Vergessen, Erinnern und Feiern. 25 Jahre Arbeitskreis Historischer Frauen- und Geschlechterforschung

Vergessen, Erinnern und Feiern. 25 Jahre Arbeitskreis Historischer Frauen- und Geschlechterforschung

Organisatoren
Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung e.V., Region Mitte; Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), TU Berlin
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
27.11.2015 - 28.11.2015
Von
Jessica Bock, Leipzig; Antje Reppe, Dresden

Anlässlich seines 25 jährigen Bestehens veranstaltete der Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung (AKHFG) vom 27.-28. November 2015 in Berlin eine Nachwuchstagung mit dem Titel „Vergessen, Erinnern und Feiern“. In insgesamt vier Sektionen präsentierten Wissenschaftler_innen aus Deutschland und Österreich ihre abgeschlossenen und laufenden Forschungsarbeiten.

Die erste Sektion eröffnete ANTJE REPPE (Dresden) mit ihrem Vortrag über Heimatfeste um 1900. Am Beispiel des Schneeberger Heimatfestes im Jahr 1913 zeigte sie, wie regionale Identitäten und Eigenheiten, aber auch die Nation im Kleinen imaginiert und inszeniert wurden. Sowohl in der Planung als auch in der Inszenierung trug das Heimatfest eine klar männliche Handschrift. In der Planung und Durchführung waren hauptsächlich Männer des bürgerlichen konservativen Milieus zu finden, wohingegen die Beteiligung der Arbeiterschaft und der Frauen als „blinde Flecken“ noch zu verorten wären. Während Männer als Produzenten von Geschichts- und Erinnerungsbildern agierten, blieb den Frauen die Rolle der passiven Kulturkonsumentin.

Eine geografische Ausdehnung erfuhr das Tagungsthema mit dem Vortrag von REINER FENSKE (Dresden) über „Imperiale Erinnerungen. Die Frauenbünde des Deutschen Ostmarkenvereins sowie der Deutschen Kolonialgesellschaft“. Am Beispiel der Memoiren von Käthe Schirmacher und Hedwig Heyl gab Fenske einen Überblick über deren politisches Wirken und ging dabei insbesondere auf ihre völkisch-nationalistischen Ansichten ein. Zudem diskutierte er die These, dass beide Frauen die imperialen bzw. völkischen Verbände nutzten, um ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten auszuweiten.

Über das Vergessen, Wiederentdecken und Verkennen von Frauen berichtete MARCEL BOIS (Hamburg) in seinem Vortrag am Beispiel der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Diese – vor allem als Erfinderin der „Frankfurter Küche“ in Erinnerung geblieben – wehrte sich gegen diese Reduzierung bereits zu Lebzeiten: „Ich bin keine Küche.“ In der Tat beschränkte sich ihr Wirken nicht nur auf den Bereich der Architektur. Marcel Bois rückte ihr politisches Engagement in den Mittelpunkt: Als überzeugte Kommunistin war Schütte-Lihotzky nicht nur Anhängerin einer sozialen Architektur. Sie unterstützte auch während des Zweiten Weltkrieges aktiv den antifaschistischen Widerstand in Österreich und war die erste Präsidentin des österreichischen Bundes deutscher Frauenvereine.

Die Relation zwischen den Faktoren Erinnern, Vergessen und Geschlecht thematisierte SILKE FEHLEMANN (Düsseldorf) in ihrem Vortrag über die Erinnerung an die Hinterbliebenen des Ersten Weltkriegs in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Anhand literarischer, publizistischer und ikonographischer Quellen ging sie der Frage nach, wie insbesondere weibliche Hinterbliebene bzw. Soldatenmütter Eingang in das kollektive Gedächtnis gefunden haben und an welche vorhandenen Narrative dabei angeknüpft werden konnte. Dabei zeigte sie unter anderem auf, dass die Sichtbarkeit der Trauernden vom jeweiligen politischen Milieu abhing. Während im sozialdemokratischen Milieu eher beide Elternteile im Trauerbild einbezogen wurden, dominierte bei den völkisch-Konservativen eine starke Sakralisierung der weiblichen Trauerenden.

Eine Arbeit gegen das Vergessen stellt das transnational angelegte Forschungsprojekt „Scheinehen in der NS-Zeit“ von IRENE MESSINGER (Wien) dar. Am Beispiel Englands beschrieb die Referentin die Scheinehe als eine spezifische Flucht- und Überlebensstrategie von Frauen. An ausgewählten biographischen Fallbeispielen porträtiert sie die Frauen als Akteurinnen ihrer Flucht, die ihre politischen und sozialen Netzwerke nutzten, um eine Scheinehe einzugehen.

Ein weiteres „Randthema“ innerhalb der NS-Forschung ist die sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Konzentrationslagern. In ihrem Vortrag „Negiertes Leid“ berichtete VERENA SCHNEIDER (Berlin) über die Sex-Zwangsarbeit von Frauen in Konzentrationslagern. Nach einem kurzen Überblick über die Funktion und Entwicklung der Lagerbordelle widmete sie sich der Tabuisierung des Themas nach Kriegsende und der fortgesetzten Stigmatisierung der betroffenen Frauen. Nach Einschätzung der Referentin trug nicht nur die Präsentation von „idealen Opfergemeinschaften“ zum Verstummen der in den Bordellen eingesetzten Frauen bei. Auch patriarchal-sexistische Vorstellungen über Prostitution bzw. Prosituierte forcierten das Negieren des Leids von Sex-Zwangsarbeiterinnen in KZ-Bordellen bis in die Gegenwart hinein.

Mit ihrem Vortrag „Zwischen Vergessen und Erinnern. Psychisch auffällige Frauen in der Frauenanstalt Merxhausen zur Zeit des Nationalsozialismus“ beendete VIKTORIA V. RÜDEN (Kassel) die zweite Sektion der Tagung. Am Beispiel der Komponistin und Sängerin Luise Greger referierte v. Rüden über die Heilanstalt in Merxhausen im Rahmen der Aktion „T4“. Luise Greger war nur eine von über 500 Frauen, die von Merxhausen aus in andere „Euthanasie-Anstalten“ gebracht und ermordet wurden. Mit dem Projekt „Lebensbilder - Leidensbilder - Frauenbilder“ soll nun ihre Geschichte sichtbar gemacht und an ihr Schicksal erinnert werden.

MARION ROEWEKAMP (Berlin) befasst sich in ihrem Habilitationsprojekt „Exile, Memory, and (Trans)National Identity. Spanish Republicans in Mexico“ mit der Erinnerungskultur der Exilanten des Spanischen Bürgerkriegs. Im Rahmen der Tagung stellte sie vier Exilantinnen der Zweiten Spanischen Republik vor und beleuchtete die ihnen zugekommene kollektive Erinnerung und Würdigung. Roewekamp betonte den zugeschriebenen Erinnerungswert, demnach mehr der Einsatz für die Republik, weniger das Engagement für die demokratischen Frauenrechte eines Erinnerns wert schien.

KATINKA MEYER (Berlin) beleuchtete in ihrem Vortrag die individuelle und kollektive Erinnerung an die Zwangsmigration unter geschlechterspezifischen Aspekten. Ausgehend von der These, dass sich das Kollektivgedächtnis bezüglich der Zwangsmigration auf die westdeutsche Geschichte bezieht, verdeutlichte Meyer, dass in der DDR durch disziplinierende Gespräche, Beeinflussung durch das soziale Umfeld und einem „familialen Schweigegebot“ die Problematik aus dem öffentlich Diskurs verdrängt wurde.

Auch ANN-KRISTIN KOLWES (Köln) widmete sich einer, in der gesellschaftlichen Erinnerung weitestgehend unbeachteten Gruppe. Sie stellte die Frage, warum den Frauen und Kindern deutscher Kriegsgefangener (1941–1956), im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen selbst, kein öffentliches Bild gegeben wurde. In der Heterogenität der Erfahrungen der betroffenen Frauen und der Problematik der Erinnerungskompetenz innerhalb der betroffenen Familien vermutet Kolwes mögliche Ursachen. Des Weiteren äußerte sie die These, dass an die Erfahrungen der Frauen auch deshalb nicht erinnert wurde, weil sich weibliche Stärke nicht in die vorherrschenden Geschlechterbilder der Nachkriegsgesellschaft eingefügt habe.

Die vierte Sektion der Tagung eröffnete LISA STAEDTLER (Bremen) mit einem Vortrag über das „Lila Band“, einem in sechs Ausgaben von 1987 bis 1989 erschienen Samisdat der evangelischen Kirche in der DDR. Sie veranschaulichte zum einen den aufgrund geschlechterspezifischer Hierarchien eingeschränkten Kommunikationsraum der evangelischen Kirche, verwies aber zum anderen auf die Wirksamkeit der internen Publikationen, indem sie das Lila Band als ein Netzwerkmedium der unabhängigen Frauenbewegung in der DDR klassifizierte.

JESSICA BOCK (Leipzig) veranschaulichte in ihrem Beitrag die Erinnerung an die Friedliche Revolution in Leipzig. Die geschlechterkritische Analyse der Erinnerungsakteure, der Gedenkpraxis, der Erinnerungsnarrative und der eingesetzten Motivik führte sie zu der These, dass in Leipzig zu Gunsten einer kohärenten Gemeinschaftsidentität widersprüchliche Erinnerungen unterdrückt bzw. durch den Rekurs auf tradierte Geschlechterbilder „gezähmt“ werden.

Zum Abschluss der Tagung stellte SVENJA SCHAEFER (Frankfurt am Main) das Zeitzeugenprojekt der Goethe-Universität Frankfurt vor. Auf der Basis des forschenden Lernens konzipierten Studierende und Lehrende gemeinschaftlich ein Projekt, um ehemalige Studierende zu Leben und Alltag ihrer Studienzeit zu befragen. Das Aufzeigen von Individualität und nicht von „großen Stimmungen“ gehört zur Intention des Projektes und steht daher nicht im Widerspruch mit der Subjektivität der Quellenbasis. Bisher wurden etwa 20 Interviews nach einem einheitlichen Fragenkatalog durchgeführt, die Weiterführung des Projektes ist angestrebt.

Die an angeregten Diskussionen reiche Tagung verdeutlichte das weite Spektrum und die Relevanz geschlechterspezifischer Perspektiven auf die Thematik „Vergessen, Erinnern, Feiern“.

Konferenzübersicht:

Gisela Mettele (Jena) / Kerstin Wolff (Kassel): Begrüßung und Einführung

Sektion 1
Moderation: Sylvia Paletschek (Freiburg)

Antje Reppe (Dresden) Heimatfeste um 1900. Feste des männlichen Bildungsbürgertums?

Reiner Fenske (Dresden) Imperiale Erinnerungen. Die Frauenbünde des ‚Deutschen Ostmarkenvereins‘ sowie der ‚deutschen Kolonialgesellschaft‘

Marcel Bois (Hamburg) Vergessen, erinnert, verkannt. Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky

Sektion 2
Moderation: Eva Labouvie (Magdeburg)

Silke Fehlemann (Frankfurt am Main) Vergessen und Erinnern nach dem Ersten Weltkrieg

Irene Messinger (Wien) Scheinehe als weibliche Fluchtstrategie im Nationalsozialismus

Verena Schneider (Berlin) Negiertes Leid. Sex-Zwangsarbeit in Erinnerung und Forschung

Viktoria von Rüden (Kassel) Zwischen Vergessen und Erinnern. Psychisch auffällige Frauen in der Frauenanstalt Merxhausen zur Zeit des Nationalsozialismus

Sektion 3
Moderation: Angelika Schaser (Hamburg)

Marion Roewekamp (Berlin) Mythos der Gleichberechtigung. Die Erinnerung an Frauen im spanisch-republikanischen Exil in Mexiko

Katinka Meyer (Berlin) Vergeschlechtlichte Verschränkungen individueller und kollektiver Erinnerungen an die Zwangsmigration

Ann-Kristin Kolwes (Köln) Die Lebensumstände von Frauen und Kindern deutscher Kriegsgefangener 1941-1956

Sektion 4
Moderation: Barbara Vogel (Hamburg)

Lisa Städtler (Bremen) Liebe Frauen in der Kirche? Frauenspezifische Samisdats in der evangelischen Kirche in der DDR am Beispiel des Lila Band (1987-1989)

Jessica Bock (Leipzig) „Wo sie das Volk meinen, zählen die Frauen nicht mit.“ Eine geschlechter-kritische Analyse der Erinnerung an die Friedliche Revolution in Leipzig

Svenja Schäfer (Frankfurt am Main) Frankfurter Studierendengeschichte in Zeitzeugeninterviews


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Veröffentlicht am
23.06.2016
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