HT 2021: Wissenschaftliche Zeitschriften in der Krise?

HT 2021: Wissenschaftliche Zeitschriften in der Krise?

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Ort
hybrid (München)
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.10.2021 - 08.10.2021
Von
Marcel Bubert, Historisches Seminar, Universität Münster

Zu Beginn der Diskussionsrunde führte der Organisator FRANK REXROTH (Göttingen) in die Thematik ein und erörterte Gründe, die sich für die Feststellung einer Krise der Zeitschriften anführen ließen. Während das Publizieren in wissenschaftlichen Zeitschriften einst eine Strategie zügiger Veröffentlichung gewesen sei, habe sich die Situation in der digitalen Welt grundlegend geändert. Mit digitalen Formaten könne die gedruckte Zeitschrift in dieser Hinsicht nicht mehr mithalten. Damit einhergehend seien die Budgets zur Anschaffung von Zeitschriften in Bibliotheken zunehmend verringert worden. Schließlich habe sich besonders in Deutschland das Einwerben von Beiträgen als neuartiges Problem von Redaktionen ergeben, während man sich in anderen Wissenschaftskulturen mitunter vor Einreichungen kaum retten könne.

Das erste Statement wurde daraufhin von RUDOLF STICHWEH (Bonn) vorgetragen, der zunächst eine Soziologie der wissenschaftlichen Publikation entwarf. Die Publikation sei die wichtigste Form der Selbstorganisation des Wissenschaftssystems, insofern sie das zentrale Mittel der Partizipation an Systemoperationen darstelle. So wie die Wirtschaft aus Zahlungen und die Religion aus Opfergaben und Gebeten bestehe, so die Wissenschaft aus Publikationen. Dementsprechend würde die Inklusionsform der Wissenschaft anhand des Adressatenkreises der Publikation erkennbar: alle Leser:innen seien auch potentielle Autor:innen. Dabei bewerkstellige die Praxis der Zitation eine Einheit von Information (über Inhalte) und Anerkennung der Ergebnisse anderer Forscher:innen. Publikationen seien schließlich Medien von Innovationsversuchen sowie der Individualisierung des Erkenntnisgewinns.

Den Aspekt der Selbstorganisation des Wissenschaftssystems griff BARBARA STOLLBERG-RILINGER (Berlin) auf, die dabei den Unterschied zwischen Zeitschriften und Sammelbänden hervorhob. Sie bestätigte den Befund, dass besonders in Deutschland Schwierigkeiten bestünden, gute Beiträge für Zeitschriften zu gewinnen, während im Ausland mitunter eine Flut von Zeitschriftenpublikationen zu konstatieren sei. Sie warf die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, wenn doch Zeitschriften eine so wichtige Rolle in der Selbstorganisation der Wissenschaften spielten. Für Stollberg-Rilinger hängt dies in maßgeblicher Weise mit dem System der Drittmittelforschung zusammen: Drittmittelprojekte würden die Publikation von Sammelbänden forcieren, da die Produktivität der Projekte primär auf diesem Wege nachgewiesen werde. Dabei sei jedoch festzustellen, dass die Beiträger:innen häufig nur das reproduzierten, was sie bereits in anderen Veröffentlichungen, vor allem den Qualifikationsschriften, ausgeführt hätten. Da jedoch sowohl die Herausgeber:innen als auch die Verlage gleichermaßen ein Interesse an der Publikation haben, werde die Produktion von Sammelbänden unumgänglich, wodurch die Zeitschriften auf der Strecke blieben. Gleichzeitig werde der quantitative Publikationsdruck auf Nachwuchswissenschaftler:innen durch dieses System erhöht.

Der Situation in Deutschland stellte JULIA HILLNER (Bonn) die Lage in Großbritannien gegenüber. Dort sei das System der Forschungsevaluation sehr ausgeprägt, in dem Veröffentlichungen zur Lektüre durch ein Gremium eingereicht werden müssten. Da es sich dabei vor allem um Zeitschriftenartikel handele, werde die Publikationspraxis für Zeitschriften stark befördert. Das Peer-Review-Verfahren würde wiederum dadurch gestärkt, dass die Gutachtertätigkeit vorteilhaft für den Lebenslauf sei. Gerade aufgrund der zahlreichen Beiträge, die eingereicht würden, sei das Verfahren jedoch sehr langwierig geworden. Ein zentrales Diskussionsthema sei zudem inzwischen die Diversity der Beiträger:innen. Hier gebe es starke Bestrebungen, nicht nur weiße und männliche Autoren zu finden. Gleichwohl seien weibliche Autorinnen nach wie vor in der Minderheit. Nicht anglophone Beiträge in den anglophonen Zeitschriften würden schließlich oft aufgrund mangelnder Sprachkompetenz sowie aufgrund verschiedener Vorstellungen über Standards der Argumentation und Evidenzproduktion abgelehnt.

Die Perspektive des wissenschaftlichen Nachwuchses wurde durch JAN-HENDRYK DE BOER (Duisburg-Essen) vertreten, der zunächst der Einschätzung von Barbara Stollberg-Rilinger zustimmte: Als Nachwuchswissenschaftler:in habe man kaum Zeit für Zeitschriftenartikel, weil man permanent mit der Produktion von Sammelbandbeiträgen befasst sei. De Boer skizzierte daraufhin mögliche Alternativen zu Sammelbänden. Diese könnten etwa in kollaborativen Aufsätzen bestehen, die von den Tagungsteilnehmer:innen gemeinsam verfasst werden. Da dieses Format weniger Zeit und Aufwand erfordert, wäre es geeignet, Ressourcen freizusetzen. Wie de Boer ausführte, stünden gerade Nachwuchswissenschaftler:innen einerseits unter enormem Druck, hätten aber gleichzeitig andererseits keinerlei Einfluss auf die Regeln und Abläufe des Systems. Besonders in frühen Karrierephasen würden die Regeln noch gar nicht durchschaut. Eine Partizipation von Nachwuchswissenschaftler:innen würde hingegen zu einer Veränderung der Machtverhältnisse führen. Wissenschaft sei zudem in jüngerer Zeit stark monologisch geworden. Nur bekannte Autor:innen würden zur Kenntnis genommen, während jüngere Wissenschaftler:innen meist kaum oder stark verspätet rezipiert würden. Auch Zeitschriften seien nicht dialogisch aufgebaut. Es gebe jedoch durch die Digitalisierung Optionen, Zeitschriften als Debattenorte wiederzuentdecken, indem Reaktionsmöglichkeiten geschaffen würden, um von einer monologischen zu einer stärker dialogisch strukturierten Wissenschaft zu kommen.

Die Perspektive der Verlage wurde schließlich von MARTIN RETHMEIER (München) vertreten. Wie Rethmeier konstatierte, bestehe seit ca. 15 Jahren eine neuartige Krise. Die Rolle der Zeitschriften habe sich durch die Digitalisierung stark verändert, da sie von einer Vielzahl anderer Publikationsmöglichkeiten flankiert würden. Dabei würden die Aufgaben der Zeitschriften zunehmend von anderen Formaten übernommen, die sich durch größere Geschwindigkeit auszeichnen. Die Zahl der Subskriptionen sei bei Zeitschriften stark rückläufig, was durch Online-Abonnements nicht zu kompensieren sei. Rethmeier zufolge müssten die Verlage offen für neue Foren und Formen sein. Eine Diskussion über eine Erneuerung der Zeitschriften sei bereits im Gange, bei der es auch um eine stärker dialogische Gestaltung gehe. Dieser Prozess sei jedoch von langer Dauer. Die Verlage sollten darauf achten, wie Rethmeier abschließend forderte, aktive Akteure und nicht Getriebene in diesem Prozess zu sein.

In der anschließenden Diskussion wurden erneut die Unterschiede zwischen Zeitschriften und Sammelbänden zur Sprache gebracht. Wie Barbara Stollberg-Rilinger betonte, würden innovative Forschungsergebnisse aufgrund der höheren Qualitätsstandards eher in Zeitschriften veröffentlicht. Julia Hillner warf daraufhin die Frage auf, ob das Peer-Review-System auch für Sammelbände eingeführt werden sollte. Stollberg-Rilinger hielt entgegen, dass dies nicht den Interessen der Beteiligten entsprechen würde. Zeitschriften sollten vielmehr proaktiv Forschungsüberblicke in Auftrag geben, da niemand mehr Zeit habe, die Flut von Sammelbänden zu rezipieren. Zudem stelle die Vorgabe der DFG, bei Anträgen nur zehn oder fünf wichtige Publikationen zu nennen, einen wichtigen Schritt von der Quantität zur Qualität von Veröffentlichungen dar. Julia Hillner bestätigte, dass auch in Großbritannien Misstrauen gegenüber dem Peer-Review-Verfahren bei Sammelbänden herrsche. In Journals werde die Politik des Peer Review offengelegt (Double-Blind-Verfahren etc.), während dies bei Sammelbänden undurchsichtig bleibe. Martin Rethmeier wies hingegen darauf hin, dass es Peer Review sehr wohl auch bei Sammelbänden gebe, nämlich durch die Herausgeber:innen und durch die Verlage. Aber es sei dabei natürlich schwieriger, Beiträge auszusortieren und abzulehnen. Es gebe allerdings durchaus auch ein Bestreben seitens der Verlage, von Sammelbänden wegzukommen, da diese von den Bibliotheken meist nicht angeschafft würden. Daraus ergebe sich für die Verlage ein grundsätzliches Problem: Sie müssten eine gewisse Menge an Publikationen anbieten, um Programmplätze zu füllen, was zur bereitwilligen Annahme von Sammelbänden führe – verkauft würden diese jedoch kaum.

Jan-Hendryk de Boer warb daraufhin erneut für kollaborative Aufsätze als Alternative zum Sammelband. Hierfür gebe es Vorbilder in anderen Wissenschaftskulturen. Ein solches Format könne zur Auflockerung des konservativen deutschen Systems beitragen. Zudem unterstrich de Boer die Notwendigkeit, eine Debattenkultur in den Zeitschriften zu fördern. Themenhefte könnten dazu eine Möglichkeit sein. Bei diesem Format würde vorab ein Konzept verschickt, auf das die Autor:innen ihre Beiträge ausrichten, die anschließend von allen Beteiligten vor der Publikation diskutiert würden. Allerdings würde dieses Verfahren das (eher unbeliebte) Zirkulieren von unfertigen Manuskripten notwendig machen. Dennoch würde es dadurch möglich, Bezüge zwischen den Texten herzustellen und die kritischen Reaktionen der anderen Autor:innen zu berücksichtigen. Eine andere Option bestünde nach de Boer darin, in den Zeitschriften Reaktionsmöglichkeiten der Leser:innen zu etablieren.

Im von TERESA SCHRÖDER-STAPPER (Duisburg-Essen) betreuten Chat wurde angemerkt, dass die Vorherrschaft und das Gewicht der Habilitationsschrift im deutschen System die Produktion von hochwertigen Zeitschriftenbeiträgen erschwere. Julia Hillner fügte dem hinzu, dass die Monographie in Großbritannien deutlich weniger zähle. Eine feste Stelle würde dort mitunter allein durch Zeitschriftenbeiträge erreicht. Barbara Stollberg-Rilinger hob hingegen hervor, dass es dabei gewichtige Unterschiede zwischen verschiedenen Disziplinen gebe: In der Geschichtswissenschaft gehe es um die Bewältigung großen empirischen Quellenmaterials. Dazu aber sei das Buch als Format notwendig. Große Quellenbestände seien in Aufsätzen nicht zu bewältigen. Frank Rexroth unterstrich die unterschiedlichen Kriterien der Wissenschafts- und Fachkulturen. Diese könnten mitunter dazu führen, dass Leistungen in anderen Systemen bei Bewerbungen nicht entsprechend gewürdigt würden. Eine Kommission könnte etwa Wert auf große empirische Studien legen. Der Druck auf Promovierende, möglichst früh Aufsätze zu publizieren, könnte hingegen auch zu Schnellschüssen führen.

Gegen Ende der Diskussion kam Barbara Stollberg-Rilinger erneut auf das Verhältnis von Printmedien und digitalen Formaten zu sprechen, indem sie auf die Konkurrenz der gedruckten Publikationen mit digitalen Blogs verwies. Ausgehend von der Beobachtung, dass bei Blogs oder auch Wikipedia bislang deutlich weniger „Gate Keeping“ auszumachen sei, warf sie die Frage auf, inwieweit es zu einer Entdifferenzierung führen könnte, wenn Blogs nun auch strengere Kontrollen und Standards etablierten. Im Hinblick auf die eingangs von Rudolf Stichweh erörterte Rolle von wissenschaftlichen Publikationen als primären Medien der Operationen des Wissenschaftssystems könnte eine solche Entwicklung eine Aufweichung der Grenzen der Wissenschaft bewirken. Rudolf Stichweh entgegnete, dass er eine derartige Tendenz zur Entdifferenzierung nicht sehe. Bei digitalen Formaten werde die Qualitätskontrolle auf anderem Wege, nämlich durch die Leser:innen bewerkstelligt. Jede:r könne publizieren, auf die Gefahr hin, sich zu blamieren. Nach Frank Rexroth setzt dies gleichwohl eine grundlegende Vorsortierung von Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft voraus, die eine solche Differenz stabilisiere. Eine Verwischung dieser Grenze könne hingegen weitreichende Folgen haben.

Die wichtigsten Aspekte des gemeinsamen Gesprächs wurden abschließend durch den Organisator und die Diskussionsteilnehmer:innen zusammengefasst. Dabei wurden die Unterschiede zwischen verschiedenen Wissenschaftskulturen, die Herausforderungen der Digitalisierung, die Verhältnisse der jeweiligen Formate zueinander sowie die Perspektiven der Zeitschriften, auf diese Entwicklungen zu reagieren, als wichtige Punkte einer lebendigen Diskussion benannt, welche die Frage nach einer gegenwärtigen Krise der Zeitschriften aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten und Ausblicke auf künftige Optionen von Zeitschriften erörtern konnte.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Frank Rexroth, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Teilnehmer:innen:

Rudolf Stichweh (Bonn); Martin Rethmeier (München); Jan-Hendryk de Boer (Duisburg-Essen); Barbara Stollberg-Rilinger (Berlin); Julia Hillner (Bonn)


Redaktion
Veröffentlicht am
11.12.2021
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