Detmolder Sommergespräch. Arbeit, Beruf im Spiegel archivischer und musealer Quellen

Detmolder Sommergespräch. Arbeit, Beruf im Spiegel archivischer und musealer Quellen

Organisatoren
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Ostwestfalen-Lippe
Ort
Detmold
Land
Deutschland
Vom - Bis
24.07.2009 -
Von
Bettina Joergens, Landesarchiv NRW Abt. Ostwestfalen-Lippe

Zum nunmehr 6. Mal veranstaltete das Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe am 24. Juni 2009 das „Detmolder Sommergespräch“. Traditionell verstehen sich die „Detmolder Sommergespräche“ als eine offene Kommunikationsplattform und eine fachliche Schnittstelle zwischen Familienforschung, Geschichtswissenschaft, Behörde und Archiv; die Programme der „Sommergespräche“ richten sich gleichermaßen an Historiker, Familienforscher und Archivare sowie Mitarbeiter von Behörden. Die Resonanz der bisherigen Veranstaltungen verdeutlicht die regionale und überregionale Attraktivität dieses Konzepts, und auch diesmal kamen rund 100 Gäste und Referentinnen sowie Referenten aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland.

Im Zentrum der Vorträge und Diskussionen stand in diesem Jahr das Thema „Arbeit“. Insgesamt sieben Referentinnen und Referenten diskutierten dabei verschiedene Fragen der Arbeits- und Wirtschaftsgeschichte und zeigten beispielhaft Biografien und genealogische Zusammenhänge auf. Sie stellten archivische und museale Quellen vor, anhand derer zum Beispiel die eigene Familiengeschichte und vergangene Arbeitssituationen weiter erforscht und besser verstanden werden können. Waschen, Nähen, Brot backen, Pflügen, Schweißen, Schmieden, Fische säubern, Ziegel brennen, Kohle fördern, Schafe hüten, Schreiben oder Unterrichten und viele Arbeiten mehr dienen und dienten dem Erwerb des Lebensunterhalts. Arbeit konnte und kann aber auch Beruf und Berufung sein. Von welchem Einkommen jemand lebte, unter welchen Bedingungen welche Art von Arbeit geleistet wurde, welche Berufe in einer Familie bevorzugt ausgeübt wurden, und wer in welcher Weise das Familieneinkommen erwirtschaftete, ist Teil von Biografien und Familiengeschichten. Umgekehrt wird Familien- und Personengeschichte erst dann besonders interessant, wenn die Arbeitswelt der Einzelnen und deren wirtschaftliche Verhältnisse erkennbar werden. Fragen der Alltags-, Arbeits- und Wirtschaftsgeschichte sind insofern untrennbar mit genealogischen und biografischen Forschungen verbunden.

Den Einführungsvortrag der Veranstaltung hielt JULIA PAULUS (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster) zu dem Thema „Arbeit und Beruf. Definitionen, historische Einordnung und genealogische Bezüge“, in dem sie ein theoretisches und methodisches Grundgerüst für die Erforschung der Geschichte von „Arbeit“ vorstellte. Ihr zufolge sei nach dem modernen Verständnis Arbeit „Männersache“, „ein produktiver und kollektiver Prozess“, der Vergemeinschaftung schaffe, und der einen geregelten Anfang und ein durch Freizeit begrenztes Ende aufweist. Um historische Arbeitssituationen kultur- und geschlechtergeschichtlich zu analysieren, reiche diese verkürzte und zu historisierende Sicht auf Arbeit nicht aus. Stattdessen müssten weitere Differenzierungen für einen erweiterten Arbeitsbegriff vorgenommen werden, die sowohl produktive und reproduktive Arbeit berücksichtigten sowie deutlich machten, dass die unterschiedliche Verortung von Frauen und Männern im Erwerbssystem das Ergebnis sozialer Konstruktionen darstelle, die auf der Ebene sozialer Interaktion hergestellt und in Institutionen verfestigt werde. Daraus ergeben sich Vorstellungen von so genannten Frauen- und Männerberufen, die insbesondere durch die Familienforschung anzufragen seien. Schließlich, so Paulus, seien „Arbeit“ und „Beruf“ abhängig von der jeweiligen Struktur und Funktion, die Familie in diesem System besitzt, wodurch der „Beruf“ als qualifizierte Arbeit in hohem Maße geschlechtsspezifisch codiert sei. Diese Leitthesen wurden im Laufe der Tagung immer wieder aufgegriffen und diskutiert.

In der ersten Sektion mit dem Titel „Arbeit, Beruf und Familie“, moderiert und eingeführt von BETTINA JOERGENS (Landesarchiv NRW, Detmold), fragten die Referentin und die Referenten 1. nach dem Wandel von Arbeit, Arbeits- und Berufsverständnissen sowie Verhältnissen von der vorindustriellen Zeit bis zum 20. Jahrhundert; 2. nach den damit verbundenen Veränderungen der Familienökonomie, also der Verteilung der Arbeiten und der Einkommen unter den Familienmitgliedern, und 3. nach Kontinuitäten und Brüchen in Biografien aufgrund veränderter Arbeitswelten und nach geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Tradierung von Berufen und Tätigkeiten. Wurden – besonders im 20. Jahrhundert – Berufe in der männlichen Linie eher tradiert, während Frauen gegenüber ihren Müttern und Großmüttern neue Wege einschlugen?

Die Sektion gliederte sich in zwei Teile: Zunächst referierten Stefan Gorißen und Hermann Metzke über die Verschränkung von Wirtschafts- und Familiengeschichte in der vorindustriellen Zeit und nahmen dabei eher eine synchrone Betrachtung vor. Anschließend beleuchteten Jan Lucassen und Dagmar Kift Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert unter biografischen Aspekten.

STEFAN GORIßEN (Universität Bielefeld) ging unter dem Titel „Arbeiten und Wirtschaften in vorindustrieller Zeit“ der Frage nach, inwieweit verwandtschaftliche Netze im 18. Jahrhundert für den beruflichen Erfolg entscheidend waren. Dazu betrachtete er die in Zünften organisierten städtischen Handwerker, ländliches Gewerbe sowie ländliche und städtische Kaufleute. Dabei stellte er fest, dass die Bedeutung von Familie in diesen Branchen sehr unterschiedlich war. So spielte zum Beispiel das Verwandtschaftsnetz für Kaufmannsfamilien eine enorme Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg, wie etwa an den angelegten Familienarchiven und der Aufstellung von Genealogien sichtbar wird.

HERMANN METZKE (Deutsche Arbeitsgemeinschaft Genealogischer Verbände, Jena) wandte sich in seinem Vortrag seinem Thema „Genealogie und Berufsgeschichte – Verwandtschaftskreise und soziale Netze in der vorindustriellen Gesellschaft“ dieser Frage aus Sicht des Genetikers und Genealogen zu. Er gewährte Einblicke in seine Detailstudie zu Verwandtschafts- und Berufsfolgen einzelner Familien insbesondere für den heutigen Raum Thüringen und Sachsen. Sein Befund wies dabei einerseits häufige Tradierungen von Berufen männlicherseits, aber auch immer wieder Brüche auf, die mithilfe der traditionellen genealogischen Ansätze kaum systematisch erklärt werden können. Metzke kritisierte in diesem Zusammenhang, dass in der Genealogie meist nur patrilinear geforscht würde, obwohl die Betrachtung der mütterlichen Linie weitere Erklärungen für Arbeits- und Berufsbiografien liefern würde. Auch sei grundsätzlich zu fragen, ob die gerade Linie immer maßgebend war, etwa im Vergleich zur oft vernachlässigten Bedeutung der Seitenverwandten. Beide Referenten, Gorißen und Metzke, betonten, dass zur Erforschung der Arbeitsgeschichte auf jeden Fall sowohl die Verwandtschaftsbindungen als auch außerhalb der Familie liegende Faktoren einbezogen werden müssten.

Im zweiten Teil der ersten Sektion knüpfte JAN LUCASSEN (International Institute of Social History, Amsterdam) an dieses Desiderat an, indem er unter dem Titel „Fünfhundert lippische Ziegler: Lebensläufe und Karrieren“ Arbeitsbiografien von Wanderzieglern vorstellte, die als Saisonarbeiter in Holland arbeiteten. Dieses etwa vom 18. bis zum 20. Jahrhundert zu beobachtende Phänomen war prägend für Lippe. So verließen um 1900 etwa 40 Prozent der männlichen Erwerbstätigen die ostwestfälische Region. Anhand der im Landesarchiv NRW in Detmold aufbewahrten Passlisten und Zieglerbotenlisten erforscht er zusammen mit seinem Kollegen Piet Lourens bereits seit vielen Jahren die „lippischen Wanderziegler“. Laut Lucassen gebe es „weltweit kein Archiv“, in dem eine so umfangreiche Überlieferung zur Wanderarbeit aufbewahrt wird. Bislang arbeiteten beide Forscher überwiegend quantitativ. In seinem Vortrag demonstrierte Lucassen, wie sie nun versuchen, Arbeitskarrieren und Lebensläufe der lippischen Wanderarbeiter detaillierter herauszuarbeiten.

DAGMAR KIFT (LWL-Industriemuseum, Dortmund) nahm für ihren Beitrag „Großmutter Bergarbeiterfrau – Enkelin Studentin. Weibliche Arbeits- und Berufsbiografien im Ruhrgebiet“ Frauen mehrerer Generationen in den Blick, um insbesondere die starken Veränderungen bei weiblichen Arbeitsbiografien im 20. Jahrhundert aufzuzeigen und damit ein Stück Ruhrgebietsgeschichte zu erhellen. Die Brüche waren in der fiktiven, aber exemplarischen Generationenfolge (ohne tatsächliche verwandtschaftliche Verbindungen) enorm: Die „Großmutter“ (geboren 1890) war Bergarbeiterehefrau, „ihre jüngere Schwester“ Kioskbesitzerin, die „Töchter“ mit den Jahrgängen 1915 und 1920 erwirtschafteten ihr Einkommen als Arbeiterin, dann Werksfürsorgerin sowie als Pestalozzidorfmutter und Heimleiterehefrau. Die „dritte Tochter“ (geboren 1930) arbeitete als Medizinisch Technische Assistentin, und die „Schwiegertochter“ (geboren 1931) als Näherin. Die 1949 geborene „Enkelin“ hatte erstmals die Möglichkeit zu studieren. Die etwa gleichaltrige Pendelmigrantin repräsentierte aktuelle Formen der Wanderarbeit, wie sie heute von Ost- nach Westeuropa führt.

In der zweiten Sektion „’Zeugen’ der Geschichte von Arbeit und Beruf: behördliche Überlieferung, archivische und museale Materialien“, moderiert und eingeführt von CHRISTIAN REINICKE (Landesarchiv NRW, Detmold), richtete sich der Blick auf die möglichen Quellen zur Erforschung von Arbeitsgeschichte. Dafür wurden zwei unterschiedliche Bereiche gewählt: Erstens die Überlieferung der Arbeitsgerichte, deren Schriftgut von dem jeweils zuständigen staatlichen Archiv in Auswahl übernommen wird, und zweitens museale Quellen.

Bereits im Vorgriff auf den letzten Tagungsteil zeigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landesarchivs in Detmold bei Führungen durch das Archiv Unterlagen aus dem Personenstandsarchiv, der Justizüberlieferung, zur Geschichte der Ziegler und der Landwirtschaft in Lippe sowie Personen- und Firmennachlässe.

REINHARD WOLF (ehemals Arbeitsgerichts, Detmold) gewährte mit seinem Vortrag „Arbeit und Arbeitsbedingungen im Spiegel der Arbeitsgerichtsüberlieferung“ einen Einblick in die Aufgaben der Arbeitsgerichte, die zwar immer nur die Streitfälle des Arbeitslebens in den Blick nehmen, trotzdem jedoch, wie Wolf beispielhaft demonstrierte, regional- und zeittypische Phänomene widerspiegeln. So könne etwa der Niedergang der ostwestfälischen Möbelindustrie oder die Umschulung vieler Arbeiter auch aus dem Ruhrgebiet für den erstarkten Gesundheitssektor anhand von Akten der Arbeitsgerichtsbarkeit nachvollzogen werden.

ELISABETH VON DÜCKER (ehemals Museum der Arbeit, Hamburg) präsentierte in ihrem Beitrag „Arbeitsorten auf der Spur mit musealen Quellen: Männerarbeit und Frauenarbeit am Beispiel der Hamburger Fischindustrie“, mit welchen Quellen ein Museum arbeitet. Der mit zahlreichen Bildern angereicherte Beitrag verdeutlichte nicht nur, wie Quellen gesichert wurden, wie etwa der Räucherofen der Fischerei Steffens & Mewes, sondern auch wie Zeugnisse wie Fotos und Interviews, bei der Erforschung von Arbeitsbedingungen in der Fischindustrie erst entstanden. Von Dücker zeigte am eindrücklichen Beispiel dieser stigmatisierten Branche („ ...ohne Not geht niemand zu den Fischen...“) die Differenzierung von Frauen- und Männerarbeitsplätzen und -bedingungen. Die Referentin schlug damit einen Bogen zum Eingangsvortrag und bestätigte die Leitthesen von Julia Paulus.

Parallel zu der Veranstaltung wurde – und wird noch bis Anfang August 2009 – eine Ausstellung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Studiengangs „Studieren im Alter“ an der Universität Münster zum Thema „ Verliebt – Verlobt – Verheiratet: Wandel der Hochzeit im 20. Jahrhundert “ und auch der Familienökonomie präsentiert. Die nun im Foyer der Detmolder Abteilung des Landesarchivs NRW zu besichtigenden Poster sind das Ergebnis eines Seminars und einer Projektarbeit unter der Leitung von VERONIKA JÜTTEMANN (Universität Münster), die mit ihren Studierenden an der Tagung teilnahm. Gleichzeitig sind an einem besonderen Bildschirm ausgewählte Fotografien aus der umfangreichen Bildersammlung des Landesarchivs NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe zu sehen. Abgerundet wurde das 6. Detmolder Sommergespräch erstmals mit einer etwa zweistündigen Führung durch das LWL-Freilichtmuseum in Detmold, bei der ebenso die Geschichte von „Arbeit“ in den Mittelpunkt gerückt wurde.

Der interdisziplinäre und multiperspektivische Zuschnitt der Detmolder Sommergespräche war bei der diesjährigen Veranstaltung „Arbeit, Beruf und Genealogie im Spiegel archivischer und musealer Quellen“ besonders fruchtbar, da die in der sozial- und kulturhistorischen Forschung erst allmählich wieder aufgegriffene Arbeitsgeschichte nicht zuletzt aus Museen und Archiven, aber auch von der von Laien betriebenen Genealogie Impulse erhält.[1]

Programm

1. Sektion: Arbeit, Beruf und Familie, Teil I
Moderation: Bettina Joergens (Landesarchiv NRW, Detmold)

Arbeiten und Wirtschaften in vorindustrieller Zeit
Stefan Gorißen (Universität Bielefeld)

Genealogie und Berufsgeschichte –
Verwandtschaftskreise und soziale Netze in der vorindustriellen Gesellschaft
Hermann Metzke (Deutsche Arbeitsgemeinschaft Genealogischer Verbände, Jena)

1. Sektion: Arbeit, Beruf und Familie, Teil II
Moderation: Bettina Joergens (Landesarchiv NRW, Detmold)

Fünfhundert lippische Ziegler: Lebensläufe und Karrieren
Jan Lucassen (International Institute of Social History, Amsterdam)

Großmutter Bergarbeiterfrau – Enkelin Studentin. Weibliche Arbeits- und Berufsbiografien im Ruhrgebiet
Dagmar Kift (LWL-Industriemuseum, Dortmund)

2. Sektion: „Zeugen“ der Geschichte von Arbeit und Beruf: behördliche Überlieferung, archivische und museale Materialien
Moderation: Christian Reinicke (Landesarchiv NRW, Detmold)

Arbeit und Arbeitsbedingungen im Spiegel der Arbeitsgerichtsüberlieferung
Reinhard Wolf (ehemals Arbeitsgerichts, Detmold)

Arbeitsorten auf der Spur mit musealen Quellen: Männerarbeit und Frauenarbeit am Beispiel der Hamburger Fischindustrie
Elisabeth von Dücker (ehemals Museum der Arbeit, Hamburg)

Nachtschicht im Museum
Führung durch das LWL Freilichtmuseum Detmold zum Thema „Arbeit“

Anmerkung:
[1] Weitere Informationen (und der ausführliche Bericht) sind zu finden unter <http://www.archive.nrw.de/LandesarchivNRW/abteilungOstwestfalenLippe/Service/Genealogie/index.html> (12.08.2009).