Scholarship in Software – Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review

Scholarship in Software – Software as Scholarship. From Genesis to Peer Review

Organisatoren
Tara L Andrews, Assistant Professor for Digital Humanities, University of Bern; Enrico Natale, infoclio.ch
Ort
Bern
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.01.2015 - 30.01.2015
Von
Thomas Leibundgut, Universität Bern

In den letzten Jahrzehnten haben computergestützte Berechnungen und Software-Analysen in einer Vielzahl von Formen, von digitalen Publikationen bis hin zu in experimentelle Arbeit eingebettete rechnergestützter Modellierung, in praktisch jedes vorstellbare Wissenschaftsgebiet, und damit auch in die Geisteswissenschaften, Einzug gehalten. Bei jedem digitalen Output gibt es innerhalb des Computercodes eine direkte Manifestation des wissenschaftlichen Ansatzes, der dem Projekt zu Grunde liegt. Nichtsdestotrotz sind auch heute noch kaum Mechanismen zur Identifizierung und Beurteilung der wissenschaftlichen Arbeit im Computercode vorhanden. Entsprechend stellt sich die Frage: wie kann (geistes)wissenschaftliche Arbeit in Software ausgedrückt werden?

Diese Frage war der Ausgangspunkt für eine Tagung im Januar 2015, bestehend aus einem Workshop zu software-basierter Wissenschaft und einer Roundtable Debatte zu Peer Review für digitale wissenschaftliche Leistungen, organisiert von TARA L ANDREWS (Digital Humanities, Universität Bern) und ENRICO NATALE (infoclio.ch). Das Ziel war es, die Herausforderung, wie intellektuelle Argumente in Computer Code ausgedrückt werden können, anzugehen und erste Schritte in Richtung einer Antwort auf die oben aufgeworfene Frage zu unternehmen.

In seinem Eröffnungsvortrag machte WILLARD MCCARTHY (King’s College London) darauf aufmerksam, dass es eine lange Geschichte von Misstrauen gegenüber Rhetorik gäbe, was auch der Migration von Intelligenz in Maschinen, beginnend mit der industriellen Revolution, zugrunde läge. Heute jedoch seien die maschinenbasierten Systeme zu komplex, um tatsächlich nachvollziehen, geschweige denn erklären zu können, wie Computerprogramme funktionieren und arbeiten. Lediglich die Resultate dieser Berechnungen könnten verstanden werden, und dies sei auch der Schlüssel zu der Frage, ob etwas gute Wissenschaft sei: Wenn die Resultate verwendet werden könnten, so McCarthy, könne ihre Quellen identifiziert, und Vertrauen aufbauend auf der Evidenz hergestellt werden. Komplexe redaktionelle Kommentare könnten als Richtlinien dazu dienen, wie derart gewonnenes Wissen genutzt werden kann: Falls es in einer Simulation genutzt werden kann, so kann damit Wissen gewonnen werden, zu dem auf andere Weise kein Zugang bestünde.

Die Interaktion zwischen Software-Entwicklerinnen und -Entwicklern und Forscherinnen und Forschern stand im Zentrum des ersten Panels. EUGENE LYMAN (Privatgelehrter), ARIS XANTHOS (Université de Lausanne) und OLEKSANDR MAKARENKO (National Technical University of Ukraine) diskutierten die Wichtigkeit der kritischen Bewertung der Validität der Entscheidungen von Entwicklerinnen und Entwicklern durch die Leserinnen und Leser, und die Abhängigkeit der Forscherinnen und Forscher von den wissenschaftlichen Kompetenzen und der kritischen Sensibilität der Entwicklerinnen und Entwickler. Weiter diskutierten sie die Qualitätsbewertung von wissenschaftlicher Software, die sich daraus entwickelnden Herausforderungen für Entwickler und Editorinnen sowie die Voraussetzungen und Konsequenzen von mathematischer Modellbildung komplexer sozialer Kontexte.

Die sowohl konfrontative als auch kollaborative Zusammenarbeit zwischen Forscherinnen und Forschern und den Angehörigen der technischen Dienste war das Thema des zweiten Panels. JAMES BAKER (British Library), PIETER FRANCOIS (University of Oxford) und JONAS SCHNEIDER (Universität Zürich) diskutierten die Leistungen und Grenzen von Software in der Kuratierung von Sammlungen, transparente Zusammenarbeit zwischen Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler und Informatik am Beispiel des Sample Generator for Digitized Texts, und die Herausforderung, sowohl Zeit als auch Raum in ein Geographisches Informationssystem zu integrieren. Die zugrundeliegende Frage war, was denn tatsächlich auch neuartig sei, wenn digitale Methoden genutzt werden, um geisteswissenschaftliche Forschungsfragen zu bearbeiten, und wie die oftmals zeitintensive Zusammenarbeit mit Informatikerinnern und Informatikern es Forscherinnen und Forschern schlussendlich ermöglichen kann, bessere Resultate in kürzerer Zeit zu erhalten.

Das letzte Panel schliesslich stand im Zeichen der Software-Erzeugung. MANFRED THALLER (Universität zu Köln), NIKOLAS CHURIK und BRIAN CLARK (beide College of the Holy Cross), JORIS VAN ZUNDERT (Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften) und GREGOR MIDDELL (Zeuthen / Oxford) diskutierten die Fragen, ob Programmieren Teil der Ingenieurs-, exakten oder Geisteswissenschaften sei, ob und wie geisteswissenschaftliche Arbeiten automatisch auf ihre Annahme in Zeitschriften getestet werden könnten, und den Status von und die Vorstellungen über wissenschaftliche Urheberschaft. Das zentrale Thema dieser Diskussionen war, wer schlussendlich tatsächlich was leistet, wenn Software in der Wissenschaft genutzt wird, und wie das Ansehen zwischen mehreren Autorinnen und Autoren verteilt werden kann und soll.

DAVID BERRY (University of Sussex) fokussierte seinen zusammenfassenden Schlussvortrag insbesondere auf Vergänglichkeit im Zeitalter von Software. Da die Art und Weise, wie etwas archiviert wird, sich verändert habe, seien auch neue Herausforderungen entstanden, wie beispielsweise die Entwicklung von Software hin zu einer Kernkomponente in vielen Wissenschaftsbereichen und in der Archivierung, der Status von rechnergestützten Prozessen bezüglich Archivierung und Re-Präsentation von Materialien, oder die neuen sozialen Ontologien, die entstehen, sobald Archivierungsmaschinen wichtig werden. Wenn nun Software auf die Geisteswissenschaften treffe, so seien diese Technologien gemäss Berry am besten als pharmakon zu verstehen; sowohl Gift als auch Heilmittel. Nur wenn die Digital Humanities diesen Prozess kritisch reflektierten, könne der Aspekt des Heilmittels über denjenigen des Giftes triumphieren.

Anlässlich der Roundtable Debatte präsentierten James Baker, CLAIRE CLIVAZ (Université de Lausanne), SETH DEMBO (American Historical Association), INGRID KISSLING (Schweizerischer Nationalfonds), Eugene Lyman, NICOLAS THÉLY (Université de Rennes), PHILIP STEINKRÜGER (RIDE) und SACHA ZALA (Diplomatische Dokumente der Schweiz) ihrer Positionspapiere zum Thema der Evaluation von Wissenschaft in Software. Die Ideen, wie dieser Aspekt evaluiert werden könnte, waren vielseitig und kreativ: eine Veränderung in der Betrachtungsweise von Wissenschaft hin zu einem andauernden Prozess ohne Endpunkt, der Entwicklung von Software dieselbe Wichtigkeit beimessen wie anderen wissenschaftlichen Tätigkeiten, ein veränderter Evaluationsprozess, der auf Offenheit (Open Data, Open Access und Open Source) und Reproduzierbarkeit basiert, und viele weitere.

Auch wenn weder der Workshop noch die Roundtable Debatte abschließende Antworten zu den aufgeworfenen Fragen und Themen hervor brachte, waren die Diskussionen doch mehr als fruchtbar. Die Vielzahl und Diversität der anwesenden Forscher und Expertinnen stellten sowohl eine hohe Qualität an gestellten und diskutierten Fragen als auch eine exzellente Verknüpfung dieser Fragen zum Alltag in Forschung, Peer Review und Verlagswesen sicher. Auch wenn gewisse Diskussionen und Ideen ein wenig abwegig waren, so waren es doch genau diese Vielfalt und Diversität der Ideen, die das Fundament für die Herangehensweise an eine der grösseren Herausforderungen der Digitalisierung geisteswissenschaftlicher Forschung legten. Die Tagung machte klar, dass das „Digital“ in Digital Humanities sich nicht nur auf das Durchführen wissenschaftlicher Tätigkeiten bezieht, sondern auch auf die Entwicklung von Fragestellungen und die Rezeption der Resultate. Wenn Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler nicht lediglich die von Informatikerinnen und Informatikern bereit gestellten Methoden nutzen, und nicht bereitwillig die Beschränkungen und Einschränkungen von Seiten der Gutachterinnen und Gutachter akzeptieren wollen, so sind sie dazu aufgefordert, Computersprachen genauso selbstverständlich zu lernen wie Alte Sprachen oder Fremdsprachen. Schliesslich liegt es an den Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern selbst, den Review-Prozess so zu redefinieren, dass er vermehrt auch auf digital durchgeführte geisteswissenschaftliche Forschung anwendbar ist.

Konferenzübersicht:

Opening remarks
WILLARD MCCARTY (King’s College London): A matter of prepositions: Software in scholarship and scholarship in software?

Panel 1. Assessment and process

EUGENE LYMAN (Independent Scholar): Scholarly Software and the Enhancement of Critical Scrutiny

ARIS XANTHOS (Université de Lausanne): By scholars, for scholars: a case study on quality assessment of scientific software

OLEKSANDR MAKARENKO (National Technical University of Ukraine): Mathematical Modeling in Scholarship and their Representation in Software

Panel 2. Confrontation and collaboration

JAMES BAKER (British Library): Removing Black Boxes: Exposing Scholarship to Researchers

PIETER FRANCOIS (University of Oxford): Connecting Modes of Scholarship through the Library: The genesis of the Sample Generator for Digitized Texts

JONAS SCHNEIDER (Universität Zürich): Geovisualizing History

Panel 3. Creation

MANFRED THALLER (Universität zu Köln): Engineering, Science, Art, Scholarship: On implicit assumptions in the software for semantic image databases

NIKOLAS CHURIK & BRIAN CLARK (College of the Holy Cross): Composing living scholarship: applying automated acceptance test to scholarly writing

JORIS VAN ZUNDERT (Huygens ING) / GREGOR MIDDELL (Zeuthen / Oxford): Code and Authorship in the Humanities

Closing keynote

DAVID BERRY (University of Sussex): Softwarization, Archives, and the Digital Humanities


Redaktion
Veröffentlicht am
21.07.2015
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