HT 2021: Neue Konzepte für ein altes Problem – befristete Verträge und Karrierewege

HT 2021: Neue Konzepte für ein altes Problem – befristete Verträge und Karrierewege

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Ort
hybrid (München)
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.10.2021 - 08.10.2021
Von
Frank Kell, Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V., Geschäftsstelle, Frankfurt am Main

Eine Mehrheit der Geisteswissenschaftler:innen ist mit den Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft nicht zufrieden. Der Unmut über die strukturellen Probleme des Wissenschaftssystems, die insbesondere in befristeten Anstellungsverhältnissen und ungewissen Karriereaussichten hervortreten, schwelt seit langem und ist vielfach artikuliert. Wissenschaftsverbände und Wissenschaftler:innen haben in den vergangenen Jahren auf verschiedene Weise eine fundierte und erfahrungsgesättigte Kritik formuliert, zuletzt vor allem auf Twitter unter dem Hashtag #IchBinHanna. Strittig scheint nicht die Frage, ob sich etwas verändern muss, sondern wie Lösungsmöglichkeiten und Auswege konkret aussehen können, um die Situation hochqualifizierter aber prekär arbeitender Wissenschaftler:innen zu verbessern und ihre Potentiale in Forschung und Lehre zu sichern.

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V. (VHD) hat aus der spezifischen Sichtweise der Geschichtswissenschaft die Resolution „Die Berufswege promovierter Historikerinnen und Historiker in der Wissenschaft besser gestalten“ verabschiedet.[1] Diese Resolution, die vom VHD-Unterausschuss „Befristete Arbeitsverhältnisse und Karrierewege in der Forschung“ erarbeitet worden war, wurde auf der Podiumsdiskussion „Neue Konzepte für ein altes Problem – befristete Verträge und Karrierewege“, die im Rahmen des 53. Deutschen Historikertags am 5. Oktober 2021 stattfand, diskutiert.

EVA SCHLOTHEUBER (Düsseldorf) und FRANK BÖSCH (Potsdam) stellten zunächst Genese, Inhalt und Stoßrichtung der Resolution vor. Als Grundproblem identifiziert die Resolution prekäre, kurzzeitig befristete Post-Doc-Stellen an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die durch einen hohen Anteil an Drittmittelforschung und eine Abnahme von haushaltsfinanzierten Stellen entstanden seien. Dies gefährde die Qualität historischer Forschung, beeinträchtige die Planbarkeit von Karrierewegen und mindere die Attraktivität des Fachs und der Wissenschaft insgesamt. Der VHD trete dagegen für einen notwendigen Reformprozess und Systemwandel des Wissenschaftssystems ein und fordere von den wissenschaftspolitischen Verantwortungsträgern auf Instituts-, Fakultäts-, Universitäts-, Landes- und Bundesebene, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Zukunftschancen promovierter Historikerinnen und Historiker in der Wissenschaft angemessen zu sichern. Das Ziel der Resolution sei es, zu Grundlinien innerhalb des Fachs zu kommen, um nach außen hin dialogfähig zu sein und eine gemeinsame Perspektive der Geisteswissenschaften in den Reformprozess einzubringen.

In der Resolution werden handlungsleitende Grundsätze für eine vielfältige und nachhaltige Gestaltung von Berufswegen für Historikerinnen und Historiker im Wissenschaftssystem definiert. Der Einstieg in kalkulierbare akademische Forschung und Lehre sollte demnach, auch unter Gleichstellungsgesichtspunkten, früher als bisher erfolgen und Wissenschaftskarrieren in höherem Maße Historiker:innen unterschiedlicher Herkunft offenstehen. Die Stellenstrukturen an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sollten zugunsten einer größeren Zahl entfristeter Stellen verändert und die Stellenprofile den gewandelten Anforderungen und Aufgabenstellungen für das Fach, insbesondere durch Digitalisierung und Forschungstransfer, angepasst werden. Über diese Grundsätze hinaus werden in der Resolution konkrete Vorschläge formuliert, die für das Fach zukunftsreiche Perspektiven bieten. Dazu zählen u. a. die transparente Ausschreibung von Post-Doc-Stellen und deren Vergabe durch qualifizierte Gremien, die verstärkte Einrichtung von Juniorprofessuren mit Tenure Track, die Entwicklung unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse auch unterhalb der Professur sowie die Abschaffung des Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG).

KATHRIN MEIßNER (Berlin) betonte in ihrem Statement „Das promovierte Prekariat“, dass es auch ein kulturelles Umdenken braucht, um die dringend notwendigen strukturpolitischen Reformen des Wissenschaftssystems nachhaltig auf den Weg zu bringen. Langfristige wissenschaftliche Qualität, so Meißner, könne nur durch planbare, individuell zugeschnittene Karrierewege und Lebensplanung sowie eine wertschätzende und inklusive Wissenschaftskultur erreicht werden. Dafür sei neben der Mobilisierung des akademischen Mittelbaus die Solidarisierung und das gemeinsame Handeln aller Wissenschaftler:innen notwendig. Der vieldiskutierte Begriff des „wissenschaftlichen Nachwuchses“ müsse endlich abgelegt und sich von der fatalen Vorstellung gelöst werden, entfristet angestellte Wissenschaftler:innen leisteten weniger oder arbeiteten weniger innovativ. Auch intersektionale Ungleichheiten, die an Universitäten und Forschungseinrichtungen viel zu häufig reproduziert würden, müssten eine stärkere Beachtung finden. Qualifikationskriterien sollten transparenter und individuelle Schwerpunktsetzungen in Forschung und Lehre möglich gemacht werden.

Zu einer Enthierarchisierung der Lehrstühle und einer gleichzeitigen Flexibilisierung von Karrierewegen entlang individueller Forschungs- und Lehrprofile könne nach Meißners Einschätzung auch eine reformierte Personalstruktur, zum Beispiel nach dem Department-Modell, beitragen.[2] In den weiteren Diskussionsprozess sollten auch erste Erprobungen von Reformmodellen einfließen, wie zum Beispiel die Einführung von Lecturer- und Researcher-Stellen an der Universität Bremen oder Erfahrungen mit dem aktuellen Berliner Hochschulgesetz, das zeige, dass es rechtliche Möglichkeiten zu einer dauerhaften Entfristung gäbe. Entfristung müsse nicht zwangsläufig zu höheren finanziellen Kosten an den Hochschulen und zur Blockierung der Zugänge für künftige Generationen führen.[3] Schlotheuber ergänzte, dass dabei passgenaue Lösungen für die diversen Personalstrukturen an den Instituten und Seminaren möglich bleiben müssen.

SEBASTIAN KUBON (Hamburg) würdigte die Resolution als Chance, das Problem der prekären Arbeit in der Wissenschaft sowie Lösungsmöglichkeiten und Auswege zukünftig noch stärker in die Politik zu tragen.[4] Kritisch sah er, dass in der Resolution an dem „zweiten Buch“ als Voraussetzung für eine unbefristete Professur festgehalten wird: „Wenn immer nur auf die große Monographie als Goldstandard fokussiert wird, dann werden andere und vor allem digitale Formen der Historiographie abgewertet, die dann in Kommissionen als wenig relevant angesehen werden.“ Hinter den Fragen von Qualitätsstandards und Anerkennungsweisen stünden Grundsatzfragen über das Selbstverständnis des Fachs: „Was für eine Geschichtswissenschaft stellen wir uns für die nächsten zehn/zwanzig Jahre vor? Ist sie auf das Medium Buch beschränkt oder medial wesentlich offener?“ Laut Kubon bieten die neuen Medien eine große Chance, die Geschichtswissenschaft zu modernisieren, ihr eine stärkere Wirkmacht in die Gesellschaft zu verschaffen und nicht zuletzt wieder mehr Studierende anzuziehen. Transmediale Historiographien, Digitalisierungsfragen und Transfer, Wissenschaftskommunikation und Public Humanities müssten von entfristeten spezialisierten Historiker:innen bestritten werden – dann aber auch karriererelevant sein. Auch Schlotheuber und Bösch betonten, dass die neuen Möglichkeiten des digitalen Wandels Teil der Diskussion über Karrierewege in der Wissenschaft sein müssen. Sie verwiesen auf die wichtige laufende Debatte über die Fragen, mit welchem „Handwerkszeug“ Geschichtsstudierende in ihrer Ausbildung künftig ausgestattet werden sollten und wie digitale Projekte stärker in den fachwissenschaftlichen Diskurs eingebracht werden können.[5]

LUTZ RAPHAEL (Trier) unterstrich, dass es zukünftig die Aufgabe des VHDs und anderer Fachverbände sein müsse, das Thema auf den verschiedenen Entscheidungsebenen und bei den verschiedenen Adressaten auf der Agenda zu halten. Ein nächster Schritt werde die anstehende Novellierung des WissZeitVG sein, das mit der sogenannten 12-Jahres-Regel den harten Rahmen für Karrierewege in der Wissenschaft bilde und gegen das sich zahlreiche geisteswissenschaftliche Fachverbände positioniert haben.[6] Das übergeordnete Ziel künftigen Handelns, so Raphael, sollte die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung von Forschungsqualität durch gute Arbeitsbedingungen sein. Der VHD stehe dabei vor der Herausforderung, verschiedene legitime Gruppeninteressen innerhalb des Faches zusammenzubringen und gleichzeitig die übergreifende Fachperspektive auf Forschungsqualität und Innovationszyklen mit Selbstbewusstsein in die wissenschaftspolitische Debatte einzubringen. Mit Blick auf die Unsicherheiten, welche die aktuelle Novelle des Berliner Hochschulgesetzes an den Universitäten erzeugt habe, sei zudem wichtig, mögliche negative Nebenfolgen des angestoßenen Reformprozesses im Blick zu behalten.

Während der Podiumsdiskussion hatte das Publikum die Möglichkeit sich über eine Chatfunktion einzubringen. Die so übermittelten über 50 Anmerkungen und die Diskussion auf Twitter unter dem Hashtag #vhdresolution warfen folgende weitere Fragen und Bezugsfelder auf:

- Wie können Karrierewege und Stellenprofile in der Geschichtswissenschaft effektiv diversifiziert werden? In welchen Formaten wollen Historiker:innen neben der traditionellen Monografie und dem etablierten Fachaufsatz künftig ihre Forschungsergebnisse präsentieren und diskutieren? Nach welchen Kriterien soll die Forschungsqualität künftig gemessen werden? Welche Erfahrungen haben andere Disziplinen und internationale Geschichtswissenschaften mit bestimmten Publikationsformaten gemacht und inwiefern können diese der Geschichtswissenschaft als Vorbild dienen?

- Welche Rolle sollte die Qualität der Lehre, internationale Kontakte, Interdisziplinarität oder andere Kriterien bei der Beurteilung von Forschungsleistungen spielen? Was sind realistische Zeiträume für Qualifikationsleistungen? Wie kann der Wunsch nach akademischer Mobilität und die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie zusammengebracht werden? Wie können Berufungs- und Entfristungsverfahren insgesamt beschleunigt werden?

- Welche Folgen hätte die in der Resolution vorgeschlagene Ausweitung der Juniorprofessuren mit Tenure Track für Wissenschaftler:innen, die sich aktuell in Habilitationsverfahren befinden und wie wäre mit dieser Herausforderung generationengerecht umzugehen? Welche arbeitsrechtlichen Formen können neben der Juniorprofessur attraktive Karrierewege in der Wissenschaft eröffnen?

- Müsste eine frühzeitige Entfristung und eine daraus folgende Arbeitsplatzsicherheit bis zur Pensionierung gegenüber anderen Berufsfeldern, in denen diese Sicherheit häufig nicht existiert, in besonderer Weise begründet werden?

- Welche Verantwortung kommt den Universitäten bei der Personalentwicklung und -führung zu?

- Was sind die jeweiligen Ansprechpartner:innen der in der Resolution attestierten Problemlagen und vorgeschlagenen Lösungswege und nach welcher Priorität wären diese zu adressieren? Wie stark können beispielsweise fachinterne Umstrukturierungen überhaupt wirken, solange die Hochschulen unterfinanziert bleiben?

Diese einzelnen Aspekte einer komplexen Gesamtlage zeigen, dass die Resolution des VHD neben ihrer politischen Funktion nach außen auch den Anschlusspunkt für weitere vertiefende Diskussionen nach innen bilden sollte. In der Podiumsdiskussion ist deutlich geworden, dass es eben auch die Rahmenbedingungen des Fachs und die fachinterne Wissenschaftskultur sind, die mit dem Problem befristeter Verträge und Karrierewege in der Wissenschaft zur Debatte stehen. Diesen inneren Selbstverständigungsprozess voranzubringen und gleichzeitig gemeinsame Forderungen wirksam an den verschiedenen Stellen zu platzieren, so Raphael resümierend, sei eine zentrale Aufgabe des VHD in den kommenden Jahren.[7]

Etwa 200 Besucher:innen griffen auf die Veranstaltung zu, die live im „LMU-Stream“ des Historikertages auf der Konferenzplattform übertragen wurde. Eine Video- und Audioaufzeichnung steht auf L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung bereit.[8] Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat konnte leider nicht wie geplant an der Podiumsdiskussion teilnehmen. Die Resolution wurde auf der VHD-Mitgliederversammlung am 8. Oktober 2021 mit großer Mehrheit verabschiedet.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Eva Schlotheuber (Düsseldorf)

Moderation: Frank Bösch (Potsdam)

Sebastian Kubon (Hamburg)

Kathrin Meißner (Berlin)

Lutz Raphael (Trier)

Anmerkungen:
[1] Resolution „Die Berufswege promovierter Historikerinnen und Historiker in der Wissenschaft besser gestalten“, 8. Oktober 2021: https://www.historikerverband.de//fileadmin/_vhd/Offene_Briefe_und_Stellungnahmen/2021-10-08_Resolution_VHD_Befristungen.pdf (22.12.2021).
[2] Jule Specht / Christian Hof / Julia Tjus / Wolfram Pernice / Ulrike Endesfelder: Departments statt Lehrstühle. Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft (Debattenbeitrag der AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie), Berlin 2017: https://www.diejungeakademie.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/aktivitaeten/wissenschaftspolitik/stellungsnahmen_broscheuren/JA_Debattenbeitrag_Department-Struktur.pdf (22.12.2021).
[3] Netzwerk „Gute Arbeit in der Wissenschaft“: Personalmodelle für Universitäten in Deutschland. Alternativen zur prekären Beschäftigung, Berlin 2020: https://mittelbau.net/wp-content/uploads/2020/11/Personalmodelle_final.pdf (22.12.2021).
[4] Verschriftlichung des Statements von Sebastian Kubon:
https://zeitgeschichte-online.de/kommentar/die-berufswege-promovierter-historikerinnen-der-wissenschaft-besser-gestalten (22.12.2021).
[5] Zum Beispiel in der Konsortialinitiative NFDI4Memory: https://4memory.de/task-areas/task-area-5-data-culture/ (22.12.2021).
[6] Erklärung von Wissenschaftsverbänden zur Prekarität wissenschaftlicher Laufbahnen und #IchBinHanna „Wissenschaftszeitvertragsgesetz abschaffen – Grundfinanzierung der Universitäten stärken“, 29. Juni 2021: https://www.historikerverband.de//fileadmin/_vhd/Offene_Briefe_und_Stellungnahmen/2021-09-02_WissZeitVG_Erkl%C3%A4rung_der_Verb%C3%A4nde.pdf (22.12.2021).
[7] Vgl. auch Ariane Leendertz: Hanna, die Historiker und die Frage, wie es jetzt weitergeht, 15. Oktober 2021: https://www.jmwiarda.de/2021/10/15/hanna-die-historiker-und-die-frage-wie-es-jetzt-weitergeht/ (22.12.2021).
[8] Video- und Audioaufzeichnung der Veranstaltung „Neue Konzepte für ein altes Problem – befristete Verträge und Karrierewege“: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/historikertag2115 (22.12.2021).


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Veröffentlicht am
08.01.2022
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