Urban Dynamics and Transcultural Communication in Medieval Sicily

Urban Dynamics and Transcultural Communication in Medieval Sicily

Organisatoren
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Ort
Heidelberg
Land
Deutschland
Vom - Bis
26.11.2015 - 27.11.2015
Von
Tiana Weidemaier, Historisches Seminar, Universität Heidelberg

Die internationale Konferenz „Urban Dynamics and Transcultural Communication in Medieval Sicily“, organisiert vom Cluster of Excellence „Asia and Europe in a Global Context“ und den Transcultural Studies der Universität Heidelberg, tagte am 26. und 27. November in der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Im Mittelpunkt der Tagung standen transkulturelle Austauschprozesse in den Bereichen Sprache, Kunst, Verwaltung und Wirtschaft im mittelalterlichen Sizilien. Nach der Begrüßung durch JENNY OESTERLE (Transcultural Studies) und DIAMANTIS PANAGIOTOPOULOS (Cluster of Excellence) folgten weitere Grußworte sowie eine thematische Einführung durch die beiden Organisatorinnen THERESA JÄCKH (Transcultural Studies) und MONA KIRSCH (Cluster of Excellence). Die größte Insel des Mittelmeeres kennzeichne aufgrund ihrer geographischen Schlüsselposition und der wechselnden politischen Herrschaft eine einzigartige soziokulturelle Struktur. Städte als Zentren von Handel und Verwaltung fungierten als transkulturelle Kontaktzonen. Darüber hinaus bilden sie ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Forschungsschwerpunkten der beiden Projektgruppen der Universität Heidelberg.

VERA VON FALKENHAUSEN (Rom) eröffnete die erste Sektion über urbane Zentren und deren transkulturelle Stadtgesellschaften unter Leitung von Nikolas Jaspert (Heidelberg) mit einem Beitrag zu den griechischen Gemeinden in Messina und Palermo im späten 12. und 13. Jahrhundert. Das während der muslimischen Periode als Grenzstadt greifbare Messina habe sich unter normannischer Herrschaft zum Dreh- und Angelpunkt zwischen Sizilien und Kalabrien entwickelt. Der von den Normannen geförderten Ansiedlung von Griechen aus Kalabrien und Sizilien in Messina stand dabei eine relativ geringe Einwohnerzahl arabisch-islamischer Stadtbewohner gegenüber. Im muslimisch geprägten Palermo hingegen stellte die griechische Gemeinde eine Minderheit dar, wobei die Obrigkeit den Erhalt griechischer Kultur unterstützt habe und ein Teil der zentralen Verwaltung griechisch geblieben sei.

An den Vortrag anknüpfend präsentierte JULIA BECKER (Heidelberg) das städtische Leben in Messina von den Normannen über die Anjou bis hin zu den Aragonesen. Die Stadt Messina werde in zeitgenössischen Quellen als clavis totius Siciliae und megalopolis beschrieben. Basierend auf der Definition von Bürgerrecht nach Thomas H. Marshall führte sie aus, inwiefern das Zusammenleben der verschiedenen ethnischen Gruppen in den Gesetzen der Stadt reguliert wurde. Julia Becker kam dabei zu dem Schluss, dass Messina von den verschiedenen ansässigen Gruppen und dem dadurch bedingten blühenden Handel profitiert und insgesamt bessere Lebensbedingungen für Minderheiten als Palermo geboten habe.

Der Beitrag von KRISTJAN TOOMASPOEG (Lecce) nahm das Stadtgebiet und die Bevölkerung Palermos im Spätmittelalter in den Blick. Ausgehend von 40.000 bis 50.000 Einwohnern in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts fand ein starker Rückgang auf etwa 20.000 Einwohner im 15. Jahrhundert statt. Die Stadt spiegle vom 14. bis zum 15. Jahrhundert ein paradoxes Bild wider, da sie einerseits vom starken Bevölkerungsrückgang und andererseits von zahlreichen Projekten für die Umgestaltung des Stadtbildes geprägt war. Er bewertete das Zusammenleben der verschiedenen Gemeinden zwar als kulturbewahrend, nicht aber als strikt voneinander abgeschlossen.

Die zweite Sektion, moderiert von Jenny Oesterle (Heidelberg), konzentrierte sich auf das Hinterland und seine Kommunikationsstrukturen. ALEX METCALFE (Lancaster) zeigte auf, inwiefern die normannische Herrschaft mit der Organisation des dīwān Licht in eine dunkle, quellenarme Zeit bringt. Er zeichnete anhand von Wassersystemen im westlichen Sizilien, die in sieben Quellen über zwei Provinzen hinaus erwähnt wurden, das Bild eines ländlichen Gebiets, dessen Ressourcen nicht zentral von der Hauptstadt Palermo, sondern von muslimischen Familien des Hinterlandes verwaltet wurden. Für seine Argumentationsgrundlage bediente sich Metcalfe unter anderem der arabischen Toponomastik von Städten, Brücken und Brunnen, die auf diese Clans zurückzuführen seien.

Über muslimische Städte Westsiziliens unter der Herrschaft der Staufer sprach RICHARD ENGL (Mainz), der betonte, dass die Muslime in dieser Phase besonders von sozialem und politischem Wandel geprägt gewesen seien. Mit der forcierten Umsiedlung in das westliche Hochplateau habe sich eine intensivierte Kommunikation zwischen verschiedenen muslimischen Gemeinden herausgebildet. Außerdem unterhielten die sizilianischen Muslime Beziehungen zu hochrangigen Persönlichkeiten, wie beispielsweise ein Briefwechsel mit Papst Innozenz III. belege, wodurch sie Autonomie und Macht beanspruchten.

FABRIZIO TITONE (Bilbao) erörterte die bischöfliche Autorität Catanias gegenüber den Gemeinden der Diözese anhand von Migrationsströmen und der Entwicklung von Frömmigkeitsformen. Die religiösen Autoritäten seien bestrebt gewesen, heterodoxe Praktiken zu kontrollieren und ihnen entgegenzuwirken. Am Beispiel der Gedenkpraxis der heiligen Agatha von Catania analysierte Titone die Beziehung zwischen städtischer Regierung und Handwerkern, wobei letztere mithilfe betonter Religiosität unter anderem nach politischer Anerkennung strebten.

Die von Daniel König moderierte dritte Sektion thematisierte den sizilianischen Handel, die Handelsgüter und ihren Transfer im Mittelmeerraum. HADRIEN PENET (Montreuil-sous-Bois) vermittelte einen konzisen Einblick in die kaufmännischen Gemeinschaften in Messina, das im Mittelalter ein Knotenpunkt von neunzehn Handelsrouten bildete. Die zahlreichen internationalen Kaufleute seien hauptsächlich zwischen Hafen und Altstadt ansässig gewesen. Der Export von Wein, Holz, Eisen und Zucker habe Messina einen florierenden Handel beschert, der durch Handelsprivilegien zusätzlich gestützt wurde.

Am Beispiel des Fleischmarktes beschrieb MARK ALOISO (Malta) die Interaktion zwischen christlichen und jüdischen Händlern und exemplifizierte in diesem Kontext die städtische Finanzpraxis sowie die Bedeutung religiöser Polemik im wirtschaftlichen Sektor. Die städtische Autorität habe den Verzehr von Fleisch, das von Juden verarbeitet wurde, verboten und somit die religionsrechtliche Praxis der jüdischen Minderheit für die eigenen wirtschaftlichen und politischen Zwecke missbraucht. Den Juden seien neben Lizenzen und Steuern für ihre Schlachthäuser weitere strenge Einschränkungen auferlegt worden, die ihnen beispielsweise den Kontakt mit Lebensmitteln auf dem Markt untersagten.

Das Ende des ersten Tages leitete der Vortrag von MOHAMED OUERFELLI (Marseille) ein, der sich mit dem sizilischen Überseehandel von Zucker im westlichen Mittelmeerraum befasste. Der Anbau des teuren Produkts sei gegen Ende des 14. Jahrhunderts im Osten Siziliens stark ausgeweitet worden. Neben dem Handel innerhalb Italiens sowie mit Spanien und Flandern seien durch verbesserte Techniken vermehrt internationale Märkte wie etwa Alexandria erschlossen worden.

Johannes Heil eröffnete den zweiten Tag als Moderator der vierten Sektion, die sich mit transkulturellen Bildern und Motiven sowie deren Wahrnehmung befasste. Die durch das Zusammenspiel von griechischen, arabischen und lateinischen Einflüssen geprägte Kunst und Architektur der Normannen beleuchtete THOMAS DITTELBACH (Bern) unter anderem anhand der Cappella Palatina Palermos. Der leere Thron in der Cappella Palatina sei laut Dittelbach nicht als Symbol christlicher Überlegenheit, sondern lediglich als eine Abstraktion des Herrschers zu deuten. Die Abbildung der dreisprachigen Kanzlei stehe für die enge Zusammenarbeit zwischen den Minderheiten am normannischen Hof.

Folgend stellte GIUSEPPE MANDALÀ (Madrid) seine Überlegungen zur Verbreitung von Wissen und Kultur im islamischen Sizilien dar. Er ging dabei auf verschiedene Arten und Materialien von Schriftstücken ein, die als transkulturelle Phänomene greifbar seien. Dabei eröffnete er neue Perspektiven unter Berücksichtigung bisher kaum wahrgenommener arabischer Quellen. Gegenstand seiner Untersuchungen waren hauptsächlich Handschriften, wie etwa ein ärztliches Rezept aus dem Jahr 1297, das in arabischer Sprache, aber in griechischen Buchstaben abgefasst wurde.

Die Tagung wurde durch ein kurzes Resümee der Organisatorinnen THERESA JÄCKH und MONA KIRSCH beschlossen. Sie fassten kurz die Ergebnisse der internationalen Tagung zusammen, die in einem weiten Rahmen – von den städtischen Zentren bis zum Hinterland – vielfältige transkulturelle Kommunikationsprozesse sowie auch immer wieder Konflikte zwischen religiösen und ethnischen Gruppen erschloss.

Konferenzübersicht:

Jenny Oesterle (Heidelberg) / Diamantis Panagiotopoulos (Heidelberg) /
Theresa Jäckh (Heidelberg) / Mona Kirsch (Heidelberg): Begrüßung und Einführung

1. Sektion: Urban Centres and Transcultural Societies
Moderation: Nikolas Jaspert (Heidelberg)

Vera von Falkenhausen (Rom), Die Griechen in Messina und Palermo (12.–13. Jahrhundert)

Julia Becker (Heidelberg), Ut omnes habitatores Messane tam latini quam greci et hebrey habeant predictam libertatem. Vita cittadina e cittadinanza a Messina tra Normanni, Angioni e Aragonesi

Kristjan Toomaspoeg (Lecce), Palermo in the Late Middle Ages: Territory and Population (13th–15th Centuries)

2. Sektion: A Dynamic Landscape? The Hinterland and its Patterns of Communication
Moderation: Jenny Oesterle

Alex Metcalfe (Lancaster), Dynamic Landscapes: the View from Monreale

Richard Engl (Mainz), A Society on the Move: Muslim Cities in Hohenstaufen Sicily as Places of Migration and Communication

Fabrizio Titone (Bilbao): Catania e le comunità della diocesi. Autorità vescovile e laici nel tardo Medioevo

3. Sektion: Nodes of Communication: Merchants, Commodities, and Mediterranean Transfer
Moderation: Daniel König

Hadrien Penet (Montreuil-sous-Bois), Merchant Communities of Late Medieval Messina (1250–1500)

Mark Aloisio (Malta)‚ ‘The Meat Rejected by Them’: Regulation, Manipulation and Anti-Jewish Rhetoric in the Meat Markets of Medieval Sicily

Mohamed Ouerfelli (Marseille), The Sicilian Overseas Sugar Trade in the Western Mediterranean in the Middle Ages

4. Sektion: Transcultural Images and Motifs. Discourses and Perception
Moderation: Johannes Heil

Thomas Dittelbach (Bern), Transforming Messages: Counter Narratives in Norman Art and Architecture

Giuseppe Mandalà (Madrid), Città e saperi: qualche riflessione sulla diffusione della cultura araba nella Sicilia medievale

Abschließende Diskussionsrunde und Schlussworte


Redaktion
Veröffentlicht am
15.04.2016
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
Sprache des Berichts