Heinz Dieter Kittsteiners "Deutsche Geschichte in den Stufen der Moderne". Die "Stabilisierungsmoderne" in der Diskussion

Heinz Dieter Kittsteiners "Deutsche Geschichte in den Stufen der Moderne". Die "Stabilisierungsmoderne" in der Diskussion

Organisatoren
Reinhard Blänkner, apl. Professur für Neuere Geschichte und Kulturgeschichte, Europa-Universität Frankfurt an der Oder
Ort
Frankfurt an der Oder
Land
Deutschland
Vom - Bis
12.10.2010 - 13.10.2010
Von
Alexander Lahl, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa-Universität Viadrina

Heinz Dieter Kittsteiners (1942-2008) kürzlich erschienene „Stabilisierungsmoderne. Deutschland und Europa 1618-1715“ ist der erste und einzige zu Lebzeiten abgeschlossene Band einer von ihm auf sechs Bände angelegten „Deutschen Geschichte in den Stufen der Moderne“. Kittsteiners plötzlicher Tod im Alter von 65 Jahren machte dem Gesamtvorhaben ein jähes Ende. Immerhin blieb ein Band dieser voluminös angelegten Kulturgeschichte, die sich anschickte, noch einmal eine „große Erzählung“ der europäischen Moderne zu schreiben. Seine innovativen kulturgeschichtlichen Perspektiven sollten, mit Blick auf Kittsteiners Gesamtvorhaben, auf der von Reinhard Blänkner an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder veranstalteten Tagung bilanziert werden.

Dazu sei es zunächst notwendig, den Band, der eben nicht als Solitär betrachtet werden könne, in den Gesamtentwurf einzubinden, so REINHARD BLÄNKNER (Frankfurt an der Oder) in seinem Eröffnungsvortrag. Zwar stünde die „Stabilisierungsmoderne“ als nunmehr erschienener Band für sich, sei aber ohne den Kontext des von Kittsteiner entwickelten und überaus originellen und anschlussfähigen Forschungsprogramms einer „Deutschen Geschichte in den Stufen der Moderne“, das als unvollendetes Werk vor uns liege, nicht gänzlich zu verstehen: Einer ungefähr von 1618-1780 reichenden „Stabilisierungsmoderne“ folgt mit der „Fortschrittsmoderne“ eine zweite Stufe zwischen 1780-1880, deren Kern die Durchsetzung der kapitalistischen Marktwirtschaft bildete, und schließlich von 1880-1945 die „Heroische Moderne“ als zivilisationskritische Reaktion auf die „Fortschrittsmoderne“. Dieses Programm einer dreistufigen, von geschichtsphilosophischen Fragen angeleiteten Kulturgeschichte der Moderne, sei von Kittsteiner spätestens seit 1994, nach dem Beginn seiner Lehrtätigkeit an der Viadrina, verfolgt worden. Blänkner wies auf die Anleihen hin, derer sich Kittsteiner für sein Vorhaben bediente, wobei unter anderem wichtige Namen wie Immanuel Kant, Ernst Cassirer, Walter Benjamin, Hans Blumenberg, Carl Schmitt und Reinhart Koselleck zu nennen wären. Für nicht günstig hielt Blänkner die Verwendung des Begriffs „Stufen“ und warf die Frage auf, ob nicht die Bezeichnung „Schichten“ im Sinne Koselleck‘scher Zeitschichten sinnvoller gewesen wäre, um die Durchdringung der einzelnen Modernen zu erfassen, was Kittsteiner in Bezug auf die Fortschrittsmoderne stets selbst betonte: diese gehe nicht einfach 1880 zu Ende, sondern laufe im Grunde bis heute weiter. Tatsächlich habe Kittsteiner an der einen oder anderen Stelle von Schichten statt von Stufen gesprochen. WOLFERT VON RAHDEN (Berlin) gab allerdings in der anschließenden Diskussion zu bedenken, dass „Stufen“ eher eine Diskontinuität implizieren und Kittsteiner somit zu heuristischen Zwecken schärfer abgrenzen konnte. RICHARD FABER schlug für ein besseres Verständnis des 3-schichtigen/stufigen Modells vor, andere historische Trias-Modelle zum Vergleich heranzuziehen.

LUDOLF KUCHENBUCH (Berlin) fragte in seinem Vortrag zum einen danach, ob Kittsteiners Ortswahl, Deutschland sozusagen zum Austragungsort eines Beginns der Geschichte der Moderne zu machen, richtig gewesen sei; und zum anderen, ob die Zeitwahl, also den Beginn der „deutschen Geschichte“ in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu setzen, überhaupt stichhaltig und logisch gewesen sei. Beides beantwortete Kuchenbuch mit einem „ja“: gerade die „schwache Mitte“, der regionalisierte und politisch schwächste Raum Mitteleuropas eignete sich zum Aufzeigen der Stabilisierungstendenzen. Kittsteiner tat recht daran, seine Geschichte mit dem 30jährigen Krieg zu beginnen: Die deutschen Lande bildeten weder eine ‚bewusste’ kulturelle Instanz noch einen ernstzunehmenden politischer Faktor. Diese kultursemantisch leere und militärisch-politisch schwache Mitte konnte zum Schauplatz gemacht werden, auf dem der Aufbau und der Aufbruch folgen sollte.

Unter Bezug auf Walter Benjamins Wort von der „Trostlosigkeit der irdischen Verfassung“ aus dem „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ würdigte HANS MEDICK (Göttingen) Kittsteiners Absicht, „kleine“ und „große“ Geschichte zusammenzubringen, wie er es am Beispiel des Söldners Peter Hagendorf oder der Zerstörung Magdeburgs vor dem Hintergrund der internationalen Politik versuche. Die Verflechtung von Mikro- und Makrohistorie sei grundsätzlich durchaus gelungen. Allerdings kämen Medick zufolge die zivilen Erfahrungen der Katastrophe im Buch zu kurz und es fehle eine umfassende Geschichts- und Erfahrungsperspektive der Zeitgenossen, für die Walter Benjamins erwähnter Text das Auge öffne. Das strukturierende Prinzip von Kittsteiners Geschichte bliebe eine konventionelle Macht-/Ereignisgeschichte mit lediglich gelegentlichen Ausflügen in die Mikrohistorie. Dieser Kritik entgegnete AGNIESZKA PUFELSKA (Potsdam), dass Multiperspektive in Form der Erfahrungen einzelner Schichten Kittsteiner nicht wirklich interessiert habe, vielmehr sei er vom Menschheitsbegriff ausgegangen. ALEXANDER LAHL (Frankfurt an der Oder) wies wiederum auf Folgendes hin: Kittsteiner suchte eine Zeitspanne von 100 Jahren in einem Band zu bewerkstelligen. Insofern müsse in der Natur der Darstellungsform liegen, dass nicht alles vielleicht „Erzählenswerte“ auch Einzug in die Darstellung finden könne. WOLFGANG BEHRINGER (Saarbrücken) ergänzte Medicks Kritik des Konventionalismus der Erzählung mit der Kritik, die Einteilung 1618/48 sei mittlerweile durchaus überholt, weil man ebenso einen dreißigjährigen Krieg von 1667-1697 oder auch eine Stabilisierung bereits seit 1555 ausmachen könnte.

Mit einem gewichtigen Teilaspekt der „Stabilisierungsmoderne“, der Hexenverfolgung und ihres Endes, setzte sich GERD SCHWERHOFF (Dresden) auseinander. Es sei zunächst durchaus ungewöhnlich, das Hexen-Thema so in den Vordergrund zu stellen, wie Kittsteiners es getan habe. Damit werde ein wichtiger Schritt zur Vermittlung zwischen dem Milieu der Hexenforscher und den Allgemeinhistorikern unternommen. Gelungen sei mit diesem Kapitel im Buch außerdem die Verknüpfung von Mentalitätsgeschichte von unten und Geistesgeschichte von oben und damit die Nachvollziehbarmachung der lebenswirklichen Bedeutung von Weltbildern. Kittsteiners Zugriff eines milieuübergreifenden Charakters des Hexenglaubens erscheine höchst angemessen. Kritisch sieht Schwerhoff allerdings eine etwas zu selektive Rezeption der neueren Hexenforschung, weniger in Bezug auf die alltags- und mentalitätsgeschichtliche Dimension, als vielmehr in Bezug auf die Deutungen und rechtlich-institutionelle Verarbeitung der Verfolgungsimpulse auf der Ebene der Gelehrten, der Gerichte und der Obrigkeiten. Letztlich drohe Kittsteiner hier einer eher konventionellen Perspektive verhaftet zu bleiben, nach der ein ‚traditionelles Weltbild‘ nach und nach, in harter gedanklicher Arbeit, von den Heroen des neuen Denkens demontiert wird. Ihre Wirksamkeit blieb jedoch von rechtlichen und institutionellen Voraussetzungen abhängig, die bei Kittsteiner zu wenig zur Sprache kämen. Ohne das komplizierte Mit- und Gegeneinander verschiedener Ebenen der territorialen Verwaltung und Gerichtsbarkeit, ohne das Ringen um eine gewisse Verfahrensautonomie der Justiz lassen sich die Konjunkturen der Hexenverfolgung und auch ihr Ende wohl kaum angemessen begreifen. Es spreche Schwerhoff zufolge vieles dafür, die Zeit um 1650 als eine Epoche der Stabilisierung zu konzeptualisieren. Neben der Geistes- und Mentalitätengeschichte wäre hier eben auch die Rolle staatlicher und rechtlicher Institutionen zu betonen „Bringing the state back in“ wäre ebenso für eine erweiterte Fassung der Stabilisierungsmoderne ein überprüfenswertes Motto.

Als wichtigen Schritt in die richtige Richtung betrachtete WOLFGANG BEHRINGER (Saarbrücken) Kittsteiners Einbeziehung des Phänomens der „Kleinen Eiszeit“ in seine Darstellung. Schließlich waren die kulturellen Konsequenzen erheblich und sind für uns in ihrer gesamten Tragweite noch immer kaum zu erfassen. Populationsverluste und ökonomische Krisen hätten furchtbare Auswirkungen gehabt: Als Resultate der Abkühlung kam es an allen Enden, sei es im Ackerbau, der Viehzucht oder der Milchwirtschaft, zu einer Verknappung. Das bedeutete Teuerung, Mangelernährung, Hunger und erhöhte Krankheitsanfälligkeit für Teile der gesellschaftlichen Unterschichten sowie Abstiegsängste der städtischen Mittelschichten, die auch soziale und politische Auswirkungen zeitigten: Brotunruhen, Teuerungsaufständen oder Revolutionen. Auch lässt sich zeigen, dass alle großen Hexenverfolgungen solchen klimatischen Krisenjahren zugeordnet werden können, da der Hexenstereotyp gleich auf mehreren Ebenen mit den typischen Phänomenen der Krisenjahre korrespondierte. Zum „Kampf um Stabilisierung“ würde Behringer jedoch auf jeden Fall ebenso einige von Kittsteiner zu wenig beachtete Bereiche zählen wie Ökonomie, Landwirtschaft, Hausväterliteratur, Physiokratismus und die entstehende Industrie, die den Ausweg aus den Hunger- und Teuerungskrisen weisen sollte.

Bezugnehmend auf den Wissenschaftshistoriker Gaston Bachelard (1884-1962) forderte ANDREAS KÜHNE (München) von der historischen Forschung eine Art „homogener Neugier“. Gemeint sei damit eine affizierte Haltung allen Objekten gegenüber, an denen die Probleme studiert werden können, die sich das wissenschaftliche Denken stelle. Das treffe auch und im Zeitraum der „Stabilisierungsmoderne“ gerade für die paradigmatischen Veränderungen des astronomischen Weltbildes zu, die Kittsteiner sorgfältig und differenziert herausgearbeitet habe: die schrittweise Popularisierung des heliozentrischen Weltbildes durch Galilei und Johannes Kepler als den wichtigsten Protagonisten des Copernicanismus in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Ob sich auch in den Künsten der (frühen) Neuzeit etwas „stabilisiert“ hatte, das zuvor in einem unklar-beweglichen Zustand war, fragte CHRISTOPH ASENDORF (Frankfurt an der Oder) in seinem Vortrag über den Wandel der Raumauffassung in der Kunst der frühen Neuzeit. Hier ließe sich laut Asendorf durchaus von einem langen Weg zur Stabilisierung sprechen. Bereits im Reich Karls V. lassen sich – wenngleich nur relative – künstlerische Stabilisierungstendenzen beobachten, die zumindest zeitlich mit der Dynamik der historischen Entwicklung gerade in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts korrespondieren. Was hier bei der hohen Veränderungsdynamik in der Mitte des 16. Jahrhundert aber noch nicht möglich war, schien ein knappes Jahrhundert später und nach vielen Einzelanläufen auf breiter Front zu gelingen, nämlich eine übergreifende Sprache der Gestaltung zu finden. Auftraggeber sind besonders Staat und Kirche, große überwölbende Organisationssysteme, die beide auf ihre Weise Räume und damit auch die in ihnen möglichen Bewegungen zu strukturieren suchen. Beide Systeme charakterisiert ein Wunsch nach Bündelung von Kräften. Räume werden in einem bisher unbekannten Maß gleichsam choreographisch durchgearbeitet, die Teile auf ein Ganzes bezogen. Mit staatlicher Festigung und neuen Modi einer immer umfassenderen Raumgliederung und -durchdringung bildeten sich mit dem Barock entsprechende künstlerische Repräsentationen aus. Die Inszenierungskünste des Barock brachten das mit dem Absolutismus entstehende moderne, stabilisierte und alle Richtungen und Dimensionen des Raumes integrierende Weltsystem zur Erscheinung.

Grundsätzliche Darstellungsprobleme großer geschichtlicher Vorgänge erörterte schließlich KARL SCHLÖGEL (Frankfurt an der Oder) in seinen Überlegungen zur Erzählbarkeit von Geschichte. Auffällig sei eine fundamentale Asymmetrie von Raum und Zeit in der Geschichtsschreibung: Dem gängigen Primat der Zeitlichkeit, dem Vorrang der Temporalität, stehe auf der anderen Seite die Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander, die Simultanität geschichtlicher Vorgänge gegenüber, der die Erzählform Rechnung tragen müsse. Die Aufgabe, die sich demnach stelle, sei Darstellungen bzw. Bauformen des Erzählens zu finden, die zwar der Chronologie folgen, aber dennoch gleichsam aus der Vogelperspektive angetrieben seien. Dafür gebe es kein Patentrezept, aber die Suche danach und die Beschäftigung damit gehöre mindestens ebenso wie die Arbeit am Quellenmaterial zum Gelingen historischer Darstellung.

In der Abschlussdiskussion wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit eine legitime und nötige einzelwissenschaftliche Kritik vereinbar sei mit der Idee einer neuen „großen Erzählung“, wie Kittsteiner sie beabsichtigte. Könne eine Darstellung von allein einhundert Jahren im vorliegenden Band überhaupt jeder spezialwissenschaftlichen Kritik aus sämtlichen Forschungsständen standhalten? Darüber hinaus wies Reinhard Blänkner auf zwei Aspekte hin, die auf dieser Tagung nicht zu leisten waren, jedoch in einer weiteren Diskussion unbedingt nähere Erörterung finden müssten: zum einen die Auseinandersetzung mit dem Gesamtentwurf der „Stufen der Moderne“ und zum anderen die europäischen bzw. globalen Perspektiven der Kittsteinerschen Geschichte der Moderne.

Konferenzübersicht:

Eröffnung
Reinhard Blänkner

Grußwort
Ulrich Knefelkamp, Prodekan der Fakultät für Kulturwissenschaften der Europa-Universität Viadrina

Eröffnungsvortrag
Reinhard Blänkner (Frankfurt an der Oder): Kittsteiners "Stufen der Moderne". Zur Einheit und kulturgeschichtlichen Schichtung der Neuzeit

Ludolf Kuchenbuch (Berlin): Vor-Stufen zur Moderne? „Die deutschen Lande“ im christlich-feudalen Okzident

Hans Medick (Göttingen): Wo blieb die Geschichte als "Trauerspiel"? Kittsteiners Dreißigjähriger Krieg

Gerd Schwerhoff (Dresden): Das Ende der Hexenverfolgungen

Wolfgang Behringer (Saarbrücken): Die kleine Eiszeit - Auswirkungen des Klimas auf die Kulturgeschichte

Andreas Kühne (München): Eine neue Kosmologie: Copernicus, Kepler, Galilei, Newton

Christoph Asendorf (Frankfurt an der Oder): Der lange Weg in die Stabilisierungsmoderne. Zum Wandel der Raumauffassung in der Kunst der frühen Neuzeit

Karl Schlögel (Frankfurt an der Oder): Narrative der Gleichzeitigkeit oder die Grenzen der Erzählbarkeit von Geschichte


Redaktion
Veröffentlicht am
23.12.2010
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