XIII. Arbeitstagung Gender-Studies in der Historischen Bildungsforschung

XIII. Arbeitstagung Gender-Studies in der Historischen Bildungsforschung

Organisatoren
Elke Kleinau / Wolfgang Gippert, Universität zu Köln
Ort
Köln
Land
Deutschland
Vom - Bis
15.06.2018 -
Von
Godel-Gaßner, Rosemarie, Institut für Erziehungswissenschaft, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg

Die diesjährige XIII. Tagung fand nach der Emeritierung Pia Schmids an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zum ersten Mal unter der Federführung von Elke Kleinau und Wolfgang Gippert an der Universität zu Köln statt. Die Arbeitstagung wurde zudem erstmals in einem eintägigen Formatveranstaltet. Im Anschluss an die jeweiligen Präsentationen erfolgte jeweils eine Diskussionsrunde. In dieser wurden thematische Aspekte und Fragen des methodischen Vorgehens aufgegriffen sowie auf die Auswahl der Quellen und die (ersten) Ergebnisse eingegangen.

Den Auftakt der Tagung bildete der Vortrag von JEANETTE WINDHEUSER (Wuppertal). Sie stellte kein Forschungsprojekt vor, sondern wollte mit ihrem Beitrag eine disziplinpolitische Diskussion anregen. In ihrem Vortrag über feministische Wissenschaftstheorie, historische Bildungsforschung und erziehungswissenschaftliche Disziplingeschichte erinnerte sie an die zentrale Frage feministischer Forschung, inwiefern Theorie und Empirie sowie die Methode selbst einer geschlechtlichen Ordnung und einer Geschlechtergeschichte unterliegen. Ausgehend von der These einer gleichzeitigen und getrennten Etablierung feministischer Errungenschaften und empirischer Bildungsforschung wollte sie auf ein gemeinsames Desiderat der geschlechtertheoretischen historischen Bildungsforschung und feministischer Theorie(n) in der Erziehungswissenschaft aufmerksam machen: die Frage, unter welchen Bedingungen feministisch-theoretisch geleitete erziehungswissenschaftliche Forschung – insbesondere die historische Bildungsforschung – erfolgen kann. Dabei wurden als zentrale Bedingungen die erziehungswissenschaftliche Disziplingeschichte seit der ‚realistischen Wende‘ und das damit einhergehende Wissenschafts- und Empirieverständnis betrachtet. Sowohl in der Empirie als auch in der Erziehungswissenschaft erfolge eine Verdrängung von Differenz. Während dies nach Windheuser in der Empirie durch eine Abspaltung der Natur und des Sinnlichen erfolge, werde bei der Reduktion von schulischer Bildung auf den Kompetenzerwerb die generationale Differenz und damit die Erziehung ausgeklammert. In der anschließenden Diskussion wurden zum einen die Errungenschaften der feministisch motivierten Forschung der letzten Jahrzehnte thematisiert und gewürdigt, zum anderen die Reduktion des Bildungsverständnisses auf Kompetenzerwerb in spezifischen Bereichen problematisiert.

PIA SCHMID (Halle) stellte in ihrem Vortrag den bislang noch unerforschten Erziehungsroman von Antoinette Wilhelmine von Thielau „Friederike Weiß und ihre Töchter“ vor, der 1805 anonym erschien und von dem philanthropischen Pädagogen Christian Trapp herausgegeben wurde. Zu dem Roman existiert bislang keinerlei Sekundärliteratur und in deutschen Bibliotheken sind von ihm nur noch wenige Exemplare ausgewiesen. Im Unterschied zu zeitgenössischer Literatur über weibliche Erziehung, die von bürgerlichen Akteurinnen und Akteuren dominiert wurde, stellt dieser Erziehungsroman mit seiner Protagonistin, einer alleinerziehenden vierfachen Mutter aus den niederen Ständen, nach Schmid eine Besonderheit dar. Schmid skizzierte mögliche Motive von Thielaus, die als adlige Frau vom Lande einen Erziehungsroman über die Erziehung von Töchtern aus den niederen Ständen schrieb. Die Autorin von Thielau entwirft eine trotz harter Schicksalsschläge tatkräftige und selbstständige Frau und vorbildliche Mutter, der es vor allem durch Erziehungs- und Lehrgespräche gelingt, ihre Töchter mustergültig zu erziehen. Die Pflicht zur Arbeit, zur Nützlichkeit, zum Anstand, zur Genügsamkeit, aber auch zur Entsagung und zur Achtung der Standesgrenzen sind zentrale Elemente dieses normativen Weiblichkeitsentwurfes. In der anschließenden Diskussion kamen Unterschiede und Parallelen zu Pestalozzis ‚Getrud‘ und ihren Erziehungsmethoden zur Sprache sowie die interessante Tatsache, dass das Lebensglück der Töchter in Thielaus Erziehungsroman nicht in jedem Fall von der Erfüllung des Weiblichkeitsmodells als Hausfrau, Mutter und Gattin abhängt. Vielmehr werden in dem Roman verschiedene Modelle weiblicher Tugendhaftigkeit präsentiert. Nur die Missachtung der Standesgrenzen – die von Thielau kritiklos anerkennt– führt hier ins Unglück.

ELKE KLEINAU (Köln) und LILLI RIETTIENS (Köln) stellten ein Forschungsprojekt im Kontext der Kolonialgeschichte vor, welches die Einbindung von Kindern und Jugendlichen in das koloniale Projekt fokussiert. Sie griffen in ihrem Beitrag exemplarisch am Beispiel des Kinderbuches „Der Baumtöter“ von Stanislaus von Jeszweski (1853–1913) die Frage auf, was im kolonialen Kinder- und Jugendroman unter ‚Natur‘ verstanden wurde und welche Bedeutung ihr im Kontext der Kolonialerziehung zukam. Sie zeigten auf, wie anhand der binären Opposition von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ eine hierarchisch strukturierte Logik von ‚Barbarei‘ und ‚Zivilisiertheit‘ die Schwarzen konsequent der Natur als ‚Naturkinder‘ oder ‚Naturmenschen‘ zuordnet. Unterstrichen wird diese Zuordnung durch die Verwendung von Tiermetaphern bei der Beschreibung der Schwarzen. Die dadurch konstruierte Abgrenzung zur ‚Kultur‘ der Weißen dient der Legitimierung der Kolonialisierung als Kultivierung der schwarzen Bevölkerung Afrikas, die als triebgesteuerte ‚Naturmenschen‘, als unfähig zur Grenzziehung zwischen Kultur und Natur und damit auch zur Kultivierung der Natur dargestellt werden. Sie würden daher im Kontext des Kultivierungsprojektes vor allem der Erziehung durch Arbeit bedürfen. Aus der Perspektive der Frauen- und Geschlechterforschung sind die Geschlechterkonstruktionen des Autors interessant, die durch die Darstellung der Protagonisten erkennbar wird. So erfährt die schwarze Frau eine doppelte Abwertung hinsichtlich des Kriteriums der Vernunft: Neben ihrer Naturhaftigkeit, die ihr als Teil der schwarzen Bevölkerung zugesprochen wird, wird sie ‚verkindlicht‘ dargestellt, obwohl sie in ihrem Volk einen Erwachsenenstatus einnimmt. Gleichzeitig symbolisiert sie die Versuchung und Verführung, den möglichen christlichen Sündenfall des weißen Mannes.

TORSTEN FEHLBERG (Köln) vom Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte e.V., der seit 25 Jahren Überlebende aller Verfolgtengruppen des Nationalsozialismus als Interessenvertretung unterstützt, referierte über die Arbeitsgruppen ‚Folgegeneration‘ des Bundesverbandes. Diese widmen sich zum einen den psychosozialen Bedarfen der Nachkommen von NS-Verfolgten, zum anderen der Rolle von Nachkommen für die politische Bildungsarbeit. In den weiter bestehenden Arbeitsgruppen werden vielfältige Fragestellungen diskutiert. Es wird beispielsweise gefragt, wie Nachkommen als Impulsgeber/innen in eine zukunftsweisende Erinnerungsarbeit einbezogen werden können oder, vor dem Hintergrund neuerer Forschungserkenntnisse aus der Epigenetik, wie die mögliche Weitergabe von Traumatisierungen durch NS-Verfolgung auf die Kinder der Betroffenen und die folgende Generation erfolgen kann. Dabei kommen immer wieder auch genderbezogene Aspekte und Fragestellungen auf. Auffallend ist die Tatsache, dass es vor allem Frauen sind, die sich an den Nachkommengruppen beteiligen. Sie erfahren häufig eine Mehrfachbelastung durch Kindererziehung und die Pflege traumatisierter Eltern. Gleichzeitig wird beklagt, dass Frauen in der Geschichte von nationalsozialistisch Verfolgten häufig nur als Teil der Geschichte eines Mannes auftreten und auch im Kontext von Widerstandsgeschichten nicht als eigenständige Akteurinnen in Erscheinung treten. Darüber hinaus finden weibliche Opfergruppen, wie beispielsweise die Gruppe der Zwangssterilisierten, wenig Berücksichtigung. Das Themenfeld ‚Nachkommen von NS-Verfolgten‘ weist noch zahlreiche Desiderata auf, deren Aufarbeitung sich im Hinblick auf den Bereich der historischen Frauen- und Geschlechterforschungen in vielfältiger Hinsicht lohnen würde, wie in der anschließenden Diskussion deutlich wurde.

JOHANNA TEWES (Hamburg) zeigte am Beispiel der Kunstpädagogik und ihrer Geschichte auf, dass Wissenschaft und ihre Gegenstände einer Geschlechtlichkeit unterliegen und Frauen- und Geschlechterforschung die androzentrische wissenschaftliche Perspektive erweitern und damit verändern kann. Sie hat sich in ihrer Dissertation aus historisch-hermeneutischer Perspektive mit der systemtheoretischen Analyse von Fachstrukturen in der Kunstpädagogik auseinandergesetzt und referierte über „Vergessene Frauen in der historischen Kunstpädagogik“. Ausgehend von der Erkenntnis einer männlich dominierten kunstpädagogischen Fachgeschichte, in der Frauen nur marginale Erwähnung finden, geht es Tewes darum, diese Lücke in der fachgeschichtlichen Forschung zu schließen und die Beiträge von Frauen aufzuspüren und sichtbar zu machen. Tewes konnte in ihrer Dissertation nachweisen, dass selbst in aktuellen Überblicksdarstellungen zur Fachgeschichte Frauen und deren kunstdidaktische Konzepte nur selten erwähnt, ihre Forschungsleistungen daher auch wenig zitiert werden. Dabei handele es sich um eine (gezielte?) fachpolitische Verdrängung, da zahlreiche Kunstpädagoginnen vor und unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg durchaus kunstdidaktische Konzepte und kunstpädagogische Forschungsbeiträge veröffentlichten und seinerzeit zukunftsweisende Beiträge zu Themen in den Fachdiskurs einbrachten. Diese gilt es nach Tewes wieder in den Fachdiskurs einzubringen. Diskutiert wurde, dass die kunstpädagogischen Konzepte und Forschungen der vorgestellten promovierten Kunsterzieherinnen vor dem Hintergrund damals noch präferierter monoedukativ gestalteter Bildungs- und Schulkonzeptionen entstanden und deren Verdrängung aus der Fachdisziplin deshalb möglicherweise auch im Kontext der Verbreitung der Koedukation interpretiert werden kann.

MAREIKE WITKOWSKI (Oldenburg) stellte in ihrem Beitrag „Die ‚geprüfte Hausgehilfin‘ – Debatten um die Professionalisierung von Hausangestellten (1918 bis 1960er Jahre)“ das letzte Kapitel ihrer Dissertation vor. Witkowski nimmt in ihrer Arbeit eine Berufsgruppe in den Blick, die bislang kaum im Fokus der Forschung stand. Deren Verrechtlichung, die erst im Jahre 1955 erfolgte, ging eine heftige Kontroverse vor allem um die Länge der Arbeitszeit und die Vergleichbarkeit mit anderen Ausbildungen voraus. Dabei gab es nach Witkowski bereits in der Weimarer Republik Bestrebungen, die Tätigkeit der Hausgehilfin zu professionalisieren und einen entsprechenden Ausbildungsberuf zu etablieren. Dieses Ansinnen wurde vor allem in den Hausfrauenverbänden kontrovers diskutiert. Die Professionalisierung der Hausangestellten rüttelte zum einen am Selbstverständnis der Zuschreibung von vermeintlich ‚natürlichen‘ weiblichen Fähigkeiten und Aufgaben, deren Ausübung daher keiner besonderen Unterweisung bedarf – und damit an der weiblichen Identität der Hausfrauen als ‚häuslichen Wesen‘. Andererseits erhofften sich die Hausfrauenverbände aber auch eine Aufwertung der hausfraulichen Tätigkeiten. Trotz der zunehmenden Professionalisierung erfuhr die hauswirtschaftliche Ausbildung einen gravierenden Bedeutungsverlust. Dabei dürfte es nicht nur die vermeintlich unnötige Vermittlung von Kenntnissen gewesen sein, deren Besitz einer Frau qua Geschlecht zugeschrieben wurde, sondern auch die ausgeprägte soziale Kontrolle und die Vereinnahmung durch die Haushalte, die ungeachtet der rechtlichen Regelungen erfolgten, minderten die Attraktivität dieses Ausbildungsberufes. In der anschließenden Diskussion über den zugrundeliegenden Professionalisierungsbegriff wurde die Heranziehung eines berufstheoretischen Rahmens zur Analyse und Interpretation des Professionalisierungsprozesses angeregt.

In der abschließenden Diskussionsrunde wurde hervorgehoben, dass die Kategorie ‚Geschlecht‘ – trotz des feministischen Diskurses um deren Brauchbarkeit – in der historischen Bildungsforschung keineswegs obsolet geworden ist. Wie am Beispiel der beiden Beiträge von Tewes oder von Schmid deutlich wurde, ist es nach wie vor notwendig, das wissenschaftliche ‚Korsett‘ männlicher Geschichtsschreibung zu sprengen. Die Kategorie ‚Geschlecht‘ ermöglicht, bislang unberücksichtigte Inhalte und Fragestellungen in der (bildungs-)historischen Perspektive zu beleuchten und in den jeweiligen wissenschaftlichen Diskurs zu integrieren. Die Erweiterung um eine intersektionelle Perspektive ist jedoch in erkenntnistheoretischer Hinsicht ein Gewinn, wie beispielsweise die Beiträge von Schmid, Witkoswki und Kleinau verdeutlichen. Des Weiteren ist es sinnvoll neben dem Faktor Geschlecht den Stand (Schmid), die soziale Schicht (Witkowski) oder die ‚Rasse‘ (Kleinau, Riettjiens) als relevanten Faktor zu integrieren, da ‚Frauen‘ (bzw. als solche definierte) auch in historischer Perspektive per se keine homogene Gruppe darstellen. Ihre Erfahrungen, Handlungsmöglichkeiten bzw. -spielräume müssen im Licht anderer Kategorien ‚gebrochen‘ werden. Zudem wurde die Bedeutung einer interdisziplinären Perspektive hervorgehoben, die fruchtbare Impulse für die Disziplin der historischen Bildungsforschung liefern kann, wie der Beitrag von Tewes verdeutlicht. In Anlehnung an Windheuser gilt es, die jeweiligen machtpolitischen Interessen in den Blick zu nehmen und die Kategorie gender insbesondere dort kritisch zu hinterfragen, wo durch die Trennung von sex und gender naturalistische Deutungsmuster die Deutungshoheit beanspruchen.

Insgesamt bot die Tagung nicht nur in thematischer Hinsicht für die Tagungsteilnehmer/innen wichtige Anregungen. Auch die positive Atmosphäre, die von einer gegenseitigen Wertschätzung und Anerkennung getragen wurde, ermöglichte konstruktive, offene und kritische Diskussionen, welche vielfältige Impulse für die eigene Forschungsarbeit lieferten. Es erging daher ein ganz besonderer Dank an Elke Kleinau und Wolfgang Gippert, die in Fortführung des jahrelangen Engagements von Pia Schmid nach deren Emeritierung in Halle diese Tagung erstmals in Köln ausrichteten. Alle Tagungsteilnehmer/innen formulierten ein großes Interesse an der Fortführung der Arbeitstagung.

Konferenzübersicht:

Jeanette Windheuser (Wuppertal): Feministische Wissenschaftstheorie, historische Bildungsforschung und erziehungswissenschaftliche Disziplingeschichte.

Pia Schmid (Frankfurt am Main / Halle): Antoinette Wilhelmine von Thielau (1767–1807) und ihr Erziehungsroman „Friederike Weiß und ihre Töchter“ (1805). Eine Spurensuche.

Elke Kleinau (Köln) / Lilli Riettiens (Köln): Natur in der deutschen Kolonialliteratur für Kinder.

Thorsten Fehlberg (Köln): „Raus aus der zweiten Reihe“ – NS - verfolgte Frauen und ihre Nachkomminnen in der politischen Bildung.

Johanna Tewes (Hamburg): Vergessene Frauen in der Historischen Kunstpädagogik.

Mareike Witkowski (Oldenburg): Die ‚geprüfte Hausgehilfin‘ – Debatten um die Professionalisierung von Hausangestellten (1918 bis 1960er Jahre).


Redaktion
Veröffentlicht am
05.09.2018
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