Neue soziale Bewegungen in der ‚Provinz‘ (1970-1990)

Neue soziale Bewegungen in der ‚Provinz‘ (1970-1990)

Organisatoren
LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte
Ort
Münster
Land
Deutschland
Vom - Bis
16.12.2014 - 17.12.2014
Von
Korbinian Böck / Tano F. Gerke, LWL-Institut für Westfälische Regionalgeschichte Münster

Am 16. und 17. Dezember trafen sich in Münster auf Einladung des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte WissenschaftlerInnen, die auf dem Feld der Bewegungsforschung tätig sind, um über „Neue soziale Bewegungen in der ‚Provinz‘ (1970-1990)“ zu diskutieren. Die Tagung verdankte sich zum einen den Perspektiven, die am LWL-Institut gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Kultur- und Mediengeschichte der Universität des Saarlandes in dem gemeinsamen Forschungsverbund „Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert“ entwickelt worden sind.[1] Zum anderen gründete sie auf der Diagnose eines Desiderats seitens der Veranstalterin JULIA PAULUS (Münster): Die Wahrnehmung neuer sozialer Bewegungen sei meist auf ‚Metropolen‘ wie Berlin und Frankfurt beschränkt, die Bewegungsforschung daher räumlich kaum über diese großstädtischen Zentren hinausgekommen. Dabei könne „erst durch das Aufgreifen und die Untersuchung auch dieser provinziellen Bewegungen, die zunächst weniger dynamisch und Impuls gebend erscheinen – eben weil sie sich in der Provinz und damit im Schatten der Protestzentren bildeten – eine Gesamtinterpretation der Bewegungs- und Gesellschaftsgeschichte geleistet werden“. Ein Grund für die weitgehende Vernachlässigung mag sein, dass Protestaktionen häufig dem studentisch-akademischen Milieu zugeschrieben werden. Ein Blick in die ‚Provinz‘ bietet die Möglichkeit, auch bislang weniger untersuchte Akteursgruppen in den Blick zu nehmen sowie gängige Periodisierungen von Protestereignissen und -phasen zu überprüfen.

Der hier verwandte Terminus ‚Provinz‘ sollte dazu dienen, sowohl den physischen Raum wie auch den Diskurskontext, in dem Bewegungskulturen in ländlichen Gesellschaften verhandelt wurden, von dem in der Forschung vorherrschenden urbanen Deutungsfeld abzugrenzen. Durch den „genauen Blick“ des regionalgeschichtlichen Zugangs der Vorträge sollten Angleichungsprozesse, wechselseitige Wahrnehmungen und Einflussnahmen urbaner Bewegungen und solchen in der Provinz an lokalen Beispielen analysiert werden. Inwieweit unterschieden sich Bewegungen abseits der Zentren im Zeitpunkt der Konstituierung, der Bewegungsstruktur, Organisationsform und lokalspezifischen Themen? Welche retardierenden bzw. fördernden Momente gab es auf dem ‚Land‘?

HANS-GERD SCHMIDT (Detmold) fragte in seinem Vortrag „Die 68er-Bewegung in der Provinz“ nach Rezeptionsformen, Handlungsfeldern und Bedeutung der 68er-Bewegung am Beispiel von Lippe/Detmold sowie nach Einflüssen des großstädtisch-studentischen Milieus (Bielefeld) auf diese Region, deren ‚Provinzialität‘ sich unter anderem aus der mangelnden infrastrukturellen Anbindung und dem konservativen gesellschaftlichen Klima ergab. Schmidt stellte dar, wie die „Provinz zum Gestaltungsraum, zum Ort des Experimentierens neuer Handlungsfelder“ wurde. Als wichtigen Impulsgeber des anti-autoritären Elements auf dem Land betonte Schmidt das neue Lebensgefühl des „Subversiven der Musik“, das durch den Einfluss neuer politischer Strömungen (‚New Left‘) mit politischem Inhalt gefüllt wurde. Träger und Vermittler dieses Gefühls waren vor allem aus Detmold stammende Studenten, die die auswärts gemachten Erfahrungen als Wanderer zwischen Metropole und Provinz nach Lippe zurücktrugen. Die „Entprovinzialisierung der Provinz“ durch Schaffung autonomer Räume und Politisierung der Jugend bezeichnete Schmidt als einen Erfolg der 68er-Bewegung. Einen Vorzug gegenüber städtischen Bewegungskontexten stellte die größere Durchlässigkeit zwischen den Bewegungen dar, wohingegen starke Differenzierung und Abgrenzung zwischen verschiedenen politischen Praxisfeldern typisch für viele Städte gewesen sei. Als Misserfolg benannte Schmidt die fehlende nachhaltige politische Durchschlagskraft. Diskutiert wurde im Anschluss die Frage, ob es sich bei der von Schmidt erwähnten „Entprovinzialisierung“ Detmolds um eine Urbanisierung im Sinne einer Angleichung der Verhältnisse handelte, oder eher um einen Prozess der Aneignung und ländlichen Selbstbehauptung.

HEIKE KEMPE (Konstanz) stellte dem ostwestfälischen Beispiel eines aus dem süddeutschen Raum entgegen und analysierte die „Entwicklung und Vernetzung des alternativen Milieus in Konstanz und der Region“. Im Mittelpunkt stand die Frage nach dem linken Provinzbegriff. Weitaus tiefer als in Detmold seien in Konstanz die Konflikte zwischen studentischer Linker und konservativem Bürgertum gewesen. Kernanliegen der Bewegungen im alternativen Milieu sei die Umgestaltung der als repressiv erlebten Zustände in der Stadt gewesen unter dem Motto: „Dableiben statt Abhauen“. Dem „metropolen Sein“ wurde ein „provinzielles Werden“ entgegengestellt, ein neuer Heimatbegriff und provinzielles Selbstbewusstsein entwickelt. Anders als in Detmold seien diese Veränderungen in Konstanz noch heute prägend.

Eine Studiengruppe aus Tübingen unter der Leitung von GESA INGENDAHL (Tübingen) präsentierte ihr Projekt „Protestkulturen in Tübingen“. Zentral bei den Teilprojekten der StudentInnen war die Frage nach dem Zusammenhang von Privatem und Politischem, was anhand verschiedener Beispiele analysiert wurde: Proteste gegen den Autobahnbau in Tübingen, Hausbesetzungen, Antiatombewegung und Gründung einer alternativen Stadtzeitung. Diese „Politisierung des Alltags“ ließ zugleich einen neuen Politikbegriff entstehen. Die ‚Provinz‘ ist am Beispiel Tübingen überwiegend sozial fassbar, die Trennlinie verlief relativ klar zwischen StudentInnen und der städtischen eingesessenen Bevölkerung. Viele der verhandelten Themen und Aktionsformen wurden aus den Bewegungsmetropolen importiert – ein Grund, weshalb Mobilisierungsversuche unter der Tübinger Bevölkerung wenig erfolgreich waren.

Anhand der ersten Vorträge wurde die Relationalität des Begriffs ‚Provinz‘, die zumeist als Gegensatz zur (Groß-)Stadt konstruiert wird, deutlich. So konnte auch eine ‚Provinzstadt‘ wie Tübingen für ein ländliches Umland Metropolfunktion haben. Wie in den Diskussionen hervorgehoben wurde, konnte der provinzielle Raum vielfach als Laboratorium für konkrete politische Handlungsfelder fungieren, für die in den Metropolen oft die Bezugspunkte fehlten (Umweltschutz, Jugendzentren). Die Kleinräumigkeit der Provinz bot günstige Möglichkeiten zur konkreten politischen und sozialen Veränderung. Andererseits waren die Beharrungskräfte in den überwiegend konservativ geprägten provinziellen Räumen stärker und Widerstände gegen neue Bewegungen größer.

CORDULA OBERGASSEL (Detmold) fragte in ihrem Vortrag „,Ein Königreich für einen Proberaum‘- Die Etablierung Alternativer Kultur in Dortmund und Münster (1975-1990)“ nach Ursachen für die in Münster und Dortmund im Vergleich zu anderen Großstädten deutlich verspätete und erschwerte Entstehung einer Alternativkultur. Sie analysierte Diskurse um den städtisch-autonomen Raum als freien Kommunikationsraum, der entscheidend war für die Praktizierung von alternativer Kultur und somit für die Herausbildung einer eigenen Gruppenidentität. Die Raumfrage entscheide über „Kultur als umkämpftes Terrain“. So sah Obergassel den Hauptgrund für die Verzögerung dieses Prozesses in den starken traditionellen Milieustrukturen, in Dortmund der hohe Arbeiteranteil mit protestantisch-sozialdemokratischem Hintergrund und in Münster das vordergründig von Beamten getragene katholische Milieu.

Die Schweiz lag aus europäischer Perspektive in den 1970er-Jahren abseits der großen Mobilisierungszentren der neuen Frauenbewegung. Gleichwohl verstand sich die schweizerische Frauenbewegung nicht als eine provinzielle, sondern – aus der nationalen Binnenperspektive – als fortschrittliche, weltoffene und urbane Bewegung. Innerhalb der deutschsprachigen Schweiz, auf die der Vortrag von KRISTINA SCHULZ und LEENA SCHMITTER (beide Bern) fokussierte, galten vor allem die kleinen ost- und innerschweizerischen Kantone als bäuerliche und von traditionellen Geschlechterverhältnissen geprägte Region. Zum Ausgangspunkt ihres Vortrages machten die Referentinnen den Film „Lieber Herr Doktor“ (1977). Produziert von einem Filmkollektiv aus Zürich diente dieser dazu, im Rahmen einer Initiativkampagne für die Liberalisierung der Abtreibung jenseits der urbanen Kantone mit ihren ausgeprägten Bewegungsmilieus für das Thema zu werben. In ihrem „Expedition in die Ostschweiz“ übertitelten Vortrag gingen die Referentinnen näher auf die Umstände der Entstehung des Films ein, analysierten das Selbstverständnis der AktivistInnen im Kontext der Zentrum-Provinz-Beziehungen innerhalb der Schweiz und fragten schließlich nach der Wirkung, die die neue Frauenbewegung in der letztlich gescheiterten Abtreibungskampagne mit diesem Film erzielen konnte.

DAVID TEMPLIN (Hamburg) widmete sich einer Bewegung, die überwiegend jenseits der ‚Metropolen‘ agierte und zudem ein deutsches Spezifikum darstellte: der Jugendzentrumsbewegung. Ab etwa 1970 machte sich für viele junge Menschen in ländlich-kleinstädtischen Regionen eine deutliche Kluft bemerkbar zwischen neuen Formen des Freizeitverhaltens in den Städten und den als mangelhaft wahrgenommenen Freizeitangeboten vor Ort. Dies führte zur flächendeckenden Entstehung lokaler Initiativen, die sich für selbstverwaltete Räume einsetzten, die oftmals politisch aufgeladen waren und utopisch imaginiert wurden. Im provinziellen Raum gestaltete sich das jugendkulturelle Engagement im Vergleich zu größeren Städten generell schwieriger. Grund waren die mangelnde Anonymität, der stärker ausgeprägte soziale Konformitätsdruck in einer vielfach konservativ geprägten kleinstädtischen Öffentlichkeit und die gegenüber mittleren und Großstädten stärker personalisierten Kontakte.

Während sich die Akteure der Jugendzentrumsbewegung in den frühen 1970er-Jahren noch stark an Formen und Diskursen der urbanen ‚Gegenkultur‘ orientiert und sich im Zuge dessen deutlich von dem sie umgebenden ‚Kleinstadtmief‘ abgeschottet hatten, begann sich das Verhältnis alternativer, linker Jugendlicher zu ihren Herkunftsorten im Verlauf der 1970er-Jahre zu ändern. Über regionale Zusammenschlüsse alternativer jugendkultureller Initiativen entwickelten die Beteiligten eine spezifische Form der Alternativbewegung in ländlichen Regionen und entdeckten mitunter positive Bezüge zu regionalistischen Tendenzen und einem positiv besetzten Heimatbegriff. Dennoch, so Templin, „blieb das Verhältnis vieler linksalternativ orientierter Jugendlicher zu ‚ihrer‘ jeweiligen Gemeinde oder Kleinstadt ambivalent“. Mit Blick auf die Bedeutung der Jugendzentrumsbewegung im Gesamtkontext neuer sozialer Bewegungen lässt sich feststellen, dass die Jugendzentren aufgrund der flächendeckenden Präsenz maßgeblich zur Herausbildung eines links-alternativen Milieus in der deutschen ‚Provinz‘ und somit auch zur kulturellen Urbanisierung des ländlichen Raums beitrugen. Der Referent betonte, dass weniger ‚1968‘ als vielmehr die Jugendzentrumsbewegung für viele Jugendliche im ländlich-kleinstädtischen Raum den eigentlichen politisch-kulturellen Aufbruch bedeutet habe und zugleich als Katalysator für einen massiven Ausbau der freien Jugendarbeit in diesen Räumen fungierte.

Speziell der ländlichen Jugendbewegung widmete sich GUNTER MAHLERWEIN (Saarbrücken). In einer mikrohistorischen Analyse rheinhessischer dörflicher Jugendzentrumsinitiativen beschrieb er die Entstehung einer ländlichen oppositionellen Jugendszene und interpretierte die Jugendzentrumsinitiativen „als manifester Teil der Prozesse von Individualisierung, Lebensstilpluralisierung und kultureller Ausdifferenzierung in den 1970er-Jahren“. Dabei zeigte Mahlerwein am Beispiel oppositioneller Jugendkultur auf dem Land schlaglichtartig einerseits den Stellenwert exogener Faktoren im Wandlungsprozess der ländlichen Gesellschaft in den 1960er/70er Jahren, andererseits die Beharrungskraft traditionaler Elemente in diesem Prozess.

Das Neue an den jugendlichen Gruppen war vor allem ihr Selbstverständnis: Bis in die späten 1960er/70er-Jahre war die Landjugend durch die frühe Einbindung in traditionelle Institutionen des dörflichen Lebens – Kirche, Gesangverein, Blaskapelle, etc. – noch überwiegend intergenerationell sozialisiert. Gegenüber dieser Erwachsenenzentriertheit äußerte sich in den neuen jugendkulturell beeinflussten Gruppen der 1970er-Jahre ein starkes Abgrenzungsbedürfnis gegenüber der Erwachsenengeneration. Die Selbstinszenierung der Jugendgruppen als Gegenkultur führte unter den Bedingungen des ländlichen sozialen Lebens, anders als in größeren Städten, zu einem deutlich verschärften Generationenkonflikt. Als Vermittler und Pioniere der retardierten Adaption jugendkultureller Impulse in der ländlichen Gesellschaft identifizierte Mahlerwein unter anderem Schüler, die weiterführende Schulen in Städten der Umgebung besuchten, auf diese Weise dem elterlichen Druck weniger ausgesetzt waren und mit jugendkulturellen Innovationen in Berührung kamen. Wesentliche Bedeutung hatte zudem die mediale Vermittlung neuer Lebensstile, insbesondere in Verbindung mit (Rock-)Musik mit ihrem distinktiven Potential.

Teilweise aus einer Binnenperspektive referierte EVA WONNEBERGER (Ravensburg) zu „Allgäuer Aussteigern als Modernisierer der Provinz und Pioniere in ihrer Region“. Das relativ arme Allgäu wies in den 1970er-Jahren als Folge des Strukturwandels in der Landwirtschaft eine Vielzahl leer stehender Kleinstbauernhöfe auf. Zugleich entstand in größeren Städten Süddeutschlands eine experimentierfreudige Szene von Aussteigern, die auf dem Land neue Formen des gemeinsamen Wohnens, Lebens und Arbeitens erproben wollten und die sich dort mit „einheimischen Langhaarigen“ zusammentaten. Vor diesem Hintergrund entstand im großstadtfreien Allgäu eine spezifische Alternativkultur, die als Impulsgeber neue Themen auf das Land und die kleinen Städte der Region brachte. Viele der sozialen und ökonomischen Experimente scheiterten zwar, einzelne Betriebe haben sich jedoch etabliert. Speziell die hohe Dichte an Bio-Bauernhöfen erachtete Wonneberger als nachhaltigste Folge der Landkommunenbewegung, die diese alternative Form des Wirtschaftens, maßgeblich angestoßen von Akteuren aus süddeutschen Metropolen, in der allgäuischen Provinz erfolgreich etabliert habe.

Am Beispiel der Proteste gegen das Atomkraftwerk (AKW) Biblis ging MATTHIAS LIEB (Darmstadt) der Frage nach, wie sich das Verhältnis städtischer und ländlicher Bewegungen gestalten konnte. Einerseits war die Anti-AKW-Bewegung besonders stark ausgeprägt in den Städten vorzufinden. Die Orte des Protests wie der Standort Biblis in Südhessen lagen hingegen im ländlichen Raum. Dieser Umstand sorgte gleichermaßen für Episoden von Konflikt und Kooperation mit der lokalen Bevölkerung und den Gruppen aus der ‚Provinz‘. Schon bei den Protesten gegen das geplante Kernkraftwerk in Wyhl trafen städtisch geprägte AKW-GegnerInnen aus dem linksalternativen Milieu auf eine eher konservative Landbevölkerung in der badischen Provinz. Eine ganz ähnliche Konstellation ergab sich Ende der 1970er-Jahre im Rhein-Main-Gebiet, wo die Beziehungen zwischen AKW-Gegnerinnen und der Bevölkerung vor Ort aufgrund von unterschiedlichen Vorstellungen, Aktionsweisen und Protestformen teilweise konflikthaft waren. Ein besonderes Augenmerk legte der Referent auf die Rolle alternativer Medien in dieser Beziehungsgeschichte, denen eine wichtige Funktion als regionale Plattform zur Wissensvermittlung, Vernetzung, Kommunikation und Diskussion zukam und die von einem ironischen Blick des linksalternativen Milieus auf die vermeintliche ‚Provinzialität‘ der eigenen Stadt und Region, in Abgrenzung gegenüber der ‚Szenehochburg‘ Frankfurt, geprägt war.

Es bleibt festzuhalten, dass der ‚Provinz‘-Begriff zeitgenössisch schillernd, teils ironisch verwandt wurde. Vielfach beinhaltete er weniger eine Zustandsbeschreibung als vielmehr eine Negativfolie für Abgrenzungsbedürfnisse. Gleichzeitig tauchten neben der negativen Konnotation auch immer wieder Beispiele für ein positives Verständnis des Begriffs auf, etwa bei dem von Mahlerwein mehrfach zitierten Protagonisten der Jugendzentrumsbewegung Albert Herrenknecht und bei den Landkommunen mit der ihnen eigenen Modernisierungs- und Zivilisationskritik, für die das Land/die Provinz eine Projektionsfläche und ein ‚Ermöglichungsraum‘ war. Vielfach wurden kleinstädtische und ländliche Räume auf diese Weise zu Praxis- und Erprobungsfeldern für neue Lebens- und Wirtschaftsformen. Deutlich wurde auch, dass es bei der Beschreibung von Bewegungen in der Provinz nicht ausreicht davon auszugehen, dass Moderne auf Tradition trifft. Tatsächlich entstand in der ‚Provinz‘ aus ursprünglich von Städten ausgehenden Bewegungen teilweise etwas Neues, das ‚Urbane‘ wurde nicht einfach kopiert, sondern anverwandelt, angeeignet. Auch trifft die vielfach beschworene Entgrenzung des Urbanen nicht wirklich auf die Entstehung und Entwicklung der neuen sozialen Bewegungen jenseits der großen Städte zu. Wie Mahlerwein überzeugend darlegte handelte es sich beispielsweise bei der ländlichen Jugendzentrumsbewegung um einen Bestandteil eines umfassenden Prozesses der gesellschaftlichen und kulturellen Pluralisierung, die in den 1960er-/70er-Jahren stattfand. Daraus folgt auch, dass die in der Forschung oftmals vorherrschende Dichotomisierung von Stadt und Land aufgeweicht werden muss.

Konferenzübersicht:

Vielfalt in der Provinz

Hans-Gerd Schmidt (Detmold)
Die 68er-Bewegung in der Provinz: Vermittlungswege, Handlungsfelder, Erfolge und Misserfolge am Beispiel Lippes

Heike Kempe (Konstanz)
Entwicklung und Vernetzung des alternativen Milieus in Konstanz und der Region

Gesa Ingendahl / Studienprojektgruppe (Tübingen)
Protestkultur(en) in Tübingen: Wie in der „kleinen großen Stadt“ das Private und das Politische zusammenfanden

(Sozio-)Kultur in städtischen und ländlichen Räumen

Cordula Obergassel (Detmold)
„Ein Königreich für einen Probenraum“ – Die Etablierung Alternativer Kultur in Dortmund und Münster (1975-1990)

Frauenbewegung

Kristina Schulz/ Leena Schmitter (Bern)
Expedition in die Ostschweiz: Der Film „Lieber Herr Doktor“ in der Kampagne für die Liberalisierung der Abtreibung 1977

Jugendbewegung

David Templin (Hamburg)
Dem „kleinstädtischen Mief“ entkommen: Jugendzentrumsinitiativen zwischen Großstadtorientierung und Provinzidentität

Gunter Mahlerwein (Saarbrücken)
Revolte im Dorf? Innovationspotenziale und Traditionsbezüge ländlicher Jugendzentren

Aussteiger und Umweltaktivisten

Eva Wonneberger (Ravensburg)
Allgäuer Aussteiger als Modernisierer der Provinz und Pioniere in ihrer Region

Matthias Lieb (Darmstadt)
„Verschnarchte Provinz-Metropole“? – Umwelt- und Anti-AKW-Bewegungen in Mainz, Wiesbaden und dem Umland

Anmerkung:
[1] Franz-Werner Kersting, Stadt-Land-Beziehungen in Westfalen im 20. Jahrhundert. Entgrenzung - Erfahrung – Kommunikation, in: Westfälische Forschungen 57 (2007), S. 483-508.


Redaktion
Veröffentlicht am
22.01.2015