Der Projektworkshop am 28. April 2017 diente einer Zwischenbilanz des vom Collegium Carolinum in Kooperation mit dem Historischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften durchgeführten Forschungsprojektes zur „Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei“ am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ziel des von MARTIN ZÜCKERT (München), MARTINA FIAMOVÁ und MICHAL SCHVARC (beide Bratislava) bearbeiteten Projektes ist es, den isolierten Blick auf die Evakuierung der deutschen Zivilbevölkerung aus der Slowakei zu überwinden. Diese müsse, so Martin Zückert in seiner Einleitung, in den Kontext der nationalsozialistischen Volkstums- und Umsiedlungspolitik sowie der Politik des Slowakischen Staates gestellt werden. Zudem sei sie auch Teil einer europäischen Zwangsmigrationsgeschichte.
Danach präsentierte Zückert Teilergebnisse der laufenden Untersuchung. Dabei betonte er, dass die Evakuierung als Planungsspielraum und keineswegs allein als humanitärer Vorgang zu sehen sei. Die Maßnahme sei Teil einer Migrationspolitik gewesen, die im Sinne des Volksgruppenparadigmas eine ethnische Homogenisierung betrieb und dabei vor der Ausgrenzung sogenannter „negativer Elemente“ nicht zurückschreckte. Zur Durchsetzung mussten vor Ort aber erst Widerstände überwunden werden: Die Entscheidung zum Gehen oder Bleiben spaltete die deutsche Bevölkerung und auch unter den Slowaken sorgte die Evakuierung mit Gerüchten um eine Aussiedlung nach Tirol für Ängste und Unruhe. Im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen beeinträchtigte die Evakuierung einerseits die Fähigkeit zur Kriegsführung. Andererseits wurde aber Kritik laut, dass die Wehrmacht mit der Evakuierung neue Unterkünfte erschließen wolle.
Anschließend verglich Michal Schvarc das Fallbeispiel der Deutschen in der Slowakei mit der Evakuierung anderer deutscher Minderheiten in Südosteuropa. Hierzu skizzierte er zunächst die deutsche Politik gegenüber den deutschen Minderheiten. Diese sollten in Südosteuropa die Funktion von „Vorposten“ einnehmen. Treibende Kraft war die von Heinrich Himmler, dem Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (RKF), betriebene Politik. Trotz Anstrengungen zur Stärkung kollektiver Identitäten hätten zunächst eher strategische als ideologische Motive im Vordergrund gestanden. Im Laufe des Krieges gewannen rassistische Ziele jedoch immer stärker an Bedeutung und es kam zu vom RKF veranlassten Umsiedlungen. Nach dem Vormarsch der Roten Armee von 1944 sollten die Auslandsdeutschen zudem als militärisches Reservoir genutzt werden. Deshalb veranlasste der Berliner Apparat die „Rückführung“ von deutschen „Volksgruppen“.
Martina Fiamová ging in ihrem Referat auf die Evakuierungsmaßnahmen des Slowakischen Staates ein. Auch das mit Berlin verbündete Regime von Jozef Tiso verfolgte das Ziel, die Slowakei von „destruktiven Elementen“ zu „säubern“. Im Sommer 1944 veränderte sich mit dem Slowakischen Nationalaufstand aber die Ausgangslage, sodass die slowakische Staatsverwaltung in der Mittel- und Ostslowakei zusammenbrach. Die deutschen Behörden forderten die totale Räumung der entsprechenden Gebiete. Gerade in der Ostslowakei herrschte indessen große Angst vor der Überstellung in das Reichsgebiet. Während Frauen, Alte und Kinder zurückgelassen wurden, begann die slowakische Regierung im Spätherbst 1944 damit, die Regierungsbehörden in die Westslowakei zu evakuieren. Zahlreiche hohe Parteimitglieder und Militärs wurden im Frühjahr 1945 schließlich ins Ausland evakuiert, da die Auffassung vorherrschte, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die Slowakei vom „Feind“ besetzt würde.
Wichtige Impulse für die Forschungen der Projektgruppe lieferte JOHANNES GROßMANN (Tübingen) mit seinem Beitrag über Evakuierungen im deutsch-französischen Grenzraum, mit denen er Potenziale eines Vergleichs aufzeigte. Zunächst nahm er eine Begriffsdefinition vor: Bei einer Evakuierung handle es sich um eine temporäre Maßnahme eines gefährdeten Regimes, während Vertreibung auf Dauer angelegt sei. Anhand von im Ersten Weltkrieg gesammelten Erfahrungen evakuierte die französische Regierung zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die Bewohner von Elsass und Lothringen ins Landesinnere. In den Aufnahmegebieten wurden jedoch scharfe soziokulturelle Gegensätze deutlich, sodass sich nach der deutschen Besetzung Frankreichs 90 Prozent der Evakuierten für eine Rückkehr entschieden. Für elsässische Juden erließ Hermann Göring jedoch ein Rückkehrverbot. Nach der „Rückführung“ kam es zudem zu Deportationen von „nicht erwünschten“ Gruppen. Als Ausdruck dieser rassistischen Politik sprach ein Plakat von 1942 vom „freigemachten Grenzland“.
Zum Abschluss des Workshops eröffneten MARTIN PEKÁR (Košice), MATHIAS BEER (Tübingen) und JÜRGEN ZARUSKY (München) mit ihren Kommentaren die Diskussion, welche auch als Inspiration für den weiteren Projektverlauf dienen sollte: Mehrere Teilnehmende regten an, den Blick auf das Verhältnis von Ideologie und Praxis zu vertiefen. So sei die Idee der „Volksgemeinschaft“ in der Evakuierung einem Belastungstest unterzogen worden, der etwa regionale Identitäten deutlich hervortreten ließ. Zudem erfordere das Kriegsgeschehen selbst verstärkte Aufmerksamkeit als ein die Evakuierung prägender Faktor. In die Diskussion eingebracht wurde zudem die Frage nach Gegenkonzepten zur Evakuierung, welche beispielsweise durch Festungsbildung umgesetzt wurden. Hinsichtlich der Einbettung des slowakischen Fallbeispiels ergab sich in der Diskussion ein Konsens, dass die Kontextualisierung nicht zu weit ausgreifen sollte. Zielführender wären vielmehr kompakte Vergleiche zum Beispiel mit der Situation im kroatischen Staat. Nicht zuletzt wurde die Frage nach möglichen Lerneffekten im Vergleich der 1944/45 in der Slowakei und der 1939/40 im deutsch-französischen Grenzraum praktizierten Evakuierungen aufgeworfen. Insgesamt bestätigte sich am Workshop, wie wichtig es bei der Erforschung der Evakuierung der Deutschen aus dem östlichen Europa ist, parallel ablaufende Räumungen sowie die Dynamik des letzten Kriegsjahres zu berücksichtigen.
Konferenzübersicht:
Die Evakuierung der Deutschen: Verlauf und Deutungen
Moderation: Erik Franzen
Begrüßung
Martin Zückert (München): Die Evakuierung aus der Slowakei. Versuch einer Einordnung
Michal Schvarc (Bratislava): Die Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei. Planung und Verlauf im Vergleich mit den weiteren Evakuierungen aus Südosteuropa.
Kontexte und Vergleich
Moderation: Christiane Brenner
Martina Fiamová (Bratislava): Die Evakuierungsmaßnahmen des Slowakischen Staates. Zielsetzungen und Realisierung
Johannes Großmann (Tübingen): Evakuierungen im deutsch-französischen Grenzraum 1939–1945
Kommentare und abschließende Diskussion
Martin Pekár (Košice)
Mathias Beer (Tübingen)
Jürgen Zarusky (München)