Gefährliche Elemente. Strategien der Beherrschung maritimer Risiken in Antike und Früher Neuzeit

Gefährliche Elemente. Strategien der Beherrschung maritimer Risiken in Antike und Früher Neuzeit

Organisatoren
Ulrike Gehring / Simon Karstens / Christian Rollinger, Universität Trier
Ort
Trier
Land
Deutschland
Vom - Bis
03.05.2018 - 05.05.2018
Von
Jannik Eikmeier, Kunsthistorisches Institut, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Ziel der Tagung war eine interdisziplinäre und epochenübergreifende kritische Analyse von bildlichen und schriftlichen Darstellungen maritimer Risiken in der Antike und der Frühen Neuzeit. Ebenso vielseitig wie die beteiligten Fachdisziplinen waren auch die betrachteten Quellen: neben Gemälden und Seekarten wurde auch eine Vielzahl unterschiedlicher Schriftquellen in den Blick genommen. Reiseberichte – sowohl aus der Antike als auch aus der Frühen Neuzeit – wurden ebenso vorgestellt und diskutiert wie Rechtsquellen, Logbücher und wissenschaftliche Traktate. Archäologische Funde und die aus ihnen entwickelten virtuellen sowie gegenständlichen Rekonstruktionen erweiterten das Quellenangebot um eine konkrete und greifbare Komponente.

Drei Sektionen untergliederten die Tagung strukturell sinnvoll. Die erste Sektion, die sich zunächst mit der Entstehung und Entwicklung des Risikobegriffs befasste, stellte dabei die Grundlage für den weiteren Tagungsverlauf dar und diente den Teilnehmern als gemeinsamer Ausgangspunkt. Hierbei wurde deutlich, dass das Prinzip des Risikos als berechenbare Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines bestimmten Ereignisses – meist eines Unglücksfalls – bereits in der griechischen Antike bestand, was nach HANS KOPP (Berlin) nicht zuletzt aus der Entwicklung von Seedarlehen im klassischen Griechenland abgeleitet werden kann. In seiner Analyse antiker Schriftquellen ergab sich jedoch noch kein homogenes Konzept eines Risikobegriffs. BENJAMIN SCHELLER (Duisburg-Essen) wies darauf hin, dass ein eigenes Wort für das Risiko als zurechenbares Wagnis erst im 12. Jahrhundert nachweisbar sei. Die Etablierung des Begriffs im Vokabular und das Auftreten eines Versicherungswesens im 14. Jahrhundert können nach Scheller als Hinweise eines sich wandelnden Risikobegriffs gedeutet werden, der sich auf eine konkrete Zeit und einen konkreten Raum bezieht. Die Möglichkeit, aus Quellen des Finanzwesens Rückschlüsse über ein Risikobewusstsein zu gewinnen, nutzte auch MARK HÄBERLEIN (Bamberg). Unter der weiteren Zuhilfenahme von Tagebüchern und Reiseberichten stellte er heraus, dass selbst oberdeutsche Kaufleute des 16. Jahrhunderts, fernab des Meeres, schon aus kaufmännischen Gründen ein Interesse an der Einschätzung und Bewertung von maritimen Gefahren hatten. Nach Häberlein entwickelten die süddeutschen Händler durch das Aufteilen der Waren auf mehrere Schiffe, das Versichern der Ladung und den Aufbau von diplomatischen Beziehungen, Strategien zur Bewältigung der für sie bisher fremden maritimen Risiken.

Anhand antiker Schriftquellen stellte CHRISTIAN ROLLINGER (Trier) mehrere Topoi vor, die sich in der antiken Literatur zu häufen schienen. Ein solcher Topos sei die Bestrafung des Menschen für seine Hybris; denn erst indem sich der Mensch auf das Meer begibt und damit mit der göttlichen Ordnung bricht, wird das Meer für ihn zu einem Gefahrenraum. In einem „Mustersturm“ verschiedener Topoi werde das Meer dabei in der antiken Literatur zu einem Ort der Bewährung. Beachtenswert war es an dieser Stelle zu sehen, dass auch MARCO KOLLENBERG (Potsdam) in seiner Auseinandersetzung mit Reiseberichten der Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC) diverse Topoi nachweisen konnte. Zwar nehmen in diesen Berichten der Neuzeit besonders alltägliche Gefahren der Seefahrt wie Hunger, Durst, Hitze und Langeweile als Auslöser von Wahnsinn und Krankheit eine größere Rolle ein, doch auch hier war die See der Ort der Bewährung, der überwunden werden musste, um in die fernen Länder als Sehnsuchtsorte gelangen zu können. Auch SIMON KARSTENS (Trier) beschäftigte sich mit der Darstellung maritimer Gefahren in Reiseberichten. In seiner Gegenüberstellung von französischen und englischen Berichtsammlungen des 16. Jahrhunderts stellte er heraus, dass beide Nationen mit Hilfe literarischer Werke eigene Kolonialgeschichten erfanden, in die sie ihre expansiven Bestrebungen in der Neuen Welt einreihten. Dabei stand bei den englischen Autoren stets das Kollektiv, bei den französischen das Individuum im Zentrum der heldenhaften Überwindung der maritimen Gefahren in Form von Sturm und Eis. Beide Seiten reklamieren dabei die göttliche Unterstützung bei der Bewältigung der drohenden Gefahren für sich.

Mit der Marinemalerei des 17. Jahrhunderts setzten sich gleich zwei Vorträge der Tagung auseinander. JENNY GASCHKE (Bristol) folgte in ihrem eröffnenden Abendvortrag klassischen kunsthistorischen Deutungsmöglichkeiten des Schiffbruchs in der niederländischen und englischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Ihrer Meinung nach stellen die Gemälde nicht nur historische Gegebenheiten oder bloße Naturbeobachtungen dar, sondern seien zusätzlich um theologische, politische, moralische und emblematische Bedeutungsebenen erweitert, deren Aussagekraft durch den scheinbaren Realismus der Sujets verstärkt wirke. Eine andere Herangehensweise verfolgte ULRIKE GEHRING (Trier) mit ihrer These, dass in einer Zeit, in der das Wetter noch nicht wissenschaftlich quantifizierbar war, dessen Beschreibung der Malerei zukäme. Während Karten und Seebücher das Beherrschbare des Meeres darstellten, habe die Malerei über den Bildinhalt des Wetters die Vermittlung dessen übernommen, was für den Menschen auf See weder zu messen noch zu beherrschen gewesen sei.

Bezüglich der Beherrschung maritimer Risiken in der Antike stellte sich der Vortrag MICHAEL RATHMANNS (Eichstätten) als besonders aufschlussreich dar. In seiner Analyse der antike Kartographie untersuchte er sowohl bildliche als auch schriftliche Darstellungen der Gefahren auf See. Er stellte dabei fest, dass die Quellen zwar diverse Gefahren wie Untiefen, Winde und Gezeiten erwähnten, diese aber viel zu ungenau beschrieben und verorteten, um in der Praxis der Seefahrt von Nutzen sein zu können. So sei alleine der Maßstab der wenigen kartographischen Werke der Antike schon deutlich zu klein, um sinnvoll vor konkreten Gefahrenbereichen warnen zu können.

Ebenso pragmatisch wie unkonventionell ist das Projekt Samothracian Networks, welches SANDRA BLAKELY (Atlanta) vorstellte. Mit Hilfe digitaler Analyseverfahren wurde der Versuch unternommen, aus antiken Inschriften aus dem Mittelmeerraum das soziale Netzwerk des Kults der Götter von Samothrake nachzuzeichnen. Dieser versprach seinen Anhängern Sicherheit auf See und verkörperte damit eine spirituelle Strategie der Beherrschung von Risiken auf See. Ein besonders anschaulicher Teil des Projekts ist das Computerspiel „Sailing with the Gods“, in dem der Spieler gegen die verschiedensten maritimen Risiken, objektiven sowie subjektiven, zu kämpfen hat. Besonders aufschlussreich bezüglich der Sicherheit und Seetüchtigkeit von antiken Schiffen war der Beitrag von THOMAS KIRSTEIN und SEBASTIAN RITZ (beide Berlin). Mit Hilfe einer virtuellen Rekonstruktion eines römischen Schiffs gelang es ihnen zu belegen, dass die antiken Schiffe keineswegs so unsicher waren, wie es zeitgenössische Quellen vermuten lassen würden. Allerdings, so zeigt die Computersimulation, reagierten die Schiffe besonders sensibel auf den Seegang, was die Seekrankheit zu einer ernstzunehmenden Gefahr an Bord gemacht haben dürfte. Mit ihrem ingenieurtechnischen Vortrag und Wissen trugen sie maßgeblich zur Interdisziplinarität der Tagung bei.

Der auf der Tagung viel diskutierten Praktik der Winterseefahrt widmete sich CHRISTIAN MANGER (Bremen) in Form eines Beitrags über das hansische Winterfahrverbot auf der Ostsee, welches, so Manger, sehr viel weniger auf die Angst um Schiff, Mannschaft und Ladung zurückging, sondern wohl hauptsächlich auf den Versuch, unfaire Handelspraktiken zu unterbinden.
Allgemein, so stellte sich im Zuge der Tagung immer wieder heraus, ist nicht davon auszugehen, dass die Schifffahrt im Winter – egal ob in der Antike oder der Frühen Neuzeit – aus Sorge um zu große Risiken komplett eingestellt worden sei.

Am Ende der Tagung war deutlich geworden, wie vielseitig die Gefahren sein können, denen sich der Mensch aussetzt, sobald er sich auf das Meer begibt. Dabei ist die Häufigkeit der Darstellung einer Gefahr nicht unbedingt auch ein Zeichen für die Häufigkeit des tatsächlichen Eintretens dieser. So taucht der Schiffbruch sowohl in antiken Schriftquellen als auch in der Malerei des 17. Jahrhunderts besonders häufig auf, ist aber – rational betrachtet – eher selten. Die Gründe hierfür können wohl darin gesehen werden, dass es sich beim Schiffbruch um das wahrscheinlich dramatischste Risiko der Seefahrt handelt und zugleich zu vielerlei metaphorischer Aufladung einlädt. Die damit verbundenen Topoi stammen oftmals bereits aus der Antike. Dass sich der Mensch den vielseitigen maritimen Gefahren immer wieder bewusst aussetzt, zeugt von einer Abwägung des Risikos gegenüber einer erhofften Belohnung. Dabei kann das Risiko auch als ein wertsteigernder Faktor angesehen werden. Deutlich wurde zudem, dass maritime Gefahren, ebenso wie die Strategien ihrer Bewältigung, häufig auch in nicht rational greifbaren, spirituellen Ebenen gesehen wurden.

Die Interdisziplinarität der Tagung spiegelte auf lohnende Art und Weise die vielseitigen maritimen Gefahren und das breite Spektrum ihrer Darstellung in den diversen Medien wider. Der dadurch gewonnene Perspektivreichtum kann für die Tagungsteilnehmer/innen für ihre zukünftigen Arbeiten nur von Vorteil sein.

Konferenzübersicht:

Keynote Lecture

Jenny Gaschke (Bristol): Schiffbruch in der Malerei des 17. Jahrhunderts

Sektion I: Risikobegriff und maritime Wissensbestände

Hans Kopp (Berlin): Götterzorn, Seedarlehen, vollgesogene Planken – Annährung an einen Begriff maritimen Risikos im klassischen Athen

Benjamin Scheller (Duisburg-Essen): Risiko: Begriff und Deutung im mediterranen Seehandel vom Beginn des 13. bis zum Beginn des 16. Jh.

Sektion II: Maritime Risiken und ihre Darstellung in Wort und Bildlichen

Christian Rollinger (Trier): Die Elemente und maritime Risiken in der Antike

Ulrike Gehring (Trier): Stormy Weathers Over Local Waters. Gefahren und Hindernisse in Seehandbüchern um 1600.

Mark Häberlein (Bamberg): Maritime Risiken in Selbstzeugnissen und Rechnungsbüchern oberdeutscher Kaufleute des 16. Jh.

Marco Kollenberg (Potsdam): Das Meer als Gefahrenraum in den Reiseberichten der Vereinigten Ostindischen Kompanie (VOC)

Hannah Baader (Florenz): Crossing the (Red) Sea. Art and Risk in Venice, 1520/49

Ruth Noyes (Wesleyan): Boreal Borderlands Strategies in the Carta Marina of Olaus Magnus

Michael Rathmann (Eichstätt): Maritime Gefahren in der antiken Kartographie

Sektion III: Strategien zur Beherrschung maritimer Risiken

Sandra Blakely (Atlanta): Maritime Risk and Ritual Managment: A Digital Analysis of the Mystery Cult of the Great Gods of Samothrace

James Beresford (UK): A Barque to Equal the Bight? Sailing Across the Syrtis in Antiquity

Thomas Kirstein / Sebastian Ritz (beide Berlin): Maritime Risiken im Kontext antiker Seefahrtstechnologie

Hans Kok (NL): Scientific Advances Needed to Better Solve the Problems of Navigation at Sea; the Quest for Accuracy

Christian Manger (Bremen): Das hansische Winterfahrverbot – ein Instrument der Risikobeherrschung?

Simon Karstens (Trier): Überwindung maritimer Risiken in englischen und franzöischen Reiseberichten (16. Jh.)