Umwege, Auswege, Sackgassen. Karriereverläufe von Gelehrten um 1700

Umwege, Auswege, Sackgassen. Karriereverläufe von Gelehrten um 1700

Organisatoren
Jacob Schilling, Forschungsbibliothek Gotha, Universität Erfurt
Ort
digital (Gotha)
Land
Deutschland
Vom - Bis
28.04.2022 - 28.04.2022
Von
Daniel Gehrt, Forschungsbibliothek Gotha, Universität Erfurt

Veit Ludwig von Seckendorff (1626–1692) gehörte zu den bedeutenden europäisch vernetzten Gelehrten und politischen Denkern im Alten Reich nach dem Dreißigjährigen Krieg. Seine Korrespondenz sowie Akten zu seinem Leben und seiner Tätigkeit als Rat am Gothaer Hof, als Kanzler und Konsistorialpräsident in Zeitz und als Privatgelehrter auf seinem Gut Meuselwitz bei Altenburg werden seit 2020 an der Forschungsbibliothek Gotha von Jacob Schilling im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts erschlossen und im Verbundkatalog Kalliope online zugänglich gemacht. Dieses bisher weitgehend unbekannte Quellenkorpus erfasst mehr als 7.900 Dokumente in insgesamt 38 Bibliotheken und Archiven. Die Vielfalt des Materials gewährt neue Einsichten nicht nur in Seckendorffs Biographie, sondern beispielsweise auch in politische Entwicklungen, Gelehrten- und Alltagskultur, in Diskurse zum Natur- und Völkerrecht, in die Historiographie der Reformation sowie in entstehende pietistische Bewegungen und die beginnende Aufklärung.

Ausgehend von diesem neu erschlossenen Quellenmaterial, beschäftigte sich der Workshop mit den Brüchen in den Karriereverläufen von frühneuzeitlichen Gelehrten, die einerseits danach strebten, ihren wissenschaftlichen Interessen nachzugehen, und andererseits unter den Zwängen höfischer Dienst- und Patronage-Verhältnisse standen. Untersucht wurden mögliche Gründe für solche Karrierebrüche, Verpflichtungen und Abhängigkeiten gegenüber dem Hof und das Aushandeln von privatem Freiraum für gelehrte Studien. Hinzu kamen Beobachtungen zu (wissens-)ökonomischen Aspekten von Karrieren.

Im ersten Vortrag untersuchte JACOB SCHILLING (Gotha) den Fall von Veit Ludwig von Seckendorff, der in den Vorworten seiner Bücher, aber auch in Briefen sein Streben nach einem selbstbestimmten Privatleben reflektierte. Schilling erläuterte die schwierigen Hürden, die der vielseitig kompetente Gelehrte und Politiker überwinden musste, um sich seinen Verpflichtungen und dem jeweiligen Dienstverhältnis am Hof zu entziehen und 1681 einen Rückzug auf sein Gut Meuselwitz zu ermöglichen. Er stellte die grundlegende Frage, inwiefern Seckendorff in dieser letzten, elfjährigen Phase seines Lebens ohne Amt als Privatgelehrter anzusehen ist. Obwohl Seckendorff bereits im Ruhestand war, wurde er nach wie vor als Berater in politische Angelegenheiten einbezogen. Er war nicht nur aus Loyalität, sondern auch aufgrund seiner beachtlichen Pension aus der Hofkammer dazu verpflichtet. Auch wegen seines großangelegten Projekts zur Widerlegung von Louis Maimbourgs „Histoire du Luthéranisme“ blieb er auf das Wohlwollen der Fürsten angewiesen. Als Privatmann hatte er kein Recht auf Zugang zu den Archiven und Bibliotheken an den Höfen, dessen er aber als Grundlage für seine Gegendarstellung und Argumentation bedurfte. Das private Leben auf dem Land verlangte von Seckendorff also immer wieder einen Balanceakt und Rollenwechsel, um seinen persönlichen und wissenschaftlichen Interessen nachzukommen.

GÁBOR GÁNGÓ (Budapest/Erfurt) berichtete von seinen intensiven Forschungen und neuen Ansätzen zu Johann Christian von Boineburg (1622–1672). 1650 hatte Kurfürst Johann Philipp von Schönborn ihn als Minister am Mainzer Hof angestellt. Zur Förderung seiner Karriere, aber auch aus religiösen und intellektuellen Gründen konvertierte Boineburg 1653 zum katholischen Glauben, fiel aber 1664 Hofintrigen zum Opfer. Danach wirkte er bis zu seinem Lebensende ohne Amt in Mainz und Frankfurt am Main, wo er seine wissenschaftlichen Interessen verfolgte und politisch agierte. Er förderte beispielsweise die religiösen Einigungsbestrebungen im Reich. Gángó zufolge standen Boineburgs Aktivitäten als Gelehrter und als Politiker in der letzten Lebensphase nicht im Widerspruch zueinander, sondern ergänzten sich.

NORA GÄDEKE (Staufen/Hannover) befasste sich mit dem notorisch streitbaren und nutznießerischen Rechtswissenschaftler Friedrich August Hackmann (1670–1742) und fokussierte auf seine Karriere bis zur Entlassung von der Universität Helmstedt 1713. Mit Hilfe Leibniz‘ hatte Hackmann eine enge Beziehung zu den braunschweigischen Höfen aufgebaut, die er dann immer wieder benutzte, um seine eigenen Ziele und Interessen zu befördern. So gelang es ihm nach einer erfolgreichen Englandreise 1698, im Auftrag der Welfen das Angebot einer Professur in Helmstedt auszuschlagen, um stattdessen 1699 eine Reise nach Italien anzutreten. Diese wurde aus der Sicht der Fürsten zu einem finanziellen und diplomatischen Fiasko. Dennoch blieb Hackmann für die Welfen mit ihren Erbansprüchen auf den englischen Thron von großer politischer Bedeutung, nicht zuletzt wegen seiner Sprachkompetenz, die auch das Englische umfasste. Auf seine Initiative hin erhielt er 1703 eine Professur in Helmstedt, jedoch nicht, wie gewünscht, in der Juristischen, sondern in der Philosophischen Fakultät. Als Professor für Poesie und ab 1707 auch für Moral hielt er Vorlesungen vor allem zu juristischen Autoren. Er legte sich mit seinen Fakultätskollegen an, deren „akademische“ Gelehrsamkeit er gegenüber seiner Verbindung zur höfischen Welt verspottete. Damit provozierte er seine Entlassung 1713. In den folgenden Jahren wirkte Hackmann an verschiedenen Höfen. Dabei konvertierte er mehrfach zur Förderung seiner Karriere.

Die drei Fallstudien zeigen eindrücklich, wie komplex die Verhältnisse sein konnten, wenn frühneuzeitliche Gelehrte danach strebten, eigene wissenschaftlichen Interessen zu verfolgen, längere, kostspielige Bildungs- und Forschungsreisen zu unternehmen, großangelegte Projekte zu verwirklichen oder akademische Stellen zu erhalten, die den eigenen Interessen entsprachen. Dabei mussten häufige Strategien gegenüber Höfen entwickelt werden, in deren Abhängigkeit man stand.

Abschließend erläuterte Jacob Schilling die Aussagekraft von Rechnungen, Quittungen und ähnlichen Quellen insbesondere für die Wissensgeschichte anhand von Beispielen aus Seckendorffs Nachlass. Rechnungen quantifizieren, setzen Sachverhalte in Beziehung zueinander und machen viele Akteure und Handlungen hinter den Kulissen sichtbar. Auch der unterschiedliche soziale Status von Gelehrten und „unsichtbaren Händen“ lässt sich in den Aufstellungen einiger Reisekosten erkennen. Anhand von Rechnungen lässt sich beispielsweise auch zeigen, dass Seckendorff regelmäßig französischsprachige Neuerscheinungen erwarb – sie machten schließlich ungefähr 20 Prozent (ca. 200 Titel) seiner Privatbibliothek aus. Diese Publikationen stammten aus Frankreich, den Niederlanden, aber auch aus Genf und anderen westeuropäischen Gebieten. Diese Erkenntnis unterstreicht Seckendorffs bedeutende Rolle für die Rezeption von französischer Literatur im deutschen Sprachraum in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Der Workshop diente auch der Vorbereitung einer interdisziplinären Tagung, die die Forschungsbibliothek Gotha vom 1. bis 3. März 2023 unter dem Titel „Veit Ludwig von Seckendorff. Politik, Gelehrsamkeit und Adel im 17. Jahrhundert“ durchführen wird.

Konferenzübersicht:

Kathrin Paasch (Gotha): Begrüßung

Jacob Schilling (Gotha): „Vor mich selbst zu leben“ – Ist Veit Ludwig von Seckendorff ein Privatgelehrter? Zugleich Einführung in das Thema

Gábor Gángó (Budapest/Erfurt): Die Reduktion von Erfurt 1664 und das Karriereende von Johann Christian von Boineburg

Nora Gädeke (Staufen/Hannover): Professor wider Willen? Friedrich August Hackmann zwischen Hof und Universität

Jacob Schilling (Gotha): Seckendorffs Rechnungen als Quelle für die Wissensgeschichte


Redaktion
Veröffentlicht am
08.06.2022
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