Symposium zur Domäne Marienburg. Eine Burg der Hildesheimer Bischöfe im Blickfeld der Forschung

Symposium zur Domäne Marienburg. Eine Burg der Hildesheimer Bischöfe im Blickfeld der Forschung

Organisatoren
Institut Baudenkmalpflege der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, HAWK Hildesheim
Ort
Hildesheim
Land
Deutschland
Vom - Bis
26.08.2011 -
Von
Tillman Kohnert, Institut Baudenkmalpflege, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim

Anlässlich der laufenden Sanierungsarbeiten am Hohen Haus der Domäne Marienburg hatten die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst HAWK und Stiftung Universität Hildesheim zu einem gemeinsamen burgenkundlichen Symposium in den „blauen Salon“ der Pächtervilla eingeladen.

Etwa 55 Teilnehmer füllten den historischen Raum und folgten trotz hochsommerlicher Temperaturen den insgesamt 9 Vorträgen und Diskussionen. Als Referenten konnten fast alle in den vergangenen Jahrzehnten tätigen Forscher und Forscherinnen gewonnen werden. Initiator und Organisator des eintägigen Symposiums war das iBD – Institut Baudenkmalpflege der HAWK.

TILLMAN KOHNERT (Hildesheim) vom iBD führte in das Thema der Tagung ein. Er erläuterte das Zustandekommen des Symposiums: Die sehr gut erhaltene Burganlage der Hildesheimer Bischöfe, erbaut ab 1348 von Heinrich III im Süden der Stadt, sei in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Objekt baugeschichtlicher Untersuchungen gewesen, die leider überwiegend unveröffentlicht blieben. Konkrete Fragen zu Funktion und Nutzung der Anlage und im Besonderen des Hohen Hauses seien überdies noch unbeantwortet.

Die weitere Moderation der Tagung übernahm HANS-WILHELM HEINE (Hannover) vom Niedersächsichen Landesamt für Denkmalpflege, der wohl beste Kenner der regionalen „Burgenlandschaft“. Herr Heine leitet dort seit langem den Schwerpunkt Burgenforschung und ist im Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Burgenvereinigung. Er gab in seinem Vortrag über die Niedersächsischen Niederungsburgen einen Überblick über den Bautyp der hoch- und spätmittelalterlichen Wasserburg, errichtet aus Naturstein, Backstein und Fachwerk. Zahlreiche der vorgestellten Beispiele sind nur noch als archäologischer Grabungsbefund oder bislang auch nur als Unebenheit im Geländerelief erkennbar. Gemeinsam sei ihnen meist eine mit eigenem Graben umgebene Hauptburg auf etwa 40 mal 40 Metern Grundfläche und eine ebenfalls mit Graben umgebene Vorburg. Eine kuriose Besonderheit ist die von ihm gezeigte einzige deutsche „Offshore-Burg“, ein bereits im 14. Jahrhundert von der Stadt Hamburg errichteter große Backsteinwohnturm auf der Insel Neuwerk, der gut erhalten als Leuchtturm im Wattenmeer vor der Elbmündung steht.

Den zweiten Vortrag hielt TILLMAN KOHNERT (Hildesheim) mit dem Titel „Der Burgenbau der Hildesheimer Bischöfe“. Er erläuterte dass die heute emeritierte Professorin Gerda Wangerin sich diesem Thema bereits in den 1970er-Jahren sehr intensiv gewidmet hat und auch mehrere Bauten von ihren Studenten der heutigen HAWK aufgemessen wurden.1979 wurde sie mit der Arbeit „Mittelalterliche Adelssitze im Einflußbereich des Bistums Hildesheim“ an der Universität Hannover habilitiert, die jedoch nur in kurzen Auszügen veröffentlicht wurden. Leider musste Frau Wangerin aus gesundheitlichen Gründen dieses Symposium absagen.

Kohnert zeigte zur Verdeutlichung des baugeschichtlichen Stellenwerts der Marienburg einige Vergleichsbauten des 14. Jahrhunderts aus den Erzbistümern Trier, Köln und Bamberg. In der näheren Umbebung beschrieb er schließlich die der Marienburg zeitlich und auch typologisch eng verwandten Burganlagen Steuerwald, Steinbrück und Burgstemmen (Poppenburg). Zur Erläuterung, auf welche Weise die Burgenforschung im Hildesheimer Raum intensiviert werden könne, wies Kohnert auf die Arbeit des Bauforschers hin, der seine Erkenntnisse durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Bauwerk selbst mittels Bauaufnahme, das heißt analytischem Zeichnen und Dokumentieren von baugeschichtlichen Befunden gewinnt. Zur Illustration wurden baugeschichtliche Kartierungen der Fassaden von Schloss Bodenburg vorgestellt, welche in einem Studentenprojekt des iBD im Wintersemester 2010/11 entstanden. Auf ihrer Grundlage können auch für diese Anlage Reste eines Vorgängerbaus des 14. Jahrhunderts vermuten werden.

Für die Zukunft strebt Kohnert an, im iBD-Institut Baudenkmalpflege der HAWK einen Schwerpunkt Burgenforschung zu realisieren mit interessanten Forschungs- und Kooperationsprojeketen, an denen auch die Studierenden regelmäßig eingebunden und praxisnah ausgebildet werden können.

CORD MECKSEPER (Hannover) leitete von 1973-1999 das Institut für Bau- und Kunstgeschichte der Universität Hannover. Er war lange Zeit Vorsitzender der Koldewey-Gesellschaft – der wichtigsten internationalen Vereinigung für baugeschichtliche Forschung - und Vizepräsident der Deutschen Burgenvereinigung. Sein wissenschaftlicher Arbeitsschwerpunkt ist der Profanbau des Mittelalters. Meckseper widmete sich dem erst in der jüngeren Burgenforschung nun vermehrt behandelten Thema der „Funktionalen Raumschichtung in Wohntürmen“. In seinem Vortrag schlug er einen großen Bogen von den karolingischen Pfalzen über französische Wohntürme des frühen 11. Jahrhunderts bis zu den spätmittelalterlichen Anlagen Hildesheims, wozu er auch interessante schriftliche Quellen zitieren konnte. Zugleich beschrieb er die fließenden Übergänge zwischen Turm und Haus und zwischen Wohn- und Wehrfunktion.

Die historischen Bildquellen zur Marienburg waren das Thema von CHRISTOPH GERLACH (Hildesheim) , Leiter des iBD. Er benannte als älteste Quelle die im Original verlorene Grabplatte des Erbauers der Marienburg, Bischof Heinrich III (1331-1363). Auf dieser war neben drei weiteren Burgen auch die Marienburg als „Ikon“ dargestellt, bestehend aus Turm, Mauer und Hohen Haus. Ein Kupferstich Merians von 1653, eine 1723 von J. A. Schaken gemalte Karte und das um 1775 entstandene Ölgemälde von P.J.F. Weitsch wurden auf ihre Aussagen zum jeweils dargestellten Baubestand hin analysiert. Er ermittelte die Standpunkte der Künstler über die rekonstruierbaren Sehstrahlen um auf diesem Weg die verschiedenen dargestellten Gebäude, Mauerzüge und Wassergräben in ihren Grundzügen zu rekonstruieren und mit dem vorhandenen bzw. überlieferten Baubestand abzugleichen. Bemerkenswerte Erkenntnisse für die ursprüngliche Gebäudeanordnung gab es hierbei für den Bereich der Vorburg mit seinem ehemaligen Torhaus und der großen Steinscheune.

Zum Abschluss des Vormittags lieferte MAIKE KOZOK (Hildesheim), Denkmalpflegerin der Stadt Hildesheim und Lehrbeauftragte im Masterstudiengang Baudenkmalpflege, einen Überblick zur Baugeschichte der Marienburg. Sie beschrieb anhand von Zeichnungen und Fotos die Entwicklung der ehemals bischöflichen Wasserburg im Süden der Stadt, die wenig später Verwaltungszentrum des Amtes Marienburg wurde. Nach der Teilzerstörung im Dreißigjährigen Krieg und Säkularisation und Umwandlung zur Staatsdomäne, sei sie schließlich zur Mukueis- und Konservenfabrik durch die Pächterfamilie Graf ausgebaut worden. Schließlich übernahm ab 1990 die Stiftung Universität Hildesheim die Domäne.

Nach der Mittagspause gab es für die Tagungsteilnehmer einen geführten Rundgang durch das noch im Umbau befindliche Hohe Haus und den Brauhausflügel der Hauptburg. Für alle Fragen technischer und baugeschichtlicher Art waren hierbei die passenden Ansprechpartner vor Ort.

Den Auftakt am Nachmittag machte NATHALIE KRUPPA (Göttingen), Mitarbeiterin bei der Germania Sacra. Ihr Vortrag beschäftigte sich mit dem Burgenbau der Hildesheimer Bischöfe und der Bedeutung der Burgen für Bischof und Domkapitel. Hierbei ging es um die Aufgaben der Burgen in der Landespolitik, ihren Wert, die Verpfändung von Burgen und weiteren Themen wie das „Öffnungsrecht“ und das „Burglehen“.

Als zweiter Nachmittagsreferent sprach MARTIN THUMM (Hildesheim), Mitarbeiter des iBD, über den Fachwerkbau auf der Marienburg. Er beschrieb detailliert die ältesten Fachwerkbereiche, welche sich in großem Umfang als Aufbau über den steinernen Untergeschossen von Südost- und Südwestflügel der Kernburg befinden, eingerahmt von Hohem Haus und Bergfried. Diese in der Schwelle zum Innenhof inschriftlich mit 1663 datierten Fachwerkbauten wurden nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges errichtet. Die von Thumm vorgestellten Detailbeobachtungen ergaben jedoch, dass hierbei wohl in großem Umfang auch ältere Konstruktionen des 16. Jahrhunderts wieder verbaut wurden. Nach der Erläuterung der jüngeren Fachwerktrakte des 17.-19. Jahrhunderts bildeten die historistischen Fachwerkbauteile des Pächterhauses von 1906 den Abschluss des Vortrags.

Die aktuellen Sanierungsarbeiten und die parallel dazu laufenden Bauforschungsarbeiten waren Thema der letzten beiden Vorträge. VEITH GRÜNWALD (Hildesheim), Absolvent des Masterstudiengangs Baudenkmalpflege der HAWK, zeigte und erläuterte einige Detailbefunde seiner aktuellen Arbeit. Hierzu gehörten neben einem Brunnenkranz im Innenhof auch Befunde zur ehemaligen Binnenteilung im Hohen Haus und zur Veränderung an der Nordostfassade des Hohen Hauses. Grünwald wies darauf hin, dass viele Dinge, wie z.B. die Steinmetzzeichen und Inschriften noch auf ihre Dokumentation und Auswertung warten.

Den Schlusspunkt setzte THIEMO PESCH (Halle), der für den aktuellen Umbau verantwortliche Architekt. Er erläuterte anhand von Zeichnungen das Sanierungskonzept, den denkmalpflegerischen Ansatz und die künftige Nutzung von Hohem Haus und Domäne. Den Sanierungsabschluss plant er für das Frühjahr 2012. Eine Diskussion entstand noch zur Frage der dauerhaften Archivierung der baugeschichtlich interessanten Dokumentationen in Form von Fotografien, Zeichnungen und Befundprotokollen, wie sie während einer Sanierung, wie z.B. aktuell an der Marienburg entstehen.

Als Fazit der Tagung konnten der Moderator Hans-Wilhelm Heine und der Organisator der Tagung Tillman Kohnert festhalten, dass mit der Erforschung und Sanierung der Marienburg das gesamte Thema Burgenforschung eine erfreuliche Aktualisierung erfuhr und der große Bedarf an wissenschaftlicher Erforschung und denkmalpflegerischer Beschäftigung mit dieser für die Region Hildesheim so wichtigen Denkmalgattung offensichtlich wurde.

Konferenzübersicht:

Hans-Wilhelm Heine (Hannover): Niedersächsische Niederungsburgen

Tillman Kohnert (Hildesheim): Der Burgenbau der Hildesheimer Bischöfe

Cord Meckseper (Hannover): Funktionale Raumschichtung in „Wohntürmen“

Christoph Gerlach (Hildesheim): Die Bildquellen zur Marienburg

Maike Kozok (Hildesheim): Die Baugeschichte der Marienburg

Nathalie Kruppa (Göttingen): Bischof Heinrich III. von Hildesheim und die Marienburg. Zur Bedeutung von Burgen für die Bischöfe und das Domkapitel von Hildesheim

Martin Thumm (Hildesheim): Die Fachwerkbauten auf der Marienburg

Veith Grünwald (Hildesheim): Aktuelle Bauforschungsergebnisse zur Marienburg

Thiemo Pesch (Halle): Die aktuelle Sanierung der Marienburg


Redaktion
Veröffentlicht am
13.02.2012
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
Sprache des Berichts