Die Rheinlande und die "Erfindung" der Katharer. Die Konstruktion eines religiösen Feindbildes im hochmittelalterlichen Europa

Die Rheinlande und die "Erfindung" der Katharer. Die Konstruktion eines religiösen Feindbildes im hochmittelalterlichen Europa

Organisatoren
Eugenio Riversi, Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bonn
PLZ
53111
Ort
Bonn
Land
Deutschland
Vom - Bis
06.04.2022 -
Von
Ulf Floßdorf, Institut für Geschichtswissenschaft, Abteilung Historische Grundwissenschaften und Archivkunde, Universität Bonn

Im Mittelpunkt der Einführungsveranstaltung zur Eröffnung der von Eugenio Riversi (Bonn) und Alessia Trivellone (Montpellier) kuratierten Wissenschaftsausstellung im Bonner Universitätsmuseum stand die Konstruktion des „Feindbildes Katharer“ im hochmittelalterlichen Europa.[1] Erst im Wissen um die Entstehungszusammenhänge und Darstellungsweisen der Quellen sei eine Annäherung an die soziale Dimension der wahrgenommenen Häresie möglich, so die Prämisse der Ausstellung. Folglich beziehe sich der konstruktivistische Ansatz, der der Ausstellung zugrunde liegt, auf die Instrumentalisierung der Feindbilder in den lokalen Machtverhältnissen.

Nach der Begrüßung durch MATTHIAS BECHER (Bonn), der das Hinterfragen des auf Gelehrtenwissen beruhenden Geschichtsbildes des 19. Jahrhunderts befürwortete aber zugleich auf den Zeitgeist des Konstruktivismus verwies, befasste sich EUGENIO RIVERSI mit dem „Buch gegen die Katharer“ des Mönches Eckbert von Schönau. Eckbert konstruierte ein neues religiöses Feindbild unter dem ihm geläufigen Begriff „Katharer“ als schlimmste Ausprägung dualistischer Manichäer: Im Rekurs auf spätantike Häresiekataloge dienten ihm insbesondere die „Katharisten“ als Vorlage der katharischen Häresie, deren Glaubenssätze hauptsächlich aus der Inversion der orthodoxen Lehre abgeleitet werden. Das im literarischen Modus der Predigt vermittelte Feindbild sollte ein Publikum von Klerikern auf Streitgespräche mit angeblichen Häretikern vorbereiten, die die Autorität der Kirche infrage stellten.

ALESSIA TRIVELLONE forderte in ihrem Vortrag eine Neubewertung der italienischen Traktate des 13. Jahrhunderts über Häresien in Norditalien sowie der Autorschaft, Datierung und Interdependenzen der entsprechenden handschriftlichen Überlieferung. Auffälliger Weise würden die Häretiker in den lombardischen Traktaten nicht durchgängig als Katharer bezeichnet, während die Beschreibungen der Organisation von „Katharerkirchen“ von Gemeinplätzen durchtränkt seien. Auf der Suche nach konkreten Daten zu verfolgten Personen und betroffenen Orten wies Trivellone auf eine Diskrepanz zwischen dem Vorgehen der Inquisitoren und dem von ihnen propagierten vagen Feindbild hin, das dazu diente, die häufig politisch motivierten Beschuldigungen pro-imperialer Familien, Inhaber hoher Stadtämter (Podestà) und Ordensmitglieder zu legitimieren.

MARKUS KRUMM (München) nahm den kommunikativen Kontext der Papst Innozenz III. gewidmeten Historia Albigensis des Mönches Pierre de Vaux-de-Cernay in den Blick. Das darin entwickelte religiöse Feindbild zeichne für die erste Phase des Albigenserkreuzzugs das Bild einer in den Herrschaftsgebieten Toulouse, Foix und Comminges grassierenden Häretikerbewegung. Es sei anzunehmen, dass die ursprüngliche causa scribendi darin lag, den Anführern des Kreuzzugs eine Argumentensammlung zu liefern, um den Papst im Frühjahr 1213 von der Fortführung des Kreuzzuges zu überzeugen, den dieser kurz zuvor auf Vermittlung der Gesandten König Peters II. von Aragón für beendet erklärt hatte. Argumentation und Erzählstruktur deuten darauf hin, dass das Sprechen über Häretiker zur Legitimation der Kriegsführung diente.

Im Anschluss daran skizzierte der Festvortrag von HANS-WERNER GOETZ aus der Perspektive der Vorstellungsgeschichte die Anwendbarkeit der soziologischen Analysekategorie „Devianz“ für die Wahrnehmung früh- und hochmittelalterlicher Häretiker in Gelehrtentexten, die von Seiten der Amtskirche verfasst wurden.[2] Die zugeschriebenen Feindbilder entsprächen nicht den modernen Kriterien sozialer Devianz, sondern gingen über diese hinaus, auch wenn bestimmte Aspekte der Ausgrenzung und Sanktionierung im weitesten Sinne gegeben seien. Die pluralen Kennzeichnungen von Häresien beträfen nicht nur die religiös-dogmatische Ebene, sondern schlössen moralische Urteile mit ein. Häretiker gingen zwar aus der Kirche hervor, sie selbst standen aber außerhalb dieser, wurden nicht als Teil der christlichen Gemeinschaft wahrgenommen und waren somit vom Seelenheil ausgeschlossen. Goetz folgerte, dass Häresien im Verständnis der kirchlichen Autoren demnach nicht nur deviant, sondern per se falsch waren.

In der Abschlussdiskussion gab TOBIAS WELLER (Bonn) zu bedenken, dass die Konstruktion von Häresien offenbar häufig nicht etwa vorrangig von den devianten Glaubensbewegungen selbst ausging, sondern die Systematisierung angeblicher häretischer Vorstellungen zu einem „Lehrgebäude“ auf Seiten des kirchlichen Lehramts erfolgte, wo sie sich teilweise zu einer Obsession steigerte. Ausgehend von den Ergebnissen seiner Untersuchungen über Netzwerke der Katharer im 14. Jahrhundert betonte YANNICK POUIVET (Trier) die reale Existenz der katharischen Häresie für eine spätere Zeit. Außerdem hob er hervor, dass sich in der aktuellen Debatte über die Katharer traditionalistische und dekonstruktivistische Forschungspositionen scheinbar unvereinbar gegenüberstünden.[3] Dagegen wollten MARKUS KRUMM und EUGENIO RIVERSI die Einführungsveranstaltung und die Ausstellung als Plädoyer gegen eine unversöhnlich zugespitzte Forschungskontroverse verstehen und sprachen sich dafür aus, die Untersuchungen auf die diskursive Konstruktion zu verlagern. Hier werde – zumindest in der Frühphase – nicht das „Wesen“ einer religiösen Bewegung, sondern Feindbilder wiedergeben. Ein begleitender Ausstellungskatalog mit vertiefenden Beiträgen und reichem Bildmaterial befindet sich gegenwärtig in Bearbeitung.

Konferenzübersicht:

Matthias Becher (Bonn): Grußwort

Eugenio Riversi (Bonn): Einführung in das Tagungsthema

Eugenio Riversi (Bonn): Eckbert von Schönau und die ‚Erfindung‘ der Katharer, Dr. Eugenio Riversi, Universität Bonn

Alessia Trivellone (Montpellier): Katharische Kirchen in Italien? Ein neuer Blick auf alte Quellen

Markus Krumm (München): Die Katharer in Südfrankreich? Der Albigenserkreuzzug in der Argumentation seiner Befürworter

Hans-Werner Goetz (Hamburg): Die früh- und hochmittelalterliche Wahrnehmung der Häresie als Devianz?

Anmerkungen:
[1] Siehe zur Ausstellung, die vrsl. zum Sommersemester 2023 an der Universität Köln gezeigt werden wird, Eugenio Riversi, Die Rheinlande und die ‚Erfindung‘ der Katharer. Die Konstruktion eines religiösen Feindbildes im hochmittelalterlichen Europa – Wissenschaftsausstellung im Universitätsmuseum Bonn (6. April–3. Juli 2022), in: Histrhen. Rheinische Geschichte wissenschaftlich bloggen, 30.05.2022, http://histrhen.landesgeschichte.eu/2022/05/rheinlande-katharer-ausstellung-riversi. Hierfür wurde die vorausgehende französische Ausstellung „Les Cathares. Une Idée reçue“ übersetzt und adaptiert https://hepos.hypotheses.org/945.
[2] Siehe Hans-Werner Goetz, Die Wahrnehmung anderer Religionen und christlich-abendländisches Selbstverständnis im frühen und hohen Mittelalter (5.–12. Jahrhundert), 2 Bde., Berlin 2013.
[3] So schon Yannick Pouivet, Die Forschungskontroverse um die Dekonstruktion des südfranzösischen Katharismus, in: DA 75 (2019), S. 41–55. Die Spannungen zeigen sich auch im Sammelband Antonio C. Sennis (Hrsg.), Cathars in Question (Heresy and Inquisition in the Middle Ages 4), Woodbridge u.a. 2016.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.09.2022
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Deutsch
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