Katholische Reformationen

Katholische Reformationen

Organisatoren
Arbeitsgebiet Kirchengeschichte, Institut für Katholische Theologie, RWTH Aachen; Bischöfliche Akademie Aachen
Ort
Aachen
Land
Deutschland
Vom - Bis
17.02.2018 - 18.02.2018
Von
Thomas Richter, Institut für Katholische Theologie, RWTH Aachen

Umfasst der Begriff „Reformation“ nur das, was wir retrospektiv „reformatorisch“ nennen, oder kann der Begriff geweitet werden auf „nicht-reformatorische Reformationen“? Diese Frage stand am Beginn der Überlegungen zu einer Tagung, die das Arbeitsgebiet Kirchengeschichte am Institut für Katholische Theologie der RWTH Aachen gemeinsam mit der Bischöflichen Akademie Aachen ausrichtete. Nach den diversen Tagungen, Gedenkveranstaltungen und Feierlichkeiten des Jahres 2017 nahm die Aachener Tagung bewusst den Zeitraum von 1517 bis 1550 in den Fokus.

Die Begriffsproblematik verdeutlichten eingangs VOLKER LEPPIN (Tübingen) und BERNWARD SCHMIDT (Aachen). Schon der Titel der Tagung, so Leppin, berge eine doppelte Provokation in sich: „katholisch“ mit „Reformation“ in einem Atemzug zu nennen – letzteres auch noch im Plural – fordere zu kritischer Auseinandersetzung auf. Die Pluralität der religiösen Erneuerungen Anfang des 16. Jahrhunderts komme in der deutschen Eigenheit der Konzentration auf Luther allein nicht genug heraus. Näher am Quellenbegriff „reformatio“ wäre „Reform“; „Reformation“ im Sinne eines gesellschaftlichen Gesamtvorgangs bleibt im heutigen Sprachgebrauch eher neutral, während „reformatorisch“ eine inhaltlich-wertende Bezeichnung für die Theologie der Reformatoren meint. Auch die Frage synchroner und diachroner Differenzierungen des Reformationsbegriffs stellt sich: Sind die Hussiten und die sogenannten katholischen Reformen auch „Reformationen“? Bietet sich der Begriff der Konfession als Alternative an, um das Nebeneinander verschiedener selbstorganisierter, in einem bestimmten Rahmen anerkannter Glaubensgemeinschaften des Reformationszeitalters zu fassen?

Aus katholischer Sicht verdeutlichte Bernward Schmidt den Wandel in der katholischen Reformationsgeschichtsschreibung seit Pastor und Greving bis Lortz: die lutherische Reformation sei nicht pauschal als schlecht abzutun – eine Linie, die sich über Iserloh, Jedin, Pesch und Pfnür bis heute fortsetzt. Interessanterweise entstand bereits 1880 beim Protestanten Maurenbrecher das Begriffspaar „katholische Reformation“, das seit Jedin jedoch durch das geläufigere „katholische Reform“ verdrängt wurde. Die Forschung zur katholischen Reform beschränkt sich in aller Regel auf innerkirchliche Phänomene im Süden Europas, wodurch der Blick auf vortridentinische Reformen im Reich bis heute eingeschränkt wird, wenngleich hier eigenständige nichtreformatorische Reformansätze unbestritten stattfanden.

Unbestritten ist auch, dass Luthers Kritik am Ablass ein maßgeblicher Katalysator der sich herausbildenden Reformation war. CHRISTIANE LAUDAGE (Bonn) wies eindringlich darauf hin, dass Ablasskritik keineswegs, wie gelegentlich dargestellt, eine Neuerfindung Luthers war. Seit dem 13. Jahrhundert war der Ablass integraler Bestandteil der Frömmigkeit, die maßgeblich von den Bettelorden verbreitet wurde und um 1500 omnipräsent war. Dabei wurde nur selten allgemeine Kritik am Ablass formuliert, häufiger bestimmten seine politischen Implikationen die Debatte. Laudage hob hervor, dass das Ablasswesen bis in die späten 1520er-Jahre zunächst problemlos weiterlief und es gegen die vom Tridentinum durchgesetzte Abschaffung der Geldzahlungen Widerstand im Volk gab.

Volker Leppin griff die eingangs gestellte Provokation erneut auf und fragte danach, wie katholisch die Wittenberger Reformation sei. Immerhin habe sie sich selbst als in höchstem Maße katholisch verstanden, wenngleich in einer vorkonfessionellen, vortridentinischen Katholizität. Unter Rückgriff auf Luthers „Wider Hans Worst“ verdeutlichte Leppin die Stoßrichtung der Wittenberger, die einzig wahre Kirche zu sein, während die anderen dem Antichristen folgten. Diesem Verständnis läge auch eine in der Mystik wurzelnde Vorstellung von der Kirche zugrunde, die Staupitz besonders prägte.

Mit Herzog Georg von Sachsen präsentierte Bernward Schmidt einen der schärfsten Gegner Martin Luthers, der einerseits zeitlebens der römischen Kirche treu blieb, andererseits seit seinem Herrschaftsantritt im Jahr 1500 energisch die Reform der Kirche verfolgte. In Georgs späten Jahren zeige sich entgegen dem Klischee vom rückwärtsgewandten antilutherischen Hardliner eine gewisse Verhandlungsbereitschaft, denn Georg ließ über Fragen diskutieren, die später zu konfessionellen Markern werden sollten: Priesterehe und Laienkelch. Dass beides nicht freigegeben wurde, scheiterte vermutlich eher am Widerstand der kirchlichen Autoritäten als am Herzog. Auch die Ergebnisse des Leipziger Religionsgesprächs zwischen Georg Witzel und Martin Bucer kommentierte Georg größtenteils wohlwollend-diskursiv.

Im Anschluss hieran lenkte GÖTZ-RÜDIGER TEWES (Köln) den Blick auf die Universitäten und ihre Netzwerke als Orte der frühen Auseinandersetzung mit Luther. Ende des 15. Jahrhunderts waren die Bursen der Kölner Universität in die zwei weitgehend verhärteten Lager von Thomisten und Albertisten getrennt, deren Grundhaltungen sich auf Aristoteles bzw. Platon zurückführen lassen. Für die Auseinandersetzung mit Luther sollte das albertistische Lager deutlich größeren Einfluss gewinnen, schon durch die Verbindung zwischen Eck und Hoogstraten sowie diejenige zwischen den Universitäten Köln und Löwen. Tewes rief hierzu auch die Zusammenhänge zum römischen Reuchlinprozess ins Gedächtnis. Vor diesem Hintergrund konnte zum einen die enorme Bedeutung von Netzwerkanalysen für die Reformationsgeschichte verdeutlicht werden, zum anderen die These aufgestellt werden, dass der rigorose Kampf der Albertisten gegen Luther eine Reformation in der Stadt Köln verhinderte.

PETER WALTER (Freiburg i. Br.) präsentierte in seinem öffentlichen Abendvortrag Erasmus von Rotterdam als einen differenzierten theologischen Denker und leuchtete sowohl die Entwicklung der erasmianischen Theologie als auch die Auseinandersetzung des Erasmus mit Luther aus. Dabei erinnerte Walter an die gemeinsamen theologischen Grundlagen von Erasmus und Luther, etwa hinsichtlich der Priorität der Schrift gegenüber der Tradition oder der Unmöglichkeit der Selbsterlösung, zeichnete von da ausgehend aber auch die Differenzen zwischen beiden nach. Dass Erasmus eine „synkatabasis“ aller Parteien im Religionsstreit zum Programm und zur Forderung erhob, zeigt einen gewissen Idealismus: das gemeinsame demütige „Hinabsteigen“ und diskursive Suchen nach der Wahrheit war im 16. Jahrhundert nur sehr eingeschränkt möglich. Das erasmianische Reformprogramm dagegen konnte ohne weiteres zum Gemeingut aller an Reform interessierten Strömungen werden.

RALF-PETER FUCHS (Duisburg-Essen) stellte im Rückgriff auf die anglo-amerikanische Historiographie den Begriff der „multiple reformations“ zur Diskussion. Dieser sei besonders für den reformkatholischen Sonderweg der vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg-Mark-Ravensberg fruchtbar. Ganz dem erasmianischen Gedankengut verpflichtet, war den Herzögen Johann III. und Wilhelm V. die politische Stabilität in ihren Ländern ein vornehmliches Anliegen, weshalb sie neben dem alten Kirchenwesen auch reformatorischen Strömungen größere Spielräume zugestanden. Dass Jülich-Kleve-Berg sich nicht für oder gegen die Reformation entschied, sei nicht als mangelnde Entschlusskraft zu werten, sondern als bewusste Religionspolitik. Ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz sorgte gleichwohl für eine verdeckte religiöse Pluralisierung, die in dieser Form sicher nicht vom Landesherrn intendiert war. Wilhelms V. plurales Verständnis von Reformation zeigt somit durchaus Nähen zum Konzept der „multiple reformations“.

Zum Abschluss der Tagung warf MARCO SORACE (Aachen) einen Seitenblick auf die Rezeption des Gedankenguts der italienischen spirituali bei Michelangelo. Dabei führte er insbesondere das Grabmal Papst Julius' II. und seine Umgestaltungen in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli an. Doch gerade auch an der berühmten pietà in der vatikanischen Petersbasilika zeigen sich Innerlichkeit und Konzentration auf die Erlösung durch das Leiden Christi, die für die spirituali wichtig waren.

In der Schlussdiskussion wurde zunächst aufgegriffen, dass der angesprochene römische Reformerkreis uneinheitlich in seiner Ausrichtung war und die italienischen spirituali sicher keine Reformatoren waren. Gleichwohl lohne es, so Bernward Schmidt, sich auch aus dieser Richtung dem Reformationsbegriff zu nähern. Auf die Frage aus dem Auditorium, wann man sich eigentlich von der Idee eines Konzils zur Konfliktlösung verabschiedete, wurde zunächst durch Peter Walter die Anwesenheit protestantischer Gesandtschaften in Trient ins Gedächtnis gerufen, doch die Konzentration auf das Papsttum als maßgebliche Instanz des Tridentinums betont. Volker Leppin hob hervor, dass der Konzilsgedanke im 16. Jahrhundert sehr unterschiedlich konturiert sein konnte. Den Lutheranern schwebte eher ein papstfreies Konzil vor, das Utopie bleiben musste. Positiv hingegen sei der Konzilsgedanke bei den Reformierten besetzt, in Anknüpfung an die Synode von Dordrecht. Auch Ralf-Peter Fuchs betonte, dass das Interim zwar die Idee des Konzils stärkte und auch der Augsburger Religionsfriede das Konzil noch als Endvergleich formulierte, doch beides wohl nur noch auf dem Papier stand. Bernward Schmidt hob die Bedeutung des Fünften Laterankonzils für das Konzilsverständnis hervor, das beabsichtigte, die hierarchische Ordnung auf allen Ebenen wiederherzustellen. Nördlich der Alpen wurde mit dem Konzil eine Reformdiskussion verbunden, die päpstlicherseits jedoch nicht intendiert war – vielmehr sei die Einmütigkeit der Abstimmungen, so Peter Walter, als Beleg für das Wirken des Heiligen Geistes wahrgenommen worden.

Im Schlusswort hoben die Redner weitere Desiderate hervor. So sei die Untersuchung von Netzwerken und diskursiven Prägungen in der Forschung bisher stark vernachlässigt worden, obschon sie am Beginn des 16. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielten. Hinsichtlich der gegenwärtigen ökumenischen Bestrebungen sei das monarchische Papsttum ein Problem, der Wandel in der Amtsführung des derzeitigen Papstes reiche zur Lösung der Grundsatzfrage nach dem priesterlichen Amt nicht aus. Spannend sei zu beobachten, wie gegenwärtig der Reformationsbegriff eine inhaltliche Verschiebung erfahre und alternative Begriffe die Pluralisierung von Autoritäten in Worte zu fassen versuchten. Reform, Reformation, Reformationen, Transformation seien keineswegs fertige Konzepte. Auch der Titel der Tagung „Katholische Reformationen“ wolle provokativ Diskussionen um die rechte Wortwahl anstoßen und helfen, parallele Prozesse des 16. Jahrhunderts als grundsätzlich vergleichbar anzusehen und Interdependenzen klarer zu fassen.

Konferenzübersicht:

Volker Leppin (Tübingen) und Bernward Schmidt (Aachen): „Katholisch“, „Reform“, „Reformation(en)“, „Konfession“? – Begrifflichkeiten und Forschungsgeschichte aus evangelischer und katholischer Sicht

Christiane Laudage (Bonn): Kritik am Ablass – ein Kennzeichen der Reformation?

Volker Leppin (Tübingen): Wie katholisch war die Wittenberger Reformation?

Bernward Schmidt (Aachen): Reform als Mittel gegen die Reformation, oder: Wie lutherisch war Herzog Georg von Sachsen?

Götz-Rüdiger Tewes (Köln): Zum Konflikt zwischen Reformern und Rigoristen am Beispiel der Kölner Universität im 15. und 16. Jahrhundert

Peter Walter (Freiburg): Humanisten und Kirchenreform

Ralf-Peter Fuchs (Duisburg-Essen): Reformen und Reformationen unter Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve Berg

Marco Sorace (Aachen): Reform(ation) in Italien – Michelangelo und die römischen „spirituali“

Schlussdiskussion


Redaktion
Veröffentlicht am
18.04.2018
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Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
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