Für wen kämpfte Jusuf? 200 Jahre Völkerschlacht Leipzig - 200 Jahre Tatarengrab Kleinbeucha. Interkulturgeschichte im regionalen Kontext

Für wen kämpfte Jusuf? 200 Jahre Völkerschlacht Leipzig - 200 Jahre Tatarengrab Kleinbeucha. Interkulturgeschichte im regionalen Kontext

Organisatoren
Institute for Caucasica-, Tatarica- and Turkestan Studies Magdeburg – Berlin (ICATAT); Zentrum für Regional- und Kulturhistorische Forschung des Heimatvereins des Bornaer Landes e.V.; in Kooperation mit dem Zentrum für Europäische & Orientalische Kultur (ZEOK), Leipzig
Ort
Borna
Land
Deutschland
Vom - Bis
06.04.2013 - 07.04.2013
Von
Stephan Theilig / Mieste Hotopp-Riecke, Institute for Caucasica-, Tatarica- and Turkestan Studies, Magdeburg / Berlin

Es ist etwas besonderes, wenn nach 200 Jahren internationale Wissenschaftler, lokale Heimatkundler und sächsische Nachbarn gemeinsam mit Vertretern der litauischen Lipka-Tataren, der Wolga-Tataren und sogar dem Außenbauftragten des Nationalparlaments der Krim-Tataren an einem kleinen aber besonderen Grab in Kleinbeucha bei Leipzig stehen, der Al-Fatiha lauschen und einem Toten-Gebet beiwohnen. Dies war der Höhepunkt einer Exkursion, die ein internationales Symposium sowie einen Jugend-Geschichtstag im Stadtkulturhaus von Borna abschlossen. Das Symposium war der Auftakt zu den diesjährigen Veranstaltungen anlässlich des 200. Jahrestages der Völkerschlacht von Leipzig. Im Zuge dieser Schlacht kämpften auf allen Seiten der Kombattanten Muslime, meist Tataren, aber auch Baschkiren, Kirgisen, Kasachen und buddhistische Kalmüken. Einer der Tatarenoffiziere war „Jusuf, der Sohn des Mustafa“, so die Grabaufschrift in Kleinbeucha. Seit seinem Tod kümmerten sich die Bürger von Kleinbeucha um das Grab; keine Selbstverständlichkeit, wie von den anwesenden Tataren dankend hervorgehoben wurde.

Das von dem Institute for Caucasica-, Tatarica- and Turkestan Studies (ICATAT) und dem Heimatverein Bornaer Land e.V. initiierte Symposium hatte sich zwei Ziele gesetzt: Einerseits sollten die näheren Umstände seines Todes und der damaligen Geschehnisse geklärt werden, denn bisher gibt es etliche Varianten von Deutungsversuchen, welcher ethnischen Gruppe Jusuf zuzuordnen sei (im Volksmund und Publizistik wurde bisher von Türken, Tataren, Mongolen, Baschkiren und Kosaken fabuliert). Andererseits sollte interdisziplinär beleuchtet werden, welches Potential für interkulturelle Pädagogik, Integrationsarbeit und Migrationsstudien im Kontext von Turkologie, Islamwissenschaft und Geschichtswissenschaft dieses recht einmalige Zeugnis muslimisch-deutscher Beziehungsgeschichte im öffentlichen Raum Sachsens bietet. Ein weiterer Aspekt im 200. Jahr nach der Leipziger Völkerschlacht war auch die historische Würdigung der zehntausenden Tataren und Baschkiren, die auf den Seiten Frankreichs, Russlands, Preußens und Polens in den Befreiungskriegen kämpften, was in der bisherigen Thematisierung der Napoleonischen Kriege nicht im Vordergrund gestanden hat.

Der Grundtenor aller Beiträge lag in der Betonung der Tatsache, dass insbesondere die muslimischen Tataren seit Jahrhunderten einen „Euro-Islam“ entwickelt haben und vertreten, der nicht in Konkurrenz oder Konflikt mit anderen europäischen Religionen und Konfessionen stünde. Dafür spräche allein schon der Grad der Integration und teilweisen Assimilation in die jeweiligen Umgebungskulturen. So „exotisch“ uns heute der Dienst der Tataren, Kirgisen und Baschkiren von damals auch vorkäme, umso „normaler“ sei er doch gewesen und gerade deshalb nicht explizit thematisiert und dokumentiert worden. Überdeckt sei diese Beziehungsgeschichte gemeinsamer muslimisch-buddhistisch-christlicher Einheiten des 19. Jahrhunderts jedoch durch die longue durée negativer Stereotypisierungen vornehmlich der tatarischen Völker, wie MIESTE HOTOPP-RIECKE (Magdeburg) in seinen Ausführungen hervorhob: Seit den Schlachten von Liegnitz/Wahlstatt 1241 hatte zwar bis zur Schlacht von Tannenberg/Grunwald 1410 ein Paradigmenwechsel stattgefunden – bei Liegnitz dschingisidische Heere als Eroberer „ex tartaro“, bei Grunwald die Tataren um Dzhelal ed-Din als Alliierte der katholischen Polen – doch das Negativ-Image der Tataren blieb bis in das 21. Jahrhundert hinein bestehen. Als durchaus positive Beispiele tatarisch-deutscher Interkulturgeschichte können dagegen die Tatarengräber Mitteldeutschlands gelten (Dippoldiswalde, Kleinbeucha, Wünsdorf). Diese Gedächtnisorte seien schon längst positiv konnotiert in die Erinnerungskultur von Tataren und Deutschen eingeflossen, so Hotopp-Riecke. Das jedoch auch ein Distanz-Nähe-Paradoxon vorläge, da beispielsweise die Lipka-Tataren inmitten Polen-Litauens und Preußens noch vor der eigentlichen Existenz beider Territorien lebten und diese friedliche Koexistenz begleitet wurde von Stereotypen gegenüber den Tataren, die eher den klassischen Fremdwahrnehmungskategorisierungen entsprechen würden, unterstrich ADAS JAKUBAUSKAS (Vilnius) in seinem Beitrag. Anhand von Ähnlichkeiten bei der sepulkralen Zeremonie plädierte Jakubauskas eher für eine Lipka-tatarische Herkunft des Jusuf. MARAT GIBATDINOV (Kasan) beschrieb anhand von Textbeispielen ab dem 13. Jahrhundert das Aufkommen und die Verbreitung der „Tatarenangst“ und begründete darüber hinaus die Notwendigkeit wie auch das Potential der Symposiums-Thematik für die interkulturelle Bildungsarbeit. Als Vorsitzender des Geschichtslehrerverbandes und Leiter des Instituts für Entwicklung und Geschichte der Nationalen Bildung an der Akademie der Wissenschaften der Republik Tatarstan beschäftigt sich Gibatdinov seit zwei Jahrzehnten mit dem Implementieren moderner Ansätze deutsch-tatarischer Historiographie in Curricula und Geschichtsbücher.

Von diesen eher ordnenden, jedoch erforderlichen Rahmenvorträgen ausgehend, gingen HELMUT HENTSCHEL (Borna), STEPHAN THEILIG (Berlin) und TEMUR KURSHUTOV (Aqmesit / Simferopol) auf die direkten militär- und ereignishistorischen Fragestellungen in Bezug auf die Völkerschlacht bei Leipzig 1813, das Kriegsgeschehen vor Ort in Borna und Kleinbeucha sowie den Dienst von Muslimen in den Reihen der Kombattanten ein. Hentschel stellte Quellen aus sächsischen Regionalarchiven und das Engagement von Ehrenamtlichen, Lehrern und Schülern rund um das Tatarengrab vor. Theilig beleuchtete Genese und Ausstrahlung der lipka-tatarischen Einheiten insbesondere der französischen Grand Armée und Kurshutov die in der westeuropäischen Historiographie nahezu unbekannten krimtatarischen Reitereinheiten von der Annexion der Krim 1783 bis zu deren Aufösung durch die Bolschewiki 1918. Ein Zwischenresümee, ausgehend von den historischen Befunden der Vorträge, ließ eine erste Hypothese zu, den gefallenen Jusuf, Sohn des Mustafa, hinsichtlich der ethnischen Herkunft als Lipka-Tataren in den Reihen der französisch-litauischen Eskadron einzuordnen.

Doch auch den Bezug auf Konstanten und Brüche die spätere und heutige Geschichts- und Erinnerungspolitik scheuten die Referenten nicht, hier besonders VENERA VAGIZOVA-GERASSIMOV (Berlin) und ALI KHAMZIN (Bachtschisaray). Denn gerade die kulturelle wie auch politische Anerkennung der Tataren, insbesondere die der Krim-Tataren, wurde in der Vergangenheit vielfach durch Diskriminierung und politische Verfolgung torpediert. Referat und Film des tatarischen Regisseurs NÄSSUR YRUSHBAEV (Leipzig) zur Teilnahme von Baschkiren und Tataren an den Napoleonischen Kriegen rundeten das Symposium visuell und thematisch ab.

Es wurden jedoch nicht nur die historischen Fakten und Kontexte von den Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Perspektiven heraus betrachtet, sondern im Rahmen eines parallelen Jugend-Workshops ein Austausch mit Lehrern, Schülern und ehrenamtlichen Heimatforschern initiiert, um über die heutige Zusammenarbeit und das Zusammenleben zwischen Muslimen, Atheisten und Christen zu diskutieren, dies filmisch, fotografisch und als Blog zu dokumentieren sowie jugendliche Migrant_innen zu künstlerischem Umgang mit der Thematik anzuregen.

Die Ergebnisse des Symposiums dokumentieren einen interessanten interdisziplinären Ansatz im Kontext von Regional- und Interkulturgeschichte und werden zeitnah in einem Sammelband publiziert, der in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften Tatarstans und dem Forschungszentrum für Geschichte und Sprache der Krimtataren der KIPU Aqmescit, AR Krim, herausgegeben wird. Die Texte könnten maßgeblich zu einer Neubetrachtung des Verhältnisses und der Rolle des Islam in Europa in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beitragen, denn sie gehen weit über die (westeuropäisch-) eurozentristisch angelegten Euro-Islam-Diskurse hinaus: Ist doch Europa weit mehr als nur die Europäische Union, sondern reicht geografisch bis in den Ural und den Kaukasus sowie kulturgeschichtlich in die lange Tradition von Christentum und Islam.[1]

Konferenzübersicht

Grußworte und Eröffnung
Mieste Hotopp-Riecke (Institute for Caucasica-, Tatarica- and Turkestan Studies, Magdeburg – Berlin)
Hans Ketzer (Volkskundemuseum Whyra)
Steffen Dohrer (Heimatverein des Bornaer Landes e.V., Borna)
Venera Gerassimov-Vagizova (Exekutivkommittee des Weltkongresses der Tataren, Berlin)
Ali Khamzin (Nationalparlament der Krimtataren „Medschlis“, Bachtschisaray)

Panel 1:
Chair: Hans Ketzer

Mieste Hotopp-Riecke: Verblasst die longue durée der negativen Tataren-Images? Zur Rolle der Tatarengräber Mitteldeutschlands als deutsch-tatarischen Erinnerungsorten im öffentlichen Raum

Helmut Hentschel (Heimatverein des Bornaer Landes e.V., Rötha): Zur Geschichte des Tatarengrabes bei Kleinbeucha: Sächsisches Ehrenamt und nachbarschaftliches Engagement seit 200 Jahren

Adas Jakubauskas (Universität Vilinius, Vilnius): Zur Rolle der Tataren in der Geschichte Litauens

Ali Khamzin: Die Krimtataren - Kampf um Selbsterhalt eines europäischen islamischen Volkes

Panel 2
Marat Gibatdinov (Akademie der Wissenschaften der Republik Tatarstan, Kasan): Tatar-German history as a medium of intercultural education

Stephan Theilig (Institute for Caucasica-, Tatarica- and Turkestan Studies, Berlin): Tatarische Reiter Polen-Litauens in europäischen Armeen. Das Jahr 1813 in interkultureller Perspektive

Temur Kurshutov (Universität für Ingenieurswesen und Pädagogik der Krim, Aqmescit / Simferopol): Zur Geschichte der krimtatarischen Eskadrone (Reiterpulks) des Russländischen Imperiums (1784-1918)

Venera Gerassimov-Vagizova: Verbunden durch Geschichte und Gegenwart: Deutsche Gräber in Tatarstan – Tatarische Gräber in Deutschland

Panel 3 – Film-Referat und Abschlußdiskussion

Nässur Yurushbaev (Leipzig): Tataren und Baschkiren in den Napoleonischen Kriegen: Vorurteile, Erinnerungen und Kapriolen beim Entstehen eines Filmes

Exkursion
Besichtigung des Tatarengrabes in Kleinbeucha, des Völkerschlachtdenkmales in Leipzig, der Orthodoxen Kirche sowie des Baschkiren-Gedenksteines in Leipzig

Medien-Geschichts-Workshop mit Jugendlichen
Anja Hotopp (Institute for Caucasica-, Tatarica- and Turkestand Studies, Magdeburg)
Nässur Yurushbaev (Leipzig)
Wolf-Dieter Seiwert (Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur e.V., Leipzig)

Anmerkung:
[1] Hintergundinformationen zu Symposium und Jugend-Geschichtswerkstatt: <http://icatat.wordpress.com/2013/02/05/200-jahre-tatarengrab/> und
<http://tatargrave.jimdo.com/> (03.05.2013)


Redaktion
Veröffentlicht am
24.05.2013
Klassifikation
Region(en)
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Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
Sprache des Berichts