Wandel als Chance – Neue Wege in der Kulturarbeit

Wandel als Chance – Neue Wege in der Kulturarbeit

Organisatoren
Bundesvolontärstagung
Ort
Dortmund
Land
Deutschland
Vom - Bis
30.03.2012 - 01.04.2012
Von
Robert Kluth, Wiss. Volontär, Deutsches Historisches Museum, Berlin

„Wandel ist eine Tür, die nur von innen geöffnet werden kann“ lautet ein Bonmot aus Frankreich. In diesem Sinne konnte man das Motto „Wandel als Chance“ der diesjährigen Bundesvolontärstagung sowohl als Imperativ als auch Ausruf des Zweifels verstehen, es wahlweise mit einem Ausrufe-, oder einem Fragezeichen versehen. Gesellschaftliche Umbruchsituationen erzeugen für die bestehenden Kulturinstitutionen neuen Legitimationsdruck. Wie geht ein Ausstellungsmacher mit dem veränderten Seh- und Rezeptionsverhalten der Besucher um, was bedeutet die rasante Entwicklung des Internets für die Museumsarbeit und was der moderne Kulturtourismus? Vor welchen Herausforderungen steht heutige Sammlungsarbeit und welche Finanzierungsmöglichkeiten jenseits eines öffentlichen Zuschusses gibt es?

Die mit 160 Teilnehmern gut besuchte Tagung näherte sich dem Gegenstand mittels sechs verschiedener Module, die jeweils verschiedene Themenaspekte beleuchteten. Jeweils eingeleitet von Experten/innen wurden diese im Anschluss von Volontär/innen vertieft. Abschließend gab es am letzten Tag zu jedem Modul eine themenspezifische Exkursion. Die Bundesvolontärstagung findet traditionell im Frühjahr statt und wird von den Volontär/innen seit 1991 in Eigenverantwortung organisiert und durchgeführt. Zudem findet hier die Jahresvollversammlung des AK Volontariats statt.

Strukturwandel

Der Tagungsort Dortmund und das Ruhrgebiet waren Programm, stehen doch beide pars pro toto für eine Region im Wandel. DAGMAR KIFT (Dortmund) stellte in ihrem historischen Einführungsvortrag abwechslungsreich unter Beweis, dass in der „polyzentrischen Megastadt“ Kultur schon immer eine große Rolle gespielt hat, und diese nicht erst seit der deindustrialisierten Postmoderne en vogue ist. Ihr Plädoyer, sich auch auf die heute oft vergessenen, partizipativen Kunst- und Kulturprojekte im Bergbau zu besinnen verband sie mit einer Kritik an den häufig stereotyp-männlichen Vorstellungen einer Ruhrgebietsidentität im heutigem Kulturmarketing.

THOMAS BECK (Tübingen) berichtete darüber, wie die Universitäten die oft vergessenen wissenschaftlichen Sammlungen zurzeit wiederentdecken. Wichtiger Vorreiter war hier das Museum der Universität Tübingen, ihm folgen mittlerweile verschiedene Institutionen im Bundesgebiet nach.

SONJA THIEL (Frankfurt a. M.) stellte das partizipative Projekt „Stadtlabor“ des Historischen Museums Frankfurt vor. Gemeinsam mit den Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern gestaltet man ein Freibad zu einer Open-Air-Ausstellung um, so entsteht eine Geschichte des Schwimmbads mit pluraler Perspektive.

Kulturtourismus

Rasante Veränderungen bei Reiseentscheidungen machen das Feld des Kulturtourismus immer unübersichtlicher. SIGRUN SPÄTE (Dortmund) machte deutlich, dass im wachsenden Feld des Städtetourismus „Authentizität und Inszenierung“ ein zentraler Faktor sei. Zugleich wies sie auf klassische Missverständnisse und Strukturprobleme hin, die bei der Zusammenarbeit von Kulturschaffenden und touristischen Akteuren lauern. Dies verhindere oft, dass potentielle Besucher den Gang ins Museum wagen.

Wie wichtig die institutionsübergreifende Vernetzung bei der Tourismusarbeit ist, machten zwei Volontärinnen deutlich: JENNY LINKE (Witten) berichtete wie der GeoPark Ruhrgebiet ein aktives Netzwerk von Museen, Forschungseinrichtungen, Vereinen und Tourismusverbänden knüpft. INÉS MATRES (Berlin) stellte das europäische Ausstellungsportal euromuse.net vor, welches als Reiseplaner für den internationalen Museumsbesucher dient.

Szenografie

Die modernen Medien verändern das Rezeptionsverhalten der Museumsbesucher. Damit sich der gewünschte Vermittlungserfolg einstellt, muss eine qualitativ hochwertige Szenografie mit den althergebrachten Erwartungen der Besucher spielen, erläuterte GERHARD KILGER (Dortmund) in seinem eindrucksvollen Vortrag. Ziel sei es, beim Besucher einen höheren Bewusstseinszustand von Echtheit und Authentizität hervorzurufen. Dies geschehe am Besten mit Räumen, in denen die non-verbale Vermittlung im Mittelpunkt stehe.

ANNETTE MOTZ (Lörrach), VERENA AMER und MAAIKE VAN RIJN (Stuttgart) präsentierten wie Geschichtsmuseen eine lebendige Ausstellung gestalten können. Während dabei im Dreiländermuseum Lörrach Hands-On-Objekte eine große Rolle spielen, setzt man in der neu entstehenden Dauerausstellung des Landesmuseums Württemberg die Szenografie gezielt dafür ein, Geschichte mittels „Raumbilder“ zu vermitteln.

Alternative Finanzkonzepte

Leere Kassen machen das Thema Fundraising immer wichtiger. ANJA BUTZEK (Berlin) wies darauf hin, dass Fundraising nicht nur als reine „Geldbeschaffung“ begriffen werden darf, sondern beziehungsorientierte Prozesse beinhaltet. Getreu dem Motto „All Business is Personal“ gelte es mit Hilfe langfristig ausgelegter Strategien als Türöffner der gesamten Organisation zu dienen. Gerade die Fördervereinsarbeit habe sich auf diesem Gebiet als sehr zweckdienlich erwiesen.

Dass Finanzen oft viel Kreativität verlangen, machte ANNE VIETH (Mannheim) in ihrem Vortrag über den geplanten Neubau der Kunsthalle Mannheim deutlich. Eine eigens gegründete Stiftung ist hier Grundstein eines innovativen Finanzierungskonzepts.

ANNE EICHMANN (Stuttgart) stellte vor, wie für die geplante Schausammlung „LegendäreMeisterWerke. Kulturgeschichte(n) aus Württemberg“ Fundraising im Rahmen einer Spendenkampagne durchgeführt wurde.

Sammlungsbestände im Wandel

Dass auch Verwaltungsreformen, in diesem Fall die Umstellung in den Kommunen von der Kameralistik auf die Doppik, einen Effekt auf das Sammlungsinventar haben können, erläuterte FRIEDRICH VOGELBUSCH (Dresden). Ein reformiertes Finanzmanagement verlangt eine Bewertung der Sammlungsbestände, um die Vermögenssituation der Kommunen in Bilanzen darstellen zu können. Am Beispiel der Stadt Leipzig berichtete Vogelbusch, wie solch eine Gesamtinventur vonstattengehen kann. Dass diese Bewertung auch zum Sakrileg des Verkaufs von Sammlungsobjekten zu Gunsten einer ausgeglichenen Bilanz führen könnte, erwähnte Vogelbusch zwar in seinem Vortrag, dies wurde aber später leider nur in Ansätzen diskutiert. Am Ende blieb ein etwas seltsamer Beigeschmack. Anscheinend wohnen die kommunalen Museen zur Zeit einer Verwaltungsreform bei, dessen Aufwand den Museen nur zu 10% tatsächlich nutze.

Gerade für historische Museen ist das Sammeln der Gegenwart bei der heutigen Fülle an Artefakten und Ereignisse keine leichte Aufgabe. JULIANE HAUBOLD-STOLLE (Berlin) machte dies am Sammlungskonzept des Deutschen Historischen Museums deutlich. Die sich anschließende Diskussion zeigte, dass die große Kunst darin besteht, im Spannungsfeld zwischen subjektiv-gegenwartsbezogenen Themeninteressen und der Endlichkeit eines Depotraums ein repräsentatives Abbild der heutigen Gesellschaft zu erhalten.

Wie Museen eine Sammlung der Öffentlichkeit präsentierten können, erläuterte ANNE-SIBYLLE SCHWETTER (Osnabrück). Sie stellte das Werkverzeichnis des Künstlers Felix Nussbaum vor, welches seit 2006 als Online-Datenbank zur Benutzung bereit steht.

Chancen des Web 2.0 / Vermittlungsarbeit

Das Internet wandelt sich rasant, und damit auch die Art und Weise wie wir Informationen weitergeben und „teilen“. Dass das Web 2.0 auch eine Chance für das Lernen im Museum darstellt, machte BIANCA BOCATIUS (Düsseldorf) deutlich. Indem der virtuelle Besucher partizipativ, das bedeutet als Konsument und Gestalter, am Geschehen teilhat, gibt es – eventuelle – Mehrwerte für das Lernen im Museum. Ob dieser Mehrwert, jenseits eines reinen „Wecken des Interesses“ tatsächlich oder nur imaginiert ist, wurde leider nicht ganz deutlich.

Eine andere Form der Vermittlung, den sogenannten Out-Reach, stellte KATHARINA KÖNIG (Chemnitz) vor. „Konrad der Kunstbus“ liefert für die Chemnitzer Schulen einen Fahr- und Vermittlungsservice, der die Hürde eines Museumsbesuch abbauen hilft.

Es liegt in der Natur einer Kultureinrichtung, dass die Mitarbeiter stets verschiedene Arbeitsfelder in ihrer Person zu bündeln haben. Nicht erst seit der Debatte um den „Kulturinfarkt“ befinden sich diese Institutionen unter Druck, vielen fällt es schwer, auf die rasanten Wandlungsprozesse unserer Gesellschaft einzugehen, geschweige denn sie produktiv zu nutzen. Es ist an dem wissenschaftlichen Nachwuchs diese Anstöße in die Institutionen hineinzutragen. Die diesjährige Bundesvolontärstagung war einer davon. Sie schaffte es, einige Türen des Wandels von innen aufzuschließen und einen spaltbreit Einblick zu geben. Ob sich die Türen weiter öffnen lassen, oder ob sie wieder zufallen, zeigt die Zukunft.

Konferenzübersicht:

Eröffnung und Grußworte
Volker Rodekamp (Präsident des Deutschen Museumsbunds e. V.)

Wolfgang E. Weick (Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund)

Corinna Schmidt/Tim Urban (Arbeitskreis Volontariat im Deutschen Museumsbund e. V.)

Verlesung des Grußwortes der Schirmherrin Hannelore Kraft (Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen)

I: Strukturwandel

Einführungsvortrag: Dagmar Kift (LWL-Industriemuseum Zeche Zollern II/ IV, Dortmund): Strukturwandel und Kulturlandschaft. Das Ruhrgebiet 1945-2010

Thomas Beck (Universität Tübingen): „Projekt MAMMUT: Zur Zukunft von Universitätsmuseen als Schnittstelle zwischen Forschung, Lehre und Öffentlichkeit

Sonja Thiel (Historisches Museum Frankfurt): Stadtlabor unterwegs – Ein neues partizipatives Ausstellungsformat am Historischen Museum Frankfurt

Exkursion: Museum Ostwall im Dortmunder U

II: Kulturtourismus

Einführungsvortrag: Sigrun Späte (DORTMUNDtourismus e.V.): Kulturtourismus – zwischen Bildungsreise und Eventangeboten. Was Touristen wollen?

Jenny Linke (LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Witten): GeoTourismus und GeoVermittlung – Erdgeschichte erleben im Nationalen Geopark Ruhrgebiet

Inés Matres (Institut für Museumsforschung, Berlin): Euromuse.net das Ausstellungsportal für Europa. Ausstellungsdaten und Museumsinformationen für die Tourismusbranche

Exkursion: Ruhr Museum Essen

III: Ausstellungsgestaltung / Szenografie

Einführungsvortrag: Gerhard Kilger (DASA Arbeitswelt Ausstellung, Dortmund): Über die Qualität der Szenografie

Verena Amer und Maaike van Rijn (Landesmuseum Württemberg, Stuttgart): „Epochenräume, Raumbilder, Bildeindrücke – Die Neuaufstellung einer Dauerausstellung als szenografische Inszenierung“

Annette Motz (Museum am Burghof, Lörrach): Hands On! Mitmachorientierung im Museum

Exkursion: Rautenstrauch-Joest Museum, Köln

IV: Alternative Finanzierungskonzepte

Einführungsvortrag: Anja Butzek (Jüdisches Museum Berlin): Chancen und Möglichkeiten professioneller Fundraisingstrategien im deutschen Kulturbetrieb

Anne Eichmann (Landesmuseum Württemberg, Stuttgart): Fundraising am Landesmuseum Württemberg

Anne Vieth (Kunsthalle Mannheim): Neubau Kunsthalle Mannheim - Ziele und Chancen

Exkursion: Museum Folkwang, Essen

V: Sammlungsbestände im Wandel
Einführungsvortrag: Friedrich Vogelbusch (Evangelischen Hochschule Dresden / Warth & Klein Thorton AG; Dresden): Die Erfassung und Bewertung der Sammlungsbestände eines kommunalen Museums im Rahmen der Erstellung der Eröffnungsbilanz. Erstinventur im Spannungsfeld zwischen Kunst und Ökonomie

Anne Sibylle Schwetter (Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück): Online Werkverzeichnis Felix Nussbaum – Mehr Öffentlichkeit für Werk und Sammlung

Julian Haubold Stolle (Deutschen Historischen Museum, Berlin): ‚Gegenwart’ sammeln

Exkursion: Zoo Dortmund

VI: Neue Formen der Vermittlungsarbeit/Chancen des Web 2.0

Einführungsvortrag: Bianca Bocatius (Heinrich Heine Universität Düsseldorf): State-of-the-art: Der Einsatz von Social Media in der musealen Vermittlung

Katharina König (Kunstsammlungen Chemnitz): Konrad der Kunstbus

Exkursion: Deutsches Röntgen-Museum, Remscheid-Lennep


Redaktion
Veröffentlicht am
11.05.2012
Autor(en)
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Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
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