Animals and Epidemics in Historical Perspective

Animals and Epidemics in Historical Perspective

Organisatoren
Axel C. Hüntelmann, Institute for the History of Medicine, Charité, Berlin; Christian Jaser, University of Klagenfurt; Mieke Roscher, University of Kassel; Nadir Weber, University of Bern
Ort
Berlin und digital
Land
Deutschland
Vom - Bis
30.03.2022 - 01.04.2022
Von
Maike Riedinger, Universität Kassel

Die internationale Konferenz gab Einblicke in den Umgang mit Krankheitsausbrüchen vom 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Was die Vorträge trotz ihrer unterschiedlichen lokalen und zeitlichen Schwerpunkte vereinte, war der Fokus auf die Rolle von Tieren. Wie Tiere als Überträger einer Krankheit identifiziert und welche Maßstäbe bei der Bewertung des Umgangs mit den Tieren und den Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit gewählt wurden, waren zentrale Fragen, die die Vorträge aufgriffen.

Die Stilisierung des derzeitigen Jahrhunderts als pandemic century durch den Evolutionsbiologen MATTHIAS GLAUBRECHT (Hamburg) im ersten Vortrag zeigte zugleich die Aktualität der Thematik. Zwischen dem ersten Ausbruch der Geflügelpest im Jahr 1878 und der Corona-Pandemie ließen sich indes zahlreiche weitere Zoonosen aufführen. Glaubrecht betonte auch, dass bei der Frage nach Zoonosen Menschen, Tiere und Natur nicht getrennt gedacht werden können. Mit dem Stichwort the human factor führte er unter anderem Veränderungen der Landnutzung und der Nahrungsmittelindustrie sowie die Intensivierung der Landwirtschaft als wesentliche Ursachen für Infektionskrankheiten an. Dass Menschen die planetaren Grenzen nicht berücksichtigten – oder anders gesagt: das Anthropozän –, würde Zoonosen in Zukunft wahrscheinlicher machen. Trotz seiner Ausführungen zu (veränderbaren) menschlichen Verhaltensweisen in Bezug auf die Entstehung von Zoonosen schlug Glaubrecht lediglich eine Reduktion und Kontrolle der Kontaktzonen zwischen Menschen und anderen Tieren sowie den Schutz und die Wiederherstellung natürlicher Räume als Lösung vor.

Nach diesem Blick in die Zukunft der menschlichen Gesundheit konzentrierte sich der Historiker BRETT MIZELLE (Long Beach) auf zurückliegende Tötungen von Schweinen. Er verglich mehrere Massentötungen von der Dominikanischen Republik über Ägypten hin zu Südkorea um die Jahrtausendwende, für die Krankheitsausbrüche als ursächlich angegeben wurden, und stellte Gemeinsamkeiten heraus: Viele Tiere wurden vor ihrer Tötung nicht auf Krankheiten untersucht, sondern schlichtweg getötet. Zudem wurde die örtliche Schweinepopulation zumeist im Anschluss an die Tötung durch eine andere, für besser befundene Schweineart ersetzt. Wie Mizelle im Titel seines Vortrags bereits andeutete, stellen Krankheitsausbrüche eine besondere Herausforderung für das Konzept der mulitispecies justice dar. Diese Herausforderung zeigte sich auch in einer späteren Diskussion, in der die rhetorische Frage gestellt wurde: „Who likes Mosquitoes?“

Wie der Anthropologe EBEN KIRKSEY (Melbourne) in seiner anschließenden Keynote anhand unterschiedlicher Geschichten zur Entstehung des Coronavirus aufzeigte, resultierte der Umgang mit dem Unbekannten in einer Multispezies-Welt in verschiedenen Narrativen. Anknüpfend an die ersten Vorträge kam auch er zu dem Schluss, dass das Leben in einer Multispezies-Welt gerade in Bezug auf Viren nicht immer ein harmonisches Miteinander ist.

Doch gerade der Blick Mizelles, dass Tiere eben nicht nur (potenzielle) Überträger von Krankheiten waren, sondern insbesondere Opfer politischer Maßnahmen zur Eindämmung von Krankheiten, war eine wichtige Perspektiverweiterung für das zweite Panel, das vor allem menschliche Maßnahmen zur Eindämmung von Krankheitsausbrüchen vorstellte, die für Tiere zumeist Vertreibung oder Tötung bedeuteten.

WILLIAM RIGUELLE (Louvain) analysierte niederländische Gesetztestexte aus der Zeit zwischen 1600 und 1670. Obwohl die Ursachen der damaligen Epidemien unbekannt waren, nahm man einen Zusammenhang mit Tieren an. Bei den Maßnahmen ging man selektiv vor: So wurden streunende Tiere getötet oder mussten die Stadt verlassen. Damit deutete sich in Riguelles Vortrag bereits an, was sich auch in den folgenden zeigte: Wie man mit Tieren bei Krankheitsausbrüchen umging, sagte nicht nur etwas über die Tiere aus, sondern vor allem über die Gesellschaft, die sie beurteilte. Deutlich wurde dies auch bei DOMINIK HÜNNINGER (Hamburg), der Rinderseuchen im 18. Jahrhundert betrachtete. Er stellte heraus, dass die Idee, kranke Rinder zu behandeln, auf Skepsis stieß.[1]

AXEL C. HÜTTELMANN (Berlin) verglich die Forschung an Mücken und Fliegen in England, Deutschland und Indien um 1900, wobei er den Fokus auf den englischen Mediziner Ronald Ross und dessen Forschung zur Malaria in Indien legte. Wie Hüttelmann nachzeichnete, unterlag diese Forschung einem Wandel. Zunächst untersuchte Ross die Verhaltensweisen von Mücken und fand heraus, wie man sie fütterte, züchtete und dazu anregte, Menschen zu stechen. Als bekannt wurde, dass es jene Mücken waren, die Malaria übertrugen, veränderte sich die Beziehung zwischen Ross und den Mücken. Das Wissen, das er schließlich über Mücken weitergab, betraf nicht ihre Verhaltensweisen, sondern wie man sie tötet und sich vor ihnen schützt.

Im letzten Vortrag des Panels befasste sich MATHEUS ALVES DUARTE DA SILVA (St. Andrews) mit der silvatischen Pest, einer infektiösen, bakteriellen Krankheit. In den 1930er- und 1940er-Jahren habe die Eindämmung der Krankheit in Angola, Großbritannien und Brasilien zu einem „Kampf“ gegen wilde Nagetiere geführt. Resümierend hielt Duarte da Silva fest, dass die silvatische Pest zu einem epistemic umbrella geworden war und zur Erklärung für verschiedene Phänomene herangezogen wurde.

Die Vorträge beantworteten nur bedingt die an das Panel gerichteten Fragen nach tierlicher Wirkmächtigkeit, die sich bei Schwierigkeiten in der Durchführung biopolitischer Maßnahmen hätte zeigen können. Jedoch lässt sich anmerken, dass der Umstand, dass es biopolitische Maßnahmen gab, bereits verdeutlichte, dass den Tieren eine Wirkmächtigkeit auf das menschliche Leben nicht abgesprochen werden kann.

Im dritten Panel gab CAROL RAWCLIFFE (Norwich) einen Einblick ins England des späten Mittelalters und damit in eine Zeit, in der, wie sie ausführte, weder Wissen über Viren oder Bakterien noch Mikroskope, um solche überhaupt zu entdecken, existierten. Dennoch gab es auch im 15. Jahrhundert bereits öffentliche Maßnahmen, um die Ausbreitung von Krankheiten einzudämmen. Wie Rawcliffe darlegte, spielte die Abgrenzung der Stadt vom ländlichen Raum und die Zuweisung von Tieren zu ländlichen Gebieten eine Rolle.

Anschließend legte JULES SKOTNES-BROWN (St. Andrews) überzeugend dar, dass die Maßnahmen zur Bekämpfung der Beulenpest in Port Elisabeth (Südafrika) im Jahr 1938 auch mit politischem Interesse getroffen wurden. Um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, wurden (potenzielle) Nistplätze von Ratten in Häusern der schwarzen Bevölkerung ausgemacht, die diese anschließend verlassen musste. Infolgedessen veränderte sich das Erscheinungsbild der Stadt; die schwarze Bevölkerung wurde in Häusern in New Brighton, einem neu errichteten Stadtteil, untergebracht. Damit wurde, wie Skotnes-Brown ausführte, eine Grundlage für die Segregation geschaffen. Medizinische Gründe seien somit zu einem Vorwand gemacht worden, um eine rassistische Politik durchzusetzen.

Für das Panel lässt sich festhalten, dass die Verortung der Tiere analog einer menschlichen Ordnung eine Zuschreibung darstellte, die im Zusammenhang mit sozialpolitischen Vorstellungen zu verstehen ist. Die biomedizinische Rahmung der Tiere war somit multiintentional.

Um einen spezifischen Ort ging es auch im Vortrag von MARTIN BAUCH (Leipzig) im letzten Panel. Er untersuchte einen Pestausbruch in Frankfurt am Main im Jahr 1356 und fragte, wieso es damals zu einem solchen Ausbruch kam. Unter Bezugnahme auf klimatische Bedingungen und weitere Komponenten formulierte er schließlich die These, dass Eichhörnchen Überträger gewesen sein könnten. Frankfurt sei in jener Zeit ein Handelsplatz für Eichhörnchenfell gewesen, und verschiedene Darstellungen sprächen dafür, dass sie auch als Haustiere gehalten worden sind. Bauch machte einerseits deutlich, dass vielfach noch unklar ist, was jeweils zu den Krankheitsausbrüchen geführt hat. Andererseits deutete seine Herangehensweise auch etwas an, das sich im nächsten Vortrag zeigte: das Potenzial von interdisziplinären Ansätzen.

TIMOTHY P. NEWFIELD (Washington) warf einen Blick auf vormoderne Tierseuchen, für die er eine Forschungslücke postulierte, und stellte anschließend Fallstudien vor, an denen er vor allem die Schwierigkeiten in der Arbeit mit historischen Quellen herausstellte. Gerade in der naturwissenschaftlichen und medizinischen Forschung käme es regelmäßig zu neuen Ergebnissen, die die vorherigen obsolet machten. Für die Geschichtswissenschaften bedeute dies, dass ihre eigenen Werke ebenfalls veralten, wenn sie die obsoleten Forschungsergebnisse als Grundlage gewählt hätten. Gleichzeitig zeigte Newfield, dass Medizin, naturwissenschaftliche Forschung und Geschichtswissenschaft von einer Zusammenarbeit eindeutig profitieren können. Transparenz in den Methoden und Entscheidungen in der historischen Forschung sei dafür jedoch unabdingbar. Newfields Vortrag bot ein gutes Beispiel für eine solche Transparenz.

Zuletzt beleuchtete DELPHINE BERDAH (Paris) mithilfe eines vergleichenden Ansatzes die Unterschiede zwischen Großbritannien und Frankreich bei der Impfung von Rindern gegen Rindertuberkulose und Maul- und Klauenseuche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die konträren Entscheidungen der beiden Länder für beziehungsweise gegen eine Impfung begründete sie unter anderem mit den konträren Vorstellungen von Rindern und ihrer Gesundheit. Sie betonte damit nicht nur den Gewinn eines vergleichenden Ansatzes für die historische Forschung, sondern auch die Bedeutung sozio-ökologischer Faktoren für die Beurteilung von Maßnahmen in der Krankheitsbekämpfung.

Jeannette Vaught (Los Angeles) leitete die abschließende Diskussion und griff die in der Einführung vorgestellte Idee auf, dass Epidemien als eine Lupe fungieren könnten, mit der man die Veränderungen in den Beziehungen der Spezies verfolgen könne. Ergänzt wurde dies durch die Beobachtung, dass gerade Krankheitsausbrüche die Grenzen des Körpers infrage stellen und die wechselseitigen Beziehungen zwischen verschiedenen Spezies auf radikale Weise offenlegen. Die jeweilige Zeit, der Raum und vorherrschende Interessen bestimmten die Rolle der Tiere in den Epidemien mit. Nicht nur der administrative Entscheidungsprozess über das Handeln und die konkreten Maßnahmen gegen Krankheitsausbrüche, sondern auch der Umgang der Geschichtswissenschaft seien somit politisch, denn auch die Geschichtsschreibung bediene ein bestimmtes Narrativ der Epidemien.

Insgesamt wurde auf der Konferenz deutlich, dass die Geschichtswissenschaft ihren Blick auch über das Menschliche hinaus erweitern muss, wenn sie die komplexen Verflechtungen von Epidemien erfassen möchte. Konzepten wie multispecies justice oder multispecies world aus der Tiergeschichte komme daher eine epistemologische Bedeutung zu.

Wie in der Schlussdiskussion ergänzt wurde, ermöglichen Epidemien gerade wegen der sozialen Disruptionen einen Einblick in das alltägliche Leben , da sie stets in einen weiteren gesellschaftlichen und politischen Kontext eingebettet waren und sind. Abschließend lässt sich sagen, dass die Konferenz durch den thematischen Fokus das Potenzial der Analyse von Krisen herausstellte: die Offenbarung von Selbstverständlichkeiten.

Konferenzübersicht:

Introduction: Animals and Epidemics in Historical Perspective

Axel C. Hüntelmann (Berlin), Christian Jaser (Klagenfurt), Mieke Roscher (Kassel), Nadir Weber (Berlin)

Panel 1: Multispecies Entanglements – an Interdisciplinary Approach to Epidemics
Discussion: Christian Jaser

Matthias Glaubrecht (Hamburg): Waves of Wild Viruses – How we help Zoonotic Infectious Diseases to Spark Pandemics

Brett Mizelle (Long Beach): Epidemics, the Mass Killings of Pigs, and the Challenge of Multispecies Justice

Keynote

Eben Kirksey (Melbourne): The Emergence of COVID-19: A Multispecies Story

Panel 2: The Biopolitics of Epidemics: Control, Discipline and the Animal Other
Discussion: Mieke Roscher

William Riguelle (Louvain): Legislation against Animals during Epidemics in the Cities of the Netherlands and Principality of Liege (1600-1669)

Dominik Hünniger (Hamburg): Bugs, Worms and Dying Cattle. Multispecies Histories of Cattles Plague Outbreaks in the Long 18th Century

Axel C. Hüntelmann (Berlin): The Beast in the Mosquito. Researching Mosquitos and Flies in England, Germany and India around 1900

Matheus Alves Duarte Da Silva (St. Andrews): A Global War against Wild Rodents? Imperial Tensions, Ecological Anxieties, and the Circulation of Sylvatic Plague (1927-1938)

Panel 3: The Space of Animals in Epidemics and Society
Discussion: Nadir Weber

Carol Rawcliffe (Norwich): “The Abominable Offence and Poisoning of the Air”: Animals, Miasmas and the Urban Epidemics in Late Medieval England

Jules Skotnes-Brown (St. Andrews): Rats, Race, and Forced Removals: Bubonic Plague in Port Elizabeth (Gqeberha), 1938

Panel 4: Epoch-making? Animals, Epidemics, Time and Space
Discussion: Axel Hüntelmann

Martin Bauch (Leipzig): Of Marmots and Squirrels, Mice and Men – Plague Reservoirs in 14th-Century Central Europe

Timothy P. Newfield (Washington): Premodern Animal Plagues: Common but Enigmatic?

Lucinda Cole (Urbana): Cow-Doctors, Cholera, and the “Animal Economy”. British Cattle Politics, 1865-66

Delphine Berdah (Paris): Veterinary Expertise, Public Health, and the Control of Animal Contagious Diseases in France and the UK, 1860-1960: The Example of Bovine Tuberculosis

Final Discussion
Chair: Jeannette Vaught (Los Angeles)

Anmerkung:
[1] Siehe auch: Dominik Hünninger, Die Viehseuche von 1744-52. Deutungen und Herrschaftspraxis in Krisenzeiten, Neumünster 2011.


Redaktion
Veröffentlicht am
06.06.2022