Die Themen Sterben, Tod und Trauer rücken immer mehr in den Fokus der fächerübergreifenden Forschung. Inzwischen interessieren sich Disziplinen wie die Soziologie, Psychologie sowie Geschichte, Volkskunde und Medienwissenschaften für den Wandel der Trauer- und Bestattungskultur. Ziel der transmortale ist es, aus unterschiedlichen Disziplinen und Ansätzen neue Forschungsperspektiven vorzustellen und in einer größeren Fachrunde zu diskutieren – so können aktuelle Fragen und Ergebnisse interdisziplinär diskutiert und inhaltliche Gemeinsamkeiten transdisziplinär zusammengeführt werden. Die “Transmortale“-Tagung findet jährlich statt und bietet über den Workshop hinaus eine Plattform für das Forschungsfeld Sterben, Tod und Trauer.
Nach Begrüßung und Einführung begann die Archäologin und Ethnologin SUSANNE DINKL (Würzburg) mit ihrem Vortrag: „Die Angst vor den Untoten – ein überzeitliches Phänomen?“ Lebende Leichname, Wiedergänger und Zombies haben derzeit Hochkonjunktur. Ob im Horror- oder Fantasymilieu, Computerspielbereich oder als Live-Events - ihre Präsenz ist unübersehbar und ihre Gestaltung vielfältig. Woher diese Wesen kommen, die mittlerweile transnational vernetzt und mitten in der postmodernen Gesellschaft angekommen sind, wurde bisher nur unzureichend geklärt. Diese Definition wurde vermutlich erstmals 1909 von dem Rechtshistoriker Hans Schreuer festgelegt und seitdem als Sammelbezeichnung für vermeintlich wiederkehrende Tote verwendet. Im Rahmen Ihres Dissertationsprojektes spürt Dinkl dem Phänomen der „Lebenden Leichen“ interdisziplinär durch einen diskursiven Zugang (nach Foucault) seit der Christianisierung bis in die heutige Zeit nach. Neue Zugangsdaten aus dem Bereich der Archäologie liefern aufschlussreiche Befunde, die die bisherigen Quellen in einem anderen Licht erscheinen lassen und somit bedeutende Erkenntnisse zum Phänomen des Wiedergängerglaubens und der Angst vor umgehenden Toten liefern.
Der zweite Vortrag schloss mit dem Soziologen DOMINIK FEITH (Frankfurt am Main) an: „Familialisierung unter extremen Bedingungen: Fallstudien zum Tod am Lebensbeginn“. Der medizinisch-technische Fortschritt der vergangenen Jahre hat zu einem deutlichen Rückgang der Kindersterblichkeit in Deutschland geführt. Inzwischen gelingt es der Neonatologie unter dem Einsatz umfassender intensivmedizinischer Betreuung selbst extrem unreif geborenen Kindern den Weg ins Leben zu ermöglichen. Dennoch führt gerade der Bereich der Frühgeburtenintensivmedizin die Untrennbarkeit von Leben und Tod plastisch vor Augen; nirgendwo sonst fallen die Grenzen der menschlichen Existenz so unmittelbar ineinander wie beim Tod am Lebensbeginn. Feith wies darauf hin, dass zwar umfangreiche Forschungsarbeiten zur weiteren biographischen Entwicklung lebensfähiger Frühgeburten existieren, die Frage nach einem angemessenen Umgang mit totgeborenen oder in den ersten Lebenswochen versterbenden Kindern und ihren Angehörigen (Eltern) ein Desiderat darstellt. Dies erstaunt in Anbetracht der Tatsache, das Neugeborene hierzulande die größte Gruppe an jährlichen Todesfällen im Kindes- und Jugendalter darstellen. In der Praxis wird bereits seit einigen Jahren sowohl von früh verwaisten Eltern das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung ihrer Kinder (und ihrer Trauer) als auch von den involvierten Professionen die Notwendigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Umgang mit diesen Familien artikuliert. Das von Feith geplante Promotionsprojekt setzt sich vor diesem Hintergrund aus einer familiensoziologischen Perspektive mit dem Tod am Lebensbeginn in der Neonatologie auseinander und versucht in Fallstudien zu rekonstruieren, wie betroffene Kinder unter den Bedingungen einer existenziellen Krisensituation familialisiert werden. Im Zentrum steht die Frage, wie die Ankunft des Kindes, seine Aufnahme in die Familiengemeinschaft, seine Verabschiedung und schließlich seine Betrauerung und Erinnerung von der Familie selbst erlebt und gestaltet werden (können). Befunde aus der klinischen Praxis zeigen, dass eine Bewältigung der Verlusterfahrung in erster Linie davon abhängig ist, ob Eltern im Nachhinein aus ihrer Sicht in Anspruch nehmen können, selbstbestimmt für ihr Kind entschieden zu haben. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sollen dann Aufschluss darüber geben, wie in professionellen Zusammenhängen und im gesellschaftlichen Alltag mit dem Tod am Lebensbeginn angemessen umgegangen werden kann.
Vor der Mittagspause referierte der Germanist CHRISTIAN SCHÜTTE (Siegen) über „Das Bild des Todes in der Ratgeberliteratur zu den Themen Sterben und Trauern.“ Auf dem Sachbuchmarkt hält der Boom der Beratungsliteratur an. Dabei finden sich in den Bestsellerlisten auch zahlreiche Ratgeberbücher zu den Themen Tod und Trauer. In einer Zeit einer „neuen Sichtbarkeit des Todes“ (T. Macho) und dessen Enttabuisierung in vielen Lebensbereichen scheint somit gleichwohl Beratungsbedarf auf diesem Gebiet zu bestehen. Die Autoren der einschlägigen Publikationen versprechen Auskunft darüber zu geben, „wie der Tod keine Angst macht“ oder „wie Abschiednehmen gelingt“. Solche Sterbe- und Trauerratgeberbücher sind Gegenstand der sprachwissenschaftlichen Diskursanalyse von Schütte. Die Diskurslinguistik geht davon aus, dass es kein Zufall ist, wie man über bestimmte Themen spricht, sondern dass an der Kommunikation – etwa über den Tod – konkrete Vorstellungen und Einstellungen deutlich werden. Dabei liefert gerade eine Analyse der Ratgeberliteratur einen wichtigen Beitrag zu einer linguistischen Alltags-Anthropologie, gehört es doch zentral zum Welt- und Selbstbild eines Menschen, wie er sich zu seiner Sterblichkeit verhält. Ratgebertexte sind zwar massenmediale Publikationen, die jedoch gerade bei den Themen Tod und Trauer die Individualität des Sterbenden/Verstorbenen bzw. dessen Angehörigen durch verschiedene Kommunikationsstrategien betonen. Interessant sind dabei auch Fragen zum jeweiligen Autor: Warum ist er Experte, wie versucht er sich als kompetent, vertrauenswürdig etc. darzustellen? Andererseits: Welches Adressatenbild wird in den Büchern entworfen? Auf welche Weise richten sich die Ratgeber an Sterbende oder deren Angehörige und wie konstruieren sie in den Texten die Rezeptionssituation? In seinem Vortrag stellte Schütte die Grundzüge eines für 2015 geplanten Forschungsprojekts vor und zeigte an Beispielen Tendenzen im Todesdiskurs der einschlägigen Ratgeberliteratur seit der Jahrtausendwende auf.
Block II wurde mit dem Vortrag der Kunsthistorikerin ANNE SIMONE KRÜGER (Hamburg) zum Thema „Als aus dem Sensenmann ein Kasten wurde - Sitzende Särge als alternative Personifikation des Todes bei René Magritte“ fortgeführt. Seit Jahrhunderten versucht die Kunst dem Tod in Bildern Gestalt zu verleihen. Nach dem frühchristlichen Bilderverbot etablierte sich das Motiv des Skeletts mit der Sense und des Totenschädels, aber auch Symbole wie die erloschene Kerze oder verwelkte Blumen. Diese verankerten sich im kollektiven Bildgedächtnis und prägten die allgemeine Vorstellungskraft und Denkweise. Doch was geschieht, wenn diese tradierte Motivik aufgebrochen wird, wenn ein Individuum eine gänzlich neue Darstellungsweise des Themas findet? Kann diese universell verständlich sein und wie beeinflusst sie den Betrachter? so Krüger. René Magritte erprobte in seinem Gemälde „Perspective II. Le balcon de Manet“ von 1950 genau dies. Wie im Titel bereits angedeutet stellt es eine Kopie nach Edouard Manets bekanntem Bild dar. Eins zu eins hat Magritte die Szenerie übernommen - den Balkon, das markante grüne Geländer im Vordergrund und den Blick in den dunklen Innenraum. Dann jedoch kommt der irritierende und provozierende Bruch mit der Vorlage: Dort, wo sich bei Manet zwei Damen, ein Herr und ein Diener befinden, tauscht Magritte diese aus. Er ersetzt die Figuren durch Särge. Aber nicht nur das. Der vorderste dieser Särge sitzt, er nimmt die identische Haltung der vormals im Bild befindlichen Person ein. Diese Bildfindung Magrittes, der sitzende Sarg, ist einmalig in der Kunstgeschichte. Den Tod auf diese Weise darzustellen ist gänzlich neu und findet sich auch in der Folge im Werk anderer Künstler nicht wieder. Magritte bricht damit eine jahrhundertealte Darstellungstradition. Wie ist dieses Motiv zu verstehen? Was ist Magrittes Botschaft? Ist die Idee vom Sensenmann und der Wiederauferstehung in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft gänzlich überholt und Magritte plädiert hier für eine Rationalisierung? Oder geht es gar nicht darum ein Memento Mori ins Bild zu setzen? Muss das Bild eventuell sogar als ironische Parodie Magrittes auf die gesellschaftliche Tabuisierung des Schreckgespenstes Tod verstanden werden? Wie das Bildmotiv in Anbetracht von Magrittes Denkweise und seinen Anschauungen zu verstehen ist, welche Bedeutung diese Bildfindung in der Gegenüberstellung mit der traditionellen Vanitas für die christliche Ikonografie und die Perspektive auf das Thema des Todes hat, soll in weiteren Untersuchungen analysiert werden.
Die Kommunikationswissenschaftlerin MIRIAM SCHREITER (Chemnitz) sprach in ihrem Vortrag über „Tod und Sterben in digitalen Räumen: Spielend Sterben und Totsein in Casual Games“. Ihr Referat beschäftigte sich mit den Themen Tod und Sterben in Casusal Games („Gelegenheitsspielen“). Diese schnell erlernbaren und meist einfach zu bedienenden digitalen Spiele (z. B. Angry Birds, Candy Crush etc.) haben sich in den letzten Jahren zu einem Massenphänomen entwickelt. Sie werden von Menschen sämtlicher Altersgruppen auf PCs, Tablets, Smartphones und Spielekonsolen gespielt. Viele dieser Spiele thematisieren aber nicht nur Sterben und Tod aus der bekannten „You are dead-GAME OVER-Perspektive“, sondern auch in ästhetischer, historischer und kultureller Hinsicht. Schreiter verfolgte in ihrem Vortrag einen interdisziplinären Ansatz, der aus ethnografisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive auf die Ästhetik und Philosophie vom Tod in Casual Games blickt. Leitende Fragen waren u.a., inwiefern es sich beim Sterben in digitalen Spielen um den Tod „wie wir ihn kennen“ handelt oder welche interkulturellen Vorstellungen nicht-westlicher Kulturen sich über den Tod auf den digitalen Tod übertragen lassen. Während es zahlreiche Untersuchungen zu Sterben und Tod in anderen Computerspielen gibt, ist das Thema in Bezug auf die weitverbreiteten Casual Games kaum erforscht. Somit ergeben sich neue und spannende Forschungsperspektiven zum „Tod“ in digitalen Räumen. Zudem lässt sich an aktuelle Diskurse wie etwa um die digital legacy oder digitale Untersterblichkeit anknüpfen.
Den Block II schloss der Historiker OSKAR TERṦ (Wien) mit seinem Vortrag „Friedhof oder Denkmal? Die Michaelergruft von Wien“ ab. St. Michael ist diejenige Wiener Hofpfarrkirche, die der Hofburg geographisch am nächsten liegt. Somit wurde lange Zeit in der Wissenschaft angenommen, dass die Grüfte unter der Kirche vor allem den Hofbediensteten als Bestattungs- und Ort der Repräsentation dienten. Ab 1341 sind Bestattungen in St. Michael nachweisbar, sowohl in der Kirche selbst, wie auch am heute nicht mehr existenten Friedhof, der die Kirche umgab. 1560 wird mit der Bestattung Wilhelms Freiherr von Herberstein die erste Familiengruft unter St. Michael erwähnt; in den nachfolgenden Jahrzehnten entstanden immer mehr Familien –und auch Gemeinschaftsgrüfte, von denen die letzte, die „Maria Candia“-Gruft, das erste Mal erst 1724 in den Totenprotokollen erwähnt wird. Bis zum josephinischen Dekret der Gruftschließungen innerhalb der Stadtmauern Wiens im Jahre 1783 sollen statistisch errechnete 4.000 Menschen in den Grüften von St. Michael bestattet worden sein. Heute sind nur mehr 220 Holz- und 33 Metallsärge mehr oder weniger vorhanden. Die heutigen täglichen Exkursionen in die Gruft, die Anforderungen der Instandhaltung der Särge, Gemäuer und Mumien und die Forschungsergebnisse, dass die Gruft die Wiener Bestattungstraditionen im Laufe der Jahrhunderte herausragend widerspiegelt, ergeben die Fragestellung, inwieweit ein einstmals den Toten vorbehaltener Raum auch als Denkmal für die heutige Zeit dienen kann bzw. muss. Hierbei sind ethische Überlegungen (“Pietät“) gleichsam erforderlich. Besonders die Ausstellung und Präsentation von Mumien und die Öffnung noch verschlossener Grüfte, wie auch Präsentation wurden von Terṧ thematisiert. Durch den internationalen Vergleich mit den Grüften von Klatovy (CZ), Brno (CZ) und Palermo (I) soll in weiteren Analysen der Versuch einer zukünftigen Präsentation der Michaelergruft für die Öffentlichkeit zwischen Friedhof und Museum gezeigt werden.
Die Historikerin ANNE GNAUSCH (Berlin) sprach zu Beginn des letzten Tagungsabschnitts über „Hilfe für Lebensmüde Das Berliner Modell der Suizidentenfürsorge zu Beginn des 20. Jahrhunderts“. Selbsttötungen sind eine anthropologische Konstante, sie kommen in allen Epochen und Kulturen vor. Der Suizid ist der intimste und unzulänglichste menschliche Akt, aber zugleich auch ein von sozialen Strukturen und kulturellen Interpretationen geprägtes gesellschaftliches Phänomen, das in seiner vielschichtigen Bedingtheit nur durch interdisziplinäre Forschung zu erschließen ist. Im Kaiserreich und der Weimarer Republik erreichte die öffentliche Aufmerksamkeit für das Phänomen des Suizids einen Höhepunkt. Dieser wurde als gesamtgesellschaftliches Problem wahrgenommen und diskutiert. Zwei Argumentationslinien kennzeichneten den Diskurs: Soziologen, Philosophen und Kirchenvertreter sahen in der steigenden Zahl der Selbsttötungsfälle einen Ausdruck für „die kollektive Krankheit“ der damaligen Gesellschaft. Sie begriffen die Selbsttötung nicht als psychiatrisches, sondern als soziales Phänomen, das mit dem Prozess der Urbanisierung, der Säkularisierung und der Entwicklung der modernen Gesellschaft zusammenhänge, und grenzten es so vom Wahnsinn ab. Zugleich erlebte die Pathologisierung des Suizids durch die Veröffentlichungen des Psychiaters Robert Gaupp (1870-1935) einen Aufschwung und stieß bei deutschen Psychiatern auf breite Resonanz. Gaupp argumentierte, dass die entscheidenden Determinanten des Suizids nicht in sozialen Umwelteinflüssen, sondern in der psychophysischen Konstitution der Suizidenten zu finden seien. Obwohl der „Suizid” keine Diagnose in der psychiatrischen Krankheitssystematik war und dezidiert gar als „sociale Massenerscheinung” betrachtet wurde, überwies man aufgegriffene Suizidenten in die Psychiatrie. Dieser Befund wirft die Frage nach dem praktischen Umgang mit dem Phänomen der (versuchten) Selbsttötung auf, die von der Geschichtswissenschaft bisher wenig beachtet worden ist und von Gnausch am Beispiel Berlins untersucht werden soll. Dass der Fokus auf Berlin liegt, lässt sich mit dem zeitgenössischen Suiziddiskurs, in dem betont wurde, dass Großstädte Brutstätten des Selbstmords seien sowie mit der besonderen Quellenlage begründen. Für den Zeitraum des Kaiserreiches und der Weimarer Republik sind zahlreiche Krankenakten der Psychiatrischen und Nervenklinik der Charité, Veröffentlichungen aus der Klinik sowie Unterlagen der „ständigen Kommission zur Bearbeitung der Selbstmordfrage”, der auch das Berliner „Antiselbstmordbureau” unterstand, überliefert. In diesem Zusammenhang soll auch die Bedeutung des Berliner „Selbstmörderfriedhofs” rekonstruiert werden, um so einen Einblick in die gesamtgesellschaftliche Verarbeitung des Phänomens Suizid zu erhalten.
Block III wurde vom Kunstwissenschaftler MARCO HOMPES (Karlsruhe) mit dem Thema „Das schweigende Bild. Probleme eines visuellen Narrativs am Beispiel des Suizids“ abgeschlossen. Interdisziplinär betrachtet fällt auf, dass der Selbstmord als Thema in den bildenden Künsten nur selten zu finden ist, während er in der Literatur, sowohl in der belletristischen als auch in der wissenschaftlichen, sowie im Film ein durchaus gängiges Motiv ist. Dies begründet sich unter anderem damit, dass ein Suizid immer einen Sonderfall darstellt. Zum einen setzt er eine aktive Handlung voraus, die ihn vom „natürlichen" Tod bzw. dem „natürlichen" Sterben unterschiedet. Anders als bei Arbeiten zum Tod im Allgemeinen existieren für den Suizid keine allgemein verständlichen Symbole und Metaphern, weshalb in der Malerei häufig bereits bekannte Beispiele (z.B. Lucretia oder Ophelia) als Motiv gewählt werden. Eine aktuelle Form von Suiziddarstellung findet sich hingegen in Internetforen. Bei diesen Beispielen sind keine klaren Erzählstrukturen mehr auszumachen. In Musikvideos, Medien der Anorexie- oder anderen Jugendbewegung finden sich derartige Beispiele. Hier ist eine Rückkehr des „romantischen Suizids“ zu sehen, der jedoch meist auf einer rein gedanklichen Ebene bleibt. Es geht dabei viel weniger um die tatsächliche Projektion des eigenen Todes, als vielmehr um die Implikation von Schmerzen physischer wie psychischer Art. Durch die Analyse dieser ungewohnten Bildform im Vergleich zu Beispielen der "Hochkultur" kann ein neuer Blick auf das Verständnis und die Umgangsweisen mit diesem schwierigen Thema geworfen werden.
In der Abschlussdiskussion wurde das „Reden über den Tod“ im gesellschaftlichen Kontext betont. Mittlerweile ist es selbstverständlich(er) geworden, auch interdisziplinär über das Sterben und den Tod zu sprechen. REINER SÖRRIES (Kassel) plädierte für eine neue “Intimität“ im Umgang mit dem Tod, da seiner Meinung nach nur noch „öffentlich“ über den Tod gesprochen werden kann. Die „Bilderflut“ der Medien tut dabei sein Übriges. NORBERT FISCHER (Hamburg) wies auf den spürbaren Wandel der Bestattungskultur hin, der sich auch durch immer mehr privates Interesse bemerkbar mache. Die neue Räume und Möglichkeiten des Diskurses sind jedoch dann eher professionell geprägt. Zudem mache sich die Trauer im öffentlichen Raum immer bemerkbarer: Straßenkreuze, spontane und private Gedenkplätze sind sichtbare Zeichen dafür. Dazu wurde auf das Thema der „Compassionate City“ (A. Heller) hingewiesen, welches am 26. Februar 2015 beim Wissenschaftlichen Nachtcafé im Sepulkralmuseum diskutiert wurde: Gegenwärtige Tendenzen einer erstarkende Bürgerbewegung - als Gegenpol einer umgreifenden Professionalisierung auch im Kontext von Sterben und Tod.
Die große Resonanz der Transmortale IV hat auch in diesem Jahr wieder gezeigt, wie wichtig ein Ort des interdisziplinären fachlichen Austausches zum Thema „Tod“ ist. Die Veränderung der Bestattungskultur enthält vielfältige Facetten, die es auch zukünftig aufmerksam zu beobachten und kritisch, wissenschaftlich, zu begleiten gilt.
Konferenzübersicht:
Begrüßung und Einführung
Block I
Susanne Dinkl: Die Angst vor den Untoten – ein überzeitliches Phänomen?
Dominik Feith: Familialisierung unter extremen Bedingungen: Fallstudien zum Tod am Lebensbeginn.
Christian Schütte: Das Bild des Todes in der Ratgeberliteratur zu den Themen Sterben und Trauern.
Block II
Anne Simone Krüger: Als aus dem Sensenmann ein Kasten wurde - Sitzende Särge als alternative Personifikation des Todes bei René Magritte
Miriam Schreiter: Tod und Sterben in digitalen Räumen: Spielend Sterben und Totsein in Casual Games.
Oskar Terṡ: Friedhof oder Denkmal? Die Michaelergruft von Wien.
Block III
Anne Gnausch: Hilfe für Lebensmüde Das Berliner Modell der Suizidentenfürsorge zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Marco Hompes: Das schweigende Bild. Probleme eines visuellen Narrativs am Beispiel des Suizids.
Abschlussdiskussion