Historisches Wissen und gesellschaftlicher Bildungsauftrag am Beispiel des Nationalsozialismus in Oberschwaben

Historisches Wissen und gesellschaftlicher Bildungsauftrag am Beispiel des Nationalsozialismus in Oberschwaben

Organisatoren
Forschungsbereich Geschichte und Ethik der Medizin des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg / Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm in Ravensburg-Weissenau; DENKStättenkuratorium NS-Dokumentationszentrum Oberschwaben in Weingarten; Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
PLZ
88250
Ort
Weingarten
Land
Deutschland
Vom - Bis
21.07.2022 - 22.07.2022
Von
Katharina Witner / Mareike Reichelt / Thomas Müller, Forschungsbereich Geschichte und Ethik der Medizin, ZfP Südwürttemberg / Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm

Bereits zum dritten Mal fand in Südwürttemberg eine Tagung statt, die Museen, Gedenkstätten, Dokumentationszentren, Forschungseinrichtungen und weitere Initiativen beziehungsweise deren inhaltliche Beiträge zum Thema in einem Programm vereinigte, deren gemeinsames Interesse die Erarbeitung von historischem Wissen, Bildungsangeboten und Forschung zur Geschichte des Nationalsozialismus in der Region Südwürttemberg zwischen Alb und Bodensee sowie angrenzenden Gebieten darstellt.

Nach der Eröffnung durch die Veranstalter fand ein historischer Stadtspaziergang durch Weingarten unter fachkundiger Führung von UWE HERTRAMPF (Weingarten) statt, dessen Mittelpunkt die Geschichte der oberschwäbischen Stadt während des Nationalsozialismus bildete. Der Referent führte die Tagungsteilenehmenden an die die NS-Lokalgeschichte in den 1920er- bis 1940er-Jahren veranschaulichenden historischen Gebäude, Straßen, Plätze und Denkorte in der Innenstadt Weingartens, das auf Betreiben der Nationalsozialisten mit der Nachbarstadt Ravensburg zwangsvereinigt wurde: u.a. die Basilika St. Martin, den Münsterplatz, das Rathaus, die Stolpersteine für die Zwangsarbeiter aus dem sogenannten „Russenlager“, ehemalige Wohnhäuser von NS-Funktionären und Widerstandskämpfern. Hertrampf berichtete ausführlich über die Etablierung des NS-Regimes in Weingarten, die ihre Anfänge bereits 1922 mit der Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe, der ältesten in Oberschwaben, nahm. Die 1933 erfolgte Gleichschaltung des Gemeinderats, die Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten und eine umfangreiche NS-geprägte Umbenennung der Straßennamen bestimmten u. a. das Bild der einst streng konservativ-katholischen Stadt in der Ära des Nationalsozialismus. Die historischen Spaziergänge durch Weingarten werden durch den Referenten auch im Rahmen der Kooperation mit der Volkshochschule Weingarten in regelmäßigen Abständen durchgeführt und richten sich an alle Geschichtsinteressierten.

Am zweiten Tag der Veranstaltung spannte THOMAS MÜLLER (Ravensburg/Ulm), (Ko-)Organisator der Tagungen im Oktober 2018 und März 2020, in seinem Einführungsvortrag den Bogen von diesen beiden Tagungen in Ravensburg und Weingarten und von seinerzeit präsentierten Inhalten zur diesjährigen Tagung. Der Referent ging auf die gesellschaftlich-politischen Herausforderungen des letzten Jahrzehnts und der Gegenwart ein und berichtete detailliert über die seither entstandenen Kooperationen (Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm [DZOK], Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim; Geschichtsverein Zwiefalten e. V.,), Projekte (u.a. vielfältige Wanderausstellungen) sowie aktuelle Projektplanungen des Forschungsbereichs.

In ihrem nachfolgenden Beitrag berichteten UWE HERTRAMPF und GERTRUD GRAF (Weingarten) über die Arbeit des „DENKStättenkuratorium (DSK) NS-Dokumentation Oberschwaben“, das ein Netzwerk von inzwischen bereits über 80 oberschwäbischen Gedenkstätten – von Ulm bis Hohenems in Vorarlberg – betreut und somit ein zentraler Akteur der Pflege der NS-Erinnerungskultur in Oberschwaben ist. Durch die Vertretung des DSK in der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten Baden-Württemberg ist das DSK über allgemeine Entwicklungen in der Erinnerungskultur auf Landesebene und über Fördermöglichkeiten informiert. Das DSK unterstützt neue Forschungen zur lokalen NS-Geschichte in oberschwäbischen Gemeinden und Initiativen zur Einrichtung neuer Denkorte. Gleichzeitig bemüht sich das DSK um die Bildungsarbeit vor Ort im Mittleren Schussental – oft in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, z.B. durch die Betreuung von Wanderausstellungen („Gurs 1940“). Das DSK verleiht die Ausstellung „Galerie der Aufrechten“[1] des Studentenwerks Weiße Rose e. V. mit ca. 60 Porträts von Widerständlern gegen die NS-Gewaltherrschaft und von Opfern des NS-Regimes – zum großen Teil aus der Region. Darüber hinaus pflegt es die Zusammenarbeit mit den regionalen Bildungseinrichtungen. Als ein Schwerpunkt der Arbeit des DSK hat sich aktuell die zeitgemäße öffentliche Markierung und historische Erläuterung von Gedenkstätten und Gedenktafeln mit Bezug zur NS-Zeit (z.B. das sog. Kriegerdenkmal in Baienfurt aus dem Jahr 1962) entwickelt.

MAXIMILIAN TREMMEL (Reutlingen) berichtete über das von ihm geleitete Straßentheaterprojekt „Hierbleiben… Spuren nach Grafenek“[2], das am inklusiven Reutlinger Theater in der Tonne e. V. angesiedelt ist. Die Ermordung von psychisch Kranken und geistig Behinderten im Rahmen der Aktion „T4“ in den Jahren 1940/41 diente als Grundlage für die Theaterproduktion, die überwiegend von Bund und EU finanziert wurde. Vom September 2020 bis Oktober 2021 bereiste das künstlerische interdisziplinäre Ensemble (Musik, Tanz, Medien, Bildende Kunst) 25 Orte in Baden-Württemberg, u. a. Grafeneck – die ehemalige Tötungsanstalt im sog. „Dritten Reich“. Jede Aufführung hatte einen historisch-biografischen Bezug zum jeweiligen Auftrittsort: Während einer etwa 90-minütigen Aufführung wurden zwei bzw. drei Lebensgeschichten der aus diesen Orten stammenden Opfer der sogenannten „Euthanasie“ in verschiedenen künstlerischen Formen – spielerisch, assoziativ – vorgestellt; diese waren zuvor mit Kooperationspartnern vor Ort eruiert worden. Die Umsetzung des Projekts, das bislang bis zu 3.000 spontane Besucher:innen aller Altersgruppen (der Eintritt war entgeltfrei) gesehen hatten, stellte einen Spagat zwischen der kulturwissenschaftlichen Arbeitsweise des Referenten und der dramaturgischen Bearbeitung durch das Ensemble dar. Der Referent berichtete über eine vorwiegend umfassende Unterstützung seitens der wissenschaftlichen bzw. öffentlichen Einrichtungen bei Recherchen nach historischen Quellen sowie der Kommunen bei der Bereitstellung von zum Spielen geeigneten öffentlichen, zentralen Plätzen. Im Spätsommer 2022 ist geplant, das Theaterstück in der Tiergartenstraße in Berlin – in Hausnummer 4 befand sich die Zentrale der Aktion „T4“ in den 1940er-Jahren – aufzuführen. Die Fortsetzung des Projekts sei wünschenswert, dafür müssten jedoch neue finanzielle Mittel gefunden werden, so der Referent.

HENNER LÜTTECKE (München) berichtete in seinem Vortrag über das 2005 eröffnete Psychiatrie-Museum am kbo-Isar-Amper-Klinikum München-Ost – eine Nachfolgeinstitution der 1905 gegründeten Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar.[3] Auf 120 Quadratmeter Fläche illustriert und erklärt das von ehemaligen Mitarbeitenden des Klinikums betreute Museum die Geschichte dieser psychiatrischen Einrichtungen und zeigt mithilfe von Exponaten und Installationen den Wandel der Behandlungs- und Therapieformen in den letzten 100 Jahren. Einer der Schwerpunkte der Dauerausstellung, die bislang 26.000 Besucher:innen aller Altersgruppen besichtigt haben, bildet die Aufarbeitung der zentralen / dezentralen „Euthanasie“-Verbrechen in der NS-Zeit, denen ca. 4.000 Patient:innen (darunter 332 Kinder) aus Eglfing-Haar zum Opfer fielen. Anschließend informierte der Referent die Tagungsteilnehmenden über weitere (bereits gestartete) klinikinterne Initiativen, die die Erinnerungskultur pflegen und ausweiten sollen. Er sprach u.a. von einer jährlichen Durchführung des Gedenktages am 18. Januar (an diesem Tag wurden 1940 die ersten Kranken der Anstalt, 25 Männer, in die Tötungsanstalt Grafeneck deportiert), der Aufstellung einer vereinfachten Karte der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar mit den Stationen der NS-Verbrechen (u.a. Hungerhäuser, Kinderfachabteilung) auf dem Klinikgelände, der Anbringung einer synchronoptischen Zeitleiste im Hauptgebäude des Klinikums, die nicht nur die wichtigsten Daten aus der Geschichte der Psychiatrie, speziell aus Eglfing-Haar bzw. München, sondern auch gesellschaftliche und politische Zäsuren der deutschen Gesellschaft von 1905 bis zur Gegenwart abbildet.

In ihrem Vortrag berichtete NICOLA WENGE (Ulm) über neue Formen partizipativer Bildung in der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg Ulm, deren Kernaufgabe darin besteht, Besucher:innen am historischen Tatort Wissen zur Geschichte dieses Ortes zu vermitteln. Dafür gilt es, die räumlichen Spuren aus der KZ-Zeit zu entschlüsseln und Besucher:innen zu ermöglichen, die Dimension des gesamten Lagerkosmos zu erfassen. Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten ist dies im Fort Oberer Kuhberg nur zum Teil möglich. Ein Beitrag zur Lösung des Problems können dabei digitale Ansätze bieten. Mit der Förderung durch das Bundesprogramm „Dive in“ könne die Einrichtung, so die Referentin, innovative Wege in der Vermittlungsarbeit gehen. Zu diesem Zweck wird zurzeit eine virtuelle Lagerdarstellung in Form einer interaktiven Website erstellt, ein AR-basierter Medienguide erarbeitet sowie ein interaktives Diskussionstool zur digitalen Vernetzung der Besucher:innen in einem partizipativen Verfahren entwickelt.

SABINE MÜCKE (Ravensburg) berichtete über die erste Ausstellung des Museums Humpis-Quartier (Ravensburg) zur NS-Geschichte mit dem Titel „Die Verfolgung der Ravensburger Sinti“[4] und deren Resonanz in Stadt und Umgebung. Auf 250 Quadratmetern Fläche widmete sich die Ausstellung, die vom 02. Juni 2021 bis zum 30. Januar 2022 gezeigt wurde, der seinerzeitigen zunehmenden Ausgrenzung, Verfolgung und Marginalisierung der Ravensburger Sinti seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, welche schließlich während der Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Verfolgung und Vernichtung mündete. Weiterhin beleuchtete die Ausstellungsinitiative Handlungsdynamiken hinter der Verfolgung sowie Handlungsspielräume Einzelner. Die Ausstellung basiert zum großen Teil auf einer umfangreichen Bildersammlung des Ravensburger Fotografen Josef Zittrell. Diese Fotografien konnten erstmals mit Hilfe der Ravensburger Sinti-Community einzelnen Personen zugeordnet, Zeiträume und Orte rekonstruiert sowie abgebildete und stigmatisierende Stereotype aufgelöst werden. Insbesondere wurde die Vermittlungsarbeit von jugendlichen Sinti mitgetragen, welche zu Peer-Guides ausgebildet wurden. Dieses Konzept war sehr erfolgreich.

UWE HERTRAMPF umriss in Vertretung für GÜLÇIN BAYRAKTAR und MEHMET AKSOYAN (Ravensburg) die Aufgaben und Tätigkeiten des „Netzwerk Antisemitismus im Schussental“, welches sich aus der Vereinsarbeit von TAVIR e.V. Ravensburg sowie der lokalen Umsetzung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ entwickelte. Mit diesem Programm fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend seit 2015 Projekte zur Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention, welche durch lokale Partnerschaften organisiert werden. So konnte 2019 die Wanderausstellung „Deine Anne“ zu Leben und Schicksal von Anne Frank von Berlin nach Ravensburg geholt und ein flankierendes breites Rahmenprogramm bestehend aus Vorträgen, Konzerten und einer Vernissage zusätzlich angeboten werden. Erwünschte Voraussetzung des Anne Frank Zentrums e.V. für das Verleihen der Ausstellung ist / war die Umsetzung des Peer-Guide-Programms mit Schulen aus dem Umland. Dieses Konzept erwies sich als sehr erfolgreich: insgesamt wurden 39 Jugendliche ausgebildet, welche in drei Wochen 65 Führungen anboten. Das lokale Netzwerk setzte seine Arbeit auch nach Beendigung der initialen Ausstellung erfolgreich fort.

Weiterhin stellte HEIDE-MARIE SIMON (Ravensburg-Berg) die Arbeit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung in Oberschwaben vor. Die Gesellschaft unterstützt Ausstellungen, Konzerte, Vorträge und Jugendprojekte und war ebenfalls an der Umsetzung der Anne Frank-Ausstellung in Ravensburg beteiligt.[5]

MICHAEL NIEMETZ (Laupheim) sprach über die aktuelle Wanderausstellung des Museums für die Geschichte von Christen und Juden in Laupheim zur Geschichte des jüdischen Zwangsaltenheims in Schloss Dellmensingen. Auch hier wurde 1942 wie an sieben weiteren Standorten in Württemberg in einem rural gelegenen Gebäude ein jüdisches Zwangsaltenheim eingerichtet, welches als Sammeleinrichtung vor der Deportation alter jüdischer Württemberger und Württemberginnen in die Vernichtungslager des nationalsozialistischen Deutschland diente. Anhand umfangreicher Dokumente wurde versucht, die Geschichte und ein Bild zu jedem der 128 im Schloss untergebrachten Menschen zu rekonstruieren. THOMAS MÜLLER und BERND REICHELT (Ravensburg) erarbeiteten für eine erweiterte Ausstellung die Geschichte der jüdischen Patient:innen in der Heilanstalt Zwiefalten und dem Zwangsaltenheim im nahebei gelegenen Tigerfeld. Auch in Tigerfeld befand sich ein Zwangsaltenheim mit 47 Bewohner:innen, über das trotz umfangreichem Quellenmaterial bisher nicht publiziert worden ist. Symbolisches Bindeglied zwischen allen drei Ausstellungsteilen war im Vortrag die Darstellung des Schicksals von Thekla Bum, die von Dellmensingen zunächst als Patientin nach Zwiefalten verlegt wurde und anschließend bis zu ihrer Deportation in Tigerfeld untergebracht war. Von den 128 Menschen in Schloss Dellmensingen überlebten nur vier den Holocaust bzw. die Shoah, aus Tigerfeld nur zwei.

Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl gab das Weingartener Studentenwerk Weiße Rose e.V. eine eigene Klang-Bild-Text-Collage durch Musik-Studierende der Pädagogischen Hochschule (PH) Weingarten in Zusammenarbeit mit der Fachschaft Geschichte in Auftrag. ANDREAS HOEFTMANN und HANNES IBELE (Weingarten) berichteten, auch in Vertretung des erkrankten PETER MANG, über die Entstehung der rund dreißigminütigen Komposition, welche Sophie Scholls persönliche favorisierte Musikstücke, jedoch auch zeitgenössische Propaganda- und Trauermusik sowie Werke von Künstlern, die im Nationalsozialismus zu Tode kamen, in fünf Sätzen rund um Zitate von Sophie Scholl (aus ihren Briefen bzw. Tagebüchern) und zeitgenössischem Bildmaterial gruppiert. Die Tonaufnahmen stammen aus dem deutschen Rundfunkarchiv, die Zitate werden vor diesem Musikhintergrund verlesen. So erarbeiteten die Studierenden einen Blick aus musikwissenschaftlicher Sicht auf die NS-Zeit, integriert mit einer Geräuschkulisse des Alltags, die die Menschen seinerzeit umgab und eventuell auch beeinflusste. Die Musik öffnet dabei emotional und jenseits des Kognitiven allein für die verlesenen Zitate und bietet damit als nicht-kognitives Medium einen neuen Zugang zu der Erinnerungskultur dieser Thematik. Die einzelnen Sätze werden durch moderne Interpretationen der Musikstücke durch die Studierenden der genannten Hochschule voneinander getrennt. Genaue Angaben zur verwendeten Musik sowie die Klang-Bild-Text-Collage selbst können auf der Homepage des Studentenwerks eingesehen werden.[6]

BERND ZANDER (Bad Waldsee) berichtete im abschließenden Beitrag der Tagung über die Ergebnisse seiner rund zweijährigen Recherchearbeit in Bad Waldsee und seine Erfahrungen mit der Erinnerungskultur bei der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“. Er rekonstruierte die Schicksale von sieben Opfern in Bad Waldsee. Sein Ziel ist es, nicht die Geschichte von Tätern oder dem Widerstand zu schreiben, sondern die „Euthanasie“-Opfer in der Erinnerung hervorzuholen, zu benennen, sie derart zu ihrem Recht kommen zu lassen und ihnen ein Gesicht zu geben. Die Stadtgeschichte, so der Referent, müsse erforscht werden, um den heutigen Blick auf die eigene Herkunft zu klären und Wunden zu heilen. Wie schwierig – selbst heute noch – die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ist, zeigt sich auch an dem gescheiterten Versuch, die Richthofen Straße in Bad Waldsee umzubenennen. Statt die Widmung der Straße zu hinterfragen, werde sie in ein Neubaugebiet hinein unkritisch verlängert. Die Rechercheergebnisse des Referenten werden dem neu gegründeten Kulturbeirat von Bad Waldsee, welcher auch Arbeitskreise zur Stadtgeschichte eingerichtet hat, zur Verfügung gestellt.

Konferenzübersicht:

Johannes Kuber (Stuttgart / Weingarten), Thomas Müller (Ravensburg / Ulm), Uwe Hertrampf (Weingarten): Begrüßung

Uwe Hertrampf (Weingarten): NS-Geschichte in Weingarten. Ein historischer Stadtspaziergang

Johannes Kuber (Stuttgart / Weingarten): Begrüßung

Thomas Müller (Ravensburg / Ulm): Forschung, Bildungsauftrag, Erinnerungsarbeit – zur Dritten Tagung „Historisches Wissen und Bildungsauftrag“ in der Region

Uwe Hertrampf und Gertrud Graf (Weingarten): Aktuelle Projekte und Vernetzung

Maximilian Tremmel (Reutlingen): Die sogenannte „Euthanasie“ als Theaterstück. Ungewöhnliche Erfahrungen bei der Spurensuche

Henner Lüttecke (München): Ein neues Psychiatriemuseum in München. Am Herkunftsort der ersten Opfer von Deportationen zum „Aktion T4“-Ort Grafeneck

Nicola Wenge (Ulm): Virtuelle Lagerdarstellung und interaktives Diskussionsforum: Neue Formen partizipativer Bildung in der bürgerschaftlich getragenen Gedenkstättenarbeit

Sabine Mücke (Ravensburg): Die Verfolgung der Ravensburger Sinti. Zur ersten Ausstellung des Museums Humpis-Quartier zur NS-Geschichte

Gülçin Bayraktar und Mehmet Aksoyan (Ravensburg, vertreten durch Uwe Hertrampf) / Heide-Marie Simon (Ravensburg-Berg): „Demokratie leben“: Erfahrungen mit der Anne Frank-Wanderausstellung in Ravensburg

Michael Niemetz (Laupheim), mit Bernd Reichelt und Thomas Müller (Ravensburg): Die aktuelle Wanderausstellung zur Geschichte des jüdischen Zwangsaltenheims in Schloss Dellmensingen und weitere einschlägige Einrichtungen in der Region (Tigerfeld u.a.)

Andreas Hoeftmann, Peter Mang, Hannes Ibele (Weingarten): „Musik bringt es am ehesten fertig, mein stumpfes Herz in Aufruhr zu bringen“. Sophie Scholl im Prisma zeitgenössischer Musikaufnahmen – eine Klang-Bild-Text-Collage von Musik-Studierenden der PH Weingarten

Bernd Zander (Bad Waldsee): Erfahrungen mit der Erinnerungskultur bei der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ in einer oberschwäbischen Kurstadt

Anmerkungen:
[1] Projekt „Galerie der Aufrechten“ https://www.dsk-nsdoku-oberschwaben.de/galerie-der-aufrechten/ (20.10.2022).
[2] Projekt „Hierbleiben… Spuren nach Grafeneck“: https://spuren-nach-grafeneck.de/ (20.10.2022).
[3] Psychiatrie-Museum im kbo-Isar-Amper-Klinikum München-Ost: https://kbo-iak.de/ueber-uns/psychiatrie-museum (20.10.2022).
[4] Ausstellung „Ausgrenzung und Verfolgung. Ravensburger Sinti im Nationalsozialismus“: https://www.museum-humpis-quartier.de/mhq-wAssets/ePaper/sintiImNationalsozialismus/index.html#2 (20.10.2022).
[5] Gesellschaft für christlich-jüdische Begegnung: http://www.cjb-rv.de/ (20.10.2022).
[6] Klang-Collage zu Sophie Scholl: https://www.studentenwerk-weisserose.de/klang-collage/ (20.10.2022).

Redaktion
Veröffentlicht am
29.10.2022