Handschrift im Druck. Annotieren, Kommentieren, Weiterschreiben (1500-1800)

Handschrift im Druck. Annotieren, Kommentieren, Weiterschreiben (1500-1800)

Organisatoren
Sylvia Brockstieger / Rebecca Hirt, SFB 933 „Materiale Textkulturen“, Teilprojekt B13: „Wissensordnung und Biographie: Kalkulierte Handschriftlichkeit in der gedruckten Wissensliteratur der Frühen Neuzeit“, Universität Heidelberg
Ort
hybrid (Heidelberg)
Land
Deutschland
Vom - Bis
23.09.2021 - 24.09.2021
Von
Paul Schweitzer-Martin, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München; Rebecca Hirt, SFB 933 „Materiale Textkulturen“, Teilprojekt B13, Universität Heidelberg

Die Tagung, im Hybridformat als Präsenztagung mit Online-Zuschaltung durchgeführt, untersuchte die Interaktion von handschriftlichen Eintragungen und gedrucktem Text von der Inkunabelzeit bis hin zum Ende der ‚langen‘ Frühen Neuzeit um Shakespeare und Goethe. Als Veranstaltung des von Sylvia Brockstieger geleiteten Projekts „Wissensordnung und Biographie: Kalkulierte Handschriftlichkeit in der gedruckten Wissensliteratur der Frühen Neuzeit“, das im Heidelberger SFB 933 „Materiale Textkulturen“ angesiedelt ist, schenkte die Tagung der Materialität der Artefakte besondere Beachtung. Interferenzphänomene von Handschrift und Druck sind im Zuge des ‚material turn‘ zwar zunehmend erforscht worden, jedoch lag der Fokus der Tagung auf einem spezifischen Phänomen, das bisher kaum Beachtung in der Forschung gefunden hat: handschriftliche Interventionen in Artefakten des Druckzeitalters der Frühen Neuzeit. Eine leitende Prämisse war, dass durch den handschriftlichen Eingriff in den gedruckten Text semantische Potentiale freigesetzt werden können. Ziel der Tagung war es, diese semantischen Potentiale aus verschiedenen Perspektiven interdisziplinär zu untersuchen. Es wurden daher verschiedene Funktionen und Phänomene der Handschriftlichkeit im Druck sowohl systematisch und diachron als auch anhand von Fallstudien vertiefend untersucht.

Der Fokus der Tagung lag auf Funktion und Bedeutung der Handschrift in Produktions- und Rezeptionsprozessen in gedruckten Texten der Frühen Neuzeit. Berührt wurden dabei Fragen nach kollektiver oder erweiterter Autorschaft, nach ‚reflektierter‘ Autorschaft (etwa im Fall der Selbstkorrektur) und nach einer Form von dynamischer Textkonzeption im Druckzeitalter sowie deren expliziter oder impliziter Reflexion. Zudem wurde die Bedeutungsverschiebung der Handschrift im Übergang von non-typographischer zu typographischer Gesellschaft deutlich.

In der ersten Sektion zeigten PAUL SCHWEITZER-MARTIN (Heidelberg) und SASKIA LIMBACH (Mailand) aus historischer Perspektive Formen und Funktionen von Handschriftlichkeit in den Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts auf. Der erste Vortrag konzentrierte sich auf Inkunabeln, also Drucke, die mit beweglichen Lettern vor 1501 gedruckt wurden. Wiegendrucke enthielten oftmals handschriftliche Elemente, die von der Rubrikation im Text bis hin zu Beschriftungen auf dem Fußschnitt reichten. Mit Blick auf ihre Funktionen teilte der Vortrag die Interventionen in vier Bereiche auf: Die Fertigstellung, das Verbessern und Ausbessern, die Nutzung und Ergänzung sowie zuletzt die Personalisierung der Drucke. Diese Kategorien sind nicht hierarchisch gedacht und schließen sich gegenseitig nicht aus. Der zweite Vortrag widmete sich Einblattdrucken von Disputationen, „Newe Zeytungen“ und Erlassen. Limbach betonte, dass in der Forschung beschriebene Drucke besonders für den Nachvollzug von kulturellen Praktiken und in der Leseforschung Interesse gefunden haben. Anhand der vorgestellten Einblattdrucke zeigte sie auf, dass durch die Handschrift Nachrichten kontextualisiert und kommentiert wurden. Druckwerke konnten aber auch als Korrekturvorlagen für neue Auflagen dienen. Beide Vorträge machten deutlich, dass es Fälle wie amtliche Schreiben, Ablassbriefe oder Erlasse gibt, in denen der Handschrift eine hohe Autorität zugemessen wird und diese den gedruckten Texten erst Gültigkeit verleiht. In diesen Fällen ist die Handschrift dem Druck hierarchisch übergeordnet.

Die zweite Sektion nahm eine philologische Perspektive ein. SHANTI GRAHELI (Glasgow) untersuchte handschriftliche Annotationen in Form von Übersetzungsangeboten und Vokabelangaben in italienischsprachigen Ausgaben von Petrarca (Canzionere) und Ariosto (Orlando furioso). Ziel war es, die Fremdsprachenaneignung und interkulturellen Austauscherfahrungen anhand der Leserspuren zu rekonstruieren. Auffällig sind die Vielfalt der Annotationsstrategien und die teils mehrsprachigen Annotationen innerhalb eines Textes, die im Falle der vorgestellten Beispiele wohl von jungen englischen Adligen stammten, die den Kontinent bereisten. MARA WADE (Urbana-Champaign) stellte ein 1574 gedrucktes Emblembuch vor, das Christian Weigel in den Jahren 1613 bis 1616 als Stammbuch nutzte. Darin finden sich zahlreiche Einträge, unter anderem von bekannten Persönlichkeiten wie Martin Opitz. Das Emblembuch wurde durchschossen und bot somit viel Platz für handschriftliche Einträge. Während die Mehrheit der Seiten leer blieb, zeigen die beschriebenen Durchschussseiten intensive Interaktionen zwischen den handschriftlichen Einträgen und den gedruckten Emblemen auf. Anhand des Eintrags von Valentin Ludovicus wurde die Interaktion exemplarisch untersucht: Ludovicus malt das Emblem nicht nur farbig aus, sondern interpretiert es in seinem handschriftlichen Eintrag und bezieht sich somit in seinem Gedicht direkt auf das Emblem. Im Fall des Stammbuches ist die Handschriftlichkeit auch ein Mittel der Personalisierung; die verschiedenen handschriftlichen Einträge von Weigels Bekannten wurden auf ihn und seine Lebensumstände angepasst.

Die dritte Sektion befasste sich mit Schreibkalendern der Frühen Neuzeit und war dem DFG-geförderten Projekt „Erschließung der handschriftlichen Einträge in frühneuzeitlichen Schreibkalendern mittels eines Repertoriums (circa 1540 bis 1800)“ gewidmet, das an der Universität Erlangen angesiedelt ist. KLAUS-DIETER HERBST (Erlangen) zeichnete kurz die Entstehung der Gattung der Schreibkalender um 1540 nach. Schreibkalender bestehen aus einem Kalendarium der zwölf Monate, in dem jeder Kalenderseite eine Schreibseite gegenübergestellt wird. Auf diesen Schreibseiten kann sich der Kalenderbesitzer handschriftlich eintragen und somit seine eigene Erfahrungswelt festhalten. Im Zentrum des Vortrags stand der Kalendermacher Bartholomaeus Scultetus (1540-1614). In seinen Kalendern finden sich immer wieder Einträge, in denen er die Gestaltung des Kalenders für den Folgejahrgang plant und Ergänzungen in der Legende sowie Korrekturen von Druckfehlern vornimmt. Anhand der Einträge lässt sich nachvollziehen, wie der Kalendermacher Jahr für Jahr um die richtige Gestaltung seines Kalenders rang und wie sich der Überarbeitungsprozess gestaltete. Im Anschluss stellte DANIEL BELLINGRADT (Erlangen) einige technische Aspekte des Datenbankprojekts vor. Er betonte dabei den hohen Quellenwert von Schreibkalendern und ihren Inhalten sowie ihre breite Rezeption in der Frühen Neuzeit. Bisher sei die Medien- und Kommunikationsgeschichte der Frühen Neuzeit ohne Berücksichtigung dieser wichtigen Gattung geschrieben worden. Die Datenbank dient der Erschließung dieser Quellen und ihrer Sichtbarmachung für Anschlussforschung.

Aus neugermanistischer Perspektive wurden in der vierten Sektion handschriftliche (Selbst-)Korrekturen und Widmungen in gedruckten Texten untersucht. REBECCA HIRT (Heidelberg) untersuchte Formen und Funktionen von Handschriftlichkeit im (Selbst-)Korrekturprozess. Anhand einiger überarbeiteten Seiten des Hausbuchs (Oeconomia) des Johann Coler, das erstmals 1593 erschien, konnten eindrücklich verschiedene Eingriffe in den Text bei der Vorbereitung der Neuauflage aufgezeigt werden. Dabei kann bei den handschriftlichen Interventionen zwischen formalen, sprachlichen und inhaltlichen Eingriffen unterschieden werden. Coler bearbeitete die Druckseiten mit Annotationen, Streichungen und Korrekturzeichen. Bei weiterreichenden Ergänzungen fügte er auch zusätzliche Seiten in das Konvolut ein. Hirt unterschied drei Funktionen von Handschriftlichkeit im Falle Colers: Die Handschrift diente zunächst der Bearbeitung bzw. der Korrektur, dann der Kommunikation im Publikationsprozess zwischen Autor und Drucker und zuletzt auch als Autorität in einem Rechtsstreit, in dem Colers Handschrift als Beweis für seine Arbeit am Text angeführt wurde. Das Beispiel machte deutlich, dass Handschriftlichkeit im Druck parallel verschiedene Funktionen übernehmen kann. CORINNA DZIUDZIA (Eichstätt-Ingolstadt) widmete sich der Konstitution ‚weiblicher Tradition‘ durch handschriftliche ‚Einschreibetätigkeit‘. Im Zentrum des Vortrags stand der Fund eines bisher unbekannten Gedichts von Anna Margareta Pfeffer auf dem Vorsatzblatt eines Exemplars des Gedichtbandes „Poetische Rosen in Knospen“ von Sidonia Hedwig Zäunemann. Im Wolfenbütteler Exemplar findet sich das im französischen Alexandriner verfasste Gedicht auf 26 mit Bleistift vorgezogenen Linien. Das Gedicht spielt auf die Texte der Poeta Laureata Zäunemann an und artikuliert gleichzeitig das eigene Streben Pfeffers, selbst als Dichterin gekrönt zu werden, was ihr später auch gelang. Die handschriftliche Eintragung des Gedichts in einen gedruckten Band wird so zur Quelle weiblicher Traditionsbildung und zeigt bisher kaum nachvollziehbare Verknüpfungen und Gruppenzugehörigkeitsgefühle von Autorinnen der Frühen Neuzeit auf.

Die letzte Sektion befasste sich aus neugermanistischer und anglistischer Perspektive mit Shakespeare-Rezeption und schließlich mit Goethe als prüfenden Leser. TIM SOMMER (Edinburgh / Heidelberg) zeichnete zunächst die handschriftliche Kultur des Theaters zur Zeit Shakespeares nach. Davon ausgehend untersuchte er handschriftlich gefälschte Marginalien und Annotationen im Druck. Beispielsweise wurden Baldassare Castigliones „The Courtier“ von William Henry Ireland mit vermeintlichen Einträgen Shakespears versehen; im gedruckten Text finden sich zahlreiche gefälschte Marginalien. Die Beweggründe für die Fälschung waren vielfältig, beispielweise wurde durch die Handschrift die Authentifizierung des Drucktextes erhofft. Tim Sommer zeigte auf, wie die ‚forensische Philologie‘ als Werkzeug zur Identifikation solcher Fälschungen dienen kann. ASTRID DRÖSE (Tübingen) widmete sich anhand der Wolfenbütteler Bände Cod. Guelf. 718-739 der Shakespeare-Übersetzung vom Englischen ins Deutsche. Der Philologe Johann Joachim Eschenburg nutze ein durchschossenes Exemplar der Shakespeare-Übersetzung von Christoph Martin Wieland als Grundlage für seine eigene Übersetzung. Das durchschossene Buch stellt eine Buchform dar, die in der Frühen Neuzeit sowohl im privaten Bereich als auch im Unterricht und für Redaktionstätigkeiten genutzt wurde. Bei Eschenburgs durchschossenem Exemplar handelt es sich um eine Arbeitsstufe in der Werkgenese. Die Handschrift ist dabei in erster Linie rein funktional und Mittel zum Zweck; das Ziel ist der fertige Drucktext. Trotzdem kann anhand der Handschrift der Bearbeitungsprozess von Eschenburg nachvollzogen werden. Auffällig ist, dass keine Medienkonkurrenz stattfindet, sondern es sich bei der handschriftlichen Bearbeitung des Drucktextes um eine intermediale Stufe der Werksgenese handelt.

Für Goethes Schriften ist eine komplexe Überlieferungslage typisch. Dies rührt zunächst von den zahlreichen überlieferten gedruckten Ausgaben her. GERRIT BRÜNING (Weimar) zeigte auf, dass auch handschriftliche Bearbeitungen an den Drucken von Goethes Hand diesen Umstand weiter verkomplizieren. Zum einen korrigierte der Dichter seine Texte grammatikalisch; beispielsweise änderte er den Kasus einzelner Wörter oder das Tempus in seinen Texten. Zum anderen wurden ganze Formulierungen handschriftlich überarbeitet. Die Handschrift nimmt also auch in diesem Fall vor allem eine Korrekturfunktion ein. Die handschriftlichen Überarbeitungen des Autors werfen beim Erstellen von textkritischen Ausgaben jedoch Fragen und Probleme auf. Zeitgenössisch wie auch heute wird diesen handschriftlichen Überarbeitungen, obwohl sie vom Autor selbst stammen, nicht zwingend die höchste textuelle Autorität zugesprochen; sie wurden oftmals nicht in den Druck übernommen.

Die Vorträge der Tagung haben gezeigt, dass für die ‚lange Frühe Neuzeit‘ nicht von einem linear verlaufenden Übergang von der Hand- zur Druckschriftlichkeit gesprochen werden kann, sondern dass vielmehr beide Arten der Textproduktion ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen. Es wurde sehr deutlich, dass die Einzelfälle sehr unterschiedlich gelagert sind und oftmals keine Medienkonkurrenz zwischen Handschrift und Druck vorliegt. Handschrift kann als Autorisierungsstrategie auftreten, gedruckte Texte vervollständigen, diese weiterentwickeln, aber ebenso kommunikative Funktionen einnehmen. Auch die Frage der Hierarchisierung zwischen Handschrift und Druck muss differenziert betrachtet und kann nicht pauschal bewertet werden.

Zudem wurde deutlich, dass Handschriftlichkeit im Druck auf einer praktischen Ebene vielmals als Störfaktor wahrgenommen wird. So werden bei der Digitalisierung bevorzugt „saubere“ Exemplare von Druckwerken berücksichtigt. Auch die Katalogisierungspraxis der meisten Bibliotheken macht es schwierig, solche Exemplare zu identifizieren, die handschriftliche Interventionen beinhalten oder durchschossen sind. Beides wird in vielen Katalogen und Datenbanken nicht gesondert erfasst, so dass quantitative Aussagen zu beiden Phänomenen selten getroffen werden können.

Konferenzübersicht:

Sylvia Brockstieger / Rebecca Hirt (Heidelberg): Begrüßung

Sektion I
Moderation: Matthias Kuhn (Heidelberg)

Paul Schweitzer-Martin (Heidelberg): Handschriftliche Elemente im Inkunabeldruck

Saskia Limbach (Mailand): Signed, Sealed, Delivered. Die Bedeutung der Handschrift in amtlichen Drucken 1450–1600

Sektion II
Moderation: Sylvia Brockstieger (Heidelberg)

Shanti Graheli (Glasgow): Learning the Italian canon: Petrarch and Ariosto annotated by foreign readers in the early modern age

Mara Wade (Urbana-Champaign): The Emblem Book Customized as a Stammbuch: Valentin Ludovicus’ Entry into the Album of Christian Weigel

Sektion III
Moderation: Dirk Werle (Heidelberg)

Klaus-Dieter Herbst (Erlangen): Das Ringen um die richtige Gestalt in Form und Inhalt bei dem Hervorbringen einer neuen Kalenderreihe

Daniel Bellingradt (Erlangen): Digitalisierte Schreibkalender: Kontexte und Perspektiven einer Datenbank mit handschriftlichen Einträgen in Schreibkalendern

Sektion IV
Moderation: Uwe M. Korn (Heidelberg)

Rebecca Hirt (Heidelberg): Formen und Funktionen von Handschriftlichkeit im (Selbst-) Korrekturprozess. Handschriftliche Korrekturen in Johann Colers Oeconomia

Corinna Dziudzia (Eichstätt-Ingolstadt): Inscribed Female Tradition: German Poets Laureate of the Early Enlightenment

Sektion V
Moderation: Katharina Worms (Heidelberg)

Tim Sommer (Heidelberg / Edinburgh): Shakespeare zwischen Handschrift und Druck: Frühneuzeitliche Autorschaft und forensische Philologie (um 1600/um 1800)

Astrid Dröse (Tübingen): Durchschossener Hamlet – Shakespeare-Übersetzungen im 18. Jh. zwischen Handschrift und Druck (Wieland, Eschenburg)

Gerrit Brüning (Weimar): Goethe als prüfender Leser seiner Gedichte. Handschriftliches in der gedruckten Überlieferung


Redaktion
Veröffentlicht am
14.12.2021
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Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung
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