Lager und Öffentlichkeit

Lager und Öffentlichkeit

Organisatoren
Netzwerk „Lager nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland“; Zentrum für Medien und Interaktivität Gießen
Ort
Gießen
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.09.2011 - 30.09.2011
Von
Ina Schulz, Hannover

Am 29. und 30. September luden Jeannette van Laak und Sascha Schießl im Namen des Netzwerks „Lager nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland“ und des Zentrums für Medien und Interaktivität Gießen zum Workshop „Lager und Öffentlichkeit“ in die Justus-Liebig-Universität in Gießen ein. Aus unterschiedlichster Perspektive fragten die Beiträge nach der politischen und gesellschaftlichen Bedeutungen dieser Einrichtungen, deren medialen und öffentlichen Wahrnehmung sowie deren erinnerungskulturellen Funktionen. Neben der Vorstellung aktueller Forschungsprojekte wurden theoretische und methodische Fragen sowie historischen Erkenntnisperspektiven des Forschungsfeldes diskutiert.

Im unmittelbaren Vorfeld des Workshops hatte JEANNETTE VAN LAAK (Gießen) den Teilnehmern eine Ortsbegehung zum früheren Notaufnahmelager Gießen angeboten. Gemeinsam begab man sich zur heutigen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber/innen des Landes Hessen, als die das Gelände des einstigen Notaufnahmelagers seit 1992 genutzt wird. Kurz nach der Fertigstellung fester mehrstöckiger Gebäude jedoch wurde die deutsch-deutsche Grenze endgültig geschlossen, sodass der Flüchtlingsstrom nach dem 13. August 1961 jäh zum Erliegen kam. Van Laak führte aus, dass dies zwar zur Schießung und Verkleinerung der bestehenden DDR-Flüchtlingslager in der Bundesrepublik geführt habe, die Bedeutung des Gießener Lagers hingegen stetig gestiegen sei.

Den Auftakt zum ersten Panel „Lager in der Nachkriegszeit“ bildete der Beitrag von GÜNTER RIEDERER (Wolfsburg). Am exemplarischen Fall Wolfsburg zeichnete er die Geschichte der Lagergesellschaft der frühen Bundesrepublik nach, die sich unmittelbar nach Kriegsende aus Displaced Persons und später aus Flüchtlingen zusammensetzte. Riederer führte eindrücklich aus, dass die Bewohner je nach Vornutzung der Einrichtungen die Lagersiedlungen ab Anfang der 1950er-Jahre durchaus als positiv wahrnehmen konnten, während sich die entstehende Kommunalverwaltung bemühte, dem ambivalenten Image mit Barackenräumprogrammen und Wohnbauförderung zu begegnen.

CORINNA WAGNER (Gießen) führte in ihrem Vortrag exemplarisch die Multifunktionalität von Lagern aus. So war 1951 das Flüchtlingslager Trutzhain auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers STALAG IX A Ziegenhain gegründet worden, das den Amerikaner zwischenzeitlich auch als Civil Internment Camp 95 und Displaced-Person-Lager gedient hatte. Dessen Gebäude und Struktur sind dabei erhalten geblieben, die Bürger Trutzhains leben bis heute in den einstigen Unterkünften. Seit Sommer 2003 fungiert der Ort zudem als "Gedenkstätte und Museum Trutzhain" und ist einem breiten Publikum zugänglich.

Ein besonderes Augenmerk auf die öffentliche Wahrnehmung von DP-Lagern legte HOLGER KÖHN (Darmstadt). Am Beispiel Zeilsheim schilderte er die ablehnende Haltung der ortsansässigen Bevölkerung Zeilsheims gegen die Bewohner des dort eingerichteten DP-Lagers und dessen Bewohner. Diese konnte gar in Widerstand umschlagen, wenn den Ortsansässigen Ausweisungen aus dem eigenen Wohnraum drohten. Köhn verwies auf die Kontinuitäten antisemitischer Vorurteile, die sich auch darin ausdrückten, dass Displaced Persons wiederholt kriminelle Handlungen wie Schwarzmarkthandel vorgeworfen wurden; Unterstellungen die jeglicher Realität widersprachen. Parallel dazu bestanden vielfältige Kontakte zwischen den Zeilsheimern und den DPs. So hatten sich nicht wenige deutschen Frauen bei den DP-Familien als Haushaltsangestellte bzw. als Kindermädchen verdingt, was, wie auch die Existenz des ehemaligen DP-Lagers, heute in Zeilsheim weitgehend vergessen ist.

MERYN McLAREN (London) untersuchte die Berichterstattung über die Flüchtlings- und DP-Lager in den westdeutschen Medien in den Jahren zwischen 1945 und bis 1960. Wie Köhn machte auch sie antisemitische und xenophile Vorurteile in den Medien aus. Während die Presse über Integrationsbemühungen in die deutsche Gesellschaft sowie über das Gemeinschaftsleben, zum Beispiel von Weihnachtsfeiern, innerhalb der deutschen Flüchtlingslager berichtete, erfolgte die Berichterstattung über DP-Lager vor allem im Zusammenhang mit Schwarzmarktaktivitäten und unmoralischem Verhalten. Darüber hinaus befürworteten die Medien eine baldige Repatriierung oder Emigration der DPs.

Im zweiten Panel „Notaufnahmelager und die deutsch-deutsche Flüchtlingspolitik“ skizzierte ARNE HOFFRICHTER (Göttingen) die Vorgeschichte der Gesetzgebung zum Notaufnahmeverfahren und die Bedeutung des Lagers Uelzen-Bohldamm. So hatte der damalige niedersächsische Flüchtlingsminister Heinrich Albertz das Lager im Sommer 1949 kurzfristig schließen lassen, weil die Verteilungsfrage von Flüchtlingen aus der SBZ in der Bizone nur unzureichend geregelt war. Er prangerte mit dieser unerwarteten Maßnahme nicht nur die Missstände im Lager an, sondern verwies zudem auf die stetig zunehmende Zahl von so genannten Illegalen, denen kein Flüchtlingsstatus zugesprochen worden war, die aber auch nicht in die SBZ/DDR zurückgeschickt werden konnten. In der Folge dieser in den westdeutschen Medien durchaus Aufmerksamkeit erregenden unkonventionellen Maßnahme wurden die „Uelzener Empfehlungen“ auf den Weg gebracht, die eine Vorstufe des Notaufnahmegesetzes von 1950 bildeten.

BETTINA EFFNER (Berlin) führte aus, dass die Gründung des Notaufnahmelagers Marienfelde mit einer emphatischen politischen Programmatik verknüpft war. Die Berichterstattung spiegelte das politische Selbstverständnis West-Berlins, betonte die Solidarität mit den DDR-Flüchtlingen und drückte die Hoffnung auf Wiedervereinigung aus. Nicht wenige westliche bzw. westalliierte Politiker nutzten ihre Auftritte im Notaufnahmelager als Bühne und als Legitimationsfeld angesichts des Kalten Krieges. Nach 1961 nahm die mediale Aufmerksamkeit rasch ab. In der nunmehr nur sporadischen Berichterstattung traten andere Fragen in den Vordergrund, wie etwa die nach den Lebensbedingungen sowie den Hilfsangeboten zur zügigen Integration im Aufnahmelager.

Doch Marienfelde war nicht das einzige und nicht das größte Lager in West-Berlin, das DDR-Flüchtlingen aufgenommen hatte. Ergänzend zu dem Bericht von Bettina Effner richtete ENRICO HEITZER (Berlin) den Blick auf die knapp 90 weiteren Lager für DDR-Flüchtlinge in West-Berlin in den 1950er- und 1960er-Jahren. Viele dieser Lager existieren bereits vor der Gründung des Notaufnahmelagers Marienfelde 1953 und waren bis Ende der 1950er-Jahre in der Regel auch weitaus größer als dieses. Gleichwohl standen die meisten bereits in den 1950er-Jahren im Schatten Marienfeldes. Während Marienfelde durchaus als positiver Ort wahrgenommen wurde, sahen sich die übrigen Lager, die sich nicht in Trägerschaft der Wohlfahrtsverbände befanden, wiederholter Kritik ausgesetzt.

Das dritte Panel „Lager und Öffentlichkeit“ eröffnete FABIEN THÉOFILAKIS (Paris), der die öffentliche Wahrnehmung französischer Kriegsgefangenenlager skizzierte. Théofilakis hatte hunderte Briefe deutscher Soldaten in französischer Kriegsgefangenschaft zwischen 1946 und 1947 ausgewertet. Er arbeitete die negative Wahrnehmung des Kriegsgefangenenlagers unter den deutschen Kriegsgefangenen heraus, die eng mit der Tendenz der Selbstviktimisierung verbunden war. Die prekären Zustände in den Gefangenenlagern führten zu einem „schlechten Ruf“ der Franzosen. Diese Wahrnehmung änderte sich erst ab 1947, als ehemalige deutsche Soldaten zunehmend zu freien Zivilarbeitern wurden und nach ihrer Repatriierung über die guten Bedingungen in Frankreich zu sprechen begannen.

ANDREW BEATTIE (Sydney) ging in seinem Beitrag der Frage nach, ob alliierte Internierungslager in Deutschland Lager ohne Öffentlichkeit waren. Beattie widersprach der die Forschung lange dominierenden Vorstellung, westliche Internierungslager seien öffentlich wahrgenommen, allerdings unkritisch betrachtet worden, sowjetische Speziallager hingegen Lager ohne Öffentlichkeit gewesen. Beattie verwies darauf, dass die Speziallager auch nach ihrer Auflösung Gegenstadt der öffentlichen Diskussion waren und die Wahrnehmung alliierter Internierungslager in der medialen Öffentlichkeit auf die Verhältnisse in den Lagern zurückgewirkt habe. TOBIAS WUNSCHIK (Berlin) zeigte am Beispiel des Rückkehrlagers Röntgental bei Berlin auf, unter welchen Bedingungen die DDR Rückkehrer oder westdeutsche Übersiedler aufnahm und welche besondere Bedeutung der Staatssicherheit dabei zukam. Ungeachtet der Quantität der Wanderungsbewegung und der häufig privaten Gründe der Migration wurde die Flucht in die DDR von dem sozialistischen Regierungssystem propagandistisch genutzt.

Im abschließenden Panel „Das Lager Friedland zwischen 1945 und 1980“ wurde der Blick auf Lager auf die Bedeutung von Erinnerungsgemeinschaften erweitert. SASCHA SCHIEßL (Göttingen) referierte über das Lager Friedland als Imaginationsraum der Nachkriegsgesellschaft und verwies auf die Wechselwirkung zwischen Medien, Lagerleitung und Akteuren vor Ort. Als mythisch überhöhtes „Tor zur Freiheit“, das bundesweit und zeitweise sogar international Beachtung fand, war Friedland offen für verschiedene Interpretationen und Lesarten der jüngsten Vergangenheit, die einander beeinflussten, miteinander konkurrierten und die Geschichte der frühen Bundesrepublik wesentlich prägten.

JULIA KLEINSCHMIDT (Göttingen) zeigte in ihrem Vortrag auf, dass Friedland durch die Aufnahme von vietnamesischen boat people von einem Ort deutscher Opfer zu einem Ort der Nächstenliebe wurde. Gleichzeitig ging sie der Frage nach, inwiefern die Aufnahme der Flüchtlinge in Friedland ein öffentlich inszeniertes Schauspiel war, welches im Rahmen des Kalten Krieges von westlichen Politikern und Medien benutzt wurde, um das eigene Staatssystem zu bekräftigen. Friedland war kein Symbol der allgemeinen, sondern nur der „bestimmten“ Freiheit. Während Flüchtlinge aus Indochina mit offenen Armen empfangen wurden, wurden politische Flüchtlinge aus Argentinien gar nicht erst berücksichtigt. Ihr Schicksal passte nicht in den Ost-West-Konflikt und wurde dementsprechend nicht „gebraucht“.

In der Abschlussdiskussion wurde auf den sehr empirischen Charakter dieses Workshops verwiesen. Zudem machte DIRK VAN LAAK (Gießen) deutlich, dass Lager verhältnismäßig flexible Konstruktionen waren und sind, die sich in einer stetigen Spannung zum Normalzustand befinden. Van Laak verwies zudem darauf, dass Lager unabhängig von ihren Funktionen immer auch Projektionsflächen böten. BERND WEISBROD (Göttingen) unterstrich, dass Lager als vorübergehende Einrichtungen und Zustände zu verstehen seien, in denen sich die Menschen nur eine kurze Zeit aufhielten und sich auf die Situation des „Noch-nicht-angekommen-Seins“ einstellten. Im Sinne dieser Überlegungen wurde angeregt, künftig auch das Leben innerhalb dieser Lager eingehender zu untersuchen. Außerdem wurde gefragt, ob es das „perfekte Lager“ gäbe oder wie positiv wahrgenommene Lager funktionierten. Einig waren sich die Teilnehmer darin, in Zukunft noch schärfer danach zu fragen, inwiefern Lager und die mit diesen Einrichtungen verbundenen politischen und gesellschaftlichen Prozesse und Diskurse Aussagekraft für gesellschaftliche oder politische Entwicklungen insgesamt haben. Diese und andere Fragen wird das Netzwerk Lager vielleicht in einem nächsten Workshop stellen.

Konferenzübersicht:

Panel I: Lager in der Nachkriegszeit

Günter Riederer (Wolfsburg): Die Barackenstadt – Wolfsburg und seine Lager nach 1945

Corinna Wagner (Gießen): Vom Kriegsgefangenenlager über die Flüchtlingsgemeinde zur NS-Erinnerungsstätte am Beispiel Trutzhains

Holger Köhn (Darmstadt): DP-Lager und Öffentlichkeit am Beispiel Zeilsheim

Meryn McLaren (London): Flüchtlings- und DP-Lager in den westdeutschen Medien 1945-1960

Panel II: Notaufnahmelager und die deutsch-deutsche Flüchtlingspolitik

Arne Hoffrichter (Göttingen): Die Notaufnahmeverfahren. Die „Uelzener Empfehlungen“ und der „Marsch auf Bonn“

Bettina Effner (Berlin): Das Notaufnahmelager Marienfelde in der öffentlichen Wahrnehmung

Enrico Heitzer (Berlin): West-Berliner Notaufnahmelager im öffentlichen Raum

Panel III: Lager ohne Öffentlichkeit?

Fabien Théofilakis (Paris/Augsburg): Wie werden die deutschen Kriegsgefangenenlager in Frankreich in der französischen Besatzungszone wahrgenommen? Zwischen Bildgestaltung und Öffentlichkeit unter Besatzung

Andrew Beattie (Sydney): Alliierte Internierungslager in Deutschland ab 1945: Lager ohne Öffentlichkeit?

Tobias Wunschik (Berlin): Das Rückkehrerlager Röntgental bei Berlin. Ausschluss der Öffentlichkeit und Überwachung durch die Staatssicherheit

Panel IV: Das Lager Friedland zwischen 1945 und 1980

Sascha Schießl (Göttingen): Das Lager Friedland als Imaginationsraum der Nachkriegsgesellschaft

Julia Kleinschmidt (Göttingen): „Mediengerecht geflüchtet“ – Die Aufnahme vietnamesischer boat people in der Bundesrepublik Deutschland

Abschlussdiskussion