Neue Forschungen zu hagiographischen Fragen

Neue Forschungen zu hagiographischen Fragen

Organisatoren
Arbeitskreis für hagiographische Fragen
Ort
Stuttgart-Hohenheim
Land
Deutschland
Vom - Bis
14.04.2016 - 16.04.2016
Von
Larissa Düchtig, Universität Erlangen-Nürnberg

Vom 14.–16. April veranstaltete der Arbeitskreis für hagiographischen Fragen in Kooperation mit der Akademie der Diözese Rottenburg Stuttgart eine Tagung mit dem Titel „Neue Forschungen zu hagiographischen Fragen“. Da die Tagung thematisch offen war, kam eine Vielzahl von Aspekten aus der hagiographischen Forschung zusammen. Vor allem bot das Format die Möglichkeit aktuelle Arbeiten und Dissertationen noch im Entstehen vorzustellen und Anregungen von anderen Teilnehmern zu erhalten.

Den Auftakt machte CHRISTOPH BIRKNER (Göttingen), der mit Hilfe der methodischen Figurenanalyse von Sönken Finnern die Heiligenviten des Kyrill von Skythopolis (525–558) untersuchte. Hierbei stellte er die Frage des theologischen Mehrwerts dieses Verfahrens. Anhand von drei Schemata aus der Vita Euthymii erläuterte er sein Vorgehen. So konnte er aufzeigen, wie Strukturen erfasst, beschrieben und Nebenfiguren in Relation zur Handlung gesetzt werden können. Die Figurenanalyse könne für die Bearbeitung hagiographischer Texte von Bedeutung sein, da die Darstellung hier in besonderer Weise durch herausragende Personen geprägt sei, die wiederum durch weitere Personen umgeben sind und sich so die Erzählungsstränge neu nachvollziehen und interpretieren ließen.

Als nächste stellte STAVROULA CONSTANTINOU (Nikosia) ihre Überlegungen zur Satire in byzantinischen hagiographischen Werken vor. Sie konnte dabei ausmachen, dass in der byzantinischen Hagiographie eine Vielzahl von komischen Momenten enthalten seien, in denen die Christen sich über die pagane Religion lustig machten, ebenso wie die Heiden scherzhaft den christlichen Glauben kommentierten. Dies konnte sowohl an Werken über die Verfolgungszeit als auch später konstatiert werden, wobei in den ersteren Texten die Protagonisten Christen und Heiden waren, bei den späteren Christen und Dämonen in den Mittelpunkt der satirischen Auseinandersetzung rückten.

DIARMUID Ó RIAIN (Wien) stellte seine Studien zur Überlieferung der Magnum Legendarium Austriacum vor. Dieses ist ein Werk des 12. Jahrhunderts, in dem 560 Texte zu verschiedenen Heiligen zu finden sind. Laut Ó Riain sei das Legendarium ursprünglich in Almond zwischen 1186 und 1200 zusammengestellt worden. Es sei zu einem der Standardwerke der Zeit geworden, was an den getreuen Kopien zu erkennen sei, die nur unwesentlich vom Ur-Text abweichen. Entgegen Albert Poncelet stellte Ó Riain eine Überlieferung frei von Ordenszugehörigkeit fest.

Dass es bereits vor Brigitta von Schweden skandinavische Pilgerinnen gegeben habe, versuchte ANNE HOFMANN (Stockholm) an verschiedenen Zeugnissen aufzuzeigen. Da keine Selbstzeugnisse der Pilgerinnen und nur wenige schriftliche Quellen über sie erhalten seien, seien andere Quellen von großer Bedeutung. So zog Anne Hofmann etwa Pilgerabzeichen aus weiblichen Gräbern und Inschriften, die auf Pilgerfahrten hindeuten, als Quellen heran. Zudem seien wenige Texte überliefert, die berichten, dass Witwen auf Pilgerfahrt gingen. Insgesamt ist die Quellenlage nicht üppig. Da es sich um einen Zwischenbericht des Projekts handelte, sind jedoch noch weitere spannende Ergebnisse zu erwarten.

Mit dem Einsatz von hagiographischen Texten als Waffen in monastischen Auseinandersetzungen befasste sich HÉLÈNE CAILLAUD (Limoges). Von ihr wurden Texte des 9. und 10. Jahrhunderts ausgewertet. Sie stellt eine Vielzahl von Konflikten zwischen Klöstern und Adligen in diesen Quellen fest, die oftmals Übergriffe von Adeligen auf das Klostergut betreffen. Ihre Untersuchung hat gezeigt, dass Wunderberichte aus diesem Kontext verschiedene Funktionen haben: Sie führen Adeligen ihr Fehlverhalten vor, sie erhalten die Memoria des schützenden „Hausheiligen“ aufrecht, sie können regelrecht eine Karte der Besitzungen der Gemeinschaft aufzeigen, sie erinnern an den Konflikt und bieten gleichzeitig eine Lösung und letztlich festigen sie die Gemeinschaft auf neue Weise.

Hieran schloss DANIELA HOFFMANN (Mannheim) ihren Vortrag an, die zwei grandmontensische Heiligenviten einander gegenüberstellte und so deren Einsatz innerhalb ordensinterner Kontroversen näher beleuchten konnte. Sie untersuchte die Viten von Stefan von Muret und von Hugo Lacerta. Im Konflikt zwischen den Klerikern und den Laienbrüdern seien die Viten verwendet worden, um die Regeln des Ordens zu bestärken. So sei versucht worden, mittels einer Vita den Laienbruder Hugo von Lacerta heiligsprechen zu lassen, wodurch die Laienbruderschaft eine Aufwertung erfahren hätte.

Dass Äbte innerhalb der monastischen Reformbewegung eine besondere Rolle spielten, wurde durch JEREMY WINANDY (Freiburg) in Augenschein genommen. Anhand ihrer Viten wurde von ihm nachgezeichnet, dass zunehmend das politische Handeln der Äbte in den Vordergrund trat. Dies untersuchte er beispielhaft an der Vita des Abbo von Fleury, der im Kampf gegen einen Bischof den Märtyrertod gestorben war. In der Vita würden die reformerischen Ideale, die Exemtion des Klosters und die Bildung des Abtes hervorgehoben. Ebenso werde der Kampf gegen die Simonie thematisiert. Der Vita könne somit eine gemeinschaftsstiftende Funktion zugeschrieben werden, da der Gründervater als Vorkämpfer der monastischen Reform vorbildhaft sei.

Mit dem höfischen Verhalten von Heiligen im England des 10. und 11. Jahrhunderts befasste sich STEPHAN BRUHN (Kiel). Grundlegend war die Frage, ob die Kirche ab dem Jahr 1000 versucht hat, den Adel zu domestizieren. Hierfür untersuchte Bruhn die Vita des Dunstan von Canterbury in der Darstellung des sogenannten B. Er konnte feststellen, dass es zu Konflikten zwischen dem Heiligen und der adligen Gesellschaft kam, die seine asketische Lebensführung ablehnte. So wurde der heilige Dunstan zweimal aufgrund seiner Neider vom Hofe verwiesen. Somit wird die monastische der weltlichen Sphäre gegenübergestellt, die nicht miteinander kooperieren könnten.

Die symbolische Kommunikation von Heiligen durch Wunder wurde von ANDREAS RENTZ (München) dargestellt. Im Zentrum seiner Untersuchung stehen Wunder, die zu Lebzeiten der Heiligen gewirkt wurden. Als Zeitraum wurde das 12. und 13. Jahrhundert gewählt, als Untersuchungsraum die Region Mitteleuropas. Es wurde aufgezeigt, wie der Heilige seine Heiligkeit symbolisch kommunizierte. Hierbei war zum einen die Lebensführung ein entscheidendes Moment, zugleich aber auch Wunder und Visionen, die die Heiligkeit in der Umgebung des Heiligen in Form symbolischer Kommunikation wirken ließ.

Über heilige Orte und den Willen der Heiligen berichtete PIA BOCKIUS (Berlin), die sich dieses Themas anhand der Heiligentexte Gregors von Tours näherte. Anhand der 150 behandelten Heiligen und ihren Kultorten versuchte sie die Bedeutung des heiligen Raums festzumachen. Die Orte seien die Angelpunkte der Erzählung, wobei sich die Virtus des Verehrten auf das Umfeld ausbreitete. Allerdings sei ein heiliger Ort nicht nur dort gewesen, wo der Heilige beerdigt wurde, sondern bereits zentrale Orte seines Wirkens konnten in diesen Rang aufsteigen. Der heilige Ort manifestierte sich durch Wunder. Die Möglichkeit von Translationen sorgte für eine Ausbreitung von heiligen Orten, wobei der Heilige selbst Einfluss auf seinen neuen Niederlegungsort nehmen konnte.

Zuletzt stellte JANNEKE RAAIJMAKERS (Utrecht) ihr Teilprojekt im Rahmen der Studie „Mind over matter. Debates about the sanctity of religious objects” über Kritik an Reliquien vor. Sie untersuchte den Umgang mit Reliquiengegnern im lateinischen Westen. Hierbei ist ein Brief Hieronymus‘, in dem er sich gegen die Ablehnung von Reliquien ausspricht, eine entscheidende Quelle, welche in der Karolingerzeit stark rezipiert wurde. So war Claudius von Turin (810–827) gegen den Reliquienkult, der wiederum von Alcuin verteidigt wurde. Hierfür werden innerhalb des Projektes Glossen zu Werken über Heilige, Inschriften und im speziellen der Kult um den heiligen Willibrord untersucht.

Trotz der thematischen Bandbreite, lassen sich doch einige Verbindungen zwischen den einzelnen Vorträgen ausmachen. So waren Wunder ein wichtiges Kriterium zur Feststellung von Heiligkeit, sowohl zu Lebzeiten als auch nach dem Tode eines Heiligen, und konnten ferner zur Sakralisierung eines Ortes beitragen. Hagiographische Texte konnten als Waffen verwendet werden, um sie gegen gewaltbereite Adlige einzusetzen, oder aber auch im innerklösterlichen Konflikt. Innerhalb von reformerischen Strömungen konnten hagiographische Werke Vorbildcharakter aufweisen und nach innen identitätsstiftend wirken, etwa wenn der Abt mit Vorbildcharakter dargestellt wurde, oder ein Heiliger ebenfalls am Hofe bestehen konnte oder erste Mönche in der palästinensischen Wüste das asketische Leben suchten. Dass Heiligkeit nicht immer unwidersprochen war, zeigte sich durch die Kritik an den Reliquien, aber auch an Streitgesprächen zwischen Christen und Heiden, da letztere die Motivation der Christen zum Martyrium nicht verstanden. Insgesamt wiesen die Vorträge somit eine Vielzahl von inneren Bezügen zueinander auf.

Konferenzübersicht:

Christoph Birkner (Göttingen): Hagiographie und Figurenanalyse. Ein methodischer Versuch anhand der monastischen Heiligenviten Kyrills von Skythopolis (525-558)

Stavroula Constantinou (Nikosia): Hagiographical Mockery. Satire in Byzantine Hagiography

Diarmuid Ó Riain (Wien): "Ein ungewöhnlicher Sammeleifer" und monastisches Zusammenwirken. Überlegungen zur Entstehung und Überlieferung des Magnum Legendarium Austriacum

Anne Hofmann (Stockholm): Female Pilgrims in the Scandinavian Middle Ages. A Lost Tradition

Hélène Caillaud (Limoges): Hagiography as a weapon

Daniela Hoffmann (Mannheim): Hagiographie und ordensinterne Kontroversen. Überlegungen zu zwei grandmontensischen Heiligenviten des 12. Jahrhunderts

Jeremy Winandy (Freiburg): Der Abt als Held. Abtsviten im Kontext der Reformen um 1000

Stephan Bruhn (Kiel): "Höfische" Heilige? Beobachtungen zu Formen, Funktionen und Kontexten "höfischen" Verhaltens in den Viten monastischer Reformer des spätangelsächsischen England

Andreas Rentz (München): Inszenierte Heiligkeit. Soziale Funktion und symbolische Kommunikation von Heiligen im hohen Mittelalter

Pia Bockius (Berlin): Von heiligen Orten und heiligem Willen. Reliquien und die Entstehung einer Landschaft des Heiligen bei Gregor von Tours

Janneke Raaijmakers (Utrecht): Mind over Matter. Debates about relics as sacred objects (350-1150)


Redaktion
Veröffentlicht am
04.07.2016
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Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
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