Das akademische Museum: Universitäre Sammlungen als Räume der Produktion, Repräsentation und Vermittlung von Wissen

Das akademische Museum: Universitäre Sammlungen als Räume der Produktion, Repräsentation und Vermittlung von Wissen

Organisatoren
Lichtenberg-Kolleg der Universität Göttingen
Ort
Göttingen
Land
Deutschland
Vom - Bis
23.04.2010 - 24.04.2010
Von
Anja Sattelmacher, Ludwig-Uhland-Institut für Emprische Kulturwissenschaften, Tübingen

Der Workshop „Das akademische Museum: Universitäre Sammlungen als Räume der Produktion, Repräsentation und Vermittlung von Wissen“, welcher am 23. und 24. April 2010 in der Historischen Sternwarte Göttingen stattfand, war auf gleich zwei Arten mit dem Wissenschaftsstandort Göttingen verbunden. Zum einen ist die Universität Göttingen einer der ersten Orte eines „akademischen Museums“, mit dessen Gründung 1773 die systematische Sammlung von Objekten für Unterricht und Forschung begann. Zum anderen war der Namensgeber des Lichtenberg-Kollegs – Georg Christoph Lichtenberg – Göttinger Professor für Experimentalphysik und Begründer des „Physikalischen Kabinetts“, welches nicht nur als Sammlung von Instrumenten, sondern gleichfalls als Labor für physikalische Experimente fungierte.

Das Lichtenberg-Kolleg ist 2009 im Zusammenhang mit dem DFG Zukunftskonzept „Tradition-Innovation-Autonomie“ an der Universität Göttingen gegründet und in der Göttinger Historischen Sternwarte untergebracht worden. Zielsetzung des Kollegs ist unter anderem die Förderung des interdisziplinären Austausches in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Es hat diesen Workshop ausgerichtet.

Veranstalter des Workshops waren Marian Füssel und Dominik Collet vom Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Universität Göttingen sowie Marie-Luisa Allemeyer, Koordinatorin der Göttinger Graduiertenschule für Geisteswissenschaften.

Universitäre Sammlungen hatten bereits zur Zeit der Aufklärung ein wichtiges Distinktionspotential. Sie waren seit jeher Räume wissenschaftlicher Selbstvergewisserung und Inszenierung, gleichzeitig aber auch Ausdruck einer spezifischen historischen Wissensordnung.

Die materiellen Exponate universitärer Sammlungen wirken als Träger für die Wissenszirkulation und -genese und sind Vermittler zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Objektlieferanten und Sammlern sowie zwischen Kuratoren und Besuchern. Eine begriffliche Unterscheidung zwischen 'der Sammlung' und 'der Ausstellung' wäre dabei besonders wichtig, wurde im Verlauf der Tagung allerdings nicht immer berücksichtigt.

Zentrale Zielsetzung des Workshops war es, Spannungsfelder heutiger Sammlungs- und Ausstellungskonzepte an Universitäten aufzuzeigen und dabei immer den Brückenschlag zur Geschichte der jeweiligen Sammlung herzustellen. Die Vorträge waren in die drei Themenbereiche „Theorien und Konzepte“, „Sammlungsgeschichten“ und „Sammlungspraxis der Gegenwart“ untergliedert und nahmen größtenteils Bezug auf eine oder mehrere Beispielsammlungen an Universitäten in Deutschland und Europa.

Den Auftakt der Tagung machte DORIS LEMMERMÖHLE (Göttingen), stellvertretende Direktorin des Lichtenberg-Kollegs, die in ihrer Einführung den Bezug zwischen Sternwarte, Lichtenberg-Kolleg und akademischer Sammlungen herstellte.

Die inhaltliche Einführung gestaltete DOMINIK COLLET (Göttingen), indem er einige zentrale Entwicklungen und auch Probleme von Sammlungen und Museen an Universitäten vorstellte. So wies er beispielsweise darauf hin, dass viele Universitätssammlungen heute einen Kurs verfolgen, der auf Ästhetisierung statt auf Kontextualisierung des Objekts abzielten. Zweck dieser Entwicklung sei die Konzentration auf den Schauwert des Objekts, welche die Mobilisierung einer größeren Zuschauerschaft bezwecke (auch hier muss allerdings wieder zwischen Sammlung und Ausstellung differenziert werden). Das Risiko dieser Entwicklung sei die Verschleierung der eigentlichen Rolle der Objekte und deren Wahrnehmung als Relikte einer Zeit des zunehmend entmaterialisierten Wissens.

Dabei spielten die Sammlungen historisch gesehen nicht nur eine wichtige Rolle für den Schauwert einzelner Objekte, sondern auch für die Etablierung und Ausdifferenzierung einzelner Wissenschaften. Und auch heute könnten die Sammlungen universitärer Einrichtungen für Forschung und Lehre wieder eine Rolle spielen, nicht nur, wenn es um die Historisierung eines Faches geht, sondern auch, um heute verloren geglaubtes Wissen anhand einzelner Objekte wieder aufzuarbeiten.

Diesen Entwicklungen entsprechend stellt sich die Frage einer Neubewertung und Aufarbeitung einzelner Sammlungsgenesen.

Zu Beginn der ersten Sektion, „Theorien und Konzepte“, referierte CORNELIA WEBER (Berlin) über zwei von ihr initiierte Projekte. In ihrem Vortrag ging sie zunächst auf das wachsende Interesse an Universitätssammlungen und der, dazu nicht immer proportional verlaufenden, wissenschaftlichen Bearbeitung dieses Themas ein. Um dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu gewähren, hat sie in den letzten Jahren in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin zwei große DFG-Projekte ins Leben gerufen und teilweise bereits schon abgeschlossen. Das erste – „Universitätsmuseen und Sammlungen in Deutschland“ – widmete sich drei Schwerpunkten: 1) Sammeln von Daten über existierende deutsche Universitätssammlungen und Museen, 2) der Auflistung und Verfügbarmachung der gesammelten Daten im Rahmen einer Online-Datenbank und 3) dem Nachgehen der Frage nach der Bedeutung einzelner Sammlungsgeschichten für die Herausbildung von Disziplinen. Webers zweites DFG-Projekt, „Materielle Modelle in Unterricht und Forschung: Katalogisierung, Dokumentation und Analyse von Modellen in universitären Sammlungen“, ist vor kurzem angelaufen und widmet sich der Untersuchung von Modellsammlungen an deutschen Universitäten. Das Projekt soll einen Beitrag zur Erforschung einer materiellen Kultur leisten und den Zugang zu den Sammlungen über eine Online-Datenbank ermöglichen.

Im zweiten Beitrag der Sektion, den CLAUDIA FEIGL (Wien) gestaltete, ging es um Nachforschungen über die Entstehung einzelner Sammlungen an der Universität Wien in der Zeit zwischen 1848 und 1918. Im Vordergrund ihrer Untersuchung liegt das Exponat als Anschauungsobjekt, an welchem sich diverse Phänomene von Sammlungs- und Wissensgeschichte ablesen lassen. Ziel des Projekts ist die Dokumentation der Sammlungen an der Universität Wien. Entscheidend für die Genesen von Sammlungen, das machte Feigl deutlich, war oft die Triebkraft einzelner Sammlerpersönlichkeiten sowie deren Netzwerke und Kontakte. Erwähnt werden könnte an dieser Stelle noch, dass die Sammlungen oft auch als finanzielle Legitimation eines Faches dienten und dass zwischen Sammlung und Präsentationstechnik unterschieden werden müsste.

Die zweite Sektion „Sammlungsgenesen“, behandelte die historische Entstehung von Sammlungen an zwei Beispielen.

Zunächst stellte BERT VAN DE ROEMER (Amsterdam) die historisch bedeutsame Sammlung der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften vor. Sein Referat „The Collection of the Academy of Sciences in St. Petersburg c. 1725-1760, its Origin and its Function“ zeigte, wie sich die Geschichte der Petersburger Kunstkammer von anderen ihrer Zeit unterschied, indem sie nicht aus älteren Kabinetten hervorging, sondern systematisch von Peter dem Großen geplant und angelegt wurde, mit dem Bestreben, Russland den westlichen Besitztümern anzugliedern. Als weitere Besonderheit präsentierte van de Roemer den Fakt, dass die Sammlung bereits vor der Gründung der Akademie existierte – ein Novum hinsichtlich der gängigen Beobachtung, dass sich Sammlungsgründungen meistens an bereits bestehenden Universitäten angliederten. Der Vortrag wurde mit zahlreichen beeindruckenden Stichen und Zeichnungen von Sammlungsgegenständen und auch der Sammlungsgebäuden untermalt.

FLORIKE EGMONT (Leiden/Rom) demonstrierte mit ihrem Vortrag, dass Gründungsgeschichten von Sammlungen nicht nur 'vorwärts' gelesen werden können – in dem Sinne, dass man ihre Bedeutung und die Funktionen für bestehende und zukünftige Generationen untersucht. Vielmehr könnten sie auch 'rückwärts' gelesen werden, indem sie als das Resultat verschiedener kultureller, intellektueller und wissenschaftlicher Traditionen angesehen werden. Diesen 'Rückwärtsgang' arbeitete Egmont anhand von zwei Beispielen aus den Leidener Universitätssammlungen – dem hortus botanicus sowie der Korrespondenz des berühmten Naturalisten Carolus Clusius – heraus, welche beide kurz nach der Gründung der Universität Leiden 1575 entstanden. Beide Sammlungen müssten, so Egmont, in Relation zueinander und nicht wie bisher separat betrachtet werden.

Die dritte Tagungssektion „Sammlungspraxis der Gegenwart“ wurde von FRANK STEINHEIMER (Halle) mit seinem Bericht über das Naturkundliche Universitätsmuseum an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eingeleitet. In seinem Vortrag schilderte er die laufenden Planungen für ein übergreifendes Universitätsmuseum, welches die naturkundlichen Sammlungen der einzelnen Institute der Universität Halle unter einem (neu erbauten) Dach zusammenfasst. Ziel der Museumsgründung sei die Wiederbelebung vieler, mittlerweile kaum noch genutzter Sammlungen, welche bisher den einzelnen Instituten unterstanden.

Im zweiten Teil der Sektion „Sammlungsgeschichte der Gegenwart“ ging es um zwei unterschiedliche Sammlungskonzepte in Freiburg und Dresden.

KLAUS MAUERSBERGER (Dresden) stellte in seinem Vortrag die Entwicklung, Bewahrung und Spezifik der Sammlungen der Technischen Universität Dresden dar. Hauptaugenmerk der Nutzung habe immer eher auf der Lehre, weniger auf der sammlungsbezogenen Forschung gelegen. Diese Tatsache bestätige sich auch dann, wenn man in die Geschichte und Besonderheit der Sammlungen der Technischen Universität schaue: Anschaulichkeit sollte hier als Prinzip der Wissensvermittlung gelten, diente der Unterricht an der Technischen Universität doch der praktischen Ausbildung von Ingenieuren. Auch heute könne laut Mauersberger wieder eine Nutzung der Sammlungsobjekte für die Lehre beobachtet werden, wenngleich der heutige Gebrauch eher auf die Verlebendigung von Wissenschaftsgeschichte als der Veranschaulichung der Technik ziele.

Der Vortrag von DIETER SPECK (Freiburg), stellte ein bisher in Deutschland einzigartiges Konzept eines Universitätsmuseums vor, welches die Universitätsgeschichte von der Gründung bis heute anhand von Memorabilia dokumentiert und illustriert, die dem Museum aus den einzelnen Instituten und Fakultäten beigesteuert wurden. Dabei soll im „Uniseum“ nicht nur die 550-jährige Geschichte der Universität Freiburg anschaulich dargestellt werden, sondern auch Raum für eine Plattform von Lehr- und Festveranstaltungen sein. Außerdem sei das „Uniseum“ Teil der Lehre der Berufsfeld orientierenden Kompetenzen innerhalb der Bachelorstudiengänge. Speck sprach in seinem Vortrag aber auch einige Schwierigkeiten des „Uniseums“ an: die fehlende Kontinuität im Museumspersonal (dieses stellen hauptsächlich Strudenten) und die fehlende Bereitschaft an aktiver Mitwirkung bei der Gestaltung und der Weiterentwicklung des „Uniseums“ durch Studenten seien eine große Herausforderung für das Museum.

Im Anschluss an die Tagung fasste MARIAN FÜSSEL (Göttingen) die wichtigsten gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse zusammen: Da seien zum einen die historischen und sozialen Kontexte für die Genese von Universitätssammlungen: hierbei seien die Bedeutung der Sammlung für die Ausdifferenzierung von Disziplinen zum einen zu nennen, und zum anderen die unterschiedlichen Wirkungsfelder der Universitäten, wie die historische Nähe zum Hof und Staat, sowie Symbiosen und Konkurrenzen mit anderen Instituten.

Ein europäischer Vergleich der Kulturmuster akademischer Sammlungen zeige Gemeinsamkeiten wie das Zusammenwirken von Anbieter und Produzenten (dort der Fall, wo die Objekte ein und desselben Sammlers über verschiedenen Orte verteilt sind).
Gleichsam gelte es, das tacit knowledge von Professoren und Kustoden sowie die damit einhergehenden Transformationsprozesse im Auge zu behalten: denn Wissen sei oft an den jeweiligen Sammlungsmentor gebunden (Füssel nennt dies Körperwissen).

Kulturelles Erbe von Sammlungen zeige aber auch Spannungsfelder auf: So stünden oft institutionalisierte Sammlungen gegen schlecht gelüftete Keller, Historisierung gegen Ästhetisierung sowie Bewahrung gegen Ausscheiden von Dingen. Um einer Entwertung von Universitätssammlungen durch die aktuelle Universitätspolitik entgegenzuwirken sei eine Neubewertung nötig, hierzu könnten auch Publikationen und Ausstellungen beitragen.

Für die Bedeutung des Themas universitäre Sammlungen leistete die Göttinger Tagung einen entscheidenden Beitrag, weil sowohl auf bestehende Problem- und Konfliktfelder, als auch auf Chancen eingegangen wurde. Hierbei erscheinen drei Faktoren besonders nennenswert, die zur aktuellen Diskussion über Universitätssammlungen beitragen und die im Laufe der Beiträge und Diskussionen ausführlich besprochen wurden: Da ist zum einen die Frage nach einer adäquaten Präsentation von Sammlungen, welche gewohnte Ausstellungspraktiken zwar aufnehmen, gleichzeitig aber ihre Spezifik erhalten und damit ihre wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung hervorheben. Zum zweiten wurde überlegt, wie es gelingen kann, die Probleme, welche mit der Spezialisierung der Sammlungen einhergehen aufzufangen und sie als zentrale Eigenschaft einer universitären Wissenskultur zu verstehen. Zuletzt gilt es herauszufinden, wie es möglich sein kann, aus der Entstehung von Sammlungen Impulse für eine ausgereifte wissenschaftliche Praxis zu ziehen, die einen reflektierten Umgang mit Visualisierungen und attraktiver Lehre pflegt.

Abgerundet wurde die Tagung mit Führungen durch die historische Sternwarte, die Cook/Forster Sammlung und die historische Bibliothek Göttingen. Außerdem gab es einen Abendvortrag von KARL-HEINZ KOHL (Frankfurt am Main), der in seinem Referat die Frage erörterte, ob das Sammeln als anthropologische Universalie gesehen werden könne, welches sich durch Zeit und Raum – also durch Epochen und verschiedene Bevölkerungen bewegt.

Vier der eingeladenen Referenten, Robert Felfe (Berlin), Nichola Johnson (Norwich), Henry McGie (Manchester) und Marc Steadman (Leeds) waren aufgrund von Krankheit und der Vulkanasche-Flugbeschränkungen leider verhindert.

Konferenzübersicht:

Theorien und Konzepte / Theories and Concepts
Chair: Manfred Jakubowski-Tiessen (Göttingen)

Begrüßung / Introduction

Robert Felfe (Berlin), Universalität und Ausdifferenzierung - Pole einer produktiven Spannung? (Vortrag entfallen)

Cornelia Weber (Berlin), Universitätssammlungen im Fokus der Forschung

Diskussion / Discussion

Sammlungsgeschichten / Histories of Collections
Chair: Regina Bendix (Göttingen)

Nichola Johnson (Norwich), The Sainsbury Centre for Visual Arts, Univ. of East Anglia: a Window on the World (Vortrag entfallen)

Claudia Feigl (Wien), Sammlungsgenesen an der Universität Wien um 1900

Diskussion / Discussion
Chair: Rebekka Habermas (Göttingen)

Bert van de Roemer (Amsterdam), The Collection of the Academy of Sciences in St. Petersburg c. 1725-1760, its Origin and its Function

Florike Egmond (Leiden / Rom), Collecting Naturalia: The Formation of Academic Botanical Tradition in Leiden

Diskussion / Discussion

Abendvortrag / Public Lecture: Karl-Heinz Kohl (Frankfurt am Main), Sammeln - eine anthropologische Universalie?

Führung durch die Cook-Forster Sammlung / Tour of the Cook-Forster Collection

Sammlungspraxis der Gegenwart / Contemporary Collecting
Chair: Barbara Schaff (Göttingen)

Henry McGhie (Manchester), Integrating Collections Research and Public Outcomes in the 21st Century University Museum (Vortrag entfallen)

Klaus Mauersberger (Dresden), Die Sammlungen der Technischen Universität Dresden - Entwicklung, Bewahrung, Spezifik

Dieter Speck (Freiburg), Uniseum Freiburg - Museum, Lehreinrichtung oder eierlegende Wollmichsau?

Diskussion / Discussion
Chair: Jörg Bölling (Göttingen)

Frank D. Steinheimer (Halle / Saale), Projekt Naturkundliches Universitätsmuseum an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Aufgaben, Anforderungen und Visionen

Mark Steadman (Leeds), Between Theory and Practice: Museum Objects, Group Participation, and the Generation of Knowledge? (Vortrag entfallen)

Diskussion / Discussion

Abschlussdiskussion – Perspektiven akademischer Sammlungen / Plenary Discussion – Perspectives of Academic Collections

Nachmittags / Afternoon (optional): Führung durch die Forschungsbibliothek / Tour of the Research Library


Redaktion
Veröffentlicht am
20.05.2010