Im Bilde. Visualisierung vormoderner Geschichte in modernen Medien

Im Bilde. Visualisierung vormoderner Geschichte in modernen Medien

Organisatoren
Francisca Loetz / Marcus Sandl, Historisches Seminar, Universität Zürich
Ort
Zürich
Land
Switzerland
Vom - Bis
09.10.2014 - 10.10.2014
Von
Frederik Furrer

Im Oktober des letzten Jahres trafen sich in Zürich Medienschaffende und Historiker/innen, um Visualisierungsstrategien sowie Modelle von Geschichte zu reflektieren. Von Anfang an war klar, um was es nicht gehen sollte: um „richtige“ oder „falsche“ Darstellungen von Geschichte. Vielmehr sollte danach gefragt werden, wie Geschichte in modernen Medien dargestellt werden kann. Wie kann also etwas Unsichtbares – wie die Vergangenheit – sichtbar gemacht werden? Im Zentrum standen jene Schwierigkeiten, die sich bei einer Darstellung von vormoderner / frühneuzeitlicher Geschichte stellen; also eine Visualisierung, die nicht auf Fotografien, Tonaufnahmen oder Zeitzeugeninterviews zurückgreifen kann. Die Leitfrage nach den Chancen moderner Medien für die Geschichtswissenschaft wurde zwar aus einer dezidiert geschichtswissenschaftlichen Perspektive angegangen. Doch wollte und sollte sie nicht einseitig besprochen werden. Von den Veranstaltern FRANCISCA LOETZ (Zürich) und MARCUS SANDL (Zürich) wurde die Tagung deshalb nicht als rein inneruniversitäres Gespräch entworfen, sondern als ein Gespräch mit Medienschaffenden. Im Fokus standen die modernen Medien Comic, Film, Theater und Performance.

Das Ziel und die Leitfrage dieser Tagung wurden bereits in der Einführung von FABIO CRIVELLARI (Konstanz) zur ersten Sektion deutlich. Er machte auf das oft spannungsreiche Verhältnis von Akademikern und modernen Medien aufmerksam. Darf man als Historiker zugeben, dass man Comics besitzt und liest? Wie steht man allgemein zu historischen Verfilmungen und Dokumentationen? Entsteht durch die neuen Medien nicht primär eine unerhörte Verfremdung der Geschichte und der Quellen? Welche Funktionen können Medien wie Comics erfüllen? Sind sie auch fähig, historische Thesen zu formulieren?

So präsentierte CLAUDIUS SIEBER-LEHMANN (Basel), wo aus Sicht des Historikers die Möglichkeiten und Grenzen von historischen Bildergeschichten liegen. Aus eigener, praktischer Erfahrung berichtend, konstatierte Sieber-Lehmann, dass neben dem Einbezug der aktuellen Forschung eine genaue Wiedergabe der materiellen Welt unabdingbar sei: Die Bilder müssen also historisch korrekt sein. Bildergeschichten enthalten zudem – ob die Historiker wollen oder nicht – eine Moral: „fabula docet“.

Die Comic-Zeichnerin DEBRA BÜHLMANN alias FRIDA BÜNZLI (Zürich) zeichnete, im wörtlichen Sinne, auf dem Flipchart ein ähnliches Bild. Bühlmann machte zunächst deutlich, was sie im Begriff History erkennt: Hi story! (Dies als interessante Abwandlung der gängigen Formulierung aus der Frauengeschichte von His-story zu Her-story). Eine Erzählung erhält durch historische Quellen Relevanz, so Bühlmann. Aber die Bilder tragen die Geschichte; sie sind entscheidend (Bühlmann, Sieber-Lehmann und auch KATJA WILDERMUTH, Leipzig). Darum müssten Historiker und Historikerinnen, um erfolgreich mit Medienschaffenden zusammenzuarbeiten, zwangsläufig bildverliebte Menschen sein.
Die Gefahr des Anachronismus könne in keinem Medium umgangen werden. Die Chance des Comics für die Vermittlung von Geschichte, so ein erstes Resümee, liege im Potentialis und nicht im Irrealis. Der Comic könne also ein Ausprobieren von Möglichkeiten und damit von Thesen sein.

Die Schnittstelle zwischen Irrealis und Potentials stand auch bei den Lesebüchern und Hörspielen von HILDEGARD KELLER (Bloomington / Zürich) im Vordergrund. Keller nutzte historische Stoffe für Experimente mit fiktiven Begegnungen. Beispielsweise zwischen Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Hadewijch und der jüdischen Juristin Etty Hillesum. Keineswegs arbeitete Keller hier anachronistisch, sondern vielmehr achronistisch. Die Zeitenthobenheit im Audio-Experiment der Trilogie des Zeitlosen, das Aufeinanderprallen historischer Welten, sollte so in historische Welten einführen und ein Versuch sein, Geschichte hörbar und verständlich zu machen.

Die Möglichkeit, verborgene Welten aufzudecken, so bemerkte SVEN GRAMPP (Erlangen), liege dem (Spiel-/ Fernseh-)film zugrunde. Aus Sicht des Medienwissenschaftlers fragte er danach, wie Schrift und Schreibakte in Szene gesetzt werden können und wiederum sich selbst in Szene setzen. Grampp machte deutlich, dass der Film als ein Übersetzungsprozess zu verstehen sei: Das „Reale“ (Überlieferte) wird über das Symbolische zum Imaginären (zum Rekonstruierten).

Etwas darstellen, was durch Schrift schwer attraktiv darstellbar ist, darum ging es auch der Dokumentarfilmproduzentin SILVANA BEZZOLA (Lugano). Bezzola stellte die Vermittlungsfunktion der neuen Medien ins Zentrum, betonte aber, dass der Dokumentarfilm ein Film bleibe und darum diesen ästhetischen Ansprüchen genügen müsse. Gleichzeitig solle ein Dokumentarfilm nicht nur Unterhaltung – oder gar abwertend: eine Zurschaustellung der Geschichte sein – sondern eine Informationsdokumentation. Dies meint, dass historisches Wissen nach methodischen Regeln gezeigt werden solle. Nach Bezzola könne dies eine Fernsehdokumentation auch leisten, und darin liege der eigentliche Gewinn. So liege ein Erkenntnisvorteil der Dokumentarfilme gegenüber der Geschichtsschreibung im Vorführen von Arbeitsschritten wie der Recherche, der archäologischen Ausgrabungen oder dem Quellenstudium. Dokumentarfilme erlauben einen Blick hinter die Kulissen der Arbeit der Historiker/innen und zeigen nicht nur Argumentationswege oder gar nur Endprodukte. In dem aufgezeigt wird, wie Forschung und Ergebnisse entstehen, lassen sich Aspekte des historischen Forschens, die nur schwer vermittelbar sind, visualisieren: So etwa Neugierde, Motivation und Faszination für ein Thema.

In der Fernsehdokumentation die „Völkerschlacht bei Leipzig“ war der Schlüssel zum Erfolg die Form, so die Redaktionsleiterin Wildermuth. Die mit Helmkameras, Massenszenen und Nachtsichtgeräten inszenierte Schlacht als „Breaking News“ war derart überzeugend, dass das „Andere“, also die Geschichte angenommen worden sei. Durch YouTube- und Brennpunkt-Optik konnten, so Wildermuth, auch Zuschauer erreicht werden, die ursprünglich wenig Vorwissen und Interessen zeigten. Reenactment sei in diesem Sinne eine Möglichkeit der Geschichtsaneignung. Um Reenactment ging es auch KAY KIRCHMANN (Erlangen) an der Darstellung von Martin Luther: So würde nicht einfach Luther dargestellt, sondern im Körper Luthers zeigen sich die Zerrissenheit der Zeit, ikonographische Traditionen oder unterschiedlichen Semantiken von Medien. Damit bekräftigten Wildermuth und Kirchmann die These URS HAFNERS (Zürich), welcher diese Sektion moderierte und den modernen Medien die Funktion erteilte: die Vergangenheit in die Gegenwart zurückzuholen.

Einen ähnlichen Standpunkt teilte auch der Autor MARKUS KIRCHHOFER (Oberkulm), dem es weniger um Authentizität, als um Glaubwürdigkeit ging. Für ihn stand ebenfalls die Erfüllung der Erwartungen des Rezipienten im Fokus. Etwas stärker auf historische Stoffe ging PAUL STEINMANN (Rikon) ein. Diese bildeten für ihn eine gute Grundlage der Theaterarbeit. Einerseits als Identifikationsrahmen für ein Publikum, dass durch das Theater zum Mitfühlen, Mitdenken, Mitgehen animiert wird. Andererseits, um das Publikum damit zu überraschen.

Die Tagung machte jedoch auch klar, dass zwischen den verschieden Teilnehmern unterschiedliche Auffassungen von „Geschichte“ vorherrschen. So kommentierte abschliessend Sandl, dass mehr von Geschichten als von Geschichte im Kollektivsingular gesprochen worden sei. So sei vorausgesetzt worden, dass alle unter „Geschichte“ etwas Ähnliches verstehen, de facto ein gemeinsamer Nenner aber nicht bestand. So barg die Chance dieser Tagung als Grenzgang schlussendlich auch kommunikative Hürden. Einige Missverständnisse und unterschiedliche Ausgangspunkte mussten zuerst ausgeräumt und besprochen werden. So rückte die Frage danach was gemacht wird teilweise stark in den Vordergrund und verdrängte die eigentlich intendierte Frage, wie etwas gemacht wird.

Doch können die Missverständnisse und Grundsatzdiskussionen, die eine solche interdisziplinäre Tagung zwangsläufig mitführt, letztlich als Erkenntnisgewinn gewertet werden. So regten die Vorträge und die Diskussionen immer wieder aufs Neue dazu an, das eigene Tun zu reflektieren. Die Konfrontation mit der Vielfalt modernen Medien stellt das in der Geschichtswissenschaft nach wie vor bevorzugte Medium des Schriftlichen in Frage. Grundsätzlich gilt dies gleichermassen für Medienschaffende. Für eine Fortsetzung wäre anzuregen, das Feld der Gesprächspartner zu erweitern. So ließen sich interessante Innensichten aus Begegnungen mit Fernseh- / Programmverantwortlichen, Vertretern einer „Rezipientenforschung“, Akteuren der digitalen wie analogen Spielewelt oder Produzenten von historischen Podcast gewinnen.

Abschließend standen zahlreiche Fragen im Raum: Kann es so etwas wie performatives Schreiben in der Geschichtswissenschaft geben? Wie kann die Produktion von Ergebnissen an den Leser / die Leserin nachvollziehbar gemacht werden? Wie entfalten Sachverhalte Authentizität und Glaubwürdigkeit? Wie können die Vorzüge moderner Medien (Comic: Ausprobieren von Möglichkeiten; Film: Imagination darstellen; Dokumentationen: Arbeitsprozesse visualisieren; Allgemein: ein grosses Publikum ansprechen) für geschichtswissenschaftliche Darstellungen genutzt werden? Bilanzierend lassen sich die angestellten Überlegungen in einem Wunsch von Bühlmann zusammenfassen: Kann wissenschaftlich in Bildern argumentiert werden? Ist gar eine Dissertation als Comic möglich? Darüber nachzudenken lohnt sich allemal.

Konferenzübersicht:

Comic

FABIO CRIVELLARI (Konstanz): Einführung und Moderation

CLAUDIUS SIEBER-LEHMANN (Basel): Bildgeschichten – Geschichte in Bildern? Über Möglichkeiten und Grenzen von Bildgeschichten historischen Inhalts

MARKUS KIRCHHOFER (Oberkulm): Zeitreisen in Bildern und Worten: Historische Comics aus Sicht eines Szenaristen

DEBRA BÜHLMANN ALIAS FRIDA BÜNZLI (Zürich): Fixe Ideen und Idefix: Der Geschichtscomic aus Macher-Sicht

Film

URS HAFNER (Zürich): Einführung und Moderation

SVEN GRAMPP (Erlangen): Televisuelle Schreibweisen: Frühe Neuzeit im Fernsehen

KATJA WILDERMUTH (Leipzig): Alternative Fernsehformate: Die Völkerschlacht bei Leipzig als „Breaking News“

KAY KIRCHMANN (Erlangen): Dem Geschehenen einen Körper geben: Re-Enactment und Personalisierung in populären TV-Dokumentationen zur Frühen Neuzeit (vorgelesen von Sven Grampp)

SILVANA BEZZOLA (Lugano): Vormoderne Geschichte im Dokumentarfilm: Die Stärke der Filmsprache im Dienste der Vergangenheit

Theater/Performance

HILDEGARD KELLER (Bloomington / Zürich): Kreativer Anachronismus? Audiovisuelle und filmische Experimente mit fiktiven Begegnungen

PAUL STEINMANN (Rikon): Das Theater mit der Geschichte: Historische Stoffe und heutiges Theater

Schluss
MARCUS SANDL (Zürich): Schlusskommentar


Redaktion
Veröffentlicht am
15.03.2015
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