’advient-il des arts dans les musées d’histoire des guerres?
Nina Gorgus (Francfort): Peut-on faire une belle exposition de la guerre?
Jean-Baptiste Clais (Paris): La présentation des armes Islamiques dans le futur département des arts de l'Islam du Louvre
Roland Baumann (Bruxelles): Représenter la Deuxième Guerre mondiale à Varsovie
Catherine Perret (Paris): La guerre dans l’archive
Clôture du colloque par Annette Becker